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Fussball

Mal grau, mal königsblau

Andre Breitenreiter ersetzte vor der Saison Roberto Di Matteo als Schalke-Trainer
© getty

Der FC Schalke 04 präsentiert sich in dieser Saison so wechselhaft wie sonst nur das Wetter. Beängstigend trostlosen Darbietungen folgen oft Galavorstellungen. Mögliche Gründe für die Inkonstanz gibt es einige. Eine Ursachensuche.

Am 2. August 2015 strahlte der Himmel über Gelsenkirchen blau. Man könnte fast sagen königsblau. Perfektes Wetter, um etwa einen Hubschrauberflug zu genießen. Passenderweise bot der lokale Klub FC Schalke 04 genau dies an seinem Fan-Tag an. Man tat alles, um die Anhängerschaft zu begeistern.

Außerdem stellte sich der neue Trainer vor. Da stand Andre Breitenreiter also auf der Bühne, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen und verkündete: "Wenn wir und das Umfeld auch in schwierigen Phasen Geduld haben, werden wir brutal erfolgreich sein und viele Siege feiern." Annähernd 100.000 Menschen versammelten sich an diesem Tag am Schalker Vereinsgelände und sogen die neue Euphorie um den Verein auf.

Jetzt ist es kalt und auch oft windig. Der Himmel ist meist grau und die Fans wissen: Ihr Verein ist weder "geduldig" noch "brutal erfolgreich". Er ist vielmehr hektisch und brutal inkonstant. Schalke ist gewissermaßen der rätselhafteste Klub der laufenden Bundesligasaison. Mal kreiselt der Ball, wie einst unter Fritz Szepan und Ernst Kuzorra in den 1930er Jahren, mal rumpelt es krachend wie zu Fahrstuhlzeiten in den 1980er Jahren.

Eine Saison im Zeitraffer

All die Inkonstanz, die Schalke seit Saisonbeginn verfolgt, bekamen die königsblauen Fans und die mal begeisterte, mal mitleidige Öffentlichkeit in den vergangenen knapp zwei Wochen im Zeitraffer geboten. Diese zwei Wochen hatten alles: Sie hatten besorgniserregende Leistungen und Galaauftritte, sie hatten Grundsatzdebatten über die sportlichen Ziele, Trainerdiskussionen und sie hatten Fans, die ihre Mannschaft mal verhöhnten und mal feierten.

Eine Chronologie: Breitenreiter spricht vom Europa-League-Sieg. Schalke verliert im eigenen Stadion mit 0:3 gegen Schachtjor Donezk, scheidet in der Europa-League aus und wird von den eigenen Fans verhöhnt. Breitenreiter kritisiert die überzogene Erwartungshaltung der Fans. Schalke enttäuscht beim 0:0 gegen eine abstiegsbedrohte Frankfurter Eintracht. Breitenreiter liefert sich ein verbales Duell mit Chefkritiker Lothar Matthäus. Bald-Manager Christian Heidel soll sich mit Lucien Favre getroffen haben und entfacht so eine Trainerdiskussion. Schalke schlägt den Hamburger SV und den 1. FC Köln in begeisternder Manier, erzielt dabei sechs Treffer und klettert auf den Champions-League-Qualifikationsplatz vier.

Fußball, der mitnimmt

Vor der Saison hätten wohl alle Schalker Entscheidungsträger diesen vierten Rang nach dem 25. Spieltag unterschrieben. Vor der Saison wurden bewusst keine platzierungsorientierten Zielvorgaben genannt - schnell machte der Begriff "Übergangsjahr" die Runde. Es ging darum, die Fans nach einer verdrießlichen Saison, die mit trostlosem Di-Matteo-Fußball auf dem sechsten Platz endete, wieder zu begeistern. Schalke wolle "offensiv ausgerichteten Fußball, der die Zuschauer mitnimmt", bieten, erklärte Breitenreiter.

Mitnehmen tut der Schalker Fußball seine Zuschauer jedenfalls - mal im positiven, aber zu oft auch im negativen Sinne. Restlos aufklären lässt sich diese Inkonstanz nicht, Erklärungsversuche lassen sich aber finden.

Da ist einerseits ein Kader, der auf vielen entscheidenden Positionen von blutjungen Spielern getragen wird. Speziell im Mittelfeld, dem Herz einer jeden Mannschaft, agieren bei Schalke viele zweifellos talentierte, aber eben auch sehr unerfahrene Spieler. Leistungsschwankungen sind da so natürlich wie eine Zigarre im Mundwinkel von Rudi Assauer.

Beim jüngsten 3:1-Sieg gegen Köln waren etwa vier der fünf Mittelfeldspieler 22 Jahre alt oder jünger. Gelingen wie gegen Köln die ersten Aktionen, können sie sich in einen Rausch spielen; kommt Schalke nur träge ins Spiel, schleicht sich schnell hemmende Verunsicherung ein.

Die Zukunft ist die Gegenwart

Max Meyer, Johannes Geis, Alessandro Schöpf sind zweifellos die Schalker Zukunft. Sie sind aber auch die Gegenwart - und in dieser bräuchten sie mehr erfahrene Ruhepole, die in schwächeren Phasen das Kommando übernehmen. "Wir haben viele junge Profis, die alle noch Zeit benötigen", erkannte Breitenreiter schon früh.

Potentielle Leitwölfe hat der Kader wenige. Klaas-Jan Huntelaar lief lange Strecken der Saison seiner Form hinterher, Benedikt Höwedes war und ist ob seiner Verletzungsprobleme lange außer Gefecht und Ralf Fährmann als Tormann weit weg vom Spielgeschehen. Routinierte Mittelfeldspieler fehlen gänzlich.

Das Mittelfeld, überhaupt. Im Sommer verließ Gallionsfigur Julian Draxler den Verein und riss eine große Lücke in den Kreativbereich. Schon Mitte der Hinrunde klagte Breitenreiter: "Wir haben wenige Optionen zu wechseln in der Offensive. Unser Kader ist nicht so breit aufgestellt wie der von Bayern, Dortmund, Gladbach, Leverkusen und Wolfsburg."

Damit kritisierte er über Umwege auch die Transferpolitik von Manager Horst Heldt, der auf den Abgang von Draxler nicht reagierte und die knapp 36 Millionen Euro, die das Eigengewächs einbrachte, nicht direkt reinvestierte, sondern erst mit Verzögerung. Im Winter kamen mit Younes Belhanda und Alessandro Schöpf zwei dringend benötigte Kreativspieler.

Lieblingsvokabel "zeitnah"

Fast folgerichtig landet man bei dem nächsten Schalker Problemfeld: Horst Heldt selbst. Nachdem bekannt wurde, dass der Vertrag des Managers nicht verlängert wird, stand ein sofortiger Abschied Heldts im Raum. Statt eine Entscheidung zu treffen und dem Verein und den Spielern Planungssicherheit zu geben, nutzte Heldt die Zeit stattdessen um sich ein neues Lieblingsvokabel zuzulegen - und es direkt exzessiv zu gebrauchen: "Zeitnah".

Ein dehnbarer Begriff, den Heldt bis aufs Äußerste strapazierte. So lange bis er schließlich bekanntgab, seinen Vertrag zu erfüllen. "Ich identifiziere mich zu 100 Prozent mit dem Verein", erkannte Heldt nach wochenlangen Überlegungen. Breitenreiter kamen die damit entstandenen Diskussionen ungelegen: "Die Unruhe nehmen wir alle wahr. Die handelnden Personen sind jetzt an der Reihe, sich zu erklären."

Als sie sich erklärten, steckte Schalke in der ersten großen Krise der Saison. Sieben Spiele lang blieb S04 im Herbst wettbewerbsübergreifend in Folge sieglos. Es kamen erste Zweifel am vermeintlichen Heilsbringer Breitenreiter auf - nach einer 1:3-Heimpleite gegen den Abstiegskandidaten Werder Bremen Ende Januar wurden sie lauter.

Zwischenmenschliche und taktische Zweifel

Zweifel, die sich vor allem auf zwei Bereiche bezogen: Das zwischenmenschliche Verhalten und die Taktik. Ohne Quellen zu nennen berichtete Sky von "massiver interner Kritik, die sich durch alle Bereiche des Vereins zieht", und "zwischenmenschlich arge Probleme". Aussagen, die im wilden, fast schon hysterischen Umfeld, in dem Schalke lebt, trotz aller offizieller Dementis für Unruhe sorgen.

Außerdem wären da fatale taktische Fehleinschätzungen. Breitenreiter trat an, um Offensiv-Fußball zu präsentieren. Untermauern wollte er dies mit einem Zwei-Stürmer-System. Der jahrelang erprobte Knipser Huntelaar neben dem Königstransfer Franco Di Santo. So lautete der verheißungsvolle Plan, der in der Vorbereitung intensiv einstudiert wurde - um dann krachend zu scheitern.

Bis Anfang November, bis zur Derby-Pleite gegen Borussia Dortmund hielt Breitenreiter weitestgehend an seinem 4-4-2-System fest. Die Bilanz nach zwölf Bundesligaspielen: Huntelaar, vier Treffer. Di Santo, null Treffer. Breitenreiter reagierte, beorderte den Argentinier auf die Bank und ließ Huntelaar fortan als Solospitze stürmen.

"Uns fehlt ein Knipser wie ihn jeder andere Top-Verein hat", sagte Breitenreiter. Eine Aussage, die aus zweierlei Gründen für Verwunderung sorgte: Da wäre einerseits Huntelaar, der bereits über 100 Treffer für Schalke erzielte und nachweislich einer der gefährlichsten Bundesliga-Stürmer der vergangenen Jahre ist; und andererseits wäre da Di Santo, Breitenreiters erklärter Wunschstürmer, den sich Königsblau sechs Millionen Euro kosten ließ.

"Wucht mancher Medien nicht erwartet"

Andre Breitenreiter ist zweifelsohne ein Trainer, der begeistern kann, der mitreißen kann. Er ist kein Ja-Sager. Er ist einer, der zu seiner Meinung steht. Dass dies auf Schalke anders wahrgenommen und diskutiert wird als bei seinem Ex-Verein SC Paderborn war ihm zu Beginn aber wohl nicht ganz klar. "Die Wucht mancher Medien habe ich in dieser Form nicht erwartet", gab Breitenreiter jüngst in einem Interview mit der Sport Bild zu.

"Geduld in schwierigen Phasen" forderte er im Sommer unter königsblauem Himmel ein. Geduld, die Breitenreiter und seine Spieler - teils unverschuldet, teils eigenverschuldet - bereits aufs Äußerste strapaziert haben. Fakt ist aber auch: Schalke hat eine junge, talentierte Mannschaft, die derzeit Vierter und auf Champions-League-Kurs ist. Nicht die schlechteste Bilanz für das vielzitierte "Übergangsjahr".

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