Cookie-Einstellungen
Fussball

"Irgendwann verlasse ich Bayer"

Am 23. Januar 2005 absolvierte Gonzalo Castro sein erstes Bundesligaspiel für Bayer Leverkusen
© imago

SPOX: Ist es als Außenverteidiger grundsätzlich gar nicht möglich, eine größere Verantwortung für das Spiel seiner Mannschaft zu tragen?

Castro: Doch, das schon. Aber man ist eben in erster Linie an seine Defensivaufgaben gebunden. Man muss seine Seite dicht machen, das ist das oberste Gebot. Wenn man dann einen starken Gegenspieler hat, der einen defensiv bindet, wird es immer schwieriger, hoch zu stehen und die Bälle zu fordern. Ich bin von meinem Naturell her eher ein Spieler, der gerne jeden Ball haben möchte.

SPOX: Die vielen Spiele wurden für Sie auch deshalb möglich, weil Sie nie schwer verletzt waren. Welche Rolle spielt der Faktor Glück in der Karriere eines Profifußballers?

Castro: Eine sehr große. Der eine Spieler hat Pech, ein anderer ersetzt ihn. Das kann sehr schnell und unvorhergesehen passieren. Mit dieser Tatsache muss man sich im Fußball leider einfach abfinden. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich das Glück, dass der Trainer meinen Spielstil gemocht hat und sich zeitgleich ein paar Spieler verletzt hatten. Dann stand die Tür für mich offen.

SPOX: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie in Ihrer Karriere bislang mehr Glück oder mehr Pech hatten, beschäftigt das einen?

Castro: Nicht wirklich. Das bleibt ja unter dem Strich sowieso immer hypothetisch. Die Karrieren von Fußballern laufen immer sehr individuell ab. Man trifft zahlreiche Entscheidungen und weiß nie, ob man damit einen Volltreffer landet oder nicht. Der Umgang damit macht einen erfahrener, aber sich wegen irgendetwas zu grämen bringt einfach nichts. Es kann sein, dass ich mir am Ende meiner Karriere mal Zeit nehmen und darüber nachdenke werde, wann ich klügere Entscheidungen hätte treffen sollen. Wenn man noch aktiv spielt, fehlt einem dazu auch irgendwie die Zeit (lacht).

SPOX: Würden Sie sich wünschen, als Fußballer mehr Zeit zu haben, um Erfahrungen intensiver zu erleben und besser zu verarbeiten?

Castro: Klar. Die zehn Jahre, die ich jetzt schon bei Bayer Profi bin, sind wie im Flug vergangen. Schauen Sie sich die deutschen Weltmeister an: Der Erfolg steht jetzt zwar für immer auf deren Visitenkarte, aber vier Wochen nach dem Finale geht schon wieder das Tagesgeschäft los und man muss sich neu beweisen. Da hilft einem der WM-Gewinn nicht mehr weiter.

SPOX: Als es in der vergangenen Saison bei Bayer nicht mehr richtig rund lief, standen auch Sie am Pranger. Wieso ist das so, dass man in Krisenzeiten mit Spielern, die scheinbar zum Inventar des Klubs gehören, besonders hart ins Gericht geht?

Castro: Das ist eine Frage der Identifikation. In jedem Verein gibt es Spieler, die schon lange für den Klub spielen oder wie ich sogar aus der eigenen Jugend kommen. Mit ihnen identifizieren sich die Fans leichter und daher sollen diese Spieler auch Verantwortung übernehmen. Alle Spieler tragen in Zeiten, es denen es nicht laufen will, die Schuld. Aber man kann nicht 25 Spieler rausschmeißen. Daher konzentriert sich die Kritik eher auf die Erfahrenen, die bereits viele Jahre mit dem Verein auf dem Buckel haben. Das ist nicht immer total gerecht, aber dennoch irgendwo auch nachvollziehbar.

SPOX: Am Ende der letzten Spielzeit sagten Sie, Ihr Verbleib in Leverkusen hinge von einem Gespräch nach Saisonschluss ab. Wie kann man sich so etwas vorstellen?

Castro: Wir sind erst einmal alle in den Urlaub gefahren und haben die vergangene Saison abkühlen lassen. Danach habe ich Gespräche geführt, immer im Guten. Das läuft sehr freundschaftlich ab und hört sich für Außenstehende vielleicht dramatischer an, als es in Wirklichkeit ist. Ich sprach mit dem neuen Trainer, um zu erfahren, ob er mit mir plant und welche Vorstellungen er von mir hat. Ich habe mich auch mit Rudi Voller zusammengesetzt, den ich ja nun schon seit Jahren kenne und zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis pflege.

SPOX: Verlassen haben Sie den Verein nicht. Was waren die Gründe dafür?

Castro: Der Trainer hat mich als Persönlichkeit und mit seiner Spielidee schon sehr positiv überrascht. Dass er dann noch auf mich setzt, macht die Sache natürlich rund. Hinzu kommen die Gründe, von denen ich vorhin schon sprach: Ich fühle mich bei Bayer nicht unwohl.

SPOX: Hätte es Optionen für einen Wechsel gegeben?

Castro: Ja. Die Messlatte in Leverkusen ist aber sehr hoch, wir spielen sehr häufig international. So einen Verein verlässt man nicht beim ersten Gegenwind.

SPOX: Wenn Ihr aktueller Vertrag endet, werden Sie 29 Jahre alt sein. Könnte dies das Alter sein, in dem Sie überlegen, ob ein fußballerischer Auslandsaufenthalt sinnvoll wäre?

Castro: Das könnte sein, auch wenn es schwer fällt, in die Zukunft zu blicken. Irgendwann verlasse ich Bayer, diese Zeit wird sicherlich kommen. Das Ausland reizt mich. Ich bin in dieser Hinsicht offen für jede neue Erfahrung. Aber wann, wie und wo - das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich bin ja noch jung und habe Zeit (lacht).

SPOX: Ist es für Sie nach all den Jahren überhaupt vorstellbar, was passiert, wenn der bekannte Leverkusen-Alltag auf einmal wegfallen würde?

Castro: Sollte es soweit kommen, denke ich, dass es einfach völlig anders sein wird als das, woran ich mich jetzt gewöhnt habe. Ich glaube, dass es für einen Menschen durchaus interessant sein kann, wenn er mal eine neue Umgebung, neue Menschen oder eine neue Sprache kennenlernt. Dadurch entwickelt man sich als Persönlichkeit weiter. Dieser Aspekt gehört ja auch zum Leben, ganz egal, ob man von Beruf Fußballprofi ist oder nicht.

Seite 1: Castro über den neuen Bayer-Fußball und Nachteile seiner Flexibilität

Seite 2: Castro über Glück im Fußball und seine Lust aufs Ausland

Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung