Fussball

Union-Legende Christian Beeck im Interview vor dem Derby: "Der Herthaner ist nicht so sangesfreudig"

Von Philipp Schmidt
Christian Beeck ist seit 2011 nicht mehr als Fußballfunktionär tätig.

Christian Beeck ist ein echtes Urgestein von Union Berlin. Im Alter von acht Jahren begann der 47-Jährige seine Fußballlaufbahn bei den Eisernen, nach Stationen in Rostock, Düsseldorf und Cottbus kehrte er 2005 als Sportlicher Leiter nach Köpenick zurück.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Beeck vor dem ersten Bundesligaderby zwischen Hertha BSC und Union am Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker) über den Ausnahmezustand in der Haupstadt, die Unterschiede zwischen den beiden Fanszenen und Unions Chancen auf eine Derby-Überraschung.

Außerdem blickt der 21-malige DDR-Juniorennationalspieler, der beim rbb gemeinsam mit Hertha-Ikone Axel Kruse den Podcast "Hauptstadtderby" betreibt, auf das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Hauptstadtklubs, die Gier nach Bundesliga-Fußball in Berlin und die Bedeutung des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls.

Herr Beeck, das Duell zwischen der Hertha und Union ist das erste Bundesligaspiel zwischen zwei Berliner Klubs seit 1977. Spürt man in der Stadt, dass etwas Großes ansteht?

Christian Beeck: Dieses Spiel ist für die Stadt das Fußballereignis der letzten 30 Jahre. Wir hatten die Situation schon einmal in der 2. Liga und das Schöne ist, dass die Bilanz absolut ausgeglichen ist (ein Sieg für beide Teams sowie zwei Unentschieden, Anm. d. Red.). Demzufolge geht es bei null los. Die Fanlager und die Vereine sind heiß auf dieses Spiel.

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den beiden Klubs beschrieben? Nach der Wende soll es sich ja stetig verschlechtert haben.

Beeck: Bis zur Wende war man ein Herz und eine Seele, das war fast eine Bruderschaft. Dann hat man sich zehn Jahre nicht gesehen, jeder hatte mit sich selbst zu tun und dann begannen in den 2000ern die Reibereien. Hertha musste keine Miete zahlen, wir konnten kein Stadionfeld pachten und das Stadion nicht nach unseren Vorstellungen umbauen. So nahm die Rivalität zu.

Das angespannte Verhältnis betrifft also nicht nur die Fans, sondern auch die Funktionäre?

Beeck: Da gibt es eine Anspannung, da mag der eine den anderen nicht und umgekehrt, aber die Rivalität ist sehr gesund, wie es sein muss. Das tut der Stadt auch gut, Berlin bekommt dadurch einen höheren Fokus auf den Fußball.

Wie blickt man als Unioner auf die Hertha, wenn man lange Jahre tiefer gespielt hat? Drückt man da auch dem Konkurrenten die Daumen oder hofft man doch insgeheim auf den Abstieg?

Beeck: Die meisten Bürger der Stadt wünschen sich, dass beide Vereine in der Bundesliga spielen und das Fußballprojekt Berlin nach vorne bringen mit der gesunden Rivalität am Rande. Wenn man sich vorstellt, dass die englische Hauptstadt sechs Premier-League-Klubs hat, da kann Berlin noch einiges vertragen. Es gibt also schon die Tendenz zu sagen: Hoffentlich bleiben beide Vereine Bundesligisten und vielleicht schafft es einer sogar ins europäische Geschäft.

Hertha BSC gegen Union: Die vergangenen Duelle (2. Liga)

TerminHeimAuswärtsErgebnis
11. Februar 2013Hertha BSCUnion Berlin2:2
3. September 2012Union BerlinHertha BSC1:2
5. Februar 2011Hertha BSCUnion Berlin1:2
17. September 2010Union BerlinHertha BSC1:1

Die Stadien liegen 25 Kilometer auseinander, beide Vereine gehen seit Jahren weitestgehend getrennte Wege. Gibt es dennoch Berührungspunkte zwischen den Klubs?

Beeck: Beide Vereine sind sehr unterschiedlich, die Fankulturen ebenso. Klar: Fans sind Fans und Ultras sind Ultras, aber die Herangehensweisen sind schon andere. Union hatte zum Beispiel einen Partyzug zum Bayern-Spiel organisiert, da sind 5.000 Union-Fans mit dem Zug nach München gefahren und haben durchgehend gefeiert. Der Union-Fan singt das ganze Spiel über inklusive Halbzeitpause, der Herthaner ist da nicht ganz so sangesfreudig. Der Herthaner ist auch schnell etwas kritischer und in der Berliner Pöbelbranche unterwegs, der Unioner gar nicht. Der unterstützt seinen Verein bis zum letzten Hemd, das er hat. Von daher könnten die Fangruppen eigentlich unterschiedlicher nicht sein.

In sportlicher Hinsicht ist Union mit sieben Punkten nach neun Spielen durchwachsen in die Bundesliga gestartet, hatte aber auch ein schwieriges Programm. Wie sehen Sie die aktuelle Lage?

Beeck: Dass es nicht leicht werden würde, war zu erwarten. Mit dem Sieg gegen Dortmund hat die Mannschaft aber ein Ausrufezeichen gesetzt und gezeigt, was möglich ist. Auch gegen Freiburg und in München hat sie tolle Spiele abgeliefert.

Was für einen Aufsteiger überraschend ist: Union hat sich zuletzt gegen die Bayern keineswegs eingeigelt.

Beeck: Was sie gut können, ist stabil in der Abwehr zu stehen und das Feld eng zu halten. Die Außenverteidiger schieben dann auch entsprechend raus und stehen nicht so tief. Es ist derzeit sehr schwer, gegen Union zu bestehen, weil sie technisch und taktisch zugelegt haben. Sie können malochen und haben 90 Minuten Dampf in den Knochen. Sie sind taktisch variabel und haben eine Sicherheit entwickelt, die in den ersten Spielen noch nicht da war. Durch diese Stabilität wächst auch das Selbstvertrauen, die Jungs wissen, was sie können.

Union Berlin gegen Hertha BSC? "Chancen bei 50:50"

Also wird es auch für die Hertha schwer?

Beeck: Ich denke, dass für Union gute Chancen bestehen, das Derby zu gewinnen. Bei der Hertha muss man vor allem die Offensivkräfte auf den Außenbahnen ausschalten, um erfolgreich zu sein. Die Mannschaft hat sich im Offensivbereich gravierend verändert und Spieler wie Lukebakio und Wolf dazubekommen, das ist schon sehr stark. Gleiches gilt für Stark und Boyata, das sind wirklich tolle Innenverteidiger. Schlüssel zum Sieg werden die Duelle auf den Außen sein. Wenn es Union gelingt, dort durch hohe Laufbereitschaft in die Zweikämpfe zu kommen, wird es für die Hertha schwer, in der Wuhlheide zu bestehen. Ich sehe die Chancen bei 50:50. Es wird eine geile Stimmung herrschen.

Zum Abschluss eine Frage zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls: Es gab von Herthaner Seite eine Anfrage an den DFB, das Derby am 9. November stattfinden zu lassen. Union hielt diesen Vorschlag für unangebracht, da dies ein reiner Gedenktag sei und Sportliches und Politisches getrennt werden sollten. Wie stehen Sie dazu?

Beeck: Das sehe ich anders als die Union-Verantwortlichen. An so einem Tag, der für uns DDR-Bürger damals der Tag aller Tage war und zur Wiedervereinigung führte, hätte es schon möglich sein können, ein Bundesligaspiel auszutragen - gerade in Berlin mit all der Historie und der Intensität, die ausgelebt wurde, um die Mauer zu öffnen. Man hätte die große Geschichte nochmal aufleben lassen können, die in diesem Tag steckt. Es sollte nicht sein, war vielleicht zu groß gedacht, aber wäre eine gute Möglichkeit gewesen, um Sport und Politik zu verbinden. Es hätte der Atmosphäre der Stadt gutgetan.

Christian Beeck: Spielerkarriere im Überblick

VereinZeitraumSpieleToreMinuten
Energie Cottbus1999 - 200511459.618
Fortuna Düsseldorf1997 - 19993632.774
Hansa Rostock1995 - 199728-1.864
Union Berlin1993 - 19953832.922
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