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Fussball

Unbeschwert auf Teufel komm' raus

Von Stefan Rommel
Auch in der BayArena in Leverkusen war der Kantersieg der Bayern gegen St. Pauli allgegenwärtig
© Getty

Das famose 8:1 der Bayern beim FC St. Pauli gibt dem Rekordmeister nicht nur eine lang ersehnte Gewissheit - es eröffnet auch noch eine kaum mehr für möglich gehaltene Chance. St. Pauli feierte trotz des fünften Abstiegs eine Party voller Selbstironie und Masochismus. Nur einer wollte partout nicht so recht mitfeiern.

Marcel Eger war es wirklich zu gönnen. Seit acht Jahren ist Eger Profi und wie alle seiner Kollegen hat auch er als Kind davon geträumt, einmal als Torschütze in der Bundesliga auffällig zu werden.

Im 160. Profispiel und im sechsten in der Bundesliga war es endlich so weit. Eger köpfte eine Ecke ins Tor, direkt vor den eigenen Fans in der Kurve. Er lächelte beseelt, grüßte noch eben in die Fans.

Nur leider war es lediglich das zwischenzeitliche 1:5 für seine Mannschaft. Am Ende bezog St. Pauli mit 1:8 die schlimmsten Bundesliga-Prügel aller Zeiten.

Zerstörerische Wucht der Bayern

Die Bayern zeigten sich an einem besonderen Tag für den FC St. Pauli unnachgiebig und mit einer für die Gastgeber zerstörerischen Wucht. Es war nämlich auch für die Gäste aus München ein wichtiges Spiel, im Fernduell mit gleich zwei Mannschaften, Hannover 96 und Bayer Leverkusen.

"Volle Kanne"-Fußball hatte Andries Jonker in seinem vorletzten Spiel als Cheftrainer von seiner Mannschaft auf dem Kiez gefordert.

Diesseits der Mittellinie genügte dem Rekordmeister dann leicht und locker auch die halbe Kanne, im Spiel nach vorne zeigten die Münchener eine Woche nach dem glamourösen 4:1 gegen Schalke 04 aber die nächste vorzügliche Vorstellung.

Tasse Kaffee auf der Couch

Am Ende standen nicht nur drei weitere Punkte und acht Tore, sondern auch die Gewissheit, sich endlich etwas ruhiger an das anstehende Tagwerk machen zu können. Die frohe Kunde kam aus Stuttgart, wo der VfB mit seinem 2:1 einen der Kontrahenten um die Champions League aus dem Rennen nahm.

Hannover 96 ist keine Bedrohung mehr für die Bayern und Platz drei. "Das erste Ziel ist erreicht. Nun fahre ich nach Hause, setzte mich mit einer schönen Tasse Kaffee auf die Couch und werde es genießen", sagt Trainer Jonker.

Und Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge war "erstmal nur froh", dass das zweimal nach unten korrigierte Minimalziel einen Spieltag vor Schluss erreicht wurde. Da aber auch der Hamburger SV zumindest partiell mithelfen konnte, rückt jetzt sogar der bereits beinahe uneinholbar enteilte Konkurrent aus Leverkusen wieder in Reichweite.

Leverkusen in Reichweite

Vor den letzten drei Saisonspielen hatte Bayer beruhigende acht Punkte Vorsprung vor den Bayern. Nach Leverkusens müdem 1:1 gegen den HSV sind davon lediglich drei übrig geblieben.

Ein Sieg trennt die beiden nur noch, und gerade die Bayern sind ja ausgewiesene Spezialisten für unmögliche Wendungen am letzten Spieltag. Die Münchener werden dann den VfB Stuttgart in der Allianz Arena begrüßen, dem sie das ruhige Gewissen zu verdanken haben.

"Ich freue mich auf das Spiel gegen Stuttgart. Da werden wir wieder volle Kanne spielen und versuchen, nochmal Druck auf Leverkusen zu machen", sagt Jonker.

Schnappen sich die Bayern noch Platz zwei? Im Tabellenrechner selbst durchtippen!

Komische Konstellation in Freiburg

Bayer Leverkusen muss zum SC Freiburg reisen, was an sich schon eine undankbare Aufgabe ist. Es entbehrt aber nicht einer gewissen Ironie, dass sich am kommenden Samstag dann mit Robin Dutt der kommende Bayer- und mit Jupp Heynckes der kommende Bayern-Trainer gegenüberstehen werden.

"In Freiburg werden wir aber ganz anders auftreten. Wir sind schon lange auf dem zweiten Tabellenplatz und werden das auch nach dem 34. Spieltag sein", verspricht Leverkusens Trainer Jupp Heynckes.

Aber nicht nur für die meisten Bayern-Anhänger hört sich das eher an wie das Pfeifen im Walde. "Es wäre sensationell, wenn wir noch Zweiter werden würden. Dafür werden wir alles tun", sagt Philipp Lahm, betont unbeschwert und frei.

"Es gibt noch eine kleine Chance auf Platz zwei, aber dafür müsste am nächsten Samstag nochmal alles perfekt für uns laufen. Ich weiß nicht, ob Leverkusen sich das noch aus der Hand nehmen lässt", sagt Rummenigge.

Die übliche Taktik der Bayern: Den Gegner zunächst in Sicherheit wiegen, um dann unter der Woche den Druck stetig zu erhöhen.

Ein letzter Konkurs

Den hatte Holger Stanislawski seit dem Abpfiff am Millerntor eigentlich nicht mehr. 18 Jahre lang hat er als Spieler die Knochen und danach als Vizepräsident, Sportlicher Leiter und Trainer den Kopf hingehalten.

Und wurde jetzt zwar mit Ovationen und jeder Menge Tränen gen Hoffenheim verabschiedet - aber eben auch mit einem letzten Konkurs seiner bisweilen unberechenbaren Mannschaft.

"Zum Spiel werde ich gar nichts sagen, weil ich alles kaputt machen würde, was die letzten Jahre richtig gut lief. Das möchte ich mir bewahren", sagte Stanislawski und die Fassungslosigkeit und abgrundtiefe Enttäuschung war ihm ins Gesicht geschrieben.

"Es war erschreckend"

Die Mannschaft, seine Mannschaft, hat ihn und die Fans im Stich gelassen mit ihrer seltsamen Selbstaufgabe. Und vielleicht waren es auch Gesten wie jene von Marcel Eger nach dessen Tor, heiter und unbeschwert, die Stanislawski nach dem Spiel richtig böse werden ließen. "Ich fahre nach Hause. Ich kann nach so einem Spiel nicht lustig durch die Straßen rennen. Es war erschreckend, ein Stich ins Herz."

Seine Mannschaft gestaltete die Partie im heimischen Stadion eher wie eine knallbunte Abschiedstournee, denn wie einen sachlich-professionellen Arbeitstag.

"Diese Niederlage wiegt viel, viel mehr als die positive Verabschiedung von unserem Zuschauern! Das ist eine Situation, die muss ich wirklich erst mal sacken lassen", sagte Stanislawski.

Ein Funken Sarkasmus

St. Pauli verabschiedet sich aus der Liga mit dem jämmerlichsten aller Eindrücke und genau so, wie sie zwei Drittel der Saison nie in Erscheinung getreten war.

Denn bis zum 23. Spieltag lief alles nach Plan, war St. Pauli ein durchaus gefürchteter und unangenehmer Gegner. Und von da an fast nur noch ein zuverlässiger Punktelieferant.

Und jetzt auch noch das. "Wenn Du 1:8 verlierst und dann gefeiert wirst, das ist dann ja Selbstironie. Aber verdient hätten wir was anderes heute: Nen Arsch voll!", klagte Stanislawski.

"Noch nie hat sich eine St.-Pauli-Mannschaft so abschlachten lassen wie wir heute, dazu sind wir noch abgestiegen. Und dann schaue ich in die Zuschauerränge und die Fans feiern uns trotzdem", sagte Torhüter Thomas Kessler.

Dass am kommenden Wochenende noch eine Partie ansteht, seine wirklich allerletzte beim FSV Mainz 05, ist für den Noch-Trainer mehr Graus denn Freude. Aber immerhin entlockte es auch ihm noch einen Funken Sarkasmus.

"Leider müssen wir da noch spielen. Hoffentlich verlieren wir dann nicht noch zweistellig."

St. Pauli - Bayern: Daten zum Spiel

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