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Fussball

Den Arsch im eigenen Tor

Von Jochen Tittmar
Die Schlussoffensive hat nichts mehr gebracht: Der FCB musste sich in Hamburg geschlagen geben
© Getty

Nach der Machtdemonstration im DFB-Pokal sind die hochgelobten Münchener Bayern wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. Und dies von einem Hamburger SV, der beim 1:0-Sieg zum Rückrundenauftakt Martin Jols Vorgaben unaufgeregt umsetzte und sich wieder als ernsthafter Konkurrent im Meisterschaftsrennen ins Gespräch brachte.

Alteingesessene Stammtischexperten in und um Bayern werden wohl wieder ihre unbegrenzte Weisheit ausgepackt haben. Die ganz Schlauen bereits in Minute 55, als Hamburgs Piotr Trochowski einen Toni-Hinterkopfball von der Linie kratzte.

Die Gutgläubigen bei Tonis Riesenchance (69.), als der Italiener einen Kopfball aus kurzer Entfernung eigentlich gar nicht mehr neben das Tor setzen konnte. Und die Zweckoptimisten acht Minuten vor Schluss: Jerome Boateng rettete nach Klose-Schuss in unglaublicher Manier erneut auf der Linie.

"Die bringen heut keinen mehr rein", wird es wohl unisono gelautet haben. Am Ende sollten alle Recht behalten. Der FC Bayern hat bei einer heimstarken Spitzenmannschaft reihenweise gute Torgelegenheiten liegen lassen, die es auswärts gegen Teams dieser Sorte wohl nicht mehr so schnell geben wird.

Ersten Abschnitt "verpennt"

"In Stuttgart haben wir unsere Chancen genutzt, heute eben nicht", lautete das nüchterne Fazit von Bayerns Bestem, Philipp Lahm. Damit wäre er in der Stammtischrunde sicherlich auf nickende Köpfe gestoßen.

Halbzeiten wie die erste in Hamburg hat man vom deutschen Rekordmeister in dieser Spielzeit schon des Öfteren gesehen. Zu fahrig, zu wenig Aggressivität und wenig Zug zum Tor, was natürlich auch Jürgen Klinsmann nicht entgangen ist: "Die erste halbe Stunde haben wir verpennt. Wir haben zu weit von den Leuten weg gestanden und den HSV spielen lassen."

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Oder wie es Mark van Bommel ausdrückt: "In der ersten Halbzeit hingen wir mit dem Arsch im eigenen Tor."

Ribery nicht fit

Doch meist machte die Tatsache den Unterscheid aus, dass am Ende der zweiten Hälfte die Bayern die Punkte auf der Habenseite hatten, weil sie die Partien aufgrund konditioneller Vorteile und konsequenter Spielführung meist noch positiv gestalteten.

Den Grund, warum es diesmal nicht klappte, hat Lahm bereits geliefert: Mangelhafte Chancenverwertung. Erstmals seit dem 6. Spieltag (0:1 in Hannover) blieben die Bayern ohne eigenen Treffer. Nicht nur die drei oben beschriebenen Gelegenheiten müssen besonders in einem Auswärtsspiel einfach sitzen, will man als Sieger nach Hause fahren.

Hinzu kommt: Im ersten Abschnitt konnten die Bayern ihre offensive Power nicht auf den Platz bringen. Der mit Wadenproblemen in die Partie gegangene Franck Ribery wirkte nicht fit, nicht spritzig und setzte keine Akzente - prompt tut sich der FCB schwer. Ein Bastian Schweinsteiger schaffte es erneut nicht, das spielerische Zepter des diesmal enttäuschenden Franzosen an sich zu reißen.

Bastler Jol erfolgreich

Symbolisch für die verkorkste erste Halbzeit steht der Hamburger Siegtreffer. Michael Rensing bleibt weiterhin nicht frei von Fehlern und muss trotz einer vorausgegangenen Münchner Fehlerkette das 0:1 auf seine Kappe nehmen. Der "Bagger" auf Petrics Kopf war vermeidbar, Grundsatz: Nie in die Mitte fausten!

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Jedoch war das Tor des Kroaten auch logische und nicht unverdiente Folge des beeindruckenden HSV-Spiels, der wohl seine beste Partie in der laufenden Spielzeit ablieferte. Es bleibt festzuhalten, dass sich Trainer Martin Jol eine Mannschaft gebastelt hat, die ihren Stil unaufgeregt durchzieht.

Mit viel Engagement und Herz trägt der HSV sein Offensivspiel vor. Alle Spieler machen innerhalb des vorgegebenen Systems genau das, wofür sie zuständig sind. Keiner schert aus, keiner macht Mätzchen. Verbildlicht: Trochowski schießt, David Jarolim kratzt und beißt, Marcell Jansen flankt und Mladen Petric trifft.

Kein Wort vom Titel

Das Fehlen von Nigel de Jong machte sich (noch?) nicht bemerkbar. Zudem lieferte Paolo Guerrero den Beweis, dass der neue Tabellenführer auch ohne Bald-Münchner Ivica Olic Betrieb im gegnerischen Sechzehner machen kann.

Alles Eigenschaften, die belegen, warum die Hanseaten so schwer zu knacken sind. Halbzeiten, wo man wie in der Hinrunde in Wolfsburg (0:3), Hoffenheim (0:3) oder Hannover (0:2) völlig der Musik hinterher lief, gehören der Vergangenheit an.

Unterm Strich bleibt: Der HSV spielt eine bemerkenswerte Saison, tanzt noch erfolgreich auf drei Hochzeiten und hat auch noch Geld wie Heu. Von einem möglichen Titelgewinn spricht jedoch keiner, was auch als Erfolg zu werten ist.

Wie am Samstag bekannt wurde, haben sich die Norddeutschen die zwischenzeitliche Tabellenführung teuer erkauft: Abwehrspieler Bastian Reinhardt wird mit Mittelfußbruch wohl die gesamte Rückrunde ausfallen.

Auch die Bayern werden keinen Grund sehen, den Kopf in den Sand zu stecken. Unglücklich, wenn auch nicht unverdient verloren, noch nichts entschieden: Es wird wohl eine ruhige Woche an der Isar werden.

Kircher nicht fehlerfrei

Was allerdings auch bleibt: Eine indiskutable Schiedsrichterleistung des Gespanns um Knut Kircher.

Dass Miroslav Klose seinen Kopfball in der 48. Minute drin gesehen hat und Frank Rost natürlich nicht, lässt sich auch anhand der Fernsehbilder nicht einwandfrei belegen. Doch der sonst so unaufgeregt leitende Rottenburger hatte diesmal nicht seinen besten Tag und produzierte gerade was Zweikampfbeurteilung und Abseitsentscheidungen angeht, einige Fehler.

Und hätte der Treffer Tonis (28.) Anerkennung gefunden, hätten nicht nur die Stammtischler sagen können: Wer weiß wie...

So diskutierten die mySPOX-User nach dem Spiel

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