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Fussball

"Guardiola ist halber Holländer"

Von Interview: Haruka Gruber
Der FC Barcelona anno 1999: Mit Michael Reiziger (u.l.) und Kapitän Pep Guardiola (o.r.)
© imago

SPOX: Welche taktischen Neuerungen könnte Guardiola bei den Bayern einführen? In Ihrer gemeinsamen Zeit bei Barca Ende der 90er wurde zwischen einer Dreier- und Vierer-Abwehrkette variiert.

Reiziger: Nicht nur damals. Vor allem in seinem dritten Trainer-Jahr bei Barca bot er häufig eine Dreier-Kette auf, weil er ausprobieren wollte, wie man Überzahl im Mittelfeld herstellen kann. Bei Ajax wurde das bereits in den 70ern ausprobiert und Guardiola spielte unter Cruyff häufig als Sechser vor einer Dreierkette. Ich könnte mir vorstellen, dass Pep sich überlegt, die Dreierkette bei den Bayern einzuführen. Drei Abwehrspieler, womöglich mit Javi Martinez zentral, davor vier Mittelfeldspieler mit Philipp Lahm und David Alaba an der Seite und Schweinsteiger zentral-defensiv sowie Thomas Müller zentral-offensiv. Und drei Stürmer ganz vorne. Die Spielertypen hätte er.

SPOX: Doch ist das Switchen zwischen Vierer- und Dreierkette nicht taktisch besonders anspruchsvoll?

Reiziger: Ist es. Umso wichtiger wird die Vorbereitungszeit, sollte Pep das Switchen umsetzen wollen. Wenn man beide Grundordnungen beherrscht, kann man innerhalb eines Spiels auf den Gegner und das Zwischenresultat reagieren. Wenn es richtig umgesetzt wird, kann die taktische Umstellung zu einer neuen Waffe der Bayern werden. Das Problem: Wenn die Automatismen nicht funktionieren, gehen sie ein sehr großes Risiko ein.

SPOX: Sie selbst waren einer der besten Rechtsverteidiger der Welt. Wie bewerten Sie Philipp Lahm? Ihm wurde lange eine zu zurückhaltende Spielweise vorgeworfen, bis er in dieser Saison mit wettbewerbsübergreifend 19 Assists explodierte.

Reiziger: Ich fand Lahm bereits davor nicht einmal ansatzweise langweilig. Er ist das Synonym des Rechtsverteidigers, er ist eine Persönlichkeit, er ist einfach Philipp Lahm! Ich habe eine Menge Respekt vor ihm.

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SPOX: Wie sehen Sie David Alaba, den van Gaal vom Offensivspieler zum Linksverteidiger umschulte?

Reiziger: Ich kann mich gut in seine Situation hineinversetzen, weil es mir genauso erging. Ich war mein Leben lang Zehner und spielte in der Position, als ich von Amsterdam an Groningen ausgeliehen war. Van Gaal, damals Ajax-Trainer, beobachtete mich sah bei mir Anlagen, die als Außenverteidiger besser zur Geltung kommen. Daher wurde ich gefragt, ob ich das Risiko eingehen will und mit 21 Jahren eine neue Position erlernen möchte, wenn ich nach Amsterdam zurückkehre. Ich sagte ja - und war trotzdem geschockt, als mein Name in der Aufstellung erstmals unten rechts stand. Wobei ich schnell Gefallen daran fand. Ähnlich lief es bei Carles Puyol und Frank de Boer, die ebenfalls früher als Offensivspieler ausgebildet wurden. Alaba gehört in diese Reihe. Er ist auf dem besten Weg, zum besten Linksverteidiger der Welt zu werden.

SPOX: Wer ist Ihr aktuell liebster Außenverteidiger?

Reiziger: Ohne Lahm und Alaba nahetreten zu wollen: Dani Alves. Er hatte nicht die beste Saison, doch die Jahre davor waren allesamt sehr gut. Generell gefallen mir brasilianische Außenverteidiger am besten. Sie sind zwar defensiv nicht immer die Verlässlichsten, technisch dafür außerordentlich begabt und - was das Wichtigste für mich ist - sie versprühen Lebensfreude.

SPOX: In den Niederlanden ist die Lage weniger zufriedenstellend. Besonders auf den Außenverteidiger-Positionen fehlen die Hochkaräter. Die Alternativen hören auf Namen wie Dwight Tiendalli, Miquel Nelom oder Daryl Janmaat. Der Talentierteste ist wohl noch Ricardo van Rhijn von Ajax.

Reiziger: Uns fehlt gerade eine Menge bis zur Weltspitze. Allein wenn ich sehe, dass bei der letzten EM statt des zurückgetretenen Giovanni van Brockhorst der 19 Jahre jüngere Jetro Willems hinten links gespielt hat, heißt es für mich, dass in den 19 Jahren offenbar kein besserer Außenverteidiger ausgebildet wurde. Das ist ein großes Problem. Früher befruchtete der niederländische Fußball andere Kulturen oder Klubs wie Barca. So sehr, dass Barca die aktuelle Referenz ist. Jetzt ist der niederländische Fußball gefragt, wieder zur besten Schule der Welt zu werden.

LIVE-TICKER: Offizielle Guardiola-Vorstellung beim FC Bayern

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