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Fussball

Mut gegen Unmut

Von Andreas Lehner
Werder, Bremen
© Imago

München - 29 Minuten waren gespielt im Bremer Weserstadion, als sich zum ersten Mal Unmut beim Werder-Anhang regte.

Tim Borowski hatte von rechts einen Pass in Richtung Diego gespielt und der Brasilianer war ausgerutscht. Der Ball flutschte ins Aus. Bremen hatte bis dato noch keine gelungene Offensivaktion und hätte gegen forsch aufspielende Leverkusener schon höher als 0:1 zurück liegen können.

Nur rund 60 Sekunden später schien alles wieder gut. Diego schaufelte einen Ball in den Sechzehner, Borowski nahm den Ball elegant an und schoss aus 14 Metern aus der Drehung aufs Tor. Leverkusens Keeper Rene Adler konnte das Geschoss noch abwehren, den Abpraller verwandelte aber Ivan Klasnic.

Ein ganz besonderes Tor - in vielerlei Hinsicht. Erstens konnte Borowski beim Jubel den Zeigefinger auf den Mund legen und den Fans zeigen was, er von den Pfiffen hielt. Zweitens war es der erste Treffer für Klasnic nach seiner Nierentransplantation. Drittens war es der Ausgleich in einem Spiel, das Leverkusen bis dahin klar dominiert hatte und viertens gab es eine Spielunterbrechung.

Schaafs entscheidender Wechsel

Diese nutzte Thomas Schaaf zu zwei Wechseln - in der 31. Minute wohlgemerkt. Für den schwachen Jurica Vranjes kam Leon Andreasen und für Borowski Aaron Hunt.

Borowski selbst hatte dafür nur ein süffisantes Lächeln übrig und sah bedient aus. Doch Schaaf hatte ein Zeichen gesetzt, dem Spiel die entscheidende Wende gegeben und vollkommen richtig gehandelt. Borowskis Spiel war lethargisch und unkonzentriert. Leverkusen hatte vor allem im Mittelfeld klare Vorteile.

Bayer muss noch lernen

"Die Mannschaft hat nicht ins Spiel gefunden. Für mich war klar, dass wir was tun müssen", begründete Schaaf seine ungewöhnliche Maßnahme. "Die Mannschaft hat dann gut reagiert. Sie hat sich reingebissen, die Zweikämpfe angenommen und ein gutes Spiel hingelegt."

Für Leverkusen war Schaafs mutige aber auch kluge Reaktion Gift, denn die junge Bayer-Elf kam mit der veränderten Spielweise nicht zurecht und verlor die Kontrolle über das Spiel. "Wir haben uns auf ein kampfbetontes Spiel eingelassen, das liegt meiner Mannschaft gar nicht. Wenn das Tempo dann erhöht wird und es aggressiver wird, muss meine Mannschaft noch eine Menge lernen", resümierte Michael Skibbe.

"Schaaf ist für mich der Mann des Spiels", zollte Bayer-Sportdirektor Rudi Völler dem Bremer Trainer Respekt für dessen Mut. Anders als Schaaf konnte Skibbe aber nicht reagieren, auch weil sein Kader nicht die Tiefe hat.

Jeder ist ersetzbar

"Wenn sie bei Werder Bremen irgendwas mit Namen besetzen wollen, sind sie her falsch", meinte Schaaf. Die Botschaft: jeder ist ersetzbar.

Dies gilt nicht nur für Borowksi, der sich mit Abwanderungsgedanken zu Juventus Turin herumschlägt, sondern für den ganzen Klub. Denn dieser Satz charakterisiert Bremens Hinrunde treffend. Seit Saisonbeginn wird Werder von enormen Verletzungssorgen verfolgt und war ständig zu Umstellungen gezwungen. "Die Mannschaft hat sich bravourös durch diese Vorrunde gekämpft", lobte Klaus Allofs.

Auch gegen Leverkusen fehlte der etatmäßige Sturm mit Boubacar Sanogo (Bluterguss im Oberschenkel) und Hugo Almeida (Rot-Sperre).

Doch der glänzend aufgelegte Markus Rosenberg und Klasnic fügten sich nahtlos ein. Für den Kroaten war der erste seiner beiden Treffer rund zehn Monate nach seiner zweiten Nierentransplantation "ein emotionaler Moment."

Bayern keine Über-Macht

Für die Bremer war es die gelungene Rehabilitation nach der blutarmen Vorstellung in Piräus (0:3) und dem Champions-League-Aus. Ganz nebenbei brachte sie der 5:2-Sieg auch noch auf 36 Punkte. Werder überwintert damit punktgleich mit den Bayern auf Platz zwei.

Doch daran hatte an der Weser sowieso keiner gezweifelt. Auch nicht nach dem 0:4-Debakel im direkten Duell am 2. Spieltag. "Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir die Bayern nicht als uneinholbar oder sogar Über-Macht ansehen, sondern dass wir uns schon Chancen ausrechnen, da oben mitzumischen. Und das hat sich bewahrheitet", sagte Allofs.

Am Ende war also alles wieder in Ordnung. Die Mannschaft trug ein großes Banner mit der Aufschrift "Frohe Weihnachten" über das Feld und der Jubel war groß. Das Volk war besänftigt.

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