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Fussball

Von der Basis bis zur Technik

Von Stefan Rommel
Das neue Herzstück von Werder Bremen: Dutt setzt auf konzentrierte Defensivarbeit
© getty

Wenn es ganz schlecht läuft für Werder Bremen vor dem Spiel bei Borussia Dortmund am Freitagabend (ab 20.15 Uhr im LIVE-Ticker), dann muss Trainer Robin Dutt gravierende Umstellungen am Herzstück seiner Mannschaft vornehmen.

Dutt überlegt auf Grund verletzter und angeschlagener Spieler sogar die generelle Spielausrichtung umzustellen. "Wenn Clemens Fritz und Luca Caldirola ausfallen, muss ich mir etwas einfallen lassen. Möglicherweise sogar eine Systemumstellung", sagt Dutt.

Ein paar Stunden später stand fest, dass Fritz die Reise nach Dortmund nicht mit antreten kann. Der Kapitän hat seine muskulären Probleme nicht rechtzeitig in den Griff bekommen. Caldirola plagt sich mit einer Verletzung am linken Sprunggelenk herum, konnte unter der Woche kaum trainieren.

Es ist noch nicht lange her, da wurde der eine oder andere Ausfall eines Defensivspielers in Bremen eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Aber zwei Siege ohne Gegentor, in denen der jeweilige Gegner nicht eben viele hochkarätige Chancen erspielen konnte, verschieben die Gemengelage ein wenig.

Ein ganzes Stück weg von Catenaccio

Von einem Markenzeichen zu sprechen, wäre überstürzt. In den beiden Partien gegen Aufsteiger Braunschweig und notorisch ungefährliche Augsburger waren die Offensivleistungen der Gegner überschaubar. Bremer Medien riefen - offenbar inspiriert vom Klischee eines dauerverteidigenden Luca Caldirola - gleich einen bremischen Catenaccio aus.

Immerhin ist die Defensive aber das neue Schwarz. Oder zumindest dessen genereller Denkansatz. Sie ist der Kern der Bremer Unternehmungen bisher.

Wie nicht anders zu erwarten, ließ der neue Trainer nach der Flut an Gegentoren in den letzten Jahren besonders die Abläufe im Defensivverhalten der gesamten Mannschaft einstudieren. Einige Dinge funktionieren dabei schon ganz passabel. Werder steht tiefer als unter Thomas Schaaf und hat seine Offensivspieler effizienter ins Defensivspiel eingebunden.

Noch viele Probleme

Es gibt aber noch deutlich mehr Dinge, die nur schleppend oder gar nicht funktionieren. Zwischen defensivem Mittelfeld und Viererkette klafften in den drei Pflichtspielen kratergroße Löcher, Spieler wie das Laufwunder Zlatko Junuzovic oder Cedric Makiadi betreiben zwar einen enorm großen Aufwand, vergeuden aber durch eine schlechte Abstimmung untereinander viele Ressourcen. So entstehen Fehlerquellen in rauen Mengen, die die bisherigen Gegner schlicht nicht in der Lage waren konsequent zu bespielen.

Borussia Dortmund wird sehr wahrscheinlich nicht so nachsichtig sein mit Werder. Trainer Dutt vertraut trotzdem auf seine Mannschaft und die Fortschritte aus der Vorbereitung. Immerhin ist Werder in der Lage, auch mitten in einer Partie das System gewinnbringend umzustellen. Die nötigen Impulse dazu liefert Dutt in Form von Anweisungen und gelungenen Spielerwechseln.

"Wir haben das große Plus, dass wir momentan über eine sehr gute Bank verfügen. Egal ob Spieler wie Aleksandar Ignjovski oder Felix Kroos, sie alle können jederzeit die nötige Stabilität in die Defensive bringen", sagt Dutt in Anspielung auf den Wackelkandidaten Caldirola.

"Ein sehr harter Job"

Grundstein dafür sei die Wissbegierde seiner Mannschaft, findet Dutt. "Du redest als Trainer gegen eine Wand, wenn die Mannschaft nicht möchte, aber diese Mannschaft will. Sie hat verinnerlicht, wie herum wir den Fußball entwickeln müssen - von der Basis zur Technik. Und sie weiß, dass das ein sehr harter Job ist."

Von der Basis bis zur Technik ist die handwerkliche Umschreibung eines Übungsleiters für das, was die Bremer Fans bisher zu sehen bekamen: Eine hausbackene Offensive, der noch sehr viele Facetten fehlen, um auch nur annähernd an die Phasen des Event-Fußballs unter Schaaf heranzureichen. Zeitweise spielte Werder wie aus einer anderen Fußballepoche.

Da war eine Menge "kick", das traditionelle "rush" fällt dazu aber recht bescheiden aus. Die Mittelfeldspieler im 4-3-3 rücken nicht entschlossen nach, früher Druck auf den Gegner wird nur in kleinen Dosen verabreicht. Die Verbindung zwischen Abwehr- und Angriffsreihe ist oft ein langer, hoher Ball.

Pragmatismus steht ganz oben

Das ist weder schön, noch kreiert es eine Menge Torchancen. Aber die Mannschaft kann ohne großen Aufwand defensiv ihre Ordnung halten, dazu sind Ballverluste durch riskante Abspiele oder Dribblings quasi ausgeschlossen. Knifflige Spielsituationen bei eigenem Ballbesitz werden so nicht mehr spielerisch gelöst, sondern mit dem groben Holz.

Der jetzige Entwicklungsstand der Mannschaft lässt Dutt offenbar keine andere Alternative. Im Spiel gegen den BVB, den Manager Thomas Eichin als "momentan beste deutsche Mannschaft" einstuft, wird Werder einen Teufel tun, davon auch nur einen Millimeter abzuweichen. Jürgen Klopps Pressingmaschine soll erst gar keine Gelegenheiten bekommen heißzulaufen.

Mielitz mit forschen Tönen

Ganz vorsichtig traut sich der eine oder andere aber auch zu, in Dortmund eine gute Rolle zu spielen. "Das ist eine Riesenaufgabe. Da müssen wir noch die eine oder andere Finte einbauen, dann haben wir auch dort unsere Chance", findet Eichin.

Dabei ist noch nicht mal geklärt, wie Werder mit einem möglichen Rückstand umgehen wird. Es geht am Freitag in Dortmund jedenfalls auch darum zu zeigen, wie repräsentativ die beiden Spiele davor wirklich waren. "Die Gegner bisher gehörten sicherlich nicht zu den Kandidaten, die um die internationalen Plätze mitspielen. Wir werden unsere Leistung erst richtig abschätzen können, wenn es gegen die Kracher geht", sagt Sebastian Prödl.

Namensvetter Sebastian Mielitz hält von vorsichtiger Zurückhaltung dagegen nicht so viel. "Wir müssen uns in Dortmund nicht ergeben", sagt Werders Keeper und kündigt forsch an: "Wir fahren da hin, um etwas mitzunehmen. Warum sollte uns das nicht gelingen?"

Werder Bremen im Steckbrief

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