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Fussball

Neven Subotic von Union Berlin im Interview: "Wir leben in einer krass unfairen Welt"

Von Alex Schlüter / Benni Zander
Spielt seit Sommer für Aufsteiger Union Berlin und hat nebenbei eine eigene Stiftung gegründet: Ex-BVB-Spieler Neven Subotic.

Ist die teilweise absurde Bewunderung für Fußballspieler noch gesund?

Subotic: So lange es wirklich um Fußball geht, ist das toll. Ich bewundere auch andere Menschen. Ein Problem sehe ich dann, wenn Fußballspieler und deren Privatleben für Kinder zum Vorbild werden. Das ist dann der Traum, nach dem sie sich sehnen. Das ist gefährlich.

Haben Fußballspieler, gerade mit ihrer enormen Reichweite und Akzeptanz, keine Verantwortung?

Subotic: Doch. Aber ob sie diese wahrnehmen und entsprechend danach handeln, ist eine ganz andere Frage. Die Initiative ‚Common goal' etwa, bei der Sportler ein Prozent ihres Gehalts spenden, ist ein Anfang, aber weit entfernt vom eigentlichen Ziel. Es geht nicht darum, ein Prozent zu spenden und dann ist die Welt in Ordnung. Es geht um den Menschen selbst: Wie sieht er sich in der Gesellschaft? Was trägt der dazu bei? Erzeugt er in seiner Rolle ein Maximum an Vorteilen für die Gesellschaft? Hinterfragen sich alle, ob ihr Handeln nachhaltig ist? Da gibt es noch enorm viel Potenzial, das ist ein Schlüssel für die Zukunft. Wir müssen weg von diesen Statussymbolen wie Auto oder Haus. Das macht nicht glücklich. Das versuche ich gerade auch jungen Spielern zu vermitteln.

Wie kam es bei Ihnen zum Sinneswandel?

Subotic: Ich habe gemerkt, dass das nicht ich bin. Dass ich eine Rolle spiele. Ich fühlte mich damit nicht wohl. Nur weil bestimmte Dinge von außen erwartet werden in so einer Situation, war das nicht auch für mich richtig. Ich habe mich einfach im noblen Viertel weniger wohl gefühlt, sondern hatte mein Glück viel mehr im Herzen Dortmunds gefunden. Ich habe also einfach mitten in der Stadt gelebt - weil ich keine Lust hatte, morgens nach dem Aufstehen mit dem Auto zur Arbeit oder zum Essen fahren zu müssen. Ich wollte an allem nah dran sein. Kaum ein anderer Spieler hat in der Stadt gelebt. Aber für mich war es der perfekte Platz. Ich habe mich frei gemacht und gemerkt, was mir wichtig ist. Das war ein Prozess.

Neven Subotic: Spielerstatistiken beim BVB, Union und Mainz

VereinSpieleTore
Union Berlin3-
AS Saint-Etienne443
Borussia Dortmund26318
1. FC Köln12-
FSV Mainz 05384

Was hat Sie dazu bewogen, eine Stiftung zu gründen?

Subotic: Wir nehmen unseren Lebensmittelpunkt und die 30 Kilometer drumherum wahr. Was kommt aber dahinter? Ich war nie jemand, der sich ausschließlich um seine Familie kümmern wollte. Ich wusste von vielen Problemen auf der Welt und dachte mir: Es kann nicht sein, dass sich die Reichsten in den reichsten Ländern und den reichsten Städten, wo ohnehin das meiste Geld sitzt, nur um sich selbst und ihre 30 Kilometer drumherum kümmern. Und in den ärmsten Ländern der Welt leben Menschen von weniger als einem Dollar und neunzig Cent am Tag. Keiner von uns, inklusive mir, kann sich vorstellen, in einer Umgebung aufzuwachsen, in der allein der Weg zur Schule als Luxus gilt, weil es so viele andere Aufgaben zu erledigen gilt, um zu überleben. Deshalb wurde aus meinem lokalen ein globales Engagement. Meine Stiftung ist die Plattform, um Menschen in Äthiopien zu helfen, ihre Menschenrechte durchzusetzen und ihnen den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Das ist jede Menge Arbeit, allein mit unseren großen Herzen kommen wir nicht ans Ziel. Wir müssen dafür auch den Kopf einschalten und täglich dafür arbeiten.

Was machen Sie konkret vor Ort in Äthiopien?

Subotic: Äthiopien hat rund 100 Millionen Einwohner, über 80 Prozent der Bevölkerung lebt auf dem Land. Das sind einfache Bauern, die Männer sind tagsüber auf den Feldern, die Frauen und Kinder müssen Wasser beschaffen. Mehrere Stunden am Tag, in 20-Liter-Kanistern. Es gibt aber kaum Quellen, außerdem sind die meisten verunreinigt. Die Kraft und Zeit, die dafür geopfert werden muss, raubt den Kindern die Zeit, zur Schule zu gehen. Wir kümmern um also um Tiefwasserbrunnen in den Dörfern, um sauberes Wasser vor Ort zu bekommen. Dazu statten wir Schulen noch mit Sanitäranlagen, mit Toiletten und Handwaschbecken, aus. Die meisten Schulen haben so etwas gar nicht.

Sie waren schon oft selbst vor Ort. Wie sind die Eindrücke von dort mit einem reichen Land wie Deutschland zu vergleichen?

Subotic: Generell schockiert mich der Überfluss, in dem wir leben. Der Unterschied zwischen einem der reichsten Länder der Erde und einem der ärmsten ist Wahnsinn. Bei mir verstärkt sich der Effekt sogar noch, weil ich in diesem reichen Land als Fußballprofi sogar noch zur reichsten Schicht gehöre und sich dann alles um Materielles und Lifestyle dreht. Dabei interessiert das doch kein Schwein - weil es gar nichts verändern wird im Leben von irgendjemandem. Wir sind geblendet vom Materialismus und machen uns stattdessen viel zu wenig Gedanken um uns selbst, unsere Zukunft und globale Probleme.

Was bekommen Sie von Ihrer Arbeit zurück?

Subotic: Motivation. Die Motivation, immer weiterzumachen. Wenn wir ein Dorf mit einem Brunnen ausgestattet haben, gibt es hundert andere, die noch keinen haben. Wir freuen uns über das eine Dorf, aber das ist eben nicht das Ende des Lieds. Wir müssen kritisch und selbstkritisch bleiben. Das weckt in meinem Team und mir die Motivation. Wir reden viel über Infrastruktur und Projekte - aber am Ende bekomme ich im Kontakt mit Menschen immer Gänsehaut. Wenn man sieht, dass man wirklich helfen konnte.

... wird Fußball unwichtig?

Subotic: Fußball ist absolut unwichtig. Fußball ist immer noch mein Traum, ein gesellschaftliches Phänomen und für viele der Mittelpunkt ihrer Identität. Aber es geht tatsächlich nicht um Leben und Tod.

Was ist Ihre Botschaft?

Subotic: Wir leben in einer krass unfairen Welt. Und im Sinne einer globalen Gemeinschaft müssen wir uns aktivieren, unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen. Jeder Mensch hat Einfluss auf seinen eigenen Alltag und diesen anders zu gestalten, ist oftmals keine große Kunst. In vielen schlummert das Feuer, etwas verändern zu wollen. Wir müssen es nur entfachen.

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