"Näher am EM-Sieg als am CL-Titel"

SID
Ist seit 1998 beim FC Bayern München: Mittelfeldstratege Bastian Schweinsteiger
© spox

Bastian Schweinsteiger wurde nach seiner Schlüsselbeinverletzung in den letzten Wochen beim FC Bayern München schmerzlich vermisst. Im "dapd"-Exklusivinterview spricht er über seine Verletzung, den großen Konkurrenten Borussia Dortmund, die Ziele für 2012, Burnout und mögliche Neuzugänge.

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Frage: Herr Schweinsteiger, klammern wir mal die Schlüsselbein-OP aus: War das ihr bislang bestes Jahr beim FC Bayern?

Bastian Schweinsteiger: Bestes Jahr? Denke ich nicht. Für mich persönlich war es zwar gut, aber nicht perfekt. Wir haben schließlich keinen einzigen Titel gewonnen. Aber mit Sicherheit gewinne ich von Jahr zu Jahr an Erfahrung - ich spiele schon anders als noch mit 20 (lacht). Für mich war es entscheidend, dass mich Jupp Henyckes in seiner Interimszeit vor zwei Jahren und danach Louis van Gaal in der Mitte aufgestellt haben. Das war ein sehr wichtiger Schritt in meiner Karriere - und jetzt ist es natürlich so, dass ich viel Verantwortung habe. Ich habe ja auch die meisten Bundesligaspiele (260, d. Red.) in unserer Mannschaft...

Frage: Ihr Trainer Jupp Henyckes hat Sie zuletzt für unersetzbar erklärt - und sogar auf eine Stufe mit Xavi und Iniesta vom FC Barcelona gestellt. Mehr geht nicht...

Schweinsteiger: Einerseits freut mich das Lob des Trainers, andererseits erwartet man von mir auch immer sehr viel. Ich weiß, dass ich für den FC Bayern ein wichtiger Spieler bin - deswegen habe ich auch beim FC Bayern unterschrieben. Für mich hat in erster Linie immer die Mannschaft Vorrang und nicht der einzelne Spieler. Alleine kann niemand Titel holen.

Frage: Trotzdem: Es war unübersehbar, dass die Bayern ohne Sie nicht mehr so dominant waren...

Schweinsteiger: Es sah vielleicht so aus. Ich habe immer gehofft, dass es auch ohne mich gut läuft. Wir hätten auch gerne gegen Dortmund und Mainz gewonnen - diese Punkte fehlen uns natürlich jetzt ein bisschen, sonst hätten wir eine richtig gute Hinrunde gespielt. Aber was zählt: Der FC Bayern ist Herbstmeister - und deswegen können wir und unsere Fans schöne Weihnachten feiern.

Frage: Und das ist ein gutes Omen: In 15 von 17 Fällen wurde der FC Bayern dann auch Deutscher Meister. Wer ist in der Rückrunde der größte Widersacher?

Schweinsteiger: Ganz klar: Borussia Dortmund! Auch Schalke 04 hat in dieser Saison den Weg nach oben gefunden. Mal schauen, ob sie das in der Rückrunde bestätigen können. Aber von Gladbach bin ich wirklich positiv überrascht: Man erkennt immer mehr die Handschrift von Lucien Favre. Die Gladbacher gewinnen viele Spiele mit 1:0 - das ist ihnen ja auch gegen uns gelungen. Das spricht für die Ordnung in dieser Mannschaft.

Frage: Verraten Sie uns mal was: Warum kommt Heynckes bei Bayern besser an als van Gaal?

Schweinsteiger: Jupp Heynckes ist natürlich ein ganz anderer Mensch als van Gaal - und geht auch anders mit den Spielern um. Unbestritten ist aber, dass beide Trainer sehr viel Ahnung vom modernen Fußball haben. Aber zurück zu van Gaal: Wer mochte nicht seine Emotionen?. Einmal ist van Gaal - und er ist ja nicht mehr der Jüngste - in Bremen gesprintet und hat sich einen Faserriss zugezogen. Ich mag solche Trainer-Typen wie van Gaal - keine Frage.

Frage: 2012 könnte Ihr Jahr werden. Es sind gleich vier Titel zu vergeben: EM-Sieg, Champions League, Meisterschaft und Pokal. Für welchen Titel würden Sie alles geben?

Schweinsteiger: Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mich für die Champions League und den EM-Pokal entscheiden. Ich habe natürlich auch vor, Meister und Pokalsieger zu werden. Das ist unser tägliches Brot, aber dadurch, dass ich noch keinen internationalen Titel gewinnen konnte, würden diese Titel mir noch mehr bedeuten.

Frage: Und welcher Titel ist am realistischsten?

Schweinsteiger: Ich denke, dass wir mit der Nationalmannschaft im Moment noch etwas näher am EM-Sieg sind als mit dem FC Bayern am Champions League-Titel.

Frage: Aber Bundestrainer Jogi Löw sieht den FC Bayern bereits auf dem Level des FC Barcelona und Real Madrid...

Schweinsteiger: Wir haben natürlich Qualität. Der Unterschied ist aber, dass der FC Barcelona einfach konstant auf diesem hohem Niveau spielen kann. Und wenn man sieht, wie die ihre Spiele gewinnen, dann ist das schon noch mal in einer anderen Liga. Barcelona ist ganz klar die Nummer 1 - und erst dann kommen Mannschaften wie Real Madrid und der FC Bayern...

Frage: Als Sie vor ein paar Jahren Profi beim FC Bayern wurden, war einer Ihrer Träume auch, irgendwann Kapitän dieser Mannschaft zu sein. Warum hat das jetzt nicht mehr erste Priorität?

Schweinsteiger: Kapitän zu sein, das ist heutzutage für mich nicht mehr so wichtig. Man sollte Priorität auf die Leistung setzen - und nicht darauf, ob ich eine Binde am Arm trage. Das macht keinen großen Unterschied. Du hast nur intern mehr Verantwortung: Zum Beispiel, wenn's um die Weihnachtsgeschenke für Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge geht (lacht). Aber da spreche ich mich mit Philipp Lahm, mit dem ich mich im Übrigen sehr gut verstehe, auch ab.

Frage: In Deutschland herrscht derzeit ein Talente-Boom wie noch nie: Reus, Götze, Müller, Badstuber, die Bender-Zwillinge, Schürrle Leitner - wer gefällt Ihnen am besten?

Schweinsteiger: Wir haben in den letzten Jahren dank der Nachwuchsleistungszentren sehr stark aufgeholt. Wenn ich an 2004 zurückdenke: Da waren Philipp Lahm, Lukas Podolski und ich - das war's dann auch schon. Die Qualität in der Breite war nicht so gegeben wie heute. Ich persönlich sehe Mario Götze schon sehr, sehr weit. Seine fußballerischen Fähigkeiten und sein Charakter gefallen mir ausgesprochen.

Frage: Würden Sie Marco Reus, der beim FC Bayern auf der Wunschliste stehen soll, empfehlen nach München zu wechseln?

Schweinsteiger: (lacht) Der Marco hat die gleiche Frisur wie ich mit 20 - also unbedingt holen! Aber im Ernst: Ich weiß nicht, ob es jetzt der richtige Zeitpunkt für ihn wäre, nach München zu kommen. Wir sind auf den Positionen schon sehr gut besetzt. Es gab schon Fälle, wo man Talente geholt und es nicht geklappt hat.

Frage: Burnout ist mittlerweile auch ein Thema in der Bundesliga, nachdem sich Ralf Rangnick und Markus Miller geoutet haben. Ist der Druck als Fußball-Star wirklich so groß?

Schweinsteiger: Man kann sich den Druck auch selbst machen. Beim FC Bayern ist die Erwartungshaltung ganz besonders hoch - doch eines darf man dabei nicht vergessen: Das Leben besteht nicht nur aus Fußball. Man darf das alles nicht zu nah an sich ranlassen. Ich suche auch immer wieder Abstand. Ich gehe mit Freunden an die Isar, zum Golfspielen und zu den Bayern-Basketballern - oder lese einfach nur ein Buch.

Frage: Heutzutage wird der Fußball-Profi komplett überwacht - dank neuer Analysesysteme. Sind Sie ein Freund dieser Statistiken?

Schweinsteiger: Nein, überhaupt nicht. Die Fans, die das Spiel X nicht sehen, urteilen anhand dieser Daten über Spieler. Das ist nicht fair. Es gibt ja zum Beispiel diese Statistik 'Welcher Spieler läuft am meisten?'. Der eine Spieler läuft 14 Kilometer, der Mannschaftskollege nur zehn. Für mich stellt sich dann aber doch die Frage: Wer von beiden ist richtig gelaufen? Ich kann für mich sagen, dass ich ungern Meter mache, die keinen Sinn ergeben.

Frage: Sie sind jetzt 27: Gilt für Sie der Spruch "Einmal Bayern, immer Bayern"?

Schweinsteiger: Ich denke, dass ich den richtigen Schritt mit der Vertragsverlängerung bis 2016 gemacht habe. Der Verein liegt mir sehr am Herzen - und das weiß auch jeder. Ich merke, dass sich beim FC Bayern was bewegt - das zeigt unter anderem auch der Transfer von Manuel Neuer. Das war sehr wichtig für mich - und es ist nicht nur in meinem Sinne, dass sich der FC Bayern weiter verbessert. Mein großes Ziel ist natürlich, die Champions League zu gewinnen.

Bastian Schweinsteiger im Steckbrief

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