Fussball

Ein Jahr Uli Hoeneß: Bayerische Romantik

Uli Hoeneß ist zum zweiten Mal Präsident des FC Bayern München e.V.
© getty

Seit fast einem Jahr ist Uli Hoeneß wieder Präsident des FC Bayern München. Wer sich eine demütige Rückkehr erwartet hat, lag falsch. Der 69-Jährige war in seinem ersten Amtsjahr laut, dominant und allgegenwärtig. Mit seinem Handeln hat er den Klub wieder nach seinen Vorstellungen umgebaut.

Das erste Jahr von Uli Hoeneß' Amtszeit als Präsident des FC Bayern München war eine runde Sache. Zum Ende der ersten Periode musste er sich beim Handball entschuldigen, zum Auftakt bat er bei RB Leipzig um Verzeihung. Dazwischen war wenig Entschuldigung, aber viel Attacke.

Hoeneß hat sich nach seiner emotionalen Bewerbungsrede keine lange Anlaufzeit gegeben als Präsident des FC Bayern. "Die klare Botschaft schläft nicht, sie ruht. Und sie kann zu gegebener Zeit zurückkommen", hatte er nach seiner Wiederwahl am 25. November 2016 noch gesagt, um in einem der nächsten Sätze RB Leipzig als neuen Feind zu bezeichnen.

Die markige Wortwahl war schon immer ein Markenzeichen Hoeneß', die Zeit im Gefängnis hat daran nichts geändert. Wer dermaßen polarisiert wie Hoeneß, rennt bei seinen Fans damit offene Türen ein und bringt seine Kritiker gleichzeitig zur Weißglut.

Hoeneß hat wieder eine klare Meinung - zu allem

Hoeneß hat in seinen ersten 365 Tagen seiner Amtszeit kaum ein Mikrofon ausgelassen. Er war öffentlich so präsent wie kein anderer Präsident eines eingetragenen Vereins beziehungsweise Aufsichtsratsvorsitzender eines Bundesligaklubs. Das hängt natürlich mit der besonderen Geschichte und dem jahrelangen Wirken dieses Mannes zusammen, er ist gefragter als die meisten Personen im Business.

Aber es war vor einem Jahr doch eine spannende Frage, wie der Rückkehrer Hoeneß seine Rolle annehmen und interpretieren würde. Jetzt lässt sich feststellen, dass er seine Das-war's-noch-nicht-Ankündigung wahrgemacht hat.

Er hat in seinen Medienoffensiven kaum ein Thema ausgelassen: Leipzig, Dortmund und 1860. Sammer, Lahm und Watzke. Katar, AfD und China. Selbst das deutsche Rechtssystem und ein eigentlich verdienter Freispruch waren zwischenzeitlich Gesprächsstoff. Neulich hat sich auch zu den steuerlichen Angelegenheiten der türkischen Basketballklubs geäußert.

Hoeneß ist voller Tatendrang. Der geht sogar so weit, dass sich aussichtsreiche Kandidaten auf den Posten des Sportvorstands/Sportdirektors wie Max Eberl und Philipp Lahm zu wenig Einfluss und Gestaltungspielraum ausrechneten, also keinen Platz für sich sahen.

Die Hoeneß- und Rummenigge-Fraktion

"Ist er erst ein Jahr wieder da?", merkte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge deshalb erst kürzlich an.

Hoeneß ist zurückgekehrt, um sein Erbe ein zweites Mal zu regeln - dieses Mal endgültig. Bei den Mitgliedern des Klubs kann er sich auf eine erdrückende Mehrheit verlassen, Hoeneß ist nach dem Abschied Franz Beckenbauers der neue Vereinsheilige. Vergangenes Jahr wurde er mit 98,5 Prozent der Stimmen gewählt.

Auf den Fluren an der Säbener Straße spiegelten sich diese Mehrheitsverhältnisse nicht wider. Der Klub hatte sich in Abwesenheit des alten Patriarchen verändert, Rummenigge war der der alleinige starke Mann und hatte auch eine Schar an Unterstützern um sich versammelt.

Es ginge zu weit zu behaupten, der Klub sei gespalten, aber es gibt eine Hoeneß- und eine Rummenigge-Fraktion. Dass sich beide Alphatiere in den letzten Monaten auch erst wieder aneinander gewöhnen mussten, haben sie im Zuge der Rückkehr von Jupp Heynckes öffentlich bestätigt.

Hoeneß drückt dem FC Bayern seinen Stempel auf

Hoeneß und Rummenigge arbeiten zum Wohle des FC Bayern wieder gemeinsam in eine Richtung. Beide wissen, dass sie auf den letzten Metern ihrer Funktionärskarriere angekommen sind und ihr Vermächtnis nur zusammen gestalten können.

Dem nach Globalisierung strebenden Kopfmenschen Rummenigge steht der aufs bayerische Mia-san-Mia bedachte Bauchmensch Hoeneß gegenüber. Sie haben sich schon immer aneinander gerieben, aber stets einen gemeinsamen Nenner gefunden. Wer genau welcher Entscheidung seinen Stempel mehr aufdrücken konnte, war meist schnell sichtbar.

Aktuell ist Hoeneß wieder am Zug. Die großen Personalentscheidungen tragen deutlich seine Handschrift. Das neue Nachwuchsleistungszentrum leiten Hermann Gerland und Jochen Sauer. Der Sportdirektor Hasan Salihamidzic soll zwar von Rummenigge vorgeschlagen worden sein, ist aber ein Vertrauter von Hoeneß. Mit Jupp Heynckes ist ein enger Freund des Präsidenten wieder Trainer. Und auch die Rückholaktion von Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt passt zur Hoeneß-Strategie der familiären Klubführung.

Wohin führt Romantiker Hoeneß den FC Bayern?

"Er hat den FC Bayern sehr genau beobachtet und analysiert", sagte Sammer kürzlich der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Er ist dabei, die Entscheidungen, zusammen mit Karl-Heinz Rummenigge, so zu treffen, dass der FC Bayern, den er jahrelang geprägt hat, wieder erkennbarer wird, als das zwischendurch der Fall war." Für Sammer ist Hoeneß ein "Romantiker", was ausdrücklich nichts Schlechtes sei.

Diese bayerische Ära der Romantik wird auch am Freitagabend wieder sehr gut ankommen und vermutlich für viele Uli-Sprechchöre sorgen. Eine Neuwahl des Präsidiums steht zwar dieses Jahr nicht auf der Tagesordnung, aber Hoeneß führt als Präsident durch den Abend und hat gleich bei Tagesordnungspunkt eins das Rederecht.

Hoeneß wird vermutlich davon berichten, was der FC Bayern aktuell gerade richtig macht und was er besser macht als andere Verein. Auch die eine oder andere Spitze dürfte als folkloristische Würze dabei sein. Vielleicht präsentiert er aber auch seine Strategie für die Zeit nach Uli Hoeneß, denn das ist die eigentliche Aufgabe des zurückgekehrten Präsidenten.

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