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Fussball

Van-Gaal-Zukunft: Entscheidung vertagt

Von Haruka Gruber
Am Sonntag nach der Hannover-Pleite fiel keine Entscheidung bezüglich Louis van Gaal
© Getty

Der FC Bayern erlebte mit dem 1:3 bei Hannover 96 den "absoluten Tiefpunkt der Saison" und Trainer Louis van Gaal ist angezählt - doch die Führung bittet um Geduld. Am Sonntag wurde keine Entscheidung gefällt, am Montag soll es aber eine Pressekonferenz beim Rekordmeister geben. Doch wie geht es weiter? Wer könnte ihm folgen? Und was heißt es für die Transferpolitik?

 

Der Sonntag beim FC Bayern

Wie üblich fand am Sonntagvormittag ein leichtes Lauftraining auf dem Gelände an der Säbener Straße statt und wie üblich nahm van Gaal daran nur als Beobachter teil. Ansonsten stand für den Niederländer die Nachbesprechung der Niederlage in Hannover auf dem Programm.

Die Klub-Verantwortlichen berieten derweil in der Villa von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, wie es weitergeht.

Die Sitzung der Vereinsoberen dauerte bis in den Abend an. Der Fernsehsender "Sport1" zitierte Sportdirektor Christian Nerlinger danach mit den Worten: "Es gibt nichts Neues."

Allerdings soll der von der "SZ" als Übergangslösung ins Spiel gebrachte Co-Trainer Andries Jonker ebenfalls bei diesem Treffen dabei gewesen sein und Rummenigges Villa vorzeitig um kurz nach 16 Uhr verlassen haben.

Zuvor erkärte Bayerns Mediendirektor Markus Hörwick gegenüber den zahlreich anwesenden Journalisten hinsichtlich einer möglichen Van-Gaal-Entlassung: "Das sind Dinge, die nicht hier entschieden werden, sondern von denjenigen, die die Geschicke des Vereins leiten. Ich bitte die Medien, ihre Hektik zurückzufahren. Es gibt heute weder eine PK noch eine Presseerklärung."

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Ungeachtet dessen haben Spekulationen über eine Nachfolgelösung für van Gaal Hochkonjunktur. Matthias Sammer, Ralf Rangnick oder Ex-Bayern-Profi Thorsten Fink scheinen für ein sofortiges Engagement ausgeschlossen, eine interne Lösung mit Hermann Gerland, dem Trainer der 2. Mannschaft, und Mehmet Scholl offenbar ebenfalls.

Weitere Namen, die am Sonntag im Dunstkreis der Mannschaft gehandelt wurden: Nach "ARD"-Informationen sei der derzeit vereinslose frühere HSV-Trainer Martin Jol ein Anwärter. Die "Bild am Sonntag" brachte den Ex-Inter und -Liverpool-Coach Rafael Benitez ins Gespräch.

Ein Comeback von Jupp Heynckes nach Saisonende soll laut "SZ" ebenfalls als nicht mehr abwegig gelten. Als Indiz dafür spekuliert die Zeitung mit Heynckes' Zögern bei der Vertragsverlängerung in Leverkusen.

Wie geht es weiter?

Wie der Homepage des Rekordmeisters zu entnehmen ist, trainiert die Mannschaft erst wieder am Mittwoch um 11.30 Uhr. Montag und Dienstag ist für die Spieler trainingsfrei.

Nach Informationen von "Sport1" findet am Montag aber eine Pressekonferenz statt. Was dabei verkündet wird, ist allerdings noch unklar.

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Wie tritt Louis van Gaal auf?

In den vergangenen acht Tagen durchlief van Gaal eine erstaunliche Wandlung: Im Anschluss an die Dortmund-Niederlage in der Außendarstellung noch herablassend und unnahbar, trat er bereits nach dem Pokal-Aus gegen Schalke wesentlich zurückhaltender auf. In Hannover zeigte er eine neue Facette: Kooperativ, beinahe mit einem Schuss Ergebenheit, stellte er sich den Interviews und den ihm so widerstrebenden Fragen.

"Ich habe immer Rückendeckung von meinem Vorstand bekommen. Sie entscheiden, ob sie weiter diese Rückendeckung geben, ich nicht", sagte van Gaal, der bei "LIGA total!" einen Rücktritt im Grunde ausschloss: "Das ist in meinem Fall immer davon abhängig, wie die Spieler auf mich reagieren. Aber sie haben ja in Hannover gesehen, dass die Spieler sehr gut auf mich reagieren."

Seine Entlassung wäre ohnehin ein Fehler - und das aus einem trivialen, aber eben auch stichhaltigen Grund: Den Bayern mangelt es an Alternativen. Van Gaal vor dem Hannover-Spiel: "Das geht nicht so einfach: 'Jetzt schmeißen wir van Gaal raus!' Da ist ja auch die Frage: Wer soll der Nachfolger von van Gaal werden? Das ist auch eine schwierige Frage."

Vielmehr kokettiert van Gaal selbst mit dem Interesse anderer Vereine, die nach Hoeneß' öffentlicher Kritik an seinem Gebaren im Herbst letzten Jahres angefragt hätten, ob der Trainer an einem Wechsel interessiert ist. "Seit Hoeneß das gesagt hat, werde ich immer angerufen. Die Vereine sind schlau. Die rufen mich persönlich an - über eine dritte Person. Ich bin stolz, dass ich immer noch in diesem Zentrum der Fußballwelt stehe."

Spätestens seit einem Interview im Dezember steht eine Rückkehr zu seinem ehemaligen Klub Ajax Amsterdam im Raum, der nach Martin Jols Weggang mit Frank de Boer auf einen Trainer-Neuling vertraut. Van Gaal: "Ich halte Ajax für eine großartige Herausforderung. Ich würde dafür sogar meinen Nationalmannschaftstraum beiseite schieben. Wenn so viele Fans mir so viel Vertrauen schenken würden, dann wäre ich bereit."

Wie steht die Mannschaft zu van Gaal?

Seit Sommer 2009 gestaltete van Gaal die Mannschaft in seinem Sinne um. Er bevorzugt junge und leicht zu führende Profis, Männer jenseits der 30 Jahre sind ihm hingegen genauso unliebsam wie Profis aus Südamerika.

Unter seiner Führung wurden Lucio, Jose Sosa und Martin Demichelis verkauft, Luca Toni erwies sich als zu widerborstig, Mark van Bommel als zu langsam. Van Gaal hat klare Kriterien - und wer sie erfüllt, kann sich einer gewissen Solidarität sicher sein.

Thomas Müller erfreut sich einer Einsatzgarantie ("Er spielt bei mir immer"), Philipp Lahm ist der neue Kapitän, Bastian Schweinsteiger gehört dank van Gaal zur Weltelite. Auch Arjen Robben, Holger Badstuber oder Danijel Pranjic preisen wiederholt dessen Fähigkeiten, selbst Franck Ribery schien sich mit van Gaals Attitüde arrangiert zu haben.

Es gibt selbstredend auch die Verlierer im Team: Daniel van Buyten und Jörg Butt verloren ihren Stammposten, Breno und Anatolij Tymoschtschuk zeigten sich kurzzeitig ebenfalls enttäuscht von der Versetzung auf die Bank.

Doch das Gros des Teams steht zu van Gaal, wie Lahm in einem der wenigen Statements eines Spielers nach dem Hannover-Spiel erklärte: "Wir haben ein gutes Verhältnis, wir arbeiten intensiv jeden Tag zusammen und nur so war auch der Erfolg letzte Saison möglich."

Wer könnte van Gaal als Bayern-Trainer beerben?

Das Amt des Chefcoaches beim deutschen Rekordmeister gehört zu den attraktivsten im Weltfußball - und doch sind Alternativen zu van Gaal wegen des restriktiven Anforderungsprofils rar.

Der Nachfolger müsste deutsch sprechen, über ein gewisses Renommee verfügen und taktisch sowie trainingswissenschaftlich ähnlich kompetent sein wie der Niederländer. Und: Nach den teils unschönen Erfahrungen mit dem narzistisch-eigenwilligen van Gaal dürfte die Klubführung einen umgänglicheren Charakter bevorzugen.

Dementsprechend wenige Kandidaten werden gehandelt. Über DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und den ehemaligen Hoffenheim-Trainer Ralf Rangnick wird spekuliert, doch "eine Anstellung Rangnicks gilt beim FC Bayern als ebenso ausgeschlossen wie eine Zusammenarbeit mit Sammer", wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Ex-Profi Thorsten Fink wird ebenfalls wiederholt angeführt, doch ob eine erfolgreiche Arbeit in Basel für eine Rückkehr zum FC Bayern als Cheftrainer qualifiziert, kann bezweifelt werden.

Fast schon reflexartig fällt der Name Ottmar Hitzfeld, der sich vom Schweizer Verband zumindest bis Saisonende als Nationaltrainer teilbefreien lassen könnte. Oder auch Jupp Heynckes, der zwar mit einem Verbleib in Leverkusen kokettiert, sich aber noch immer nicht zur Unterzeichnung eines neuen Vertrags entschloss. Wohlgemerkt: Alles reine Spekulationen.

Welche Folgen hätte eine Van-Gaal-Entlassung auf Bayerns Transferpolitik?

Wohl noch nie wurde in der Geschichte der Bayern derart offen darüber diskutiert, wie uneinig sich die Führung und der Trainer in der Transferpolitik sind. Van Gaal votierte gegen die Transfers von Sami Khedira, Rafinha oder Gregory van der Wiel, im Gegenzug entschied der Vorstand, dass im Sommer Mario Gomez und Tymoschtschuk nicht verkauft werden, obwohl der Niederländer nach eigenen Angaben keine Verwendung für sie hätte. Ein Irrtum, Gomez und Tymoschtschuk sind mittlerweile unumstritten oder zumindest gesetzt.

Die unterschiedliche Bewertung möglicher Neuzugänge und Abgänge ließ sich zuletzt nicht mehr leugnen. Immerhin: Winter-Zugang Luiz Gustavo wurde von van Gaal wegen seiner Vielseitigkeit willkommen geheißen, die Drahtzieher des Wechsels waren jedoch Rummenigge und Hoeneß.

Dennoch birgt die Transferpolitik immense Sprengkraft, sollte van Gaal bleiben. Insbesondere wegen der ungeklärten Frage, wer denn ab Sommer 2011 das Bayern-Tor hüten soll. Van Gaal verwehrte sich anfangs gegen den Kauf des vom Vorstand bevorzugten Manuel Neuer und beförderte Ersatzmann Thomas Kraft zur neuen Nummer eins, um seine Ablehnung zu verdeutlichen.

Zuletzt deutete van Gaal - ob nun aus sportlichen oder politischen Gründen - eine Bereitschaft zu einem Kompromiss an. Dennoch scheint nach all den Vorkommnissen und medialer Zwietracht eines sicher: Nach den Erfahrungen mit van Gaal werden die Bayern im Falle einer Entlassung sorgsam darauf achten, dass sich der neue Trainer mehr auf die eigentliche Arbeit als Fußball-Lehrer konzentriert - und der Klubführung die Transferkompetenz unterliegt.

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