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Fussball

Keine Zeit zum Träumen

Von Ole Frerks / Florian Reindl
Markus Weinzierl und Stefan Reuter stehen vor einer schwierigen Saison mit dem FC Augsburg
© getty

Markus Weinzierl kann auf eine großartige Saison zurückblicken und gilt als eine Art Shooting-Star der deutschen Trainerszene. Dennoch steht er beim FC Augsburg (FCA vs. BVB, 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) nun wieder vor einer gigantischen Aufgabe. SPOX traf den Coach zum Gespräch über die neue Saison, die zahlreichen Abgänge beim FCA und seine Pläne für die Zukunft.

Markus Weinzierl kommt in Trainingsklamotten zum Pressegespräch. Er wirkt gelöst, gut gelaunt streckt er die Hand aus. "Servus, wie geht's dir?" Es wird ein bisschen Small-Talk betrieben, bevor das Interview beginnt.

Als die Kamera angeht, lässt sich zunächst kein Unterschied feststellen. Weinzierl bleibt entspannt und ist ein freundlicher Gesprächspartner. Mit zunehmender Zeit merkt man jedoch: Er hat den Modus umgestellt. Von privat auf professionell.

Jede Antwort ist wohlüberlegt, der Trainer des FC Augsburg weiß, was er wie sagen will. Plattitüden, reißerische Aussagen, emotionale Ausbrüche - all das ist von Weinzierl nicht zu erwarten. Er ist ein geerdeter Typ. Das hat er sich über all die Jahre als Spieler und Trainer beibehalten.

"Ich denke nicht, dass mich das Fußballgeschäft menschlich verändert hat", sagt Weinzierl selbst. "Ich will auch eigentlich der Gleiche bleiben." Der Gleiche bleiben, das heißt: Er wohnt noch immer in der Nähe seines Geburtsorts Straubing, keine zwei Stunden entfernt von Augsburg. Er verbringt so viel Zeit mit seinen Kindern wie möglich.

Wo einige Trainer das Rampenlicht genießen, erledigt Weinzierl am liebsten in Ruhe seine Arbeit - und fährt danach zurück nach Hause, zu seiner Familie.

Lehren vom DFB-Team

Natürlich spielt der Beruf als Bundesligatrainer aber auch dort eine Rolle. Wie zum Beispiel bei der WM, als er sich "in jedem Spiel ein paar Kleinigkeiten" für seine Mannschaft abschaute. Er ist immer auf der Suche nach Ideen, mit denen er seinen eigenen Stil verfeinern kann.

Am Sieg der deutschen Mannschaft, den er zuhause mit seiner Frau, den Kindern und ein paar Freunden sah, freute ihn besonders die folgende Erkenntnis: Das DFB-Team habe nicht nur die besten Einzelspieler, "sondern das beste Kollektiv" gehabt. Das stärkte ihn in seiner eigenen Philosophie.

Auch der FCA hat schließlich - natürlich auf einer völlig anderen Ebene - mit Teamwork einen für seine Verhältnisse herausragenden Erfolg erzielt in der letzten Saison. Platz acht, nur ein Punkt hinter dem europäischen Geschäft - das hätte vor der Saison niemand vorhergesehen, zumal man in der Vorsaison noch akut abstiegsgefährdet war.

Besser als Pep und Klopp

Das entging auch den Spielern der Bundesliga nicht, die ihn noch vor Pep Guardiola und Jürgen Klopp zum "Trainer des Jahres" wählten. In der alljährlichen "kicker"-Umfrage landete Weinzierl auf Platz zwei - hinter Weltmeister-Coach Joachim Löw.

"Das ist eine tolle Auszeichnung", sagt Weinzierl dazu und fährt dann damit fort, die Mannschaft, das Trainerteam und den Verein an sich in den Vordergrund zu stellen. Er ist Realist genug, um zu wissen, dass in diesem Jahr fast alles optimal lief und er dafür keineswegs allein verantwortlich war.

Er weiß auch, dass diese "Traum-Saison" nicht so einfach zu replizieren sein wird. Im Gegenteil: Eine Wiederholung oder gar eine Steigerung des Vorjahres-Resultates wäre eine ziemliche Sensation. Die neue Saison stellt für den FCA und seinen Coach eine immense Herausforderung dar - schon wieder.

Augsburg hat noch immer einen der niedrigsten Etats im Oberhaus und schon in der Frühphase der Saison Verletzungsprobleme. Und nicht zuletzt hatten die Fuggerstädter im vergangenen Sommer einen enormen Aderlass zu verkraften.

Neuaufbau wider Willen

Kevin Vogt, Matthias Ostrzolek, Dong-Won Ji, Raphael Holzhauser, Mo Amsif, natürlich Andre Hahn - sie alle hatten zumindest zeitweise zentrale Rollen im Spiel des FCA inne. Vor allem Hahn dürfte schwer zu ersetzen sein, ist er doch ein Spieler, der perfekt zum Spielstil Weinzierls passt.

Das Augsburger Spiel - und vor ihm das Regensburger - fußt auf schnellem Umschalten mit überfallartigem Konterspiel. In Regensburg waren es vor allem die schnellen Offensivspieler Tobias Schweinsteiger und Ronny Philp, über die fast jeder Angriff aufgezogen wurde. In der vergangenen Saison waren Hahn mit 22 Scorerpunkten und Tobias Werner (13) die wichtigsten Offensivkräfte in Augsburg.

Es wird nicht leicht, all diese Abgänge zu ersetzen, zumal sich die Neulinge auch erst an Weinzierl gewöhnen müssen. Er gilt als Trainer, der enge Beziehungen zu seinen Spielern pflegt, der dafür aber auch Disziplin einfordert. Wer seinen Weg nicht zu 100 Prozent mitgeht, kann sich schnell auch auf der Bank wiederfinden.

"Fangen wieder bei Null an"

In Regensburg beispielsweise schickte er Spieler zum Laufen, wenn ihnen der Ball im Training mal versprang oder sie eine Übung nicht mit voller Energie absolvierten - Methoden, die man sonst eher mit der C-Jugend verbindet. Auch vermeintlich große Namen wie Andreas Ottl scheiterten bereits daran, Weinzierls hohe Ansprüche zu erfüllen.

Der Saisonstart mit dem Aus gegen Magdeburg im Pokal und der Auftaktniederlage gegen Hoffenheim lieferte bereits zwei gute Anschauungsbeispiele, dass beim FCA noch lange nicht alles funktioniert und dass die Mannschaft nicht die individuelle Qualität besitzt, fehlende Mechanismen im Kollektiv auszugleichen. Aber Weinzierl bleibt geduldig, schließlich hat er in Augsburg bereits eine Hinrunde mit nur neun Punkten überstanden.

"Endgültig können wir die Frage, wie gut wir die Abgänge kompensiert haben, erst nach ein paar Spielen beantworten", sagt er, "wir fangen wieder bei Null an." Sich über mangelnde Transferausgaben zu beschweren wäre nicht seine Art, zudem hat er sich ohnehin bewusst für diese spezielle Situation in Augsburg entschieden.

Glücklich in Augsburg

Weinzierl ist ein gefragter Mann - bei jeder freigewordenen Trainerstelle in der Bundesliga fiel zuletzt sein Name, unter anderem soll Bayer Leverkusen stark an ihm interessiert gewesen sein, bevor Roger Schmidt verpflichtet wurde. Doch er weiß auch, was er an Augsburg hat.

Trotz der mittlerweile gestiegenen Erwartungshaltung kann er hier in Ruhe arbeiten, wenn es einmal nicht so läuft. Er und Geschäftsführer Sport Stefan Reuter haben sich das nötige Vertrauen dafür erarbeitet. Augsburg bietet ein wenig hektisches Umfeld, Weinzierl und seine Spieler stehen nicht so unter Beobachtung, wie es bei größeren Vereinen der Fall wäre.

"Wir arbeiten hier gut zusammen und haben in den letzten Jahren eine tolle Entwicklung genommen. Wir sind mittendrin dabei, den FC Augsburg in der ersten Liga zu etablieren, und das macht mir nach wie vor unheimlich viel Spaß", erklärt er seine Entscheidung, zu bleiben.

Nicht zuletzt ist er nah an der Heimat, was für den Familienmenschen Weinzierl enorm wichtig ist. Der FCA und er, das passt einfach gut zusammen, für den Moment jedenfalls.

"Wer anfängt zu träumen, ist verloren"

Fragen zu seiner Zukunft weicht der Coach im Gespräch aus. "Ich habe hier Vertrag bis 2017", sagt er dann; "Mit dem Negativszenario befasse ich mich jetzt nicht", entgegnet er auf die Frage, ob er auch im Abstiegsfall in Augsburg bleiben würde.

Fragt man ihn, ob er sich beispielsweise selbst als Nachfolger von Joachim Löw vorstellen könnte, antwortet er trocken: "Diese Frage stellt sich nicht, weil Jogi Löw ja die Nationalelf trainiert und ich den FC Augsburg." Stattdessen kündigt er an, mit dem FCA "den nächsten Schritt" machen zu wollen.

Dass er auf ewig dort bleiben wird, muss man deswegen jedoch nicht annehmen. Weinzierl ist ein ehrgeiziger Typ, der die Kompetenz und auch das Selbstvertrauen mitbringt, um früher oder später einen ambitionierteren Klub zu übernehmen. Der internationale Wettbewerb reizt ihn sehr, und vermutlich wird er sein Kleinstadt-Idyll dafür irgendwann verlassen müssen.

Für den Moment hat er dort allerdings zu viel zu tun, um sich mit anderen Szenarien zu beschäftigen. "Wer als Trainer anfängt zu träumen, ist verloren", so lautet seine Einstellung. Wer Markus Weinzierl einmal erlebt hat, dürfte sich darum bei ihm jedoch keine Sorgen machen.

Markus Weinzierl im Steckbrief

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