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Fussball

Peter Gulacsi von RB Leipzig im Interview: "Ich bin bei Schneefall per Google Maps zum Trainingsplatz spaziert"

Peter Gulacsi absolvierte für die Profis des FC Liverpool kein einziges Pflichtspiel.

Peter Gulacsi spielt seit 2015 für RB Leipzig und hat sich bei den Sachsen zu einem der besten Torhüter Europas entwickelt. In zwei der vergangenen drei Spielzeiten kassierte der ungarische Nationalkeeper die wenigsten Tore in der Bundesliga. Was weniger bekannt ist: Als junger Kerl spielte der 31-Jährige insgesamt sechs Jahre für den FC Liverpool.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Gulacsi ausführlich über seinen Wechsel zu den Reds im Jahr 2007, den schweren Start auf der Insel und die Arbeit mit den LFC-Profis.

Der Torwart erzählt zudem von seinen drei zwischenzeitlichen und teils kurzfristigen Leihgeschäften, der Entscheidung zum Vereinswechsel nach Salzburg und den Hoffnungen auf einen Titel mit Leipzig.

Herr Gulacsi, Sie sind in Budapest geboren und haben dort für zwei Vereine bis zu Ihrem 17. Lebensjahr gespielt, ehe es für Sie 2007 per Leihe nach England zum großen FC Liverpool ging. Wie kam es überhaupt zu diesem Wechsel?

Peter Gulacsi: Ich war damals in der Akademie von MTK Budapest. Kurz vor meiner Leihe wechselten unsere beiden hoch talentierten Profis Krisztian Nemeth und Andras Simon nach Liverpool. Dabei wurde auch eine mehrjährige Zusammenarbeit zwischen beiden Klubs beschlossen. Ein Teil des Deals war, dass Liverpool jede Saison einen Spieler aus der Akademie für ein Jahr ausleihen darf - und ich war der erste.

Wie lief der Transfer genau ab?

Gulacsi: Ich wurde zunächst für zehn Tage zum Probetraining nach Liverpool eingeladen. Ich merkte zwar sofort, welch riesige Veränderung das in meinem Leben mit sich bringen würde, aber ich wollte unbedingt dorthin. Es herrschte dann eine gute Woche Ungewissheit, bis Liverpool anrief und mir zusagte. Anschließend wurde es sehr hektisch, da ich plötzlich innerhalb von einem Tag packen und abreisen musste. Meine Eltern kamen extra aus dem Urlaub zurück nach Budapest, um mir zu helfen. Ich weiß noch, wie nervös und aufgeregt ich war.

Was hätten Sie denn gemacht, wenn es mit Liverpool nicht geklappt hätte?

Gulacsi: Darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht, nämlich als ich auf den entscheidenden Anruf aus Liverpool wartete. Die Alternative war, dritter Torwart der ersten Mannschaft bei MTK zu werden. Als junger Spieler in einer Profimannschaft in Ungarn bekommt man aber nicht unbedingt die Aufmerksamkeit, die man sich zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere wünscht.

Wie lief es ab, als Sie in Liverpool ankamen?

Gulacsi: Ich habe mich für ein Leben in einer Gastfamilie entschieden, die mitten in Liverpool wohnte. Ich wurde dann täglich vom Fahrdienst des Klubs abgeholt und wieder nach Hause gebracht. So lief im Grunde das gesamte erste Jahr ab. Meine Familie hatte Kinder, die schon älter waren und nicht mehr zu Hause wohnten. Ich war auch schon der zweite Spieler dort. Es hat hervorragend funktioniert, ich stehe mit ihnen heute noch in Kontakt. Sie waren auch bei meiner Hochzeit und im Stadion, als wir in der vergangenen Saison gegen Liverpool spielten.

Mit 17 ganz allein in einem fremden Land weit weg von der Heimat - hatten Sie kein Heimweh?

Gulacsi: Doch, das war sogar extrem groß. Gerade die ersten sechs Monate waren alles andere als einfach. Ich habe besonders auf dem Platz Zeit gebraucht, um diesen vollkommen ungewohnten Rhythmus aufzunehmen, der in Liverpool an der Tagesordnung war. Das kannte ich so ja gar nicht. Ich habe anfangs auch nicht viel gespielt, daher war ich nicht immer in allerbester Stimmung.

Gulacsi: "Jedes Training war für mich wie ein Spiel"

Sie trainierten beim LFC direkt mit den Profis unter Trainer Rafael Benitez. Wie war es für Sie, auf einmal mit Stars wie Steven Gerrard, Fernando Torres oder Xabi Alonso zusammenzuarbeiten?

Gulacsi: Es war ein großartiges Umfeld. Jedes Training war für mich wie ein Spiel. Ich musste wirklich ständig an die Grenze gehen, um überhaupt auf diesem Niveau mithalten zu können. Besonders die genannten Spieler haben oft Extraschichten nach dem Training geschoben und ich stand dann im Tor. Ich war jedes Mal sehr konzentriert, aber wenn du dann mit 18 in einer kleinen Spielform einen Fehler gemacht hast, fühlte sich der Druck riesig an. Bei einem meiner ersten Spiele für die Profis, ein Testspiel gegen Rapid Wien, haben wir 0:1 verloren. Ich habe eine halbe Stunde gespielt und einen Freistoß in die Torwartecke kassiert. Es war kein klarer Torwartfehler, aber einfach blöd. Ich habe mich damals auch selbst viel unter Druck gesetzt.

Das Leihjahr lief sehr gut für Sie. Sie spielten in der Premier Reserve League und holten den Meistertitel. Ab wann war klar, dass Liverpool Sie kaufen würde?

Gulacsi: Wir hatten bei den Reserves drei gleichaltrige Torhüter und haben ständig gewechselt. Ich habe also jedes dritte Spiel gemacht und kam am Ende auf zehn, zwölf Pflichtspiele. Es gab in der Liga zwei Gruppen, zum Schluss standen wir im Finale gegen Aston Villa und die Frage war, wer im Endspiel das Tor hütet. Die Wahl fiel zum Glück auf mich und wir haben 3:0 gewonnen. Das war ein wichtiger Knackpunkt für mich, auch wenn ich mir schon zuvor sicher war, dass ich in Liverpool bleiben darf. Ich habe auch extrem viel Vertrauen von Profi-Torwarttrainer Xavi Valero bekommen. Mit ihm habe ich noch sehr viel zusätzlich trainiert. Im zweiten Jahr wurde ich dann fester dritter Torwart der Profis und saß ab und an auf der Bank.

Wie sah der Kontakt zu Benitez bis zu seinem Abgang 2010 aus?

Gulacsi: Wir hatten nur kurze Gespräche, weil er Xavi hundertprozentig vertraut hat. Xavi hat ein Umfeld kreiert, in dem man sich enorm entwickeln konnte. Ich hörte in den drei Jahren nicht viel Positives von ihm, aber das hat mich extrem motiviert. Denn ich habe gemerkt, dass mein Torwarttrainer großes Potential in mir sieht und immer mehr von mir will. All das hat mir geholfen, immer total fokussiert zu sein und besser zu werden.

Peter Gulacsi: Die Stationen seiner Profi-Karriere

ZeitraumVereinPflichtspiele
2007-2013FC Liverpool-
2009Hereford United (Leihe)18
2010Tranmere Rovers (Leihe)17
2011-2012Hull City (Leihe)15
2013-2015Red Bull Salzburg100
seit 2015RB Leipzig229

Im Februar 2009 wurden Sie schließlich zum Tabellenletzten der 3. Liga, Hereford United, in Englands Westen nahe der Grenze zu Wales verliehen - für nur drei Monate. Wie kam das zustande?

Gulacsi: Ich war im zweiten Jahr die Nummer eins der Reserves. Nach einem 0:0 gegen Manchester United fragte mich Xavi, wie ich mich im Spiel gefühlt habe. Es war komfortabel, antwortete ich. Genau das durfte ich als 18-jähriger Torhüter nicht sagen. (lacht) Ein paar Minuten später saß ich schon im Büro von Rafa. Es hieß, man könnte mich drei Monate verleihen, um in einer Senioren-Profiliga Spielzeit sammeln. Das wäre eine Top-Lösung für mich. Und was antwortet man mit 18, wenn Rafa Benitez einem sagt, das sei die beste Lösung? Eben.

Kurz darauf standen Sie schon für Hereford im Tor.

Gulacsi: Genau, zwei Tage später war bereits das erste Spiel. Ich musste daher noch am selben Nachmittag alles zusammenpacken und nach Hereford reisen. Da ich keinen Führerschein besaß, fuhr mich ein Fahrer des Klubs die zweieinhalb Stunden dorthin ins Hotel, wo ich die Zeit über wohnte. Er ließ mich am Eingang raus und war direkt weg. Ich musste dann alles selbst lösen, am nächsten Tag fand das erste Training statt. Ich bin dann tatsächlich bei Schneefall per Google Maps 20 Minuten zum Trainingsplatz spaziert. (lacht)

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