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Fussball

"Gegner, wir brauchen Gegner!"

Von Oliver Kucharski
Hofft, dass seine Bayern gegen Barca wenigstens etwas gefordert werden: Jürgen Klinsmann (l.)
© Getty

Den Bayern gehen die Gegner aus, Hoffe macht den Laden dicht, Netzer tickt aus, Kießling macht den Mill und Gomez und Kuranyi blicken neidisch nach Karlsruhe.

Außerdem: Wo die ach so tollen Super-Ligen aus England und Spanien der ach so schlechten Bundesliga nur noch neidisch mit dem Fernglas hinterher schauen können: die Alternative Liste des 27. Spieltags verrät es.

1. Reaktion, richtige: Na also, Bayern, es geht doch! Nach der Schmach von Barcelona zeigten die Münchner endlich wieder ihr wahres Gesicht! Einsatz! Wille! Leidenschaft! Zusammenhalt! Spielkultur! Begeisterung! Effektivität! Souveränität! Zauberfußball! Traumtore! Bei der Gala gegen Frankfurt war wirklich alles drin! Die Rückkehr des Mir-san-Mir! Ein ekstatisches Schützenfest! Ein fettes Ausrufezeichen im Titelrennen! Eine unmissverständliche Kampfansage an die Konkurrenz! Beeindruckend, wozu diese Bayern fähig sind, wenn sie weder attackiert noch gedeckt werden! Toll!

2. Motivation, fehlende: Wobei jetzt in keinster Weise übermäßig auf die armen Frankfurter eingedroschen werden soll. Machten die doch nur einen allzu menschlichen Fählerr: Schließlich hatten ja auch Funkels Jungs am Mittwoch vor dem heimischen Fernsehschirmen die Performance der Bayern in Barcelona belächelt. Klar, dass dann am Samstag die Motivation fehlte. Denn was, bitteschön, gab es für die Eintracht schon großartig zu gewinnen bei diesen Bayern? Und bei allem medialen Eintracht-Bashing: So schlecht wie die Bayern in Barcelona waren die Frankfurter denn auch wieder nicht. Sieg der Herzen für die Eintracht also. Irgendwie.

3. Comeback, endgültiges: Die Bayern sind nun also wieder da. Allerdings noch nicht ganz. Denn noch immer stehen die Münchner ja nicht auf diesem verdammten ersten Platz, dessen gewohnheitsrechtmäßiger Besitzer sie ja anerkanntermaßen sind. Das nervt und wurmt gewaltig, und so müssen es die Klinsmänner schlucken, dass sie sich noch eine Weile gedulden müssen, bis sie endlich oben stehen. Denn es ist ja nur eine Frage der Zeit. Wolfsburg: ist kein Gegner. Denn während der Werksklub die perfekte Saison spielt, gurkten sich die Bayern allwöchentlich von Tiefpunkt zu Tiefpunkt - und der Abstand beträgt: lausige drei Punkte. Wo sind sie also, die Bayern-Gegner?

4. Einbruch, kompletter: Auch mit Hoffe ist ja nichts mehr los. Der emporkömmelnde Aufsteiger, der in der Hinrunde noch wirklich alles besser wusste und besser konnte und seinerzeit auch mit angezogener Handbremse quasi im Vorbeigehen locker mit 5:0 in Barcelona gewonnen hätte, ist ja derzeit wirklich akkurat eingebrochen. Das neunte sieglose Spiel in Folge. Damit ist Hoffenheim der schlechteste Aufsteiger der Bundesliga-Geschichte. Der SCHLECH-TES-TE! Niemand war je: schlechter! Und nicht nur das! Hoffenheim ist auch der brutalste (Bild: "Rangnick-Rambos!") und sauhaufenigste (Spieler A: "Spieler B läuft nicht!" - Spieler B: "Spieler A läuft selber nicht!" - Spieler C: "Ich will weg!" - Spieler D: "Spieler A, B und C sind doof!") Herbstmeister aller Zeiten. Kalle Rummenigge, zu Recht erbost: Nie zuvor wurde der Stolz der Bundesliga so mit Füßen getreten!

5. Durststrecke, apokalyptische: Noch schlechter als Hoffenheim ist nur der Karlsruher SC, der nun schon seit acht Spielen munter am eigentlichen Ziel des Spiels vorbeigurkt: dem Toreschießen. Zwölf Stunden ohne eigenes Tor - eine Durststrecke apokalyptischen Ausmaßes, bei der selbst Koryphäen wie Gomez oder Kuranyi nur neidisch gucken können. "Drum bin ich clever und setze ein Zeichen", dachte sich da Ede Becker, und weil er gerade keinen Hans-Jörg Butt zur Hand hatte, um irgendwen zu rasieren, brachte er stattdessen: drei Stürmer! Allerdings nur auf dem Papier. Denn auf dem Platz standen dann bekanntlich Christian Timm, Sebastian Freis und Lars Stindl, die ihrerseits eine Performance hinlegten, bei der auch Gomez und Kuranyi anerkennend Beifall klatschen mussten.

6. Alternative, adäquate: Wobei sich jedwede Kritik an Kevin Kuranyi und Mario Gomez verbietet. Zumindest in dieser Woche. Denn: Kuranyi? Riedle-esquer Flugkopfball! Gomez? Toni-esquer Last-Minute-Siegtreffer! Da gibt es nichts zu bashen. Gut, dass die Bundesliga Alternativen parat hat. Stefan Kießling zum Beispiel, der bei Ballannahme, -mitnahme und Keeper-Umkurvung wirklich alles richtig machte - um sich dann allein vor dem Tor stehend jedoch für den falschen Fuß zu entscheiden, mit dem er das Leder lässig an den Pfosten schlenzte. Klarer Mill der Woche.

7. Runde, lustige: Überhaupt hatte Mario Gomez am Sonntag ganz andere Sorgen. Wurde er doch gemeinsam mit Hamburgs Frank Rost zur Dopingprobe gebeten. Also eben jenem Rost, dem er wenige Sekunden zuvor das finale Ei ins Nest gelegt hatte. Da habe er durchaus etwas Angst gehabt, stammelte Gomez hinterher, denn wer wisse denn, ob Heißkiste Rost da beim Pinkeln nicht hinterrücks doch noch austickt und dem armen Mario vor lauter Wut den Schnippel langzieht. Es sei dann aber doch noch eine "ganz lustige Runde" geworden, berichtete der Stuttgarter später. Deutungsversuche bitte unten per Kommentar!

8. Missverständnis, einziges: Jedenfalls: Der Auftritt der Karlsruher "Angreifer" brachte hinterher auch Günter Netzer gehörig auf die Palme: In bester Beckenbauer'scher Manier grollte sich der beste Spieler aller Zeiten in Rage: Die Karlsruher Angriffsbemühungen gegen Schalke seien ein einziger Irrtum, der Tiefpunkt des Versagens des gesamten KSC, und ohnehin sei der Aufenthalt der Badener in der Bundesliga, ach was: im Fußballsport ja ein einziges Missverständnis, usw. usf., - und Günter Netzer schimpfte ewig so weiter, doch irgendwann hörte niemand mehr zu.

9. Tricks, miese: Dabei müsste man ja nur mal nach Hannover schauen. Dort sind sie auch nicht mit tollem Spielermaterial gesegnet - und doch: wissen sie sich zu helfen. Mit miesen Tricks. Denn Dieter Hecking, dieser alte Schlawiner, weiß: Spiele werden auf dem Platz gewonnen. Und nirgendwo wird das mehr beherzigt, als in Hannover. Wurde der Platz im Winter noch regelmäßig von fleißigen Ein-Euro-Jobbern mit Harke und Rechen in einen unwirtlichen Rumpelacker verwandelt, der jedem Gegner umgehend die Lebensfreude nahm, hat Hannover nun auf Sommerzeit umgestellt: So wurde in der Halbzeit nur die Hertha-Hälfte gut durchgewässert, woraufhin die Angriffe der 96er nur so flutschten, während die Sturmläufchen der Berliner stets kurz hinter der Mittellinie wüstengleich versandeten. 27 von 29 Punkten hat Hannover zuhause geholt. Mit miesen Tricks. Teuflisch!

10. Frustfoul, feines: Und niemanden ärgerte das mehr als Andrej Woronin, der ja ohnehin schon auf 180 war - war ihm doch in den letzten Wochen der von Ibisevic nur geborgte Lauf abhanden gekommen und das ausgerechnet mitten in den Verhandlungen mit der Hertha. Verdammtes Timing! Alles, was zuletzt so selbstverständlich geklappt hatte, ging nun ebenso selbstverständlich daneben. Und dann auch noch dieser Treibsand in Hannover! Da darf man schon mal die Beherrschung verlieren. Und so gönnte sich Andrej Woronin kurz vor Schluss ein feines Frustfoul: Erst senste er Andreasen gehörig um, dann drosch er ihm noch den Ball an die Rübe und schließlich zertrat er den armen 96ern noch den halben Kabinengang. Wenn, dann richtig!

11. Emotionen, echte: Womit auch klar wäre, wo die ach so schlechte Bundesliga den ach so tollen Ligen in England und Spanien um Welten voraus ist: Nach dem Barca-Debakel weinerte Udo Lattek bekanntlich, man hätte den Spaniern, wenn man sonst schon nichts auf die Kette bekommt, wenigstens mal ordentlich einen mitgeben können - doch nicht mal das ging, wie Mark von Bommel hinterher kleinlaut bekannte: Er hätte ja durchaus gerne mal jemanden weggewemmst, allein: Ball und Gegner waren ja immer schon weg! Oh wie schön ist da doch unsere lahmarschige Bundesliga! Hier sausten weder Woronins Tritt, noch Eduardos Ellbogen, noch Haas' gesamter Leib am Opfer vorbei, als sich der ganze verdammte Frust des Spiels mal so richtig entladen musste. Fußball lebt von Emotionen. In der Bundesliga werden sie gelebt. Schön!

Der 27. Spieltag im Überblick

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