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Fussball

"In ein paar Jahren bin ich Hausmann"

Von Interview: Benjamin Semmler/Dirk Becker
David Rozehnal spielte schon in Belgien, Frankreich, England und Italien
© Imago

Für knapp fünf Millionen Ablöse kam der Tscheche David Rozehnal im Sommer von Lazio Rom zum Hamburger SV. Im Interview mit SPOX spricht der 29-Jährige über die Einsamkeit des Profis, ein Leben ohne Fußball, die Unterschiede zwischen Europas Topligen und einen Kollegen, der Schüler und Konkurrent in einem ist.

SPOX: Herr Rozehnal, viele Profis lieben schnelle Autos und spielen Playstation. Sie puzzeln und basteln Modellflugzeuge zusammen.

David Rozehnal: Ja, ich habe damit vor sechs Jahren in Brügge angefangen. Da gab es meinen Sohn Luka noch nicht, und ich habe die freie Zeit nach dem Training oft mit Basteleien verbracht. Aber die Flugzeuge liegen jetzt schon länger im Schrank. Die Zeit für die aufwändige Kleberei ist in den letzten Jahren einfach knapp geworden. Aber mit Luka puzzle ich jetzt wieder häufiger.

SPOX: Was sagen die Kollegen zu Ihrer Bastelleidenschaft?

Rozehnal: Das weiß keiner. Und vielleicht ist das auch besser so. Denn Sie können sich ja vorstellen, was für Themen in einer Kabine mit 20 Fußballern so angesagt sind. Basteln gehört ganz sicher nicht dazu.

SPOX: Als Familienmensch muss es eine Qual für Sie sein, dass Ihre Frau Petra und Sohn Luka noch nicht in Hamburg sind.

Rozehnal: Das ist wirklich nicht einfach für mich. Aber es ja nicht das erste Mal, dass ich den Verein gewechselt habe. Und im Dezember soll unsere Wohnung in der Innenstadt fertig sein. Dann hat das einsame Leben ein Ende.

SPOX: Fühlen Sie sich einsam?

Rozehnal: Manchmal. Aber ich bin einer, der allein gut zurecht kommt. Ich gehe oft in kleine Cafés, trinke einen Tee und beobachte die Leute, lasse meine Gedanken schweifen. Mir reicht das.

SPOX: Sie gehen alleine weg und beobachten Leute? Herr Rozehnal, Sie sind Fußballprofi.

Rozehnal: Das macht doch nichts. Für mich ist das ungestörte Beobachten ein großer Genuss. Ich tauche dann ins Stadtleben ein und sauge ganz viel auf. Neue Wörter, neue Gerüche und gute Musik. Das ist meine Mentalität. Ich brauche keine permanente Aufmerksamkeit, ich genüge mir selbst.

SPOX: Haben Sie sich diese Eigenschaft in den Jahren als wandernder Fußballprofi angeeignet?

Rozehnal: Ganz bestimmt. Die Einsamkeit nach einem Vereinswechsel kennt eigentlich jeder Fußballer. Und jeder Spieler braucht im Prinzip zwei, drei Monate, um sich an das Umfeld zu gewöhnen. Oft wohnt man ja, wie ich jetzt auch, in einem Hotel. Aber wenn dann irgendwann die eigene Wohnung da ist, die Sprache besser wird und man seine zwei, drei Restaurants oder Cafés hat, fängt es an, Spaß zu machen.

SPOX: Sie sind jetzt zwei Monate in Hamburg. Wie heimisch fühlen sie sich?

Rozehnal: Ich war in Paris, Brügge, Newcastle und Rom. Aber nirgends habe ich mich in so kurzer Zeit so wohl gefühlt wie in Hamburg. Klar, ich habe zwar nicht alle Spiele gespielt. Aber die Menschen in Hamburg, das Flair der Stadt, unser Stadion, der ganze HSV und die Qualität der Mitspieler, das finde ich wirklich richtig gut. Ich möchte gerne ein richtiger Hamburger werden.

SPOX: Sie schwärmen ja.

Rozehnal: Ja. Ich erzähle meiner Frau am Telefon auch immer, wie sympathisch das hier alles abläuft. Ich freue mich so sehr auf den Tag, wenn sie und Luka endlich bei mir sind, und wir in unsere neue Wohnung einziehen. Dann ist mein Glück perfekt.

SPOX: Erzählen Sie auch, dass Sie mit Jerome Boateng konkurrieren? Er gilt immerhin als größtes Abwehrtalent in Deutschland. Das ist keine leichte Aufgabe.

Rozehnal: Dafür interessiert sich meine Frau nicht. Aber es stimmt. Jerome ist wirklich ein Guter. Deutschland und der HSV können froh sein, dass sie so ein großes Abwehrtalent haben.

SPOX: Stört es Sie nicht, dass Sie als erfahrener Spieler bislang nur die Rolle des Ersatzspielers einnehmen?

Rozehnal: Die individuelle Klasse der Kontrahenten ist eben sehr hoch. Aber das bringt mich auch auf ein besseres Level. Ich muss hier jeden Tag alles aus meinen Körper holen und ich merke, dass ich täglich weiter wachse. Und es ist ja nicht so, dass ich noch nicht gespielt habe. Ich bin sicher, dass ich auch weiterhin meine Einsätze bekomme. Dafür arbeite ich im Training hart und konzentriert.

SPOX: Jerome Boateng sagt, dass er von Ihnen viele Tipps bekommt. Was bringen Sie ihm bei?

Rozehnal: Da kommt meine Erfahrung ins Spiel. Ich habe ja schon in fast allen europäischen Ligen gespielt, hatte viele Trainer. Da weiß man schon einiges über Fußball.

SPOX: Aber was genau?

Rozehnal: Wir besprechen Laufwege, klären die Raumaufteilung und wann wir doppeln. Wir schauen, wie wir uns am besten gegenseitig absichern. Das passiert vor, während und nach dem Spiel. Wir müssen funktionieren. Da muss man ständig miteinander reden. Und Jerome sagt mir, wo die Stärken und Schwächen der gegnerischen Angreifer liegen. Er kennt die Bundesliga ja besser. So helfen wir uns gegenseitig.

SPOX: David Jarolim ist Ihr Landsmann, HSV-Kapitän und Freund. Erzählen Sie uns was über ihn.

Rozehnal: Wir kennen uns aus der Nationalmannschaft und haben bei Länderspielen oft in einem Zimmer gewohnt. Er ist ein toller Kerl, der sich in Deutschland zu einem super Fußballer entwickelt hat. David hat mir in den letzten Wochen viel geholfen. Er ist der beste Leader, den sich der HSV vorstellen kann.

SPOX: Mal eine Statistik: Sie haben in 185 Ligaspielen für Paris St. Germain, Lazio Rom, FC Brügge, Newcastle United und den HSV insgesamt nur drei Tore erzielt. Das ist selbst für einen Verteidiger eine eher mäßige Quote.

Rozehnal: Beim Toreschießen habe ich tatsächlich Nachholbedarf. Gerade in der heutigen Zeit muss ein guter Verteidiger auch Tore machen. Insofern ärgert mich die Quote. Ich hätte wirklich gerne zehn Tore mehr auf meinem Konto. Aber neuerdings warte ich bei Freistößen öfters in der Nähe des Pfostens. Ich hoffe, dass demnächst ein Ball rein geht.

SPOX: Sie haben eineinhalb Jahre für Lazio Rom in der Serie A gespielt. Wie fällt Ihr Vergleich mit der Bundesliga aus?

Rozehnal: Die Serie A ist pure Taktik. Da gibt es ganz selten schnelle Angriffe. Der Spielaufbau ist oft sehr ruhig. In der Bundesliga ist auf dem Platz viel mehr los. Hier wird mit mehr Einsatz und Tempo gespielt. Außerdem können alle Spitzenmannschaften gegen den Tabellenletzten verlieren. Solche Überraschungen gibt es in Italien nur alle paar Jahre mal. Deswegen schauen sich die Tschechen auch viel lieber den deutschen Fußball im Fernsehen an.

SPOX: Wie ist Ihre Meinung zur Premier League?

Rozehnal: Als Fan, der gerade im Ausland nur die besten Szenen sieht, ist die Premier League natürlich ein Highlight. Die Masse der Top-Stars ist ja wirklich überragend. Doch als Fußballer habe ich eine andere Meinung.

SPOX: Weil nicht alle so spektakulär wie United, Chelsea, Liverpool oder Arsenal spielen?

Rozehnal: Das ist es. Es gibt unheimlich viele englische Vereine, die destruktiv spielen. Nur Zweikämpfe, wenig Spielfluss. Das macht dann keinen Spaß. Auf den Punkt gebracht: Stadien, Fans, Qualität der Teams, Medien, das ganze Drumherum - da muss sich die Bundesliga vor der Premier League überhaupt nicht verstecken.

SPOX: Haben Sie eigentlich schon das Aus in der WM-Qualifikation verkraftet?

Rozehnal: Auf keinen Fall. Das ärgert mich jetzt noch. Dass wir die Quali nicht geschafft haben, ist eine große Enttäuschung gewesen. Das ganze Land hat gelitten. Wir haben es diesmal einfach vermasselt.

SPOX: Woran ist Tschechien gescheitert?

Rozehnal: Wir sind keine Fußballweltmacht. Das ist einfach so. Und trotzdem war Tschechien zuletzt bei den großen Turnieren immer dabei. Holland und England mussten in den letzten Jahren auch mal zuschauen. Jetzt hat es uns erwischt.

SPOX: Ein kleines Dorf in Tschechien jubelt jedes Mal, wenn Sie den Verein wechseln.

Rozehnal: Ja, mein Heimatklub Kozusany hat bislang wirklich sehr gut an mir verdient. Sie haben damals ganz clever einen Vertrag entworfen, der sie bis heute mitverdienen lässt, wenn Ablösesummen fließen. Nun ist Kozusany die nächsten zehn Jahre ohne Sorgen.

SPOX: Was passiert mit dem Geld?

Rozehnal: Zuletzt haben sie sich eine Rasensprenganlage gegönnt. Das ist Luxus pur für ein 700-Einwohner-Dorf. Dort spielen sie normalerweise für Wurst und Bier. Jetzt haben Sie Hightech im Rasen.

SPOX: Können Sie sich vorstellen, irgendwann aufs Dorf zurückzukehren?

Rozehnal: Natürlich. Meine ganze Familie lebt dort. Mein Bruder spielt noch bei Kozusany, mein Vater ist dort das Mädchen für alles. Meine Mutter und meine Tante verkaufen bei den Spielen die Getränke. Und meinem Bruder habe ich versprochen, dass ich mit 35 noch ein paar Spiele in der Provinz mit ihm machen werde. Das wird lustig.

SPOX: Sie haben also schon Pläne für die Zeit nach Ihrer Karriere?

Rozehnal: Konkrete Pläne nicht. Nur eine Richtung. Ich will mich auf jeden Fall vom Profigeschäft erholen und werde weder als Trainer noch als Manager arbeiten. Das Geschäft ist unglaublich ermüdend und hat nach 20 Jahren genug Energie und Zeit gekostet. Nach meiner Karriere ist meine Frau an der Reihe. Sie musste ihre Träume bislang stets meinen unterordnen. Das wird sich ändern. In ein paar Jahre bin ich dann Hausmann und sie macht Karriere.

Zum Steckbrief: David Rozehnal

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