Fussball

VfB-Urgestein Gerhard Wörn im Interview: "Und ihr Ochsen da vorne lasst euch anschießen"

Von Florian Regelmann
Gerhard Wörn (l.) feierte 1992 die Meisterschaft des VfB nach einem legendären 2:1-Sieg in Leverkusen.

Jetzt ist der letzte Titel beim VfB zwölf Jahre her, seitdem macht der Verein schwierige bis grausame Zeiten wie aktuell durch. Wie blicken Sie auf den Klub, dem Sie so verbunden sind?

Wörn: Im Laufe der Jahre verändert sich der Blickwinkel auf einen Verein extrem. Als Spieler bist du Egoist. Ein Egoist, der den Verein oft einfach als Mittel zum Zweck sieht. Die Denkweise, dass es dein Verein ist, besteht in der Form als Spieler nicht. Als Spieler geht es darum, sich durchzusetzen in der Mannschaft. Für mich ist die Situation natürlich jetzt eine ganz andere. Ich komme aus der Region. Der VfB bedeutet Heimat für mich. Ich kenne so viele Leute, die dem VfB eng verbunden sind und weiß, mit wie viel Herzblut sie den Verein verfolgen und mitfiebern. Diesen Leuten müssen wir als Verein etwas zurückgeben. Aber wenn wir uns die letzten Jahre anschauen, in denen es häufig gegen den Abstieg geht und es so viele negativen Meldungen über den VfB gibt, hat man einfach ein ungutes Gefühl. Ich wünsche mir einfach, dass wir es mit dem VfB schaffen, dauerhaft für gewisse Werte zu stehen, mit denen sich unsere Fans identifizieren können. Da geht es weit über den Erfolg hinaus.

Als Physiotherapeut bauen Sie enge Beziehungen zu den Spielern auf. In welche Rollen schlüpfen Sie?

Wörn: Pädagoge, väterlicher Freund, Beichtvater - es beinhaltet viele verschiedene Rollen. Ich werde immer älter, die Spieler werden immer jünger, da ist es normal, dass ich auch mal einen väterlichen Rat geben kann. Generell baut man nicht zu allen, aber zu vielen Jungs über die Zeit tiefere Beziehungen auf. Ich versuche, bei den Behandlungen auch den Spielern zu vermitteln, dass der VfB etwas Besonderes und nicht nur ein normaler Arbeitgeber ist. Da wird eigentlich offen gesprochen. Die Jungs haben ja auch ihre Probleme. Keinem macht es Spaß, sich vor 60.000 Zuschauern vorführen zu lassen und zu verlieren. Dennoch gibt es Phasen, in denen genau das passiert.

Wörn: "Und ihr Ochsen da vorne lasst euch anschießen"

Wie finden Sie Zugang zu einem 19-Jährigen wie Ozan Kabak, der im Winter neu zur Mannschaft gestoßen ist?

Wörn: Grundsätzlich verbindet uns im Fußball eine gemeinsame Sprache. Ob in der Türkei oder in Deutschland, gewisse Dinge sind überall gleich. Deshalb gibt es keine Hemmschwelle, die am Anfang zu überwinden ist. Ozan ist für sein Alter extrem weit, er hat aber trotzdem auch eine jugendliche Unbekümmertheit und Neugierde, die mir sehr gefällt. Wichtig ist, dass wir es als Verein schaffen, den Jungs zu zeigen, dass sie uns wichtig sind. Egal, ob das im Fußball oder in irgendeiner Firma ist, jeder Mensch hat ein feines Gespür dafür, ob sich um einen gekümmert wird. Das menschliche Fundament muss da sein.

Wie hat sich denn die Bedeutung der Medizin und Physiotherapie im Fußball verändert in den letzten Jahrzehnten?

Wörn: Die Entwicklung ist enorm. Man kann sie schon mit der Entwicklung im Fußball vergleichen. Wenn ich mich da an die Ansprachen des Trainers von früher erinnere...

Nicht so taktisch geprägt?

Wörn: (lacht) Weniger. Da hieß es eher: "Du bist Libero, du schaust, dass du den Laden zusammenhältst. Du bist der Zehner und machst das Spiel. Und ihr Ochsen da vorne lasst euch anschießen." Wenn wir dann gewonnen haben, erklärte der Trainer, dass man seine Vorgaben gut umgesetzt habe. Und wenn wir verloren haben, hieß es, wir Pfeifen haben nicht das gemacht, was er wollte. Wir dachten nur immer: "Was genau wollte er denn?" (lacht) Wenn ich heute zum Beispiel bei einer Behandlung mit Mario Gomez über seine Zeit in München mit Pep Guardiola spreche und darüber, was dessen Vorstellungen sind, ist das schon ein großer Unterschied. Und in der Sportmedizin hat sich der therapeutische Blickwinkel völlig verändert. Wenn früher ein Spieler mit Rückenbeschwerden kam, hast du eben den Rücken behandelt. Heute haben wir einen ganzheitlichen Ansatz. Bei einem Muskelfaserriss an der Oberschenkelrückseite ist das Behandlungsgebiet nicht ausschließlich dort. Es geht auch um die Vorderseite, auch ums Becken. Der ganzheitliche Ansatz ist der größte Unterschied zu früher.

Wörn: "Wir haben häufig wieder bei null angefangen"

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem Trainerteam geworden?

Wörn: Sehr wichtig. Ich habe am Anfang über die Qualitäten von Willi Entenmann gesprochen. Ein Trainer muss sehr sensibel und feinfühlig sein. Er muss wissen, wie er mit seinem Team umgehen muss, wie er es belasten kann. Habe ich eine kampfbetonte Mannschaft? Oder eher eine technisch versierte, die mehr Regeneration und Erholung braucht? Das sind alles entscheidende Fragen. Im Zusammenspiel zwischen Trainerteam, Ärzten und Physiotherapeuten die richtige Balance für die Mannschaft zu finden, macht die Aufgabe gerade so spannend und auch so schön. Da können wir uns richtig austoben. Wenn die Arbeit dann Früchte trägt, ist es ein tolles Gefühl. Wichtig ist auch, dass ein Verein Rückgrat zeigen kann. Wenn du verlierst und dann trainingsfrei gibst, weiß jeder, was die Reaktion ist. "Da trainieren wir ja in Deizisau mehr. Die machen ja nix beim VfB." Dennoch kann es für die Mannschaft richtig und wichtig sein, dann muss man es auch durchziehen und dem Körper die Pausen geben, die er braucht. Wenn du ihn immer nur ausbeutest, wird es sich irgendwann rächen.

Wenn Sie nach insgesamt weit über 30 Jahren VfB einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Wörn: Viele würden jetzt vielleicht erwarten, dass ich sage: nochmal einen Titel gewinnen. Klar, das wäre ein Traum. Aber für mich ist es noch viel wichtiger, dass ich eine Entwicklung spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass sich hier etwas entwickelt und alle an einem Strang ziehen, kann ich daraus auch meine Zufriedenheit ziehen. Mich stört, dass wir beim VfB immer wieder einen Weg begonnen haben und ihn dann nach einer gewissen Zeit wieder abbrechen mussten. Wir haben häufig wieder bei null angefangen, das finde ich schade. Mein Wunsch wäre, dass wir das in Zukunft besser hinkriegen.

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