"Der Umgang mit Götze tut mir manchmal weh"

Nuri Sahin feierte in der letzten Saison nach einem Jahr Verletzungspause sein Comeback beim BVB
© getty
Cookie-Einstellungen

Frage: Einer dieser jungen Spieler und Kollege in der türkischen Nationalmannschaft ist Emre Mor. Er wurde schon als die Blume des türkischen Fußballs bezeichnet. Was macht ihn in Ihren Augen so besonders?

Sahin: Er tut sehr unerwartete Dinge, hat gerade auch aus dem Stand ein extremes Tempo, ist stark im Eins-gegen-eins und spielt grundsätzlich einfach frech auf. Er hat etwas in seinem Spiel, das nicht viele Fußballer haben. Emre ist definitiv ein besonderes Talent. Als ich ihn bei der Nationalmannschaft das erste Mal gesehen habe, war ich wirklich beeindruckt.

Frage: Kann er mit diesen unerwarteten Dingen auch mal seine eigenen Mitspieler überraschen, wenn die nicht wissen, was er mit dem Ball genau vor hat?

Sahin: Im letzten Drittel kann er das gerne machen. (lacht) Ich habe einen sehr guten Draht zu ihm und seiner Familie, wir helfen ihm alle so gut es geht. Er hat einen langen Weg vor sich und muss noch einiges lernen. Wenn er ihn aber weitergeht, hat er eine große Zukunft vor sich.

Frage: Werden derzeit eigentlich neue Abläufe und Inhalte trainiert oder baut der Trainer auf dem Gerüst des Vorjahres auf?

Sahin: Die Philosophie von Thomas Tuchel ist grundsätzlich dieselbe geblieben und uns mittlerweile auch sehr gut bekannt. Die Neuen müssen jetzt mit unserer Hilfe zusehen, dass sie diese Abläufe verinnerlichen. Ich würde sagen, da befinden wir uns für den aktuellen Stand auf einem guten Weg.

Frage: Die erste echte Prüfung findet bereits am kommenden Sonntag statt, wenn die Borussia im Supercup den FC Bayern empfängt. Ist das nur ein Test auf hohem Niveau oder deutlich mehr?

Sahin: Es geht in diesem einen Spiel um einen Titel, mit dem man sich belohnen kann. Es gibt in Deutschland und wohl auch weltweit keinen schwereren und besseren Gegner als Bayern München. Deshalb ist das zugleich ein sehr guter Test. Wir werden nicht den Fehler machen, es in Anführungszeichen nur als Testspiel zu sehen. So werden das auch die Bayern nicht angehen. Wir nehmen das Spiel sehr ernst.

Frage: Auf Bayern-Seite wird Mats Hummels in den Signal Iduna Park zurückkehren, beim BVB ist es besonders für Mario Götze ein brisantes Spiel. In diesen Tagen wirkt er, als habe er sich wieder ganz normal in die Gruppe eingegliedert, so als sei er nie weg gewesen. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Sahin: Was den Kontakt und die Freundschaft angeht, war er ja auch nie weg. Ich kenne Mario, seit er mit 15 oder 16 das erste Mal bei uns dabei war. Er freut sich jetzt, dass er sich wieder nur auf den Fußball konzentrieren kann. Wir mussten ihn oder Andre Schürrle jetzt nicht besonders an die Hand nehmen und ihm alles erklären. Mario ist, wie er ist und hat auch von sich auch wieder den Kontakt gesucht. Dieses Drumherum regelt er meiner Meinung nach ganz gut.

Frage: Der Rummel um ihn hat seit Jahren gigantische Ausmaße angenommen. Glauben Sie, das könnte sich in Dortmund langfristig auf Normalmaß einpendeln?

Sahin: Nein, das wird nie abnehmen. Der Name Mario Götze wird im Fußball immer etwas Besonderes sein. Das ist ganz einfach so, wirkliche Ruhe wird da nie einkehren. Wir sind alle gute Fußballer, aber es gibt Spieler, die ihre gesamte Karriere über extrem im Fokus stehen. Mario kennt das gar nicht anders. Ich werde nie vergessen, welche grandiosen Dinge er im ersten Profi-Training unter Jürgen Klopp getan hat. Da habe ich sofort gesagt: Der muss am Wochenende spielen! So extrem gut war das. Und wenn wir als Mitspieler schon so etwas gedacht haben, dann war es unvermeidlich, dass dieser Hype um ihn aufkam.

Frage: Zumal er mit seinem Wechsel von Dortmund nach München und dem Siegtreffer bei der WM 2014 auch schon viele Aufs und Abs in kurzer Zeit erlebt hat.

Sahin: Das ist ja das Verrückte. Was alles auf ihn schon eingeprasselt ist, obwohl er erst 24 ist - Wahnsinn. Ich will nicht wissen, was passiert wäre, wenn ein anderer dieses Tor geschossen hätte. Der wäre längst unantastbar und unsterblich. Dass man Mario in der Öffentlichkeit immer noch so gnadenlos beurteilt, dieser Umgang mit ihm, das tut mir manchmal echt weh. Er war häufig lange verletzt, seine Quoten in Sachen Toren und Vorlagen waren aber trotzdem immer sehr ordentlich - selbst im letzten Jahr. Die Erwartungen an ihn sind und waren einfach so hoch, dass man jede seiner Aktionen doppelt und dreifach bewertet.

Inhalt:
Artikel und Videos zum Thema