Fussball

Amine Harit vom FC Schalke 04 im Interview: "Ich dachte, ich wäre stärker und könnte die Gedanken verdrängen"

Amine Harit wechselte 2017 zum FC Schalke 04.

Harit: David Wagner "in erster Linie menschlich und echt"

Der sieht bei Ihnen und Schalke unter David Wagner wieder richtig gut aus, seit Saisonbeginn läuft es wieder richtig gut. Welche Rolle spielen dabei Wagners Emotionalität und menschliche Wärme?

Harit: Er ist für mich in erster Linie menschlich und echt, erst danach sehe ich ihn als Trainer. Er sagt, was er denkt. Domenico Tedesco war ähnlich, auch er war sehr emotional und charakterstark. David Wagner kam mit viel Ruhe und Ausgeglichenheit hier an, die Gespräche mit ihm sind immer sachlich und locker. Er versucht, mit jedem regelmäßig zu sprechen, um uns im Alltag zu helfen. Er ist in der Gruppe wirklich sehr präsent. Jetzt sind wir ein echtes Team, in dem jeder bereit ist, alles für den anderen zu geben.

Würden Sie sagen, dass dies eben wichtiger war als die konkrete taktische Ausrichtung oder die Art und Weise, Fußball zu spielen?

Harit: In gewisser Weise schon, denn jeder von uns ist Profi genug, um einen Pass zu spielen, aufs Tor zu schießen oder zu verteidigen. Manchmal gibt es jedoch Dinge, die wichtiger sind, damit eine Mannschaft gewinnt. Nun glaube ich, ist sich jeder der Fehler bewusst, die wir in der letzten Saison gemacht haben und niemand spielt mehr nur für sich. Das sieht man auch an unserer Intensität in den Spielen und im Training. Nur so kommen wir voran. All dies ist letztlich dem Trainerteam zu verdanken, das wirklich eine sensationelle Arbeit leistet.

Sie selbst stehen bei sechs Toren und fünf Vorlagen. Was sind die Gründe für Ihren persönlichen Aufschwung?

Harit: Ich habe mein Leben neu geordnet und konzentriere mich jetzt wieder mehr auf meinen Beruf. Im letzten Jahr war mein Fokus eher auf das Leben außerhalb des Fußballs gerichtet und das habe ich bitter bezahlen müssen. Jetzt aber geht es meiner kleinen Familie und mir gut, ich bin stabiler geworden. Nicht zu vergessen der Trainer, der mit mir sofort schlichtweg überragend umging und mir von Anfang genauso zuhörte wie ich ihm. Wir hatten zu Beginn ein intensives Gespräch, das für mich quasi der Startschuss für eine gute Vorbereitung war. Seitdem läuft es beinahe mit jedem Spiel besser.

Seit Mai sind Sie Vater einer Tochter. Wie sehr hat Sie das verändert?

Harit: Es ist auch einer der Gründe. Ich verbringe nun deutlich mehr Zeit zuhause mit meiner Frau und Tochter. Ich erfahre jeden Tag Liebe. Ich stehe morgens glücklich auf und kehre abends glücklich nach Hause zurück. Du hast automatisch gute Laune und das spiegelt sich dann auch direkt auf dem Platz wieder, weil du keinen Druck und keine Angst hast. Ich spiele jetzt mit freiem Geist - ich glaube, dass ist für jeden Fußballer das Wichtigste.

Harit über das Leben in Deutschland: "Jeder macht sein Ding"

Sie leben jetzt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Wie erging es Ihnen denn am Anfang, worin bestand der größte Unterschied zu Frankreich?

Harit: Ich finde, in Deutschland wirken die Leute teilweise verschlossener. Jeder macht sein Ding. Das kannte ich so nicht, denn in Frankreich sind die Menschen eher gut gelaunt und locker. Anfangs hatte ich damit deshalb ein paar Probleme, aber man gewöhnt sich natürlich daran. Mittlerweile bin ich glaube ich genauso. (lacht)

Am Freitag startet Schalke mit dem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach in die Rückrunde. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass S04 dort an die Hinrunde anknüpfen kann?

Harit: Wir werden da weitermachen, weil sich jeder bewusst ist, dass wir erst ein halbes Jahr hinter uns haben und die kommenden sechs Monate noch wichtiger werden. Wir sind auf einem guten Weg und dürfen nicht nachlassen, denn die Mannschaften vor uns werden das auch nicht tun. Uns ist es gelungen, vielen Mannschaften Schwierigkeiten zu bereiten, aber wir müssen vor allem an der defensiven Stabilität arbeiten. Am Freitag müssen wir 200 Prozent geben, weil wir mit Gladbach auf eine super Mannschaft treffen, die hierher kommen wird, um zu gewinnen. Nur so werden wir auch im nächsten halben Jahr gute Ergebnisse einfahren können, um den Verein am Saisonende letztlich dorthin zu bringen, wo er hingehört: in die Champions League.

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Könnte es Schalke entgegenkommen, dass Gladbach der Favorit ist und nach vorne spielen wird?

Harit: Ich glaube nicht, dass Gladbach der Favorit ist, wenn sie auf Schalke spielen müssen. Keine Mannschaft ist hier Favorit, denn wenn du hierher kommst, weißt du, dass dich ein schwieriges Spiel erwartet. Das weiß Gladbach auch und wir sind uns ebenso bewusst, dass wir auf eine starke Mannschaft treffen. Ich glaube, dass es ein sehr umkämpftes Spiel wird.

Amine Harit: "Wydad, das ist mein Herzensklub"

Sie sind seit Ihrer Kindheit ein Fan des marokkanischen Klubs Wydad Casablanca. Dessen Anhänger sind bekannt für ihren heißblütigen Enthusiasmus und ihre großartigen Choreographien. Kommt da die Stimmung in der Bundesliga heran?

Harit: Es ist nicht so, dass das überall in Marokko der Fall ist. In der Bundesliga hast du in fast jedem Stadion eine tolle Stimmung, die deutschen Fans sind echt top. Wydad wiederum ist Wydad, das ist mein Herzensklub. (lacht) Die Fans sind im positiven Sinn wirklich verrückt, das ist absolut unglaublich. Man muss das im Stadion miterleben, um es verstehen und glauben zu können. Die Fans auf Schalke tun auch grandiose Dinge, sie sind für mich die besten in Deutschland. Aber: Die Fans von Wydad sind die Fans von Wydad - sie sind wirklich speziell. (lacht)

Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie irgendwann einmal für Ihren Lieblingsverein auflaufen werden?

Harit: Wenn ich mich nicht ernsthaft verletze, liegt die Chance bei 100 Prozent. Ich habe zu meinen Eltern immer gesagt, dass ich eines Tages in Marokko spielen werde, selbst wenn es nur für sechs Monate oder ein Jahr ist. Aber ich werde dort spielen. Ich habe Lust darauf und werde es tun, so Gott will.

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