Fussball

Gregor Gysi im Interview: "In der Regel habe ich die Union-Fans relativ schnell wieder aus der Haft rausbekommen"

Gregor Gysi ist seit der Kindheit schon glühender Anhänger von Union Berlin.

Aber die Fan-Proteste der letzten Zeit mit Dietmar Hopp als Symbolfigur haben gezeigt, wie unglaublich groß die Kluft zwischen beiden Seiten ist. Was ist Ihre größte Lehre, wenn Sie sich angeschaut haben, was da alles passiert ist? Wie undifferenziert da vor allem geurteilt wurde.

Gysi: Die Geisterspiele haben noch einmal deutlich gemacht, dass der Fußball ohne Fans nicht mehr die schönste, sondern einfach nur noch eine Nebensache ist. Deshalb muss der Dialog zwischen Verband, Vereinen und Fans wieder aufgenommen werden und zwar so, dass niemand von vornherein suggeriert, am längeren Hebel zu sitzen.

Es betrifft ja auch nicht nur den Fußball. Auch die Olympischen Spiele haben selbst für die Athleten einiges an Zauber verloren.

Gysi: Ohne Frage, auch Olympia wurde so sehr kommerzialisiert, dass es seinen Charakter verliert. Deshalb verstehe ich auch, warum viele Menschen in Deutschland zuletzt ablehnend einer Bewerbung gegenüberstanden. Die Menschen haben Sorge, dass Olympia in ihre Stadt kommt und ihr Leben beeinträchtigt wird. Dass Busse und Bahn wegen der Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr fahren. Aber wenn wir Olympia nicht abschaffen wollen, und das will ich nicht, müssen wir uns entscheiden. Wir können uns nicht über die Austragungsorte beschweren und gleichzeitig ablehnen, es bei uns stattfinden zu lassen. Ich bin ein großer Fan der Olympischen Spiele. Wenn Olympia läuft, schaue ich mir sogar Bogenschießen an, das würde ich sonst natürlich niemals machen. Man müsste es schaffen, Olympia zu einem Höhepunkt für die ganze Bevölkerung zu machen, nicht nur für den betuchten Teil. Dann würde es auch wieder Mehrheiten für eine Bewerbung geben. Persönlich würde ich mir wünschen, dass Olympia nochmal nach Berlin kommt. Alleine deshalb, weil ich Olympia in Berlin nicht mehr mit einem Bild von Adolf Hitler verbinden will.

Gregor Gysi erzählt eine Anekdote aus Kairo

Bevor das Coronavirus über die Welt hereingebrochen ist, haben wir uns alle zurecht viel über Rassismus unterhalten, den wir auch im Fußball in diesem Jahr wieder erleben mussten, wir denken zum Beispiel an Jordan Torunarigha von der Hertha. Wen sehen Sie hier in der Verantwortung, um dem mit voller Stärke entgegenzuwirken?

Gysi: Ganz ehrlich: Uns alle. Das gilt in der Politik von der Linken bis zur CSU, das betrifft die Sportvereine, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Wirtschaft, die Wissenschaft, Kunst und Kultur und vor allem auch die Medien - es ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, den wir haben. In Zeiten, in denen der nationale Egoismus so viel Macht gewonnen hat. Wir denken an Leute wie Trump, Erdogan oder Orban. Nationaler Egoismus erzeugt immer Nationalismus und Rassismus. Und die Medien spielen da eine wichtige Rolle. Ich kann ihnen dazu eine Geschichte erzählen.

Bitte.

Gysi: Ich war in Kairo. Zusammen mit drei Leuten vom BKA, einem Mitarbeiter von mir und einem Dolmetscher. Wir waren zu sechst. Zu der Zeit war gerade Ramadan, sie mussten dort bis zum Sonnenuntergang warten, bis sie etwas essen konnten. Wir sind dann an vielen Tischen vorbei gegangen und an jedem einzelnen Tisch hat uns der Tisch-Herr gefragt, ob wir uns nicht setzen und gemeinsam mit ihnen essen wollen. Wann hat denn in Deutschland das letzte Mal einer das Fenster aufgemacht und sechs Ägypter zum Essen eingeladen? Ja, es entspricht nicht unserer Kultur, aber darum geht es nicht. Es geht darum, ein starkes Bild zu transportieren. Völker und Menschen näherzubringen, anders entsteht keine Zuneigung und keine Solidarität. Ich habe mit einem Journalisten darüber gesprochen und er meinte zu mir, dass das keine Nachricht sei. Vielleicht ist es aber zur Zeit die Hauptnachricht, darüber sollten wir mal nachdenken.

Gregor Gysi: "Mich hätte die Fraktion wahrscheinlich auch noch mit 90 gewählt"

Positiv ist zu erwähnen, dass wir es jetzt schon gesehen haben, dass Fans aufstehen und sich aktiv gegen rassistische Äußerungen zur Wehr setzen. Auch Fußballer wie Leon Goretzka positionieren sich deutlich. Müsste da noch mehr kommen?

Gysi: Definitiv. Wir müssen alle unduldsamer werden gegenüber diesen schizophrenen Menschen, die einen farbigen Spieler in ihrer Mannschaft anfeuern, ihn in der gegnerischen Mannschaft aber wegen seiner Hautfarbe diskriminieren. Das hat auch nichts mit Denunziation zu tun. Diese Leute müssen merken, dass sie in den Reihen ihrer eigenen Fans auf totale Ablehnung stoßen. Das ist wichtig. Dann halten sie sich als Reaktion wenigstens zurück, oder es wird vielleicht tatsächlich ein Prozess des Umdenkens in Gang gesetzt.

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Und die Rolle der Sportler selbst?

Gysi: Wir sollten nicht verlangen, dass ein Fußballer zu allen Themen Stellung nehmen muss. Aber dort, wo Grenzen klar überschritten werden, müssen sie sich meiner Meinung nach auch hinstellen und schützend vor einen Mitspieler stellen. Wenn Stars, die bei den Fans sehr beliebt sind, sich klar positionieren, hat das eine Wirkung, die nicht zu unterschätzen ist.

Letzte Frage: Sie waren so lange an vorderster Front in der Politik und sind dem Fußball so eng verbunden. Erkennen Sie manchmal Parallelen?

Gysi: Parallelen und Unterschiede. Der größte Unterschied ist, dass eine Karriere im Fußball zeitlich begrenzt ist. In der Politik werden die Leute ja uralt und können nicht aufhören, wie wir es vielfach gesehen haben. Mich hätte die Fraktion wahrscheinlich auch noch mit 90 gewählt. Wahrscheinlich hätte ich nur noch Unsinn erzählt und viele hätten es gemerkt, aber ich ja nicht. (lacht) Deshalb war es mir so wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, an dem ich mich verabschiede und an die nächste Generation übergebe. Dass es vielen extrem schwerfällt, den Absprung rechtzeitig zu schaffen, ist glaube ich auf jeden Fall eine Parallele zwischen der Politik und dem Fußball.

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