Fussball

Das verrückte Bundesliga-Jahr des SSV Ulm 1846 in der Saison 1999/2000: Absturz aus dem Fußball-Himmel

Trainer Martin Andermatt (l.) und Manager Erich Steer führten Ulm 1999 sensationell in die Bundesliga.
© imago images

Andermatt: "Zwischendurch wurden wir bemitleidet"

Am Tabellenende: Nach 14 Spieltagen hat Ulm als Vorletzter nur zehn Punkte auf dem Konto, Siege gelangen bis dahin nur gegen Bielefeld und Unterhaching. Dann explodiert das Team: Gegen Kaiserslautern, in Wolfsburg und gegen Frankfurt gibt es drei Dreier in Folge.

Andermatt: "Wir haben eine gewisse Zeit gebraucht, um anzukommen. Die Mannschaft hatte gelernt, außerdem wurden wir teilweise unterschätzt. Wir haben in diesen Spielen vor der Winterpause noch einmal alles rausgepowert - und plötzlich hatten wir eine gute Ausgangsposition."

Winterpause: Ulm steht über dem Strich - und das mit sechs Punkten Vorsprung auf Platz 16. Dennoch: So wirklich ernst nimmt die Ulmer niemand.

Andermatt: "Zwischendurch wurden wir bemitleidet, teilweise auch belächelt. So nach dem Motto: Was will diese kleine Stadt und dieser Verein in der Bundesliga? Hat dieser Klub auf diesem Level eine Daseinsberechtigung?"

Ulm-Spieler von den BVB-Fans gefeiert

20. Spieltag: Ulm gastiert in Dortmund und erkämpft sich ein 1:1. Tamas Bodog gleicht die Führung von Heiko Herrlich aus. Die BVB-Fans sind von ihrem Star-Ensemble enttäuscht und beschließen kurzum, die Ulmer nach dem Abpfiff zu feiern. "Wir wollen die Ulmer sehen", hallt es aus tausenden Kehlen der Südtribüne. Dortmund-Fans machen mit Ulm-Spielern die Welle.

Andermatt: "So etwas habe ich nie wieder erlebt. Ich stand in den Katakomben, meine Spieler kamen zu mir und sagten: 'Coach, die wollen die Ulmer sehen'. Ich habe gezögert, weil ich Sorge hatte, dass es respektlos gegenüber dem BVB rüberkommen könnte, wenn meine Spieler mit deren Fans feiern. Dann habe ich ihnen gesagt, dass sie hingehen sollen, aber nur kurz grüßen und wieder weggehen sollen. Die Jungs haben dann ein wenig mit den Dortmund-Fans gefeiert, was aber zum Glück nicht respektlos rüberkam. Es war einfach so: Die BVB-Fans haben meinen Jungs Respekt für den großen Kampf gezollt, den sie in dem Spiel abgeliefert haben."

24. Spieltag: Der SSV liefert sein Meisterstück ab - 2:1-Sieg beim HSV. Der größte Sieg in der Vereinsgeschichte, Rainer Scharinger und Bernd Maier treffen.

Andermatt: "Wenn man unsere Möglichkeiten betrachtet, dann war das sicher einer unserer bedeutendsten Siege. Auswärts beim HSV zu gewinnen - herrlich."

Der Anfang vom Ende: Dennoch war vielleicht der Sieg gegen den HSV die Einleitung des Untergangs. Acht Zähler Vorsprung auf die Abstiegsränge ließen im Umfeld so manchen abheben, man fühlte sich wie im Fußball-Himmel. Einige sprachen plötzlich vom UEFA-Cup. Hat auch die Mannschaft die Bodenhaftung verloren?

Andermatt: "Die Spieler haben nicht angefangen zu spinnen. Wir hatten in der folgenden Phase mit Verletzungen zu kämpfen. Und man muss schon ehrlich sagen, dass wir in der Breite zu dünn besetzt waren. Wissen Sie: Wir mussten immer 90 Minuten Vollgas geben, zum Ausruhen hat uns schlichtweg die Qualität gefehlt. Das war übrigens auch in der Trainingsplanung schwierig. Wir mussten uns ständig überlegen, wie wir es schaffen, dass die Jungs wieder und wieder über sich hinauswachsen. Jedes Spiel hatte Pokalcharakter. Eine normale Leistung hat uns eigentlich nie zu Punkten gereicht."

Historische Klatsche gegen Leverkusen

Eine historische Klatsche: Eine Woche später verliert Ulm gegen Leverkusen mit 1:9 - die zweithöchste Heimpleite in der gesamten Bundesliga-Historie.

Andermatt: "Können wir nicht über ein anderes Spiel sprechen? (lacht) Kurios war, dass bei uns trotzdem einige Sachen gut funktioniert haben, wir hatten Torchancen. Nach der Partie kam der damalige Leverkusen-Trainer Christoph Daum zu mir und hat sich entschuldigt. Er sagte: 'Wenn wir heute den Ball senkrecht nach oben geschossen hätten, dann hätte ihn der Wind ins Tor geweht.' Es gab aber auch einen schönen Moment, das Tor zum 1:9 von Leandro. Da haben die Ulmer Fans uns gefeiert. Sie haben gemerkt: Die wollen, aber es geht halt nicht. Die Ulmer Fans waren insgesamt fantastisch. Sie hatten ein tolles Gespür dafür, was die Mannschaft im Stande zu leisten war und haben es honoriert, wenn alles gegeben wurde. Auch an einem Tag wie gegen Leverkusen."

Der Abstieg: In den restlichen Spielen gelingt nur noch ein Sieg gegen Wolfsburg. Mit einer 1:2-Pleite in Frankfurt am letzten Spieltag und drei Zählern Rückstand auf das rettende Ufer verabschieden sich die Spatzen als 16. aus der Bundesliga. Gefeiert wird trotzdem: Als die Mannschaft am späten Abend mit dem Bus nach Ulm zurückkehrt, wird der Absteiger von vielen Fans jubelnd empfangen. Dennoch bricht der Klub auseinander, der Verein wirtschaftet dilettantisch.

Andermatt: "Damals hat die Vereinsspitze Fehler gemacht. Man ging vom Optimalen aus, nicht von der Realität. Die Realität wäre gewesen, dass man sein Konzept so auslegt, dass der Klub über die Jahre hinweg in der zweiten Liga etabliert wird. Man muss sagen, dass das rationale Denken in der Welt der Großen, also der Bundesliga, abhanden gekommen ist."

Im freien Fall: Nach nur fünf Spieltagen in der 2. Liga wird Andermatt gefeuert. Der SSV steigt sang- und klanglos ab, bekommt keine Lizenz für die Regionalliga und muss in der Verbandsliga neu anfangen.

Ulm in der Bundesliga - eine einjährige Party, die wohl nie wieder stattfinden wird.

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