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Fussball

Operation am offenen Herzen

Von Frank Oschwald
Michael Wiesinger (r.) wurde im Winter 2012 Cheftrainer beim 1. FC Nürnberg
© getty

Nach der recht ruhigen Saison ohne Abstiegssorgen stehen dem 1. FC Nürnberg wilde Zeiten ins Haus. Mit Timmy Simons verlässt der Schlüsselspieler der letzten Jahre das Boot, Abwehrchef Timm Klose äußerte zuletzt öffentlich seinen Wechselwunsch. Obwohl die zentralen Figuren beim FCN wegzubrechen drohen, beobachten die Verantwortlichen das Geschehen mit stoischer Gelassenheit. Panikkäufe auf dem Transfermarkt? Fehlanzeige. Doch können die Führungsspieler überhaupt ersetzt werden?

Nein, den Rekord von Sepp Maier mit 422 Spielen wird Timmy Simons sicherlich nicht mehr knacken. Dieser Zug ist bereits abgefahren. Dafür hätte der Belgier wohl früher in die Bundesliga wechseln müssen. Dennoch stehen bei Simons 102 Startelf-Einsätze in Folge auf der Habenseite. In drei Jahren FCN hat der Belgier damit jedes einzelne Bundesligaspiel bestritten. Keine Gelbsperre, keine Rotsperre, keine Rotation und auch keine Verletzung konnten den 36-Jährigen von der ersten Elf abhalten. Simons war gesetzt.

Die Rekordmarke an sich ist zwar beeindruckend, den Stellenwert, den Simons innerhalb der Mannschaft sowie im Klub hatte, spiegeln die Zahlen dennoch nur ungenügend wider. Denn in den letzten drei Jahren entwickelte sich der eifrige Ballsammler vor der Abwehr zum Herzstück des Teams sowie zur unumstrittenen Führungsfigur.

Nach der Aufstiegssaison 08/09 und den gewonnenen Relegationsspielen in der darauffolgenden Runde lotste man den Belgier 2010 ablösefrei zum FCN. Innerhalb von wenigen Spielen brachte Simons Ordnung ins Spiel der Franken und sorgte somit bei seinen Nebenmännern für Sicherheit. Platz sechs sowie zwei Mal Rang zehn standen für den sonst chronisch abstiegsgefährdeten FCN mit Simons am Ende der Saison auf dem Zettel.

Abgang nach drei Jahren FCN

Doch nach drei Jahren im Fränkischen zieht es den 36-Jährigen jetzt zurück in die Heimat. Dort soll der Belgier beim FC Brügge weitere zwei Jahre spielen und anschließend ins Trainerteam wechseln. Auch weil der Club bis zuletzt fest mit Simons für die kommende Saison geplant hatte, ist dies ein Abgang, der den FCN bis ins Mark erschüttert. Zwar hatte der Belgier seinen Vertrag im letzten Sommer erst bis 2014 verlängert, doch die Verantwortlichen beim Club wissen um die sich bietende Perspektive für Simons.

"So eine Chance verbaut man einem verdienten Spieler nicht", erklärt Sportdirektor Martin Bader den Verkauf des Mittelfeldspielers. Zwar bekommen die Franken für Simons eine Ablösesumme im sechsstelligen Bereich, aus rein wirtschaftlicher Sicht dennoch eine nicht zu begründende Entscheidung. Vielmehr war der Transfer ein Entgegenkommen Baders im sonst so harten Fußballbusiness.

"Klar ist, dass wir Simons nicht eins zu eins ersetzen können. Seine Aufgaben müssen auf mehrere Schultern verteilt werden", fordert Sportvorstand Bader. In der Ära nach Simons sollen demnach andere erfahrene Spieler das Team lenken und Führungsaufgaben übernehmen. Doch einer, der für die Aufgabe in Frage kommt, steht vor dem Absprung: Timm Klose. Zwar läuft der Vertrag des Innenverteidigers noch bis 2014, doch der VfL Wolfsburg buhlt heftig um den Schweizer, den Wölfe-Coach Dieter Hecking aus seiner Nürnberger Zeit freilich bestens kennt.

Klose äußert Abschiedswunsch

Zwar kokettierte Bader stets damit, dass noch kein offizielles Angebot für den Innenverteidiger eingetroffen sei, doch schenkt man übereinstimmenden Medienberichten Glauben, steht der Wechsel unmittelbar bevor. Auch Klose selbst, der vor einigen Tagen die Offerte zur Vertragsverlängerung beim Club ausschlug, geht überraschend offen mit seiner Zukunftsplanung um. Mit Blick auf die WM 2014 in Brasilien sieht er bei den Wölfen die besseren Möglichkeiten.

"Nach langer Überlegung habe ich mich aber entschieden, dass, wenn die Möglichkeit besteht, ich die neue Herausforderung annehmen und vorzeitig zum VfL Wolfsburg wechseln möchte", so Klose. Einziger Knackpunkt im Poker um den Innenverteidiger scheint aktuell die Ablösesumme zu sein. Beide Klubs liegen dabei offenbar noch recht weit auseinander.

Eine Wende im Hickhack bzw. ein Verbleib beim FCN scheint deshalb ein durchaus denkbares Szenarium. Eine Finanzspritze von rund fünf Millionen Euro würde den Nürnbergern sicherlich guttun, doch nach dem Verkauf von Philipp Wollscheid im letzten Jahr ist man vorsichtiger geworden. Bevor man Klose nach Wolfsburg abgibt, will man adäquaten Ersatz im Kader haben.

Denn Wollscheid-Nachfolger Marcos Antonio brachte es in seinem Premierenjahr beim Club gerade einmal auf unglückliche 15 Bundesliga-Minuten, verschuldete dabei ein Tor und wurde prompt ausgewechselt. Auch aufgrund eines Knorpelschadens das bislang letzte Spiel des Innenverteidigers.

Dass dem FCN ein derartiger Fehlgriff nicht erneut unterläuft, hat Sportvorstand Bader das Anforderungsprofil für den potenziellen neuen Innenverteidiger bereits ausgegeben: "Wir haben auf dieser Position mit Niklas Stark, Berkay Dabanli und Noah Korczwowski genügend junge Spieler. Jetzt brauchen wir einen, der schon ein bisschen Vita hat: Erfahrung, Qualität, Sprache - ein Nachfolger muss in der Kabine etwas darstellen".

Namen der möglichen Kandidaten kommentiert Bader zwar generell nicht, doch Emanuel Pogatetz und Alexander Madlung scheinen weit oben auf der Wunschliste. Beide sind aktuell beim VfL Wolfsburg unter Vertrag, dort aber längst aussortiert. Eine Verrechnung mit dem Klose-Transfer scheint realistisch.

Transfers: Jugend forscht

Ob der Club noch mal auf dem Transfermarkt aktiv wird, hängt aktuell von der Entscheidung im Klose-Poker ab. Denn aus Kreisen des Vereins ist zu hören, dass speziell der Weggang von Timmy Simons sportlich aus den eigenen Reihen abgefangen werden soll. Da Timothy Chandler nach recht langer Verletzungspause wieder hinten rechts eingeplant ist, dürfte Aushilfsverteidiger Hanno Balitsch als zentraler Mann im defensiven Mittelfeld im Verbund mit Markus Feulner oder dem etwas offensiver ausgerichteten Mike Frantz die Zentrale vor der Abwehr bilden.

Mit Niklas Stark (18 Jahre) und Muhammed Ildiz (22 Jahre) lauern dahinter zudem zwei junge Talente, die in der kommenden Saison vermehrt Einsatzzeit bekommen werden.

Auch die bisherigen Aktivitäten auf dem Transfermarkt zeigen, dass der Verein der Jugend das Vertrauen schenkt. Neben Nick Weber (18), der zunächst für die zweite Mannschaft eingeplant ist, wurden mit dem Arsenal-Rechtsverteidiger Martin Angha (19) und dem polnischen Stürmer Mariusz Stepinski (18) zwei blutjunge Spieler geholt, die jeweils als große Talente gelten. Chancen auf die Startelf darf sich von den Neuzugängen dennoch lediglich Daniel Ginzcek machen.

Der Stürmer, der in der letzten Saison für St. Pauli in der 2. Liga 18 Tore machte, wechselte für 1,5 Millionen zum Club und soll sich mit Tomas Pekhart, ähnlich wie zuletzt Sebastian Polter, um den Platz in der Spitze streiten und zudem die Flaute im Sturm beenden. Es ist bezeichnend, dass in der zurückliegenden Saison mit Per Nilsson ein Innenverteidiger die meisten Tore für den Club erzielt hat. Mit seiner Schnelligkeit soll Ginczek vor allem aus dem Spiel heraus für Gefahr sorgen.

Durchhalteparolen von Wiesinger und Bader

Um der schwachen Offensive wieder Leben einzuhauchen, zog Coach Michael Wiesinger nach der zurückliegenden Saison seine Schlüsse. Primäre Aufgabe für die kommende Runde sei es, der Mannschaft mehr Stabilität zu verschaffen. Das Zitat stammt allerdings aus der Zeit vor dem Simons-Abgang. Aktuell hören sich die Aussagen von Wiesinger und Bader eher nach Durchhalteparolen an.

Der Aderlass ist nach dem Simons-Wechsel und einem möglichen Klose-Transfer wohl zu groß, um jetzt schon abschätzen zu können, ob das Club-Herzstück ersetzt werden kann. "Ich bin sicher, dass wir das lösen werden. Andere Vereine in der Liga haben das schließlich auch geschafft. Außerdem haben wir sechs Wochen Vorbereitungszeit, um uns darauf einzustellen. Das kriegen wir schon hin."

Sollte dieses Vorhaben nicht gelingen, hat Bader einen Alternativplan in der Schublade. "Dann gibt's bis 31. August die Chance auf dem Transfermarkt nachzulegen."

Der Kader des 1. FC Nürnberg

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