Fussball

"Das einzige, was ich bereue": Als Francesco Totti beinahe ein Galactico geworden wäre

Ob Francesco Totti in Rom auch so verehrt werden würde, wäre er 2004 dem Lockruf aus Madrid erlegen?

Francesco Totti ist 2004 schon längst im Rang eines römischen Stadtheiligen, als er zum ersten - und einzigen Mal - ernsthaft darüber nachdenkt, die AS Rom zu verlassen. Wieso er Real Madrid schließlich doch absagt.

Ilary Blasi hatte womöglich so eine Ahnung. Obwohl gerade dabei, im italienischen Fernsehen in einem ernstzunehmenderen Showformat als Moderatorin den Durchbruch zu schaffen, ist sie in diesem Sommer 2004 bereit, nach Spanien überzusiedeln.

"Ich war zu 80 Prozent bereit, zu Real zu gehen, und auch Ilary trieb mich dazu an, nach Madrid zu gehen. Sie war bereit, alles aufzugeben und mir zu folgen". So hat Francesco Totti dieser Tage wieder einmal einen der spektakulärsten Fast-Transfer der Fußballgeschichte beschrieben. Womöglich hatte Tottis Verlobte Ilary Blasi schon eine Ahnung, dass dieses Jahr ein annus horribilis werden könnte für die Roma und ihren Lebensgefährten. Was ja aufs Gleiche rauskam.

Francesco Totti, schon damals im Rang eines römischen Stadtheiligen, gerade 27 Jahre alt, aber seit elf Jahren Profi und schon längst einer der größten Spieler des AS Rom, überlegte, sich Real Madrid anzuschließen. "Zu 80 Prozent bereit" heißt für einen wie Francesco Totti: zu 80 Prozent bereiter als jemals zuvor und danach.

Real Madrid hatte Francesco Totti schon 2001 holen wollen

Es war ja beileibe nicht das erste Mal, dass Real Madrid die Fühler nach Francesco Totti ausgestreckt hatte. Schon 2001 hatte Reals Präsident Florentino Perez eine Offerte über 35 Millionen Euro Ablöse in die Ewige Stadt gekabelt. Florentino Perez hatte sich in den angreifenden Mittelfeldspieler Totti verliebt, so wie er sich zuvor schon in Luis Figo und Zinedine Zidane und später in Ronaldo, David Beckham und Michael Owen verlieben sollte.

Francesco Totti sollte ein Galactico werden. Und hätte man sich Anfang des Jahrtausends einen galaktischeren Galactico vorstellen können als Totti, den sie zu Hause im römischen Dialekt "er gladiatore" nannten (dass die Römer ihren Liebling auch "er pupone", Riesenbaby, nannten, ist eine andere Geschichte und war Perez womöglich auch unbekannt)?

Francesco Totti war Held und Antiheld zugleich

Der Herr der Galacticos hatte sich in diesen ebenso eleganten wie schwer zu greifenden Spielmacher, der den langen Pass aus der Tiefe ebenso liebte wie den aufreizenden Löffellupfer im Strafraum, verguckt. Totti war robuster als Alessandro Del Piero, dynamischer als Roberto Baggio, gesegnet mit sensiblen Füßen und breitem Hintern, mit dem er sich die Gegenspieler vom Leib hielt. An guten Tagen war sein Spiel die ganz große Oper, an schlechten nutzte er seine am Boden liegende Gegenspielern auch mal "als Trampolin" (O-Ton des Opfers Carsten Ramelow, 2004) oder spuckte ihnen mitten ins Gesicht (Christian Poulsen, ebenfalls 2004). Totti war, wie Zinedine Zidane, Held und Anti-Held.

Doch während Totti, der Römer aus Rom, der Stadt und dem Erdkreis im Jahr 2001 gerade den ersten gelbroten Scudetto seit 1983 geschenkt und der spanischen Offerte keine Sekunde Lebenszeit geopfert hatte, geriet der ewige Kapitän drei Jahre später ernsthaft ins Grübeln.

Francesco Totti verlegte Bücher mit Witzen über ihn

Totti war nach dem Scudetto von den Tifosi nur halb ironisch zum achten König Roms (nach Romulus und den sechs anderen) ausgerufen worden, doch Roma caput mundi hatte im Fußball ungefähr die Nachwirkzeit einer jener Totti-Witze gehabt, die damals in Rom kursierten. Einer der bekannteren Witze ging etwa so: Ein Geist meint, Totti habe einen Wunsch frei. "Lazio soll in die vierte Liga", sagt Totti. "Hm, schwierig", so der Geist. - "Dann möchte ich ein richtig kluger Kerl werden!" Der Geist erschrickt: "Wäre die dritte Liga auch ok?"

Totti, mit den Füßen laut eigener Aussage begabter als mit dem Mund, aber mit herrlicher Selbstironie gesegnet, hatte diese Witze damals in mehrere Büchern drucken lassen und den Erlös an die Unicef gespendet.

Doch in diesem Sommer 2004 war Totti nicht nach Witzen zumute. War Meister Juventus 2001/2002 nur einen Punkt besser gewesen als Titelverteidiger Rom, stürzten die Giallorossi 2003 auf Platz acht ab. 2004 trudelten Totti und Rom zwar wieder auf Platz zwei ein, blieben jedoch neun Punkte hinter Meister Milan - und hatten vor allem massive Geldprobleme. Totti ahnte, dass er vielleicht nicht mehr allzu viele Titel gewinnen würde, wenn er in Rom bliebe.

Und Perez und Real zogen alle Register. Der Patron schickte ein Real-Trikot mit der 10 und Totti-Flock nach Rom, dazu eine unmögliche Offerte. "Ich sollte einen Vertrag über 25 Millionen Euro bekommen. Sie boten mir alles an, was ich haben wollte. Alles, bis auf die Kapitänsbinde - weil Raul da war", erinnerte sich Totti erst dieser Tage bei Libero. Raul sei das Symbol von Real Madrid gewesen, der Top-Verdiener.

Francesco Totti überredete schließlich Rudi Völler, nach Rom zurückzukommen

Totti grübelte also, Ilary Blasi drängte - und am Ende sagte er Perez und Real doch ab. "Ich habe schließlich auf mein Herz gehört. Ich habe mich für diese Fans, für meine Freunde und meine Familie entschieden. Ich wollte es anders machen als die anderen großen Spieler, die sich den allergrößten Klubs anschlossen: Ich wollte für immer in meiner Mannschaft bleiben."

Ein paar Wochen, nachdem Totti seinen Vertrag bei seiner einzigen, wahren Liebe verlängert hatte, nahm das Unheil jener Saison seinen Lauf: Der aus Parma gekommene neue Trainer Cesare Prandelli kündigt unmittelbar vor Saisonstart seinen Vertrag, um seine schwer erkrankte Frau zu pflegen. Totti greift zum Telefonhörer und überredet Rudi Völler, sofort nach Rom gekommen. Völler ist nach dem Vorrundenaus bei der EM 2004 gerade als Bundestrainer zurückgetreten und braucht eigentlich eine Pause, doch der Anruf von Klub-Heiligtum zu Klub-Legende wirkt. Am 30. August 2004 wird Völler neuer Trainer der AS Rom, am 25. September tritt er wegen ausbleibenden Erfolgs zurück. Bruno Conti wird zwar am Ende Totti und die Roma als fünfter Trainer der Saison sogar noch auf Platz acht und in den UEFA-Cup führen; Absteiger Bologna wird aber nur drei Punkte weniger haben.

Francesco Totti: Was ihm Perez immer sagte

Totti erfüllt in den nächsten zwölf Jahren sein Versprechen. Als er 2017 nach gar nicht so sanftem Druck der Klubeigner 41-jährig seine Karriere beendet, verneigt sich die Fußballwelt vor dem ewigen Römer.

Auch in Madrid haben sie ihm die verschmähte Liebe nie übel genommen. Als Totti bei seinem letzten Gastspiel im Santiago Bernabeu im Champions-League-Achtelfinale 2016 16 Minuten vor Schluss eingewechselt wird, steht das ganze Stadion auf. Er sei der einzige Spieler, den Perez nie von Real Madrid überzeugen konnte, würde eben jener ihm immer sagen, so Totti, und offenbarte an diesem Abend: "Ich bereue in meiner Karriere nur, nicht zu Real gegangen zu sein".

Doch gelbrotes Blut ist eben dicker als galaktische Lockrufe.

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