Fussball

FC Bayerns U19-Trainer Danny Schwarz im Interview: "Ich weiß nur noch, dass ich mir die Haare rot gefärbt habe"

Von Dennis Melzer
Danny Schwarz spielte unter Joachim Löw für den VfB Stuttgart.

Danny Schwarz war viele Jahre als Profi in der Bundesliga aktiv. Er zählte zu den Hachinger Protagonisten, die Bayer Leverkusen vor exakt 20 Jahren ins Tal der Tränen stießen und dem benachbarten FC Bayern München zum Titel verhalfen. Außerdem bekam er Schalkes Vier-Minuten-Meisterschaft im Folgejahr hautnah mit und lief dreimal für Deutschlands A2-Nationalmannschaft auf.

Im ausführlichen Karriere-Interview mit SPOX und Goal spricht der 42-Jährige über das legendäre Duell mit Bayer 04, seine Anfänge als Profi, Förderer Joachim Löw, die Zeit in der A2-Nationalmannschaft sowie seinen Wechsel von 1860 zum Erzrivalen Bayern.

Schwarz, der mittlerweile als U19-Trainer beim Rekordmeister angestellt ist, verrät zudem, was seinen ehemaligen Mitspieler David Alaba so besonders machte, warum er es als "Geschenk" empfand, Pep Guardiolas Training zu verfolgen und dass junge Fußballer nicht zu sehr in spielsystematische Korsette gezwängt werden sollten.

Herr Schwarz, in diesen Tagen feiert eines der wohl geschichtsträchtigsten Saisonfinals der Bundesligageschichte Jubiläum ...

Danny Schwarz: Ich denke, Sie spielen auf das Finale der Saison 1999/2000 an (lacht).

Das kleine Unterhaching bezwang Meisterschaftsaspirant Leverkusen sensationell mit 2:0. Sie gaben die Flanke zu Michael Ballacks legendärem Eigentor. Was empfinden Sie, wenn Sie heute auf das Spiel zurückblicken?

Schwarz: Das war einer der schönsten Momente meiner Karriere, völlig unabhängig von den Mannschaften und Protagonisten, die damals involviert waren. Rein rational betrachtet war das für uns Hachinger eine ganz besondere Situation. Wir waren schon längst gerettet, was uns vor der Saison absolut niemand zugetraut hätte - und plötzlich blickte ganz Fußball-Deutschland auf das kleine Dorf, das Teil dieses Schlussaktes sein durfte. Für uns ging es nur darum, auf großer Bühne zu zeigen, dass wir zu Recht in der Bundesliga waren.

Schwarz: "Es war nicht unser Antrieb, Bayern zum Meister zu machen"

Mit dem Sieg gegen Bayer 04 verhalf Haching dem Nachbarn FC Bayern zur Meisterschaft. Inwiefern wurde das vor der Partie innerhalb der Mannschaft ein Thema?

Schwarz: Dass wir den Bayern zur Meisterschaft verhelfen können, schwang logischerweise vor dem Spiel mit. Dass ausgerechnet wir das Zünglein an der Waage sein könnten, war zwar sehr speziell, aber es war nicht unser Antrieb, Bayern zum Meister zu machen. Für uns war nur wichtig, dass wir unsere letzten Reserven mobilisieren, weil wir nach dieser kräftezehrenden Saison eigentlich stehend k.o. waren. Welche Auswirkungen unsere Leistung hatte, wurde uns tatsächlich erst hinterher gänzlich bewusst.

Ihr ehemaliger Mannschaftskollege Markus Oberleitner hat einmal zu 11Freunde gesagt, dass Leverkusen damals gehemmt wirkte. Hatten Sie das Gefühl, dass Bayer dem Druck nicht gewachsen war?

Schwarz: Am Anfang nicht, die erste Viertelstunde war heftig. Wir hatten Glück, dass wir nicht in Rückstand geraten sind. Aber ich kann Markus' Wahrnehmung bestätigen, dass Leverkusen mit fortlaufender Spielzeit gehemmter wirkte.

Wie äußerte sich das auf dem Platz?

Schwarz: Ich glaube, die Leverkusener haben irgendwann erkannt: "Hoppla, das wird kein Selbstläufer hier." Davon waren aber im Vorfeld der Partie die meisten Menschen ausgegangen. Weil Bayer 04 zu diesem Zeitpunkt eine absolute Top-Mannschaft und einen Lauf hatte. Das erlösende 1:0 aus ihrer Sicht fiel aber einfach nicht, stattdessen gerieten sie aufgrund Ballacks Eigentor sogar in Rückstand. Spätestens danach war an der Mimik der Spieler zu erkennen, dass sie begannen nachzudenken und zu zweifeln.

Haben Sie den Leverkusenern nach Abpfiff Trost gespendet?

Schwarz: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob ich mit den Leverkusenern nach Abpfiff Kontakt hatte. Ich weiß nur noch, dass bei uns grenzenloser Jubel ausgebrochen ist und die Leverkusener den Platz sofort verlassen haben. In dieser Situation möchte man vom Gegner wahrscheinlich keinen Trost bekommen, sondern man sieht zu, dass man schnell wegkommt.

Dass kleine Vereine wie Unterhaching im Zirkus der Großen mitmischen ist mittlerweile eher unüblich. Gäbe es aktuell dennoch einen Klub, der mit Haching damals vergleichbar ist?

Schwarz: Mir fällt spontan nur der SC Paderborn ein, der zweimal in Folge aufgestiegen ist. Auch die Infrastruktur und Spielernamen erinnern etwas an Unterhaching. Allerdings muss ich sagen, dass der Charme, den Haching damals versprüht hat, einzigartig war. Dieses Heimelige, dieses kleine Stadion mit einem Fassungsvermögen von etwas über 10.000 Zuschauern - das gibt es heutzutage in dieser Form nicht mehr.

Schwarz über den Abstieg mit Unterhaching 2001

In der darauffolgenden Saison stiegen Sie ab, waren aber wieder Teil eines Stückes Bundesliga-Geschichte. Stichwort: Schalker Vier-Minuten-Meisterschaft 2001. Wie gingen die letzten 90 Minuten Hachinger Erstklassigkeit vonstatten?

Schwarz: Die Konstellation war folgendermaßen: Wir hätten, um nicht abzusteigen, auf Schalke gewinnen müssen und 1860 München durfte gleichzeitig nicht gegen Cottbus verlieren. Wir haben eine sensationelle erste Halbzeit gespielt und sind mit 2:0 in Führung gegangen. Wir waren richtig ekelig für den Gegner und ich kann mich daran erinnern, dass Miroslaw Spizak alleine auf den Schalker Keeper Oliver Reck zugestürmt ist, aber das 3:0 verpasst hat. Im Gegenzug haben wir kurz vor der Pause das 2:1 und 2:2 gefangen. Mitte der zweiten Hälfte zeigte Schalkes Jörg Böhme auf die Anzeigetafel und sagte: "Guck mal, Cottbus führt gegen 1860!" Zu dem Zeitpunkt war klar, dass wir so gut wie abgestiegen waren. Schalke hat gemerkt, dass daraufhin bei uns etwas die Luft raus war. Mithilfe ihrer 60.000 Fans im Rücken haben sie alle Reserven mobilisiert und schließlich 5:3 gewonnen. Aus unserer Sicht war in diesem Spiel mehr drin, aber es hätte ohnehin nichts gebracht, weil Cottbus gegen die Löwen gewann.

Weil Bayerns Patrik Andersson in letzter Sekunde einen indirekten Freistoß in Hamburg verwandelte, musste Schalke sich mit Platz zwei begnügen. Die Bilder der weinenden Knappen-Fans sind wohl jedem deutschen Fußballfan geläufig. Wie haben Sie dieses Drama erlebt?

Schwarz: Nach dem Abpfiff brachen im Parkstadion alle Dämme, die Fans sind auf den Platz gestürmt. Uns war es aber relativ egal, was in Hamburg passierte und wer Meister wird. Wir sind nur zusammengesackt und waren enttäuscht, es nicht geschafft zu haben. Ich lag auf dem Rasen und sah die jubelnden Schalker an mir vorbeirennen. Erst auf dem Weg in die Kabine realisierte ich, dass Bayern tatsächlich noch zum Ausgleich gekommen war.

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