Fussball

Werder Bremen vor dem Spiel gegen den FC Bayern: Absturz auf Raten

Von Stefan Rommel
Florian Kohfeldt hinkt mit Werder den eigenen Erwartungen hinterher.

Werder Bremen ist mit großen Ambitionen in die Saison gestartet, findet sich kurz vor der Winterpause aber tief im Keller wieder und muss nun ausgerechnet zum Angstgegner nach München (Samstag, 15.30 Uhr im LIVETICKER). Warum aber bleibt die Mannschaft des hochgelobten Florian Kohfeldt hinter den Erwartungen zurück?

Man tut Florian Kohfeldt nicht Unrecht mit der Behauptung: Der Mann redet viel und gerne. Kohfeldt ist unter den Bundesligatrainern eine durchaus besondere Erscheinung, weil er sich Zeit nimmt für seine Gesprächspartner und auch bei unangenehmen oder schwierigen Sachverhalten nicht nur die Contenance wahrt, sondern mit Eloquenz und geschliffener Rhetorik auch komplexe Dinge verständlich formulieren kann.

Nun ist die Lage bei Werder Bremern aktuell ja nicht so, dass man freiwillig gerne darüber reden wollte. Schon gar nicht als derjenige, der die sportliche Talfahrt mitzuverantworten hat. Aber Kohfeldt bleibt sich auch in seiner sicherlich schwierigsten Phase als Trainer in der Bundesliga treu und moderiert das alles weg, so gut es eben geht: Die vielen Verletzten, die vielen Gegentore, die wenigen Punkte, die schwachen Leistungen, die individuellen Fehler, den ernüchternden Zwischenstand.

Werder Bremen steht nach 14 Spieltagen mit 14 Punkten auf Rang 14, auf den Relegationsplatz ist es ein kurzer Weg, ganze zwei Punkte. Platz sieben, und der könnte mit etwas Glück, sprich: bei günstiger Spielpaarung im DFB-Pokalfinale, ja auch noch reichen für den Einzug ins internationale Geschäft, ist schon zehn Punkte weg und derzeit belegt vom FC Bayern. Am Samstag kommt es in der Allianz Arena zum Aufeinandertreffen der beiden Traditionsklubs und vermutlich entfernt sich der Bremer Sehnsuchtsort nach der Partie noch mal um den einen oder anderen Punkt.

Werder Bremen: Europa? Abstiegskampf?

Zwar hatten die Bayern in den letzten beiden Ligaspielen eine ausgewachsene Ergebniskrise, ihre spielerischen Darbietungen waren dabei aber um so viele Klassen besser als jene der Bremer, dass alles andere als ein glatter Münchener Sieg einer veritablen Überraschung gleich käme. Werder steckt, man muss das so hart formulieren, in einer dicken Krise und kann sich überdies intern offenbar immer noch nicht so recht entscheiden, wie damit umgegangen werden soll. Während einige Spieler sich nicht mehr strikt weigern, den Blick eher nach unten als nach oben zu richten, bleibt ein anderer Teil beim vorformulierten Saisonziel Europapokalplatz.

Der Grat zwischen Schönrednerei und einem nüchternen Realismus ist derzeit recht schmal in Bremen, so richtig will sich keiner aus der Reserve locken lassen. Dabei sprechen die Zahlen ebenso wie die Einordnung der jüngsten Leistungen eine sehr deutliche Sprache: Das Saisonziel ist kaum noch zu erreichen, bis auf Weiteres lautet das Thema für Werder "Abstiegskampf". Die Gründe für einen der krasseren Abstürze einer ambitionierten Mannschaft in dieser Saison sind unterschiedlich und teilweise schwer zu greifen.

Werder hatte in der Tat fürchterliches Pech mit Verletzungen, besonders in der Abwehr fielen die Spieler reihenweise aus. Das führte zu zahlreichen Rochaden und positionsfremden Einsätzen einiger Spieler, es konnte sich partout keine feste Formation einspielen.

Vielleicht fehlte der Mannschaft im einen oder anderen Moment auch ein bisschen Glück. Damit allein sind fünf Punkte aus sieben Heimspielen bisher aber nicht zu erklären. Der einzige Sieg gelang gegen Augsburg, das ist jetzt deutlich über drei Monate her. In 16 Pflichtspielen blieb Werder bisher noch nie ohne Gegentor, selbst im Pokal gegen die Zweit- und Fünftligisten aus Heidenheim und Delmenhorst stand nicht die Null. Elf Gegentore nach Standards sind der schlechteste Wert aller 18 Teams in der Liga. Das alles lässt sich nicht wegdiskutieren oder relativieren.

Florian Kohfeldt: Keine Diskussionen um den Trainer

An anderen Standorten wäre längst die Debatte um den Trainer entbrannt. In Bremen ist das mal wieder anders. Es gibt weder einen Bruch, noch einen Dissens zwischen dem Trainer Kohfeldt und seinem Vorgesetzten Frank Baumann. Er spüre den Rückhalt der Geschäftsführung, sagte Kohfeldt auf der Pressekonferenz am Donnerstag. "Ich lehne mich jetzt aber nicht zurück und denke: ‚So lange über mich nicht geredet wird, ist alles gut'. So etwas liegt mir fern. Die Gesamtsituation nagt an uns allen, das ist ja überhaupt keine Frage."

Kohfeldt und sein Trainerteam haben schon so einiges ausprobiert in dieser Saison, die Mannschaft gezwungenermaßen oder ganz freiwillig umgestellt, Positionen getauscht, die Grundordnungen ebenso variiert wie deren Ausrichtung. Mehr als kleine Strohfeuer gab es bisher noch nicht. Werder musste sein Spiel durchaus anpassen, weil in Max Kruse der wichtigste Scorer nicht mehr dabei ist. Auf dem Weg kamen dann früh die vielen Verletzten und irgendwann die "Egal wie, Hauptsache irgendwie gewinnen"-Attitüde. Das brachte zwar den einen oder anderen Punkt, letztlich musste sich die Mannschaft durch diese ziemlich lange Phase aber ganz schön durchwurschteln.

Was letztlich wohl auch die Leistungsdellen einiger wichtiger Spieler zumindest im Ansatz erklärt. Jiri Pavlenka wackelte in einigen Spielen bedenklich, Maximilian Eggestein bekommt zum ersten Mal in seiner noch jungen Karriere die Spätfolgen eines viel zu kurzen Sommers zu spüren. Der Emporkömmling der letzten Saison hatte wegen der U21-Europameisterschaft nur ein paar Tage Pause und rennt wie Davy Klaassen in den letzten Wochen verzweifelt seiner Form hinterher.

Werder Bremen: Hoffen auf die Rückrunde

Der klassische Werder-Fußball, mit dem die Mannschaft in der letzten Saison auch neutralen Beobachtern so viel Spaß bereitet hat, ist ein wenig verschütt' gegangen. Derzeit wird es schon laut im Stadion, wenn Milot Rashica den Ball bekommt, und sei es an der Mittellinie. Dann könnte etwas passieren: Rashica ist in der Tristesse so etwas wie der Lichtblick und eine der wenigen Konstanten im Team.

Zu einer solchen hätte auch Niclas Füllkrug werden sollen. Der Rückkehrer war nicht nur als Rammbock im gegnerischen Strafraum gefragt, sondern auch als Typ und Anführer, auch in der Kabine. Und als einer, der dem Gegner auch mal weh tun kann und dieser ansonsten doch eher braven Mannschaft ein bisschen schroffe Kontur verleiht. Aber Füllkrug hat sich das Kreuzband gerissen und kehrt im schlechtesten Fall erst zur neuen Saison wieder zurück.

Deshalb greifen bis zur Winterpause die üblichen Durchhalteparolen. Sechs Punkte aus den verbleibenden drei Partien sollen es sein, sagt Kohfeldt. Das wären dann 20 Punkte und eine vernünftige Basis, um in der Rückserie wieder anzugreifen. Denn darauf liegt die eigentliche Hoffnung: Dass diese erste Halbserie nur ein Ausrutscher war, dass die Verletzten nach und nach zurückkehren und dann auch gesund bleiben. Und dass sie dann vielleicht noch einmal so aufdrehen können wie in der letzten Rückserie: Da holte Werder 31 Punkte.

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