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Fussball

Keine Form und kein Plan B

Von Thomas Gaber
Thomas Müller erzielte zwei von fünf Saisontoren des FC Bayern München
© Getty

Der FC Bayern München hat den schlechtesten Saisonstart seiner Bundesligageschichte hingelegt. Da verwundert es nicht, dass die Wortwahl von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge etwas heftiger wurde. Trainer Louis van Gaal muss viele Probleme kurzfristig lösen. Eine Mängelanalyse der Bayern im Herbst 2010.

Form: Nahezu alle Nationalspieler spielen nicht ansatzweise am Limit. Ein erklärbarer Zustand nach der langen Saison 2009/10. Nicht zu erklären ist der Leistungsabfall nach einem vernünftigen Start.

Beim 0:2 in Kaiserslautern lieferten die Bayern ihre spielerisch beste Leistung ab. Das maue 0:0 gegen Bremen entschuldigte Philipp Lahm noch mit fehlendem Rhythmus. Nach dem nächsten müden 0:0 gegen Köln und der erschreckend schwachen Vorstellung gegen Mainz gingen den Bayern die Argumente aus.

In Dortmund ließen sich die Bayern in der zweiten Halbzeit mehr oder weniger abschlachten. Kapitän Mark van Bommel sah sich erstmals in seiner Bayern-Karriere veranlasst, den Charakter seiner Kollegen infrage zu stellen. "Jeder muss sich hinterfragen, ob er alles gegeben hat", sagte van Bommel.

Trainer Louis van Gaal erklärt die Negativserie kontinuierlich mit der chronischen Abschlussschwäche. Fünf Tore in sieben Spielen sind der schlechteste Wert aller 18 Bundesligisten. In den letzten beiden Jahren, als die Bayern ähnlich schleppend aus den Startlöchern kamen, erzielten sie zum gleichen Zeitpunkt 13 bzw. 15 Tore.

Laut "kicker" haben die Bayern in den ersten sieben Spielen nur 11,9 Prozent ihrer Torchancen verwertet. Tabellenführer Mainz liegt bei knapp 40 Prozent.

Allerdings erspielen sich die Bayern auch zu wenige Chancen. Mit 42 liegen sie auf Platz sechs, Borussia Dortmund kommt auf 65. Ein Wert, der belegt, wie ineffizient die Bayern derzeit spielen, wie wenig sie aus ihren hohen Ballbesitzwerten machen.

Auch im Fitnessbereich haben die Bayern enormen Nachholbedarf. "Wir hatten zwei Tage länger Pause als Dortmund. Aber wir waren es, die am Ende nichts mehr drauf hatten", kritisierte Präsident Uli Hoeneß nach dem 0:2 in Dortmund. Indirekte Kritik am Trainerstab.

Taktik: Van Gaal hat sich längst entschieden: Der FC Bayern spielt unter ihm mit einer Spitze. Allerdings fehlen dem Coach derzeit die für dieses System so wichtigen Kreativspieler auf den Außenbahnen. Franck Ribery kam erst nicht in Form und ist jetzt verletzt.

Der ebenfalls verletzte Arjen Robben war in der letzten Saison der mit Abstand beste Offensivspieler der Bayern. Sein Fehlen ist nicht im Ansatz zu kompensieren. Toni Kroos wurde auf links abgeschoben, obwohl van Gaal ihn als Zehner zurückgeholt hat.

Der Rückkehrer wirkt nach wie vor gehemmt, wenn er das Bayern-Trikot trägt. Im Zentrum kann er seine Qualitäten (Passspiel, Übersicht, Torschuss) besser einbringen als im linken Mittelfeld.

Mit Kroos, Thomas Müller, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger hat van Gaal gleich vier Spieler auf der zentralen Position hinter der einzigen Spitze ausprobiert. Die richtige Lösung aber hat er noch nicht gefunden. Es hat auch kein Spieler überzeugt.

Van Gaal hat offenbar keinen Plan B, zumindest verzichtet er darauf. "Viele andere Trainer haben das System van Gaal verstanden und stellen sich taktisch darauf ein", sagte Oliver Kahn der "tz" und bemerkte nicht zu Unrecht: "Ein System mit nur einem Stürmer lebt vor allem davon, dass die Spieler auf den Außenbahnen sehr stark sind. Wenn ein Robben und ein Ribery fehlen, ist die Überlegung, mit zwei Stürmern zu spielen, sicher nicht verkehrt."

Gegen den AS Rom stellte van Gaal in der letzten halben Stunde auf 4-4-2 um. Mit zwei Stürmern kamen die Bayern zu etlichen Torchancen und schossen zwei Tore.

Psyche: Hoeneß und Rummenigge teilen die Ansicht, dass einigen Spielern die Höhenluft nach der erfolgreichen WM nicht bekommt. Es fällt in den Aufgabenbereich des Trainers, etwaigem Übermut der Spieler entgegenzuwirken.

Zudem lässt van Gaal einige Spieler hautnah spüren, dass sie eigentlich überflüssig sind. Martin Demichelis, Anatolij Tymoschtschuk und Hamit Altintop haben keine Chance beim Coach.

Mario Gomez durfte nach vielen enthaltsamen Wochen erst in Dortmund mal wieder von Beginn an spielen, obwohl Ivica Olic und Klose nie überzeugen konnten.

Van Gaal baut auf 12, 13 Spieler, der Rest kommt über kurze oder verletzungsbedingte Einsätze nicht hinaus. Er nimmt die Unzufriedenheit der Spieler ab Position 14 in Kauf und konterkariert damit seine Harmoniebedürftigkeit.

Transferpolitik: Die Klubbosse stellten Louis van Gaal im Sommer frei, neue Spieler zu verpflichten. Geld ist beim FC Bayern dafür immer vorhanden.

Der Trainer machte sich für eine Rückkehr von Kroos stark. Van Gaal sah im 20-Jährigen den benötigten dritten Kreativspieler neben Robben und Ribery. Kroos sollte das Offensivspiel unberechenbarer machen. Van Gaal plante mit ihm auf der Zehnerposition.

Edson Braafheid kam ebenfalls zurück, Verwendung hatte van Gaal für seinen Landsmann von Anfang an nicht. In Dortmund durfte Ladenhüter Braafheid spielen, weil van Gaal Danijel Pranjic für das defensive Mittelfeld benötigte.

Auf "echte" Neuzugänge verzichtete van Gaal. Er hielt den Kader für stark genug und er wollte die Harmonie stützen - der Hauptgrund seiner Zurückhaltung. Seine Kader-Fomel lautet: 22 plus 3. 22 gestandene Spieler und drei vielversprechende Talente aus dem eigenen Nachwuchs.

Nach Kroos' und Braafheids Rückkehr war der Kader voll. "Wenn jemand kommt, muss erst jemand gehen", hatte van Gaal im Sommer immer wieder betont.

Unabhängig von etwaigen Dynamiken und Spätfolgen der erfolgreichen Saison 2010/11 bzw. der WM, hätte van Gaal die Defensive verstärken müssen. Die Innenverteidigung entspricht nicht europäischem Topformat, zu Lahm fehlt adäquater Ersatz auf der linken Außenverteidigerposition. Kapitän van Bommel kritisierte seinen Trainer indirekt für den Verzicht auf Gregory van der Wiel.

Das Personal in der Offensive gehört zum Besten in Europa. Edin Dzeko steht dennoch - zu Recht - auf der Liste. Auch wenn Karl-Heinz Rummenigge noch blockt: Die Bayern werden im Winter investieren.

Rummenigge: "Wir stecken in der Scheiße"

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