Fussball

Hertha BSC in der Krise: Wie lange steht Michael Preetz noch stabil?

Hauptzielscheibe von Jürgen Klinsmanns Abrechnung mit Hertha BSC ist Michael Preetz. Der Sportchef polarisiert seit seiner Amtsübernahme. Denn einen wahren Kern haben die Attacken durchaus.

Hauptzielscheibe von Jürgen Klinsmanns Abrechnung mit Hertha BSC ist Michael Preetz. Der Sportchef polarisiert seit seiner Amtsübernahme. Denn einen wahren Kern haben die Attacken durchaus. Die Fußball-Kolumne.

Die Rückkehr nach Düsseldorf an diesem Freitag (20.30 Uhr live auf DAZN) wird zu einem besonderen Wiedersehen für Michael Preetz. In der Stadt am Rhein wurde er vor 52 Jahren geboren und feierte bei der Fortuna im September 1986 gegen Waldhof Mannheim sein Debüt als Bundesligaprofi, bei dem er direkt sein erstes Tor erzielte. Zehn Jahre später ging der Stürmer nach mehreren Zwischenstationen zu Hertha BSC, wo er zunächst zum besten Torjäger der Vereinsgeschichte avancierte und nach dem Ende seiner Laufbahn 2003 ins Management wechselte.

Seit er 2009 den Posten des Sport-Geschäftsführers von Dieter Hoeneß übernahm, fällt seine Bilanz ambivalent aus. Denn bereits im ersten Jahr unter seiner Führung stiegen die Berliner nach zwölf Jahren aus der Bundesliga ab und nach der direkten Rückkehr ging es unter Otto Rehhagel 2012 sofort wieder runter in die 2. Liga - nach einem skandalösen Relegationsspiel ausgerechnet in Düsseldorf. Unter anderem griff Lewan Kobiashvili Schiedsrichter Wolfgang Stark nach dem Abpfiff tätlich an und wurde dafür zu der Rekordsperre von siebeneinhalb Monaten verurteilt.

Seit dem schwarzen Abend in seiner Heimatstadt hat es der damals deutlich angezählte Preetz geschafft, die Hertha wieder im Oberhaus zu stabilisieren - bis zu dieser Saison. Denn die 224-Millionen-Finanzspritze von Investor Lars Windhorst erweist sich bisher als Bumerang: Statt endlich zum "Big-City-Club" zu werden, herrscht seit dem Rücktritt von 76-Tage-Trainer Jürgen Klinsmann und spätestens seit dessen Tagebuch-Abrechnung das Chaos beim Tabellen-14.

Jürgen Klinsmanns Generalkritik an Preetz

Im Zentrum von Klinsmanns Generalkritik: Sportvorstand Preetz. Gleich mehrfach spricht ihm der Ex-Bundestrainer jegliche Eignung für den Führungsposten bei der Hertha ab. Er besitze "kein Charisma", habe "jahrelange katastrophale Versäumnisse" in allen Bereichen zu verantworten, eine "Lügenkultur ohne Anspruchsdenken" im Verein etabliert und müsse daher sofort entlassen werden, sonst werde nichts besser werden.

Michael Jahn, seit 30 Jahren Hertha-Reporter und Kolumnist der Berliner Zeitung, hält die massiven Vorwürfe "für zu pauschal und deshalb ungerechtfertigt". Er gibt aber zu: "Michael Preetz polarisiert, seit er das Amt des Managers übernommen hat." Er habe den Klub zwar "mit ruhiger Hand in der Mittelklasse der Bundesliga etabliert und kann auch auf zahlreiche erfolgreiche Transfers verweisen". Andererseits sei man eben zweimal abgestiegen und habe in den vergangenen Jahren einen erheblichen Verschleiß an Trainern, insgesamt 13 sind es unter seiner Ägide.

Am Dienstag nahm Preetz daher vor dem Hertha-Aufsichtsrat ausführlich Stellung zu seiner Transferbilanz der vergangenen drei Jahre. Laut kicker steht man in der Vereinsführung weiter hinter dem Sportchef, der noch einen Vertrag bis 2022 besitzt. Was nicht heißt, dass sich das bald ändern kann.

Kritiker: Keine Struktur, keine Ideen, keine Innovationen

Denn einen wahren Kern haben die Klinsmann-Attacken durchaus, sagen langjährige Beobachter: Es fehle an der Vereinsspitze an Struktur, Ideen, Innovationen und Visionen und Preetz als hauptamtlicher Boss trete eher als Bremser auf, dem vor allem Machterhalt und Kontrolle wichtig seien. Auch deshalb gebe es im Gegensatz zu anderen Vereinen keinen Sportdirektor.

"Natürlich wirkt der Klub in der Spitze manchmal etwas überfordert. Das zieht sich seit Jahren durch den Verein, da hat Klinsmann nicht ganz Unrecht", sagt ein Insider. "Manche Dinge im Verein sind problematisch, etwa eine gewisse Machthäufung. Und es fällt Hertha einfach schwer, sympathisch rüberzukommen. Einige Themen werden da in der eigenen Wahrnehmung wichtiger genommen als sie im Rest der Stadt in Wirklichkeit sind."

Diese und andere Versäumnisse könnten Preetz zum Verhängnis werden, wenn sein Krisenmanagement versagt und die Hertha angesichts der anhaltenden Unruhe komplett auseinanderbricht. Noch hat er die Rückendeckung der Verantwortlichen, allen voran von Präsident Werner Gegenbauer. Doch bei einem dritten Abstieg binnen zehn Jahren wäre mit massivem Widerstand von allen Seiten zu rechnen. Sowohl von Geldgeber Windhorst, für den Klinsmanns Abrechnung ja bestimmt war, als auch von den Mitgliedern, die Gegenbauer dann vermutlich die Wiederwahl als Präsident im Mai verweigern würden. "Ich halte das aus, ich stehe stabil", sagte Preetz diese Woche. Wie lange das noch so ist, hängt vom Gegenwind der nächsten Wochen ab.

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