Neuer: Man kann nicht alles auf Rutten schieben

Von Interview: Kevin Bublitz / Mark Heinemann
Manuel Neuer streift bereits seit 1991 das Trikot der Knappen über
© Getty

Exklusiv Manager weg, Trainer weg - derzeit ist einiges los auf Schalke. Keeper Manuel Neuer spricht im Interview mit SPOX über die Situation auf Schalke, berechtigte Kritik an Kevin Kuranyi und erklärt, warum Jens Lehmann nicht mehr sein Vorbild ist.

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SPOX: Herr Neuer, warum kehrt bei S04 nie Ruhe ein?

Neuer: Wir sind ein sehr emotionaler Verein. Deshalb haben wir nach Bayern München auch die meisten Fans in Deutschland. Momentan ist die sportliche Leistung nicht so gut. Wir haben zu wenige Punkte. Was außerhalb der Mannschaft passiert und welche Entscheidungen getroffen werden, können wir Spieler nicht beeinflussen. Wenn wir jetzt oben mitspielen würden, wäre sicher auch einiges anders gelaufen.

SPOX: Wenn Sie nächste Saison nicht international spielen, muss der Verein wohl Geld einsparen. Macht Ihnen das auch mit Blick auf Ihre eigene Karriere Sorgen?

Neuer: Nein. Wir haben die Ansprüche, international zu spielen. Das will auch jeder einzelne Spieler. Die Qualität haben wir mit Sicherheit in der Mannschaft.

SPOX: Der Verein will um Sie, Höwedes, Westermann und Jones ein neues Team aufbauen. Ganz schön viel Verantwortung für so junge Spieler.

Neuer: Ich denke, wir können da sehr gut mit umgehen. Heiko hat durch seine A-Länderspiele schon Erfahrungen gesammelt. Benedikt und ich sind Stammspieler bei der U 21. Da lernen wir viel dazu und haben mit Verantwortung kein Problem. Jermaine ist sowieso schon erfahren genug.

SPOX: Dann ist das doch genau der richtige Schritt in die richtige Richtung?

Neuer: Auf jeden Fall. Deshalb wollen wir jetzt auch sehen, dass wir bis zum Saisonende alles wieder gerade gerückt bekommen.

SPOX: Haben Sie eigentlich mal darüber nachgedacht, dass sinkende Schiff zu verlassen?

Neuer: Nein. Ich will helfen, dass der Verein wieder auf Vordermann gebracht wird. Wir sind in einer kleinen Krise, und da will ich Verantwortung übernehmen, damit es wieder in die richtige Richtung geht.

SPOX: Oliver Kahn und Rudi Völler haben den Managerposten auf Schalke abgelehnt. Bedauern Sie das?

Neuer: Der Vorstand wird da schon die richtige Entscheidung treffen.

SPOX: Wissen Sie denn schon, wer es wird?

Neuer: Nein. Aber es ist gut, wenn man sich von Vereinsseite Zeit lässt, bevor man wichtige Entscheidungen überstürzt.

SPOX: Und wie stehen Sie zur Beurlaubung von Fred Rutten?

Neuer: Im Prinzip lag es eben an den Spielen, die wir verloren haben. Und die Spieler sind größtenteils auch dafür verantwortlich, dass die Spiele nicht gewonnen werden. Da kann kommen wer will, auch wenn es der beste Trainer der Welt ist. Wenn die Spieler auf dem Platz nicht funktionieren, vorne zu wenig Tore schießen und hinten zu viele kassieren, dann ist es klar, dass man Spiele nicht gewinnt. Das alles auf den Trainer zu schieben, wäre falsch. Fred Rutten hat hier vielen Leuten geholfen und hat uns einige Dinge beigebracht, die wir mit in die Zukunft nehmen werden.

SPOX: Schalke ist ein traditioneller Arbeiterklub, der aber gleichzeitig im Geschäft der Großen mitmischen möchte. Wie passt das zusammen?

Neuer: Wenn man nicht arbeitet, kann man keine Leistung auf dem Platz bringen. Insofern passt das schon.

SPOX: Von Seiten der Fans war in der Vergangenheit schon Kritik zu hören, dass sich einige Spieler nicht mit der Kultur auf Schalke identifizieren.

Neuer: Im Fußball hat sich auch vieles verändert. Es ist nicht mehr so leicht, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Es gibt aber doch genug Beispiele dafür, dass wir trotzdem genug Spieler haben, die sich voll mit dem Verein identifizieren. Benedikt Höwedes und Danny Latza kommen aus Gelsenkirchen. Und ich bin ja auch schon lange genug auf Schalke. Auch wenn wir inzwischen viele Südamerikaner im Team haben, kann man das nicht so über einen Kamm scheren.

SPOX: Thema Kritik: Tut Ihnen Kevin Kuranyi leid?

Neuer: Kritik ist ganz normal und gehört zum Fußball dazu. Natürlich wurde bei Kevin auch ein bisschen übertrieben - das gehört sich meiner Meinung nach auch nicht.

SPOX: Hat er sich denn diese Kritik nicht auch ein wenig selbst zuzuschreiben?

Neuer: Natürlich hat er auch Fehler gemacht. Er hat Dinge falsch eingeschätzt, die dann wie ein Bumerang zurück kamen. Das weiß er, daraus hat er gelernt. Er versucht auf dem Platz seine Leistungen zu bringen. Man muss da auch mal geduldiger sein, und ihm eine Chance geben. Er hat doch in den letzten drei Jahren immer seine 15 Tore pro Saison gemacht. Und auch jetzt ist er wieder unser Toptorschütze.

SPOX: Sie sprechen auf Ihrer Homepage sehr offen über Ihren Fehler gegen Hamburg. Ist das Ihre Art mit eigenen Fehlern umzugehen?

Neuer: Na klar, es gehören beide Seiten zum Fußball dazu. Ich habe die Niederlage bewusst auf meine Kappe genommen, um den Trainer, meine Mitspieler und die Verantwortlichen ein bisschen aus der Schusslinie zu nehmen. Wir befinden uns derzeit in einer blöden Situation und ich bin sicher, dass das Spiel ohne meinen Fehler anders gelaufen wäre.

SPOX: Machen Sie sich damit nicht angreifbar?

Neuer: Eigentlich nicht. Warum soll man um den heißen Brei herumreden, wenn man sowieso weiß, was passiert ist? Ich bin derjenige, der auf dem Platz steht und am besten beurteilen kann, wie die Situation war. Ich habe es selber miterlebt und weiß, wie ich das einzuschätzen habe.

SPOX: Sie haben aber noch nie geschrieben, dass Sie einen Sieg festgehalten haben.

Neuer: Ich bin auch nicht der Typ, der da hinschreibt, ihr könnt euch bei mir bedanken, weil ich euch den Sieg gegen Köln gerettet habe. So was brauche ich nicht.

SPOX: Wie gehen Sie damit um, dass für Bundestrainer Joachim Löw derzeit mit Rene Adler, Robert Enke und Tim Wiese drei andere Torhüter vor Ihnen stehen?

Neuer: Ich würde das so nicht sagen. Ich habe momentan eine andere Rolle als die drei Torhüter, die bei der A-Mannschaft sind. Ich habe noch die Möglichkeit, in der U 21 zu spielen, und da bin ich erster Torwart. Von daher habe ich bis zum Sommer die Aufgabe, dort meinen Job zu erledigen.

SPOX: Ist das sogar Ihr Vorteil, wenn Sie sich über die U 21 empfehlen können?

Neuer: Ich spiele ja auch im Verein. Insofern ging es bei den Testspielen mit der U 21 gegen die Niederlande und Weißrussland mehr darum, dass wir uns als Mannschaft kennenlernen und im Hinblick auf die EM in Schweden schneller zusammenwachsen. Die Verantwortlichen der U 21 und des A-Kaders haben mit mir besprochen, dass ich ein wichtiger Spieler und Rückhalt für die EM bin.

SPOX: Das Ziel WM 2010 in Südafrika bleibt also fester Bestandteil in Ihren Planungen?

Neuer: Natürlich bleibt das mein Ziel. Ich muss mich weiter über gute Leistungen in der U 21 und bei Schalke empfehlen. Meine Ambitionen gehen aber natürlich auch über die WM 2010 hinaus.

SPOX: Das Testspiel gegen die Niederlande, die sich nicht für die EM qualifiziert haben, ging 0:4 verloren. Gegen Weißrussland sprang nur ein 1:1 heraus. Was trauen Sie dem Team in Schweden zu?

Neuer: Man kann die Niederländer nicht mit den anderen Mannschaften bei der EM vergleichen. Wir haben gegen die B-Nationalmannschaft gespielt, die mit einigen erfahrenen Spielern besetzt ist. Darüber hinaus haben uns auch einige Spieler gefehlt (Anm. d. Red.: insgesamt 14 Spieler), weshalb man die Ergebnisse nicht überbewerten sollte. Dennoch waren die Resultate natürlich nicht gut.

SPOX: Andreas Köpke und Oliver Kahn haben anklingen lassen, dass Deutschland derzeit keinen Weltklassekeeper hat. Wie gehen Sie mit solchen Aussagen um?

Neuer: Weltklasse ist immer relativ. Allerdings nehme ich das natürlich ernst, wenn der DFB-Torwarttrainer so etwas sagt. Seine Aussagen haben Vorrang vor denen anderer Leute. Schließlich ist es sein Job, uns zu beurteilen. Für mich ist nur relevant, was er sagt. Was Oliver Kahn oder andere sagen, ist jetzt nicht so wirklich wichtig für die Torhüter in Deutschland.

SPOX: Aber wie erklären Sie sich denn, dass deutschen Torhütern momentan der letzte Pfiff fehlt?

Neuer: Das mag damit zusammenhängen, dass von den vier Torhütern in der Nationalmannschaft niemand mehr in der Champions League spielt. Nur Tim Wiese spielt mit Werder Bremen international, da kann er sich noch zeigen. Ich denke, wenn wir alle in der Champions League eine gute Saison spielen würden, wäre das Echo ein bisschen anders.

SPOX: Haben Ihre Eltern Sie geprägt, als sie Ihnen bereits mit zwei Jahren den ersten Fußball geschenkt haben?

Neuer: Ja, das ist, glaube ich, ganz normal bei uns im Ruhrgebiet. Gerade in so einer Stadt wie Gelsenkirchen, die eine reine Fußballstadt ist. Man wächst hier mit Fußball auf, von daher ist das ganz normal.

SPOX: Jens Lehmann ist Ihr sportliches Vorbild...

Neuer: ...gewesen.

SPOX: Gefällt er Ihnen als "Schuhdieb" nicht mehr?

Neuer: Damit hat das nichts zu tun. Ich bin jetzt einfach selbst Bundesligatorwart und brauche daher kein Vorbild mehr.

SPOX: Was hat Sie früher an Lehmann fasziniert?

Neuer: Er war damals auf Schalke, und ich habe ihm oft im Stadion zugesehen. Ich habe ihn für seine Athletik immer bewundert. Außerdem fand ich den Umgang mit seinen Mitspielern toll. Damals habe ich mir das ein oder andere von ihm abgeguckt.

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