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Fussball

An den Grenzlinien

Von Stefan Rommel
Pep Guardiola mit seiner Familie beim Ryder Cup 2012 in Medinah/Illinois
© getty

Nach dem Triple ist vor der neuen Ära: Pep Guardiola wird bei Bayern München den Spagat wagen müssen zwischen Altbewährtem und einer möglichen Neuausrichtung. Zwei Bereiche stehen dabei besonders im Fokus.

Am 10. Juni ist Trainingsauftakt bei der U 23 des FC Bayern. Das ist zum einen deshalb erwähnenswert, weil der Termin arg früh erscheinen mag. Zum anderen aber, weil der Unterbau der Profis wenige Tage vor seiner ersten Zusammenkunft noch immer ohne Trainer dasteht.

Pep Guardiola wird am 26. Juni seinen Dienst bei den Bayern aufnehmen und seine erste Einheit leiten. Dem zu erwartenden Hype angemessen, dürfte diese in die Allianz Arena verlegt werden. Die Säbener Straße hat nicht die Kapazität, den Fan-Massen Herr zu werden. In manchen Bundesländern ist dann schon Ferienzeit.

Guardiola: Kaum Öffentlichkeit

Hinter den Kulissen bastelt der Klub an einer ersten Pressekonferenz des neuen Trainers, die zwei Tage zuvor angedacht ist. Ebenfalls im Bauch der Arena, wie am Dienstag die von Jupp Heynckes. Guardiola wird dann sein Sabbatical dann auch offiziell beenden. Er hat die Öffentlichkeit nicht teilnehmen lassen an seinen Überlegungen, seinen Plänen, Gedanken und Eindrücken.

Guardiola blieb die ganze Zeit zurückgezogen, auch ein Glückwunschgruß an seinen Vorgänger zu drei Titeln in einer Saison ist nicht übermittelt. Vermutlich hat er dies über den kleinen Dienstweg getan, die öffentliche Geste dazu fehlt. Das sind nur Marginalien, aber immerhin beschreiben sie, wie nicht-öffentlich Guardiola seine Rolle bisher gesehen hat.

Durchlässigkeit zum Profibereich verbessern

Je weniger durchsickert - bei Guardiola bisher so gut wie gar nichts - desto mehr öffnet sich der Raum für Spekulationen. Zum Beispiel ist auch weiterhin nicht klar, wer seine Co-Trainer werden. Peter Hermann verlässt die Bayern gen Gelsenkirchen.

Es ist schon ein wenig überraschend, dass die Positionen unter Guardiola drei Wochen beziehungsweise wenige Tage vor Beginn seiner Amtszeit nicht klar definiert und kommuniziert sind. Es dürfte eines von Guardiolas vorrangigen Zielen sein, die Durchlässigkeit vom Amateur- zum Profibereich weiter zu verbessern.

Die U 23 spielt mindestens noch eine Saison in der Regionalliga Bayern, was nicht der Anspruch des Rekordmeisters ist. "Ich will nicht noch mal so ein Jahr wie das letzte erleben. Bei den Profis trainieren, aber dann bei den Amateuren spielen. Es fällt mir schon schwer, mich in der 2. Mannschaft zu motivieren, wenn man nur gegen Dorfvereine spielt. Das soll aber keine Beleidigung sein", sagte Emre Can vor einigen Tagen in der "Bild".

Renaissance der Nachwuchsarbeit

Guardiola wird ein Konzept vorlegen (müssen), wie es mit der U 23 und im Jugendbereich weitergeht. Und er muss es abstimmen mit dem, was Matthias Sammer seit letzten Sommer an Veränderungen bewirkt hat. Ursprünglich war Christian Nerlinger für die Weiterentwicklung der Nachwuchsarbeit zuständig, sein Konzept scheiterte aber ebenso wie letztlich dann auch der Ex-Manager gescheitert ist.

Jörg Butt war als Nachwuchskoordinator kurze Zeit nach Sammers Installation als Vorstand Sport schon wieder weg. Dabei bedurfte die Nachwuchsarbeit einer Erneuerung, wie Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge mit Nachdruck betonten.

Schaut man sich das überragende Händchen Guardiolas an, wenn es in Barcelona darum ging, Jugendspieler nach oben zu ziehen und den Fakt bedenkt, dass Guardiolas erste Gehversuche als Trainer bei Barca B erfolgten, ist die Aufgabenstellung der Bayern an ihren neuen Trainer klar.

Harte Personalentscheidungen bei Barca

Jupp Heynckes hat die Messlatte bei den Profis mit dem Triple auf den höchsten Standard gelegt. An nackten Erfolgen kann man nicht mehr erreichen. Die Bayern haben im Winter bei Guardiola zugeschlagen, weil die Chance einmalig war und einer der besten Trainer der Welt ansonsten womöglich auf Jahre hinaus bei einem anderen europäischen Top-Klub gelandet wäre.

Da waren die Bayern bereits in der Spur, ohne dass dieser massive Erfolg kalkulierbar gewesen wäre. Als Guardiola im Sommer 2008 bei Barca Cheftrainer wurde, hatten die Katalanen eine äußerst erfolgreiche Zeit hinter sich - waren aber leicht auf dem absteigenden Ast.

Frank Rijkaard holte zweimal die Meisterschaft und einmal die Champions League, der dritte Platz im Endtableau der Saison 2007/08 und vor allen Dingen der spielerische Stillstand der Mannschaft waren für den Niederländer aber nicht mehr kompensierbar. Barca-Präsident Joan Laporta und Sportdirektor Txiki Begiristain schenkten Guardiola auch deshalb damals das Vertrauen, weil sie um dessen Fähigkeit wussten, in den kleinen Details auf dem Trainingsplatz und in der Mannschaft neue Reizpunkte zu setzen.

Darum wird es jetzt auch bei den Bayern gehen. Barca hatte auch damals einen überragend besetzten Kader, vielleicht hätten die Katalanen irgendwie die Kurve bekommen und noch die eine oder andere Meisterschaft hinterher geschoben. Aber die Champions League? Das Team war jahrelang abhängig von Größen wie Ronaldinho, Deco oder Samuel Eto'o. Guardiola ging her und wollte alle drei auf einmal loswerden.

Entwickeln statt verwalten

Ronaldinho und Deco schickte er sofort weg. Eto'o weigerte sich und war ein wichtiger Pfeiler im Korsett, das Guardiola in seiner Premieren-Saison das Sextuple verschaffte. Kurze Zeit später war dann aber auch der Kameruner in Barcelona Geschichte. Guardiola verfolgte einen anderen Fußball. Und er war der Prototyp des Trainers, der gerade im großen Erfolg ausprobiert, tüftelt, umstellt und damit dem Stillstand entgegenwirkt.

Pep wisse, "dass du dich als Trainer immer wieder neu erfinden musst und dass du auch deine Mannschaft immer wieder neu erfinden musst." Das sagt sein Biograph Giullem Balague, einer der wenigen Journalisten, die engen Kontakt zum 42-Jährigen halten. "Das konnte er bei Barca am Ende nicht mehr, deswegen ist er gegangen."

Das birgt auch Gefahren, wie nicht zuletzt der vergebliche Versuch zeigt, einen Spieler wie Zlatan Ibrahimovic zu integrieren. Aber es ist ideologisch eben das, was Spitzentrainer von anderen unterscheidet: Den Status quo, so gut er momentan auch erscheint, nicht als Konstante für die Zukunft zu betrachten und einfach nur zu verwalten. Sondern ihn zu modifizieren und im besten Fall nochmals zu verbessern.

Kaderveränderungen nicht zu vermeiden

Das wird die vordringlichste Aufgabe von Guadiola werden. Vermutlich wird er versuchen, seinen Job in München völlig wertfrei anzutreten, die Vorleistung des Vorgängers so gut es geht auszublenden. Als gelte es, etwas völlig Neues entstehen zu lassen ohne dabei bestehende Strukturen zu grob einzureißen. Es wird Kaderveränderungen geben, es wird sie geben müssen.

Balague sieht da bei den Bayern sogar einen kleinen Vorteil für Guardiola, wenn der als Außenstehender zu einem zuletzt über die Maßen erfolgreichen Klub kommt. "Es fällt ihm leichter, zu sagen: 'Du hast alles gewonnen, aber du, du und du - ihr müsst gehen.'" Trotzdem kann die Aufgabe in ihrer Gesamtheit betrachtet schwieriger kaum sein. Aber deshalb haben sich die Bayern ja auch für einen der Besten entschieden.

Rollentausch mit Heynckes

Dass Jupp Heynckes an seinem letzten Arbeitstag für die Bayern nochmal die ganz große Inszenierung suchte und dabei - gewollt oder nicht - auch seinen Nachfolger in seine Erklärungen miteinbezog, macht die Sache für Guardiola nicht leichter. "Der FC Bayern spielt nicht wie Barcelona. Der FC Bayern spielt moderner und zeitgemäßer. Die Mannschaft hat etwas geschaffen, das für die Ewigkeit Bestand hat", sagte Heynckes mit sichtlicher Genugtuung.

Der 68-Jährige war sich der offen zur Schau gestellten Zuneigung seiner Spieler gewiss, nicht nur der von Bastian Schweinsteiger, der auf den Feierlichkeiten immer wieder demonstrativ die Nähe zu seinem Trainer suchte und Heynckes bei dessen letzter Pressekonferenz trotz eben erst überstandener Operation auch noch überraschen wollte. Das enge Band zwischen dem Trainer und seinen Angestellten konnten auch über 40 Jahre Altersunterschied nicht trennen.

Und Heynckes hat ja nicht die Rente eingereicht. Er hat sich eine Hintertür offen gelassen für diverse Fälle. Der vorläufige Ruhestand nimmt deshalb Züge einer Auszeit an. Wie sie Guardiola für sich beansprucht hat nach seinen vier Jahren bei Barca.

"Ich bin davon überzeugt, dass der FC Bayern auch in den nächsten Jahren unter Pep Guardiola großen Erfolg haben wird", sagte Heynckes weiter, der sich ab sofort in die Rolle Guardiolas fallen lassen kann, während der "die beste Mannschaft der Welt" übernimmt. Ein Rollentausch auf höchstem Niveau. Und schon wird trefflich darüber spekuliert, ob Heynckes' Worte nicht unterschwellig suggerieren: Ich stünde jederzeit bereit, sollte es mit Pep nicht gut gehen.

Einstellen auf das Neue

So extrem dürfte der Kulturschock für beide Seiten aber nicht werden, als dass die Bayern trotz der durchaus möglichen Anlaufschwierigkeiten gleich wieder nervös werden. Obwohl sich der Verein schon auf einiges einstellt. Allein die mediale Berichterstattung wird mit einem ausländischen Trainer aus einem fußball- und medienverrückten Land wie Spanien eine ganz andere werden.

"Wenn Pep Guardiola kommt, müssen wir uns für andere Dimensionen vorbereiten", sagte Mediendirektor Markus Hörwick vor drei Wochen im SPOX-Interview. Die Vorbereitungen zum Trainingslager am Gardasee hält Guardiola straff in seinen Händen. Interviewtermine wird der neue Trainer wohl ebenso weiter verweigern wie er das in Barcelona getan hat.

Das letzte Exklusivgespräch einer Tageszeitung liegt mehr als vier Jahre zurück. Damals durfte das größte Blatt des Landes "El Pais" mit Guardiola reden.

Seitdem weigert sich Guardiola beharrlich, sich außerhalb von Pressekonferenzen oder für Hochglanzmagazine zu offenbaren. Die Arbeit im Verborgenen gehört einfach zu Guardiolas Wesen.

Das ist der FC Bayern München

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