"Das ist sehr mutig von van Gaal"

Von Interview: Stefan Rommel
Der Kaiser und die Trophäe des zu seinen Ehren 2007 eingeführten Franz-Beckenbauer-Cups
© Imago

Der Kaiser spricht: Franz Beckenbauer zur aktuellen Entwicklung bei den Bayern, zum möglichen Wechsel von Jörg Butt zu Thomas Kraft, über die Weltmeisterschaft 2022 in Katar und die heftige Kritik an seinem Freund Dietmar Hopp.

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SPOX: Herr Beckenbauer, beim Mercedes-Benz Junior Cup haben die vier deutschen unter den acht Mannschaften die ersten vier Plätze belegt. Ist diese kleine Erfolgsgeschichte auch ein Fingerzeig auf das große Ganze, nämlich die erfolgreiche Jugendarbeit in Deutschland?

Franz Beckenbauer: Es ist eines von zahllosen Beispielen, das die exzellente Jugendausbildung und -förderung in Deutschland im kleinen Rahmen dokumentiert. 2000 wurde das Jugendkonzept reformiert, die Konzepte greifen schon seit einigen Jahren. Früher konnten sich unsere Junioren-Nationalmannschaften kaum für die Endrunden qualifizieren - heute gewinnen sie die Turniere. Frankreich war damals unser großes Vorbild. Jetzt haben wir sie überholt.

SPOX: Auch beim FC Bayern ist der Jugendtrend unverkennbar. Mit Louis van Gaals Wahl zugunsten von Thomas Kraft und gegen Jörg Butt nimmt das ein neues Ausmaß an.

Beckenbauer: Bei Louis weiß man ja nie, wie und ob er das ernst gemeint hat. Meiner Meinung nach nimmt er die Journalisten manchmal auf die Schippe.

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SPOX: Es deutet alles darauf hin. Van Gaal geht mit dem Wechsel ein hohes Risiko ein. Ist er diesmal zu mutig?

Beckenbauer: Er hat mit solchen Entscheidungen schon viel Erfolg gehabt. Mit Müller, Badstuber, Contento, Alaba. Auf der einen Seite ist es sehr gut, dass er immer so standhaft ist und seine Linie durchzieht. Er sagt, er brauche keine Ergänzungsspieler, wenn er keine Granate für eine Position bekommt. Also vertraut er lieber den Jungen. Auf der anderen Seite wird das allerdings nicht immer gleich zu Siegen führen. Und das ist der Knackpunkt: Der FC Bayern ist zum Gewinnen verdammt. Wenn man mal einen oder zwei Spielern die Chance gibt, ist das in Ordnung. Bei vier oder fünf auf einmal funktioniert das dann schon nicht mehr so. Das sieht man ja an der Vorrunde.

SPOX: Zumal es sich dieses Mal um die sehr exponierte Position des Torhüters handelt.

Beckenbauer: Wenn der linke Verteidiger einen Fehler begeht, wird die Mannschaft in Form eines Gegentores dafür nicht unmittelbar bestraft. Beim Torhüter sieht das meiner Meinung nach anders aus. Und wenn die Abwehr manchmal ohnehin schon bedenklich wackelt und dahinter steht eventuell ein unsicherer Torhüter, dann kann das wahrscheinlich nicht gut gehen.

SPOX: Verhilft van Gaal mit seinem Stil selbst einem renommierten Klub wie dem FC Bayern zu einem neuen Alleinstellungsmerkmal im absoluten Topbereich: Als dem Spitzenklub, der rigoros auf junge Spieler aus dem eigenen Stall setzt?

Beckenbauer: Er traut es sich zumindest immer wieder. Das ist sehr mutig von ihm, das muss man ihm lassen. Wie viele andere Trainer trauen sich so etwas? Kaum einer, fast gar keiner. Louis weiß selbst am besten, dass er erfolgreich sein muss. Aber das Risiko geht er eben ein. Das ist seine Persönlichkeit.

SPOX: Van Gaal hat die Mannschaft seit seinem Amtsantritt vor 18 Monaten fast komplett umgekrempelt.

Beckenbauer: Das stimmt. Seit Louis bei Bayern ist, spielen nur noch van Bommel und Ribery auf ihren angestammten Positionen. Der Rest der voraussichtlichen Startelf gegen Wolfsburg ist van Gaals Werk beziehungsweise sind Zugänge. Für einen Spitzenklub wie Bayern ist so eine Art Umbruch in 18 Monaten sehr außergewöhnlich.

SPOX: Ist es ein Trend oder nur ein Zufall, dass in dieser Bundesliga-Saison so viele kleine Klubs die Großen ärgern?

Beckenbauer: Von beidem ein bisschen. Die kleineren Vereine finden kluge Konzepte, um an die Großen weiter heranzurücken. Wenn dann Klubs wie die Bayern oder der HSV, die immer um die Meisterschaft mitspielen, schwächeln, sind die Kleinen mittlerweile zur Stelle. Man darf aber nicht vergessen, dass die Nachwehen der Weltmeisterschaft schon Spuren hinterlassen haben - und dass die WM-Fahrer in der Rückrunde wieder da sein werden.

SPOX: Ist Dortmund der Titel noch zu nehmen?

Beckenbauer: Das glaube ich nicht. Ich denke nicht, dass sich der BVB die Schale noch entreißen lässt. Für die Bayern gilt es in erster Linie, Platz zwei zu sichern.

SPOX: Wie sehen Sie die Entwicklung der Bundesliga in den letzten Jahren, auch im Vergleich zur Konkurrenz aus England, Spanien und Italien?

Beckenbauer: Die Liga hat enorm aufgeholt, wir können uns schon längst wieder mit den anderen großen Ligen vergleichen. Das funktioniert im Prinzip auch immer in Zyklen: Es geht rauf und runter. In den 70ern war die Bundesliga dominant, wurde abgelöst von England, dann wurden die eine Weile gesperrt. Italien kam auf, später dann wieder England und natürlich Spanien.

SPOX: Wann ist die Bundesliga mal wieder dran?

Beckenbauer: Die kommt schon bald wieder. Wir haben mittlerweile so viele sehr gut ausgebildete Talente. Es wäre schön, wenn die eine neue Ära einläuten könnten.

SPOX: Einige Spieler der Bundesliga haben zuletzt für Aufsehen gesorgt, in dem sie quasi ihren Rauswurf provozieren wollten und wollen.

Beckenbauer: Das Bosman-Urteil hat den Spielern zu viel Macht verliehen, sie haben seitdem die Fäden in der Hand. Und die Manager und Berater forcieren solch ein Verhalten dann auch noch. Wenn ein Verein reagiert und einen meuternden Spieler auf die Tribüne setzt, geht der womöglich noch zum CAS und klagt. Wenn sich solche Verhaltensweisen durchsetzen, können wir den Laden meiner Meinung nach gleich zusperren.

SPOX: Die Vergabe der Weltmeisterschaft 2018 und 2022 hat für mächtig Aufsehen gesorgt. Uli Hoeneß hat zuletzt FIFA-Boss Sepp Blatter wegen der Vergabe der WM 2022 nach Katar heftig attackiert, der FIFA Bestechlichkeit vorgeworfen.

Beckenbauer: Es wurden ja auch zwei Exko-Mitglieder ausgeschlossen. In den Wochen vor der Vergabe waren die Spannungen unter den Mitgliedern auf jeden Fall greifbar. Da lag etwas in der Luft. Man konnte mit keinem mehr normal reden.

SPOX: Blatter hat sich jetzt deutlich für eine WM im Winter positioniert. Sie auch?

Beckenbauer: Das habe ich schon immer vorgeschlagen. Die Kataris könnten auch die Stadien im Sommer runterkühlen und die Hotels, womöglich das ganze Land. Das würden sie sicher hinbekommen. Deren Konzept ist gut und nachhaltig. Die Frage ist aber: Braucht es so einen Aufwand? In elf Jahren kann man den Rahmenkalender denke ich schon so anpassen, dass eine WM im Winter möglich ist.

SPOX: Ihr guter Freund Dietmar Hopp kommt nach den Querelen der letzten Wochen in der Öffentlichkeit und den Medien derzeit nicht besonders gut weg. Wird ihm mit der harschen Kritik Unrecht getan?

Beckenbauer: Da ist extrem viel Neid dabei. Dietmar Hopp ist die Seele dieses Klubs. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich vor ca. 15 Jahren zum ersten Mal in Hoffenheim war. Die waren damals in der 5. Liga und haben auf ihrem Dorfplatz eine erste Tribüne eingeweiht. Von da unten kommen die - und jetzt spielen sie als etablierter Klub in der Bundesliga. Das ist alleine sein Verdienst. Schauen Sie sich doch mal an, was er alleine in der Region um Mannheim gemacht und gefördert hat: Die SAP-Arena und das Eishockey, Handball, Golf. Er hat aus einer unscheinbaren Region die Sportregion Nummer eins in Deutschland gemacht. Deshalb ist das für mich nichts anderes als der Neid, der ihn momentan trifft.

SPOX: Beim Gustavo-Transfer hat er auch nicht gegen die 50+1-Regelung verstoßen?

Beckenbauer: Das sagen jetzt ja einige: 'Was mischt er sich da ein? Warum nimmt er keine Rücksicht auf die 50+1-Regel?' Das ist meiner Meinung nach doch Blödsinn. Wenn ich mit Hoffenheim etwas zu tun habe, gehe ich auch zu Dietmar Hopp und zu sonst keinem anderen.

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