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Fussball

Martin Hinteregger im Interview: "Ich hatte Mitspieler, die vor Spielen kotzten"

Seit dem Sommer 2016 spielt Martin Hinteregger für den FC Augsburg.
© getty

SPOX: Ein Erfolgsrezept des Klubs ist die gute Jugendarbeit. Etliche Spieler schafften in Salzburg den Sprung zum Profi, in der vergangenen Saison gewann die U19 die UEFA Youth League. Was macht Salzburg in diesem Bereich so gut?

Hinteregger: Die infrastrukturellen Möglichkeiten sind extrem, da halten europaweit ganz wenige Vereine mit. In Afrika unterhält Salzburg ein riesiges Scoutingteam. Sie holen die größten Talente, entwickeln sie und verkaufen sie dann weiter. Am meisten freue ich mich aber über österreichische Talente wie Xaver Schlager oder Hannes Wolf, die sich bei den Profis durchsetzen und mit dem Verein zu 100 Prozent identifizieren.

SPOX: Der aktuell wohl bekannteste Ex-Salzburger ist Sadio Mane, mit dem Sie von 2012 bis 2014 zusammenspielten. Was ist er für ein Typ?

Hinteregger: Er wusste genau, was er will: sich weiterentwickeln und dann den nächsten Schritt machen. Auch wenn es am Anfang eine Sprachbarriere gab, war er sofort voll integriert. Sadio ist ein lustiger Kerl. Ich habe jetzt noch ein paar Schmähs von ihm im Kopf, bei denen ich mich wegschmeißen muss.

SPOX: Gibt es einen Erzählenswerten?

Hinteregger: Die kann man nicht erzählen, die kann man nur zeigen. Zum Beispiel seine begleitende Gestik zum Wort "Nein".

Martin Hinteregger: "Jeder hat Roger Schmidt geliebt"

SPOX: Sie debütierten für die Salzburger Profis 2010 unter Huub Stevens. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Hinteregger: Vor dem ersten Spiel kam Huub zu mir und sagte: "Martin, du kannst heute keinen einzigen Fehler machen. Warum? Wenn du einen Fehler machst, dann ist das meiner. Dir kann nichts passieren." Ich war damals der einzige junge Spieler in der Mannschaft und deswegen schützte er mich. Dank seiner Art fand ich in die Mannschaft und dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Huub hat ein richtig gutes Herz, aber hin und wieder ist er auch ausgetickt. In manchen Ansprachen in Halbzeiten oder nach Spielen lernten wir ein paar holländische Phrasen von ihm. Als Trainer darf man jeden zur Sau machen, muss dann aber auch wieder menschlich sein. Obwohl wir unentschieden gespielt haben, hat mich Roger Schmidt nach einem Spiel mal so extrem zusammengeschissen, dass ich Schweißfüße bekam. Einen Tag später kam er aber zu mir und war super lieb.

SPOX: Was zeichnete Schmidt als Trainer aus?

Hinteregger: Roger ist der genialste Trainer, den ich je hatte. Heutzutage stellt sich fast jeder Trainer auf den jeweiligen Gegner ein, aber das macht er nie. Roger zieht seine Spielart einfach durch. Unter ihm trainierten wir nie Taktik, weil jeder wusste, was zu tun ist. Einen guten Trainer zeichnet nicht sein taktisches Wissen aus. Er muss es schaffen, dass jeder Spieler Spaß hat und mitzieht. Niemand kann das besser als Roger. Sogar die Spieler, die überhaupt keine Rolle spielten, rissen sich für ihn den Arsch auf. Jeder hat ihn geliebt.

Martin Hinteregger: "In Österreich hätte Düdelingen um den Titel gespielt"

SPOX: Schmidts erste Pflichtspiele als Salzburg-Trainer waren im Sommer 2012 in der Champions-League-Qualifikation gegen die luxemburgischen Amateure von F91 Düdelingen. Salzburg scheiterte blamabel. Was fällt Ihnen dazu als erstes ein?

Hinteregger: Schwimmlehrer.

SPOX: Warum?

Hinteregger: Ein Schwimmlehrer schoss gegen uns zwei Tore. Das Schlimme an der ganzen Geschichte ist eigentlich, dass die damals eine richtig gute Mannschaft hatten - was keiner wahrhaben wollte. In Österreich hätte Düdelingen um den Titel mitgespielt. Wir haben in diesen beiden Spielen auch so schlecht gespielt, dass es schlechter nicht geht.

RB Salzburgs Scheitern in der Champions League Qualifikation

SaisonGegnerHinspielRückspiel
2006/07FC Valencia1:00:3
2007/08Shakhtar Donezk1:01:3
2009/10Maccabi Haifa1:20:3
2010/11Hapoel Tel Aviv2:31:1
2012/13F91 Düdelingen1:03:4
2013/14Fenerbahce Istanbul1:11:3
2014/15Malmö FF2:10:3
2015/16Malmö FF2:00:3
2016/17Dinamo Zagreb1:11:2
2017/18HNK Rijeka1:10:0

Martin Hinteregger: "Waren ein Wahnsinnsteam und haben es verkackt"

SPOX: War das in sportlicher Hinsicht die bitterste Erfahrung Ihrer Karriere?

Hinteregger: Nein, das war mit großem Abstand die EM 2016. Es gibt nichts Bittereres, als wenn ein ganzes Land in Euphorie ist, hinter dir steht und du dem nicht gerecht wirst. Wir waren ein Wahnsinnsteam, hatten die drei Spiele unseres Lebens und haben es verkackt. Das wird jedem Spieler für sein restliches Leben nachhängen. Ich fühle immer noch die pure Enttäuschung.

SPOX: Welche Erinnerungen haben Sie an die entscheidenden Qualifikationsspiele davor?

Hinteregger: Wenn ich daran denke, bekomme ich, wie Sie gut sehen können, am ganzen Körper Gänsehaut. So muss Fußball sein und ich will dafür sorgen, dass es wieder so wird. Wir haben mit Franco Foda einen Top-Trainer und immer noch eine richtig geile Mannschaft. Gemeinsam müssen wir wieder das entfachen, was schon einmal da war.

SPOX: Nach dem Scheitern in der WM-Qualifikation mussten mit Teamchef Marcel Koller und Sportdirektor Willibald Ruttensteiner die Architekten der EM-Teilnahme gehen.

Hinteregger: Ganz Österreich stand hinter den beiden und ist ihnen dankbar. Koller hätte es hundertprozentig geschafft, noch einmal so eine Euphorie zu entfachen. Die Entscheidung zur Trennung ging von den Verbandsverantwortlichen aus.

SPOX: Sie sammeln aktuell Erfahrungen als Jugendtrainer. Streben Sie nach der aktiven Karriere eine Laufbahn als Coach im Profibereich an?

Hinteregger: Ich werde meine Trainerkarriere sicher fortsetzen, aber eher nicht im Profibereich. Seit zehn Jahren bin ich jedes Wochenende unterwegs und sollte ich einmal eine Familie haben, bin ich es ihr schuldig, am Samstag und Sonntag für sie da zu sein. Ich würde gerne wie mein Vater in einem Amateurverein arbeiten. Am besten spielt dort auch mein eigener Bub und ich kann mit ihm gemeinsam zum Training fahren. Darauf freue ich mich schon richtig.

SPOX: Also kehren Sie nach Ihrer aktiven Karriere auf jeden Fall nach Österreich zurück?

Hinteregger: Man kann nie wissen, aber das ist mein Plan. Vor vier Jahren habe ich mir zuhause in Kärnten ein Haus gebaut, um immer zu wissen, wo meine Heimat ist - falls ich es mal vergessen sollte.

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