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Fussball

Die Methode Widerspruch

Von Stefan Rommel
Armin Veh ist seit Juli 2011 Trainer bei Eintracht Frankfurt
© Getty

Mit der Eintracht erlebt Armin Veh derzeit einen ungeahnten Höhenflug. Der Trainer galt bei vielen schon als verbrannt - jetzt positioniert er sich unter Umständen für höhere Aufgaben.

Armin Veh ist schon sehr lange dabei im Fußballgeschäft. Die ganze Wahrheit kennt er deshalb aber immer noch nicht.

Dabei kann man durchaus behaupten, der 51-Jährige habe ziemlich viel erlebt in seinen über drei Jahrzehnten im Profibereich. Darunter auch einige Dinge, die einigermaßen außergewöhnlich sind.

Auf und Ab als Trainer

Als Spieler war er ein schlampiges Genie, höher veranlagt als sein gleichaltriger Mitspieler Lothar Matthäus. Der machte später 150 Länderspiele und eine Weltkarriere. Armin Veh kam auf vergleichsweise lächerliche 65 Bundesligaspiele.

Als Trainer stieg Veh erst dreimal in Folge mit drei verschiedenen Mannschaften auf, ehe er beim Bundesligisten Hansa Rostock freiwillig zurücktrat, um nach Hause zum FC Augsburg zu wechseln, in die Regionalliga Süd. In Stuttgart trat er als "Übergangslösung" an und wurde nahezu sensationell deutscher Meister.

Wolfsburgs Meistermannschaft ließ er ins Mittelmaß abgleiten, sein Engagement beim Hamburger SV endete nach außen hin in heftigen Irritationen. Und jetzt Eintracht Frankfurt.

Selbstbestimmt und autark

Die Zahlen sind für einen Aufsteiger ebenso markant wie erstaunlich. Sechs Siege aus acht Spielen, erst eine Niederlage. Derzeit liegt die Eintracht auf Platz zwei hinter entrückten Bayern. Auch wenn das in der Form wohl nicht weitergehen dürfte - trotz sieben Punkten Vorsprung auf Rang vier -, lässt sich nach einem Viertel der Saison doch wenigstens ein Trend erkennen.

Es ist auch für einen wie Armin Veh nicht normal, was derzeit rund um den Frankfurter Stadtwald passiert. Da trifft es sich ganz gut, dass die Eintracht einen jener Trainer unter Vertrag hat, der sich den Aufgeregtheiten des Geschäfts im Laufe der Zeit immer mehr entzogen hat und trotz seines Angestelltenverhältnisses immer auch selbstbestimmt und autark funktioniert.

Veh hat einen Status erreicht, dem andere seiner Kollegen noch hinterherrennen. Er ist schwer in eine Schublade zu packen, erscheint undurchsichtig. Und er muss niemandem mehr etwas beweisen oder auf Kuschelkurs gehen. Wenn ihm etwas nicht passt, spricht er das an. Das mag den einen oder anderen in der Welt chemisch gereinigter Worthülsen vor den Kopf stoßen, es bleibt aber authentisch.

Unbequeme Art

In den letzten Jahren ist er einer derjenigen gewesen, der sich mit vielen aus dem Geschäft irgendwann mal verbal angelegt hat. Mit seiner schnoddrigen Art, in zum Teil recht deftiger Wortwahl.

Als Veh beim HSV vor dem Aus stand, machte er seinem Missmut und vielleicht auch seiner Unlust auf das Treiben in Hamburg ordentlich Luft. Er war der ständigen Konfrontation mit den Granden überdrüssig, hatte "keinen Bock mehr", wie er zugibt.

"Mein schöner Sport - und ich muss mich mit diesen Ahnungslosen rumschlagen. Ich wusste genau, dass das nichts werden kann, was da lief, aber ich konnte es nicht ändern. Und dann habe ich gesagt: 'Macht euren Kram alleine.'"

Dass diese Arbeitseinstellung bei Verantwortlichen und Fans nicht auf Gegenliebe stieß, war klar. Aber es war ihm auch egal. Für die meisten war Vehs Verhalten unprofessionell, einige wenige konnten sich mit seiner klaren Positionierung identifizieren. Im Grundsatz jedenfalls, und das zeigt sich bis heute, hatte Veh mit seiner Kritik an der kränkelnden Konzeption in Hamburg Recht.

Wandel als Trainer

Zu jener Zeit schloss er ein weiteres Engagement als Trainer kategorisch aus. Vielmehr könne er sich einen Wechsel ins Manager- oder Sportdirektorensegment vorstellen. Drei Monate später schloss er sich als Trainer der gesunkenen Eintracht an. Ein ziemlich krasser Widerspruch, der aber irgendwie zu Veh zu gehören scheint und fast schon methodisch wirkt.

Der Trainer Veh hat sich enorm gewandelt in den letzten Jahren. "Früher bin ich an die Decke gegangen, wenn ein Spieler eine Cola getrunken hat. Furchtbar", erzählte er der "Frankfurter Rundschau" über seine frühe Naivität. "Daheim trinkt er sie dann, aber in den zwei Stunden, in denen er unter meiner Aufsicht ist, soll er sie nicht trinken. Was für ein Blödsinn."

Mit den Jahren ist er (noch) lässiger geworden und nimmt mittlerweile für sich in Anspruch, sich auch ein gewisses Maß an Altersweisheit angeeignet zu haben. "Ich halte nichts davon, 30-, 35-jährige Politiker in der Spitze zu haben, weil sie auch noch nicht wissen, was im Leben los ist und viel zu schnell und emotional reagieren. Du musst in der Spitze ein gewisses Alter haben, um Menschen führen zu können", sagt Veh.

Interessant für andere Klubs?

Frankfurts momentaner Höhenflug ist eng verknüpft mit seinem Namen, aber Veh weiß auch, dass dafür eine gehörige Portion Glück notwendig ist. Prinzipiell entwickelt sich die Eintracht in die richtige Richtung. Das muss im Umkehrschluss aber noch lange nicht heißen, dass diese Entwicklung auch mit Armin Veh an der Seitenlinie weiter voranschreitet.

Es sei auf Dauer kein Ziel für ihn, Tabellenfünfzehnter zu werden. "Selbst wenn es für den Verein gut wäre. Das ist kein Antrieb für mich. Damit könnte ich nicht leben." So definiert er zum einen seinen eigenen, hohen Anspruch an sich und seinen Arbeitgeber. Und zum anderen macht er sich so auch - beabsichtig oder nicht - latent interessant für andere.

Mit dem damaligen Meister Wolfsburg und dem HSV hat er schon zwei Spitzenteams trainiert, den VfB Stuttgart hat er seinerzeit zu einem solchen geformt. Da stand er plötzlich sogar auf dem Zettel der Bayern. Er kann sich gut vorstellen, diese Gefilde irgendwann wieder zu erreichen. Vielleicht sogar mit der Eintracht. In Frankfurt erfüllt er wie gewohnt einen Einjahresvertrag.

Davor hatte er im Sommer aber klar seine Bedingungen formuliert und diese offenbar auch bewilligt bekommen. Denn: "Die Bundesliga verzeiht nicht viele Fehler", so viel hat er in seiner Eigenschaft als Trainer verstanden. "Ich habe jedenfalls im Alter auch gelernt, mich nicht zu wichtig zu nehmen - obwohl ich es ja bin."

Das ist Eintracht Frankfurt

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