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Fussball

Luca Caldirola: Auf Achse

Von Stefan Rommel
Luca Caldirola (l.) führte Italiens U 21 bei der Europameisterschaft als Kapitän an
© getty

Bei Werder Bremen soll Luca Caldirolas ins Stocken geratene Karriere neuen Antrieb finden. Die Aufgabe für den 22-Jährigen erscheint aber diffizil. Trainer Robin Dutt fällt auch deshalb eine entscheidende Rolle zu.

Diese neue Wertschätzung lässt Luca Caldirola bisher noch kalt. Zumindest lässt er sich nichts anderes anmerken. Vor rund einer Woche wurde der 22-Jährige bei Werder Bremen vorgestellt.

Die Eckdaten lesen sich wenig spektakulär: Werder bezahlt 2,25 Millionen Euro Ablöse an Inter Mailand und gewährt dem Spieler einen Vertrag mit vier Jahren Laufzeit. Caldirola nutzte eine eigens ins Leben gerufene Pressekonferenz dafür, die üblichen Liebeserklärungen an den neuen Arbeitgeber zu verkünden.

"Es hat mich gereizt, in die Bundesliga zu wechseln", sagte Caldirola, und präzisierte, dass es "ein Traum" von ihm gewesen sei, einmal im Werder-Trikot zu spielen. "Werder ist ein Top-Klub, ich werde alles geben für diese Trikot."

Bergomi? Materazzi? Nesta.

Im Transferdickicht des Sommers wird der Caldirola-Wechsel nach Bremen einigermaßen untergehen. Für Werder und den Spieler dürfte die Übereinkunft aber richtungsweisenden Charakter haben.

Luca Caldirola war acht Jahre alt, als er sich dem FC Internazionale anschloss. Vom Vorort Monza sind es nur ein paar Kilometer bis nach San Siro, den täglichen Weg dorthin konnte er bequem im Bus zurücklegen.

In Inters Jugendakademie setzte er sich im strengen Auswahlverfahren durch, wurde mit 16 Jugend-Nationalspieler, dann Kapitän von Inters U 17. Eigentlich hätte er Nerazzurri-Ikonen wie Giuseppe Bergomi, Giuseppe Baresi oder Marco Materazzi nacheifern sollen, Caldirolas Vorbild war aber immer Alessandro Nesta von Lokalrivalen Milan.

Drei Jahre, vier Vereine

Es sei sein Traum, irgendwann einmal so zu werden wie Nesta, sagt Caldirola. Bei Inter war die Autobahn auf dem Weg zum großen Star aber schnell verstopft. Caldirola fiel der italienischen Leihkultur zum Opfer, wurde erst im Zuge des Nakatomo-Deals als Transfermasse zu Vitesse Arnheim abgeschoben, danach zu Brescia Calcio in die Serie B.

2012 folgte der Wechsel innerhalb der Liga zum AC Cesena. Nur ein halbes Jahr später ging es wieder zurück nach Brescia. Immer unterwegs, nie richtig zu Hause. Italiens Experten bescheinigten ihm eine eher durchwachsene Saison in der zweiten Liga, trotzdem reiste er mit der U 21 zur Europameisterschaft nach Israel.

Die Mannschaft führte er dort als Kapitän an - weil er mit 22 Jahren der älteste im Team sei, wie seine Kritiker behaupten. Weil er der Kopf der Mannschaft sei, wie sein mittlerweile zurückgetretener Trainer Devis Mangia versicherte.

Immerhin berief ihn die UEFA nach dem Turnier ins All Star Team, kurz davor hatte die Squadra Azzurra im Finale gegen Spanien mit 2:4 verloren. Caldirola verschuldete die ersten beiden Gegentreffer. Ein gewisser Schlendrian wird ihm nachgesagt, dabei war seine Ausbildung bei Inter überragend.

Kauf statt Leihgeschäft

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum er sich bei seinem Heimatklub nicht mal ansatzweise durchsetzen konnte und schon früh zu einem Nomaden im Profigeschäft wurde. Bis Werder Bremen kam. Die wollten Caldirola ursprünglich leihen, mussten dann aber "zwangsweise" doch auf ein Kaufmodell verständigen, weil die Konkurrenz im Bieterkreis zu groß wurde.

"Plötzlich gab es mehrere Interessenten, deshalb haben wir uns schließlich darauf konzentriert, ihn zu kaufen", erklärt Thomas Eichin. Dafür, und das ist für einen Spieler aus Italien schon mehr als eine Randnotiz, hält Werder jetzt 100 Prozent der Transferrechte.

Für Caldirola hat die Tingeltour durch die Klubs vorerst ein Ende. Dass der Sprung aus der Mittelklasse der Serie B in die Mittelklasse der Bundesliga aber enorm werden dürfte, zeigt die neue Aufgabenstellung.

Neuer Kopf der Viererkette

Werder hat neben Kevin de Bruyne in Sokratis die zweite Speerspitze der Mannschaft verloren. Nicht neu waren in der letzten Saison die fulminanten Defensivprobleme, die in 66 Gegentoren kulminierten. Vereinfacht gesagt, wird von Caldirola nicht weniger erwartet, als der neue Kopf der Bremer Viererkette zu werden.

Eine andere Alternative zu Caldirola bietet sich Werder auch kaum. Assani Lukimya hatte letzte Saison große Anpassungsprobleme an den Fußball der Bundesliga, Mateo Pavlovic' Leistungsvermögen lässt sich kaum einschätzen. Und Sebastian Prödl, immerhin seit fünf Jahren im Klub, hat bisher allenfalls in Ansätzen den Beweis seiner Reife für diese Aufgabe erbringen können.

Es ist ein spannendes Manöver, das Bremen mit einem vergleichsweise unerfahrenen Spieler angeht. Der stattlichen Zahl von 55 Zweitliga- und 25 U-21-Einsätzen stehen lediglich zwölf Spiele im erstklassigen Profibereich gegenüber. "Er ist ein cleverer Spieler und in der Lage, eine Abwehrreihe zu führen", ist sich Eichin dennoch sicher.

Ein wichtiges Detail für Trainer Robin Dutt: Caldirola ist gelernter Linksfuß und damit der einzige in der Riege seiner Innenverteidiger. Dass der Italiener aber in ein kaum gewachsene Achse eingegliedert werden muss, erschwert die Sache für den Trainer zusätzlich.

Kaum gewachsene Strukturen

Torhüter Sebastian Mielitz hat eine durchwachsene erste Sasion hinter sich. Zwar ohne große individuelle Patzer, aber auch "ohne Lobby" bei Fans und Medien, wie der neue Torwarttrainer Marco Langner erkannt haben will. "Er ist falsch in dieser Schublade, er muss da jetzt raus."

Neben Mielitz werden wohl Aaron Hunt und Nils Petersen als Orientierungshilfe dienen. Der fünfte aus der Achse soll Cedric Makiadi werden, neben Caldirola der zweite Zugang. Und womöglich auch der der letzte. Zwar hält Werder noch die Augen nach einem Angreifer offen, Trainer Dutt könnte aber auch ohne Verstärkung für den Sturm ganz gut leben: "Es kann sein, dass wir am Ende sagen, die vorhandene Qualität reicht aus."

Dann bliebe es bei lediglich zwei Zugängen für die kommende Saison. Für eine Mannschaft auf der Suche nach einer neuen Identität vielleicht nicht das Schlechteste. Für Luca Caldirola eine Art Vertrauensbeweis und eine knifflige Aufgabenstellung.

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Vertrauen in Trainer Dutt

So oft wird ein Zweitligaspieler in einer unbekannten, höher angesiedelten Liga nicht einfach mal eben zu einer derart wichtigen Figur. Immerhin hat Robin Dutt in Freiburg bewiesen, junge Spieler auch durch verzwickte Konstellationen zu geleiten und sie zu verbessern. In Bremen wäre Caldirola zudem nicht der Erste, der quasi aus dem Nichts zu einem großen Spieler aufsteigt.

In Bremen sind schon einige gestrandet, deren Laufbahn beim vorherigen Klub in der Sackgasse steckte: Johan Micoud, Diego oder Mesut Özil wurden von Werder entdeckt und prägten dann in Bremen eine Ära prägten.

"Die Mannschaft ist ziemlich jung. Dann ist es für mich nicht so schwierig, mich zu integrieren", hofft Caldirola, der aus der Schule immerhin noch ein paar Brocken Deutsch behalten hat. Immerhin kann er sich bei der Eingewöhnung auf Freundin Marija verlassen, die mit ihm nach Bremen kommen wird. Der Rest der Familie wird es bei gelegentlichen Besuchen belassen.

1100 Kilometer sind es von Mailand nach Bremen, mit dem Flugzeug ein Klacks. Trotzdem werden Liliana und Enrico Caldirola die Strecke immer im Auto auf sich nehmen. Vater Enrico leidet unter schlimmer Flugangst.

Werder Bremens Kader im Überblick

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