Fussball

Thomas Doll im Interview: "Auf Platz eins der Wutreden werde ich es nie schaffen"

Thomas Doll arbeitete von Ende Januar bis Anfang Juni 2019 bei Hannover 96.

Erst die Entlassung nach dem Abstieg aus der Bundesliga mit Hannover 96, dann das plötzliche Aus bei APOEL Nikosia nach nur 15 Pflichtspielen: Hinter Thomas Doll liegt ein turbulentes Jahr.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht der 53-Jährige über seine "einzigartige" Negativ-Erfahrung in Hannover und erklärt, wie die Coronakrise seine Suche nach einem neuen Trainer-Job beeinträchtigt. Außerdem blickt Doll zurück: auf seine Zeit bei Borussia Dortmund und seine legendäre Wut-Pressekonferenz, eine besondere Saison mit dem HSV und Zeiten, in denen er Existenzängste und einen Faible für den Dalai Lama hatte.

Herr Doll, das Coronavirus legt den Fußball lahm - und damit auch Ihre Suche nach einem neuen Job als Trainer. Wie haben sich Ihre Planungen nach Ihrem Aus bei APOEL Nikosia im Dezember durch die Krise verändert?

Thomas Doll: Ich wollte bis zur Sommerpause bei ein paar deutschen Vereinen hospitieren und anschließend schauen, was ich mache. Wenn mir jemand aus der Sportwelt aktuell leidtut, dann sind es aber nicht wir, die im Fußballgeschäft arbeiten. Fußballer sind jede Woche im Fernsehen zu sehen. Athleten und Trainern anderer Sportarten, die kaum eine Bühne bekommen, geht es deutlich schlechter. Die haben sich jahrelang voller Elan auf die Olympischen Spiele vorbereitet und müssen jetzt noch über ein Jahr warten, um sich zu präsentieren. Das finde ich sehr schade.

Sie leben mit Ihrer Frau in Budapest, abgeschnitten von einem Großteil Ihrer Familie. Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um?

Doll: Es macht mich traurig, meine Eltern nicht sehen zu können. Sie sind beide über 80 und mein Vater leidet an Demenz. Zum Glück ist meine Schwester in ihrer Nähe und greift ihnen beispielsweise mit Einkäufen unter die Arme. Aber natürlich stimmt mich die Situation sehr nachdenklich. Meine 21-jährige Tochter lebt in Norditalien, also mitten im Epizentrum der Pandemie. Die Situation dort kann man nicht mit der hier in Ungarn vergleichen.

Wie vertreiben Sie sich die Zeit?

Doll: Ich mache viel Sport, habe mithilfe eines Fahrradergometers meiner Frau innerhalb eines Monats schon acht Kilo abgenommen. Wir gehen auch gerne spazieren, wenn das Wetter es zulässt, und sprechen viel. Das ist doch etwas Schönes! Man kann in diesen Tagen über Dinge sprechen, die im hektischen Alltag zu kurz kommen, mit Bekannten telefonieren, die man selten hört, und sogar das eine oder andere neue Hobby für sich entdecken.

Zum Beispiel?

Doll: Ich habe neulich mit ein paar alten Kumpels wie Ulf Kirsten, Thomas Finck, Theo Schneider oder "Katze" Zumdick an einer Jonglier-Challenge teilgenommen, um einem Jungen aus meiner Heimatstadt Malchin eine kleine Freude zu bereiten. Außerdem unterstütze ich meine Frau mehr in der Küche, lese Bücher und höre Hörbücher

Für welche Bücher interessieren Sie sich?

Doll: Ich bin ein Fan von Krimis. Zuletzt habe ich mir ein Hörbuch von John Grisham heruntergeladen.

Doll: "Ich wollte nach meiner Karriere nicht in ein Loch fallen"

Nichts über den Buddhismus, mit dem Sie sich zu Ihrer Zeit als Spieler beschäftigt haben?

Doll: Aktuell nicht. Irgendwo liegen noch ein paar Bücher und CDs, aber mit Ende 20 hat mich das Thema Buddhismus mehr interessiert als heute.

Warum?

Doll: In erster Linie wegen meiner vielen Verletzungen. Ich hatte in der Reha so viel Zeit, dass ich mir viele Bücher über spirituelle Themen gekauft habe. Ich habe einige Werke von Eckhart Tolle und später auch Bücher über den Dalai Lama gelesen. Ich wollte neue Denkweisen kennenlernen, mit denen ich als Ostdeutscher bis zur Wende nie konfrontiert wurde. Es war für mich speziell in Bezug auf meine Verletzung wichtig, herauszufinden, wie man mit unvorhergesehenen Situationen umgehen kann. Gerade als Fußballer lebt man in einer Scheinwelt, aus der man durch Verletzungen schneller rausgerissen werden kann, als einem lieb ist. Jeder Fußballer stellt sich sowieso irgendwann in seiner Karriere mindestens einmal die Frage: Was mache ich eigentlich, wenn der ganze Spaß vorbei ist? Für mich war es deshalb wichtig, vorbereitet zu sein. Ich wollte nach meiner Karriere nicht in ein Loch fallen.

Hatten Sie zu jener Zeit Existenzängste?

Doll: Ja, die hatte ich aber auch schon in meiner Jugend in der DDR. Ich wusste ja nicht, ob ich eines Tages die Möglichkeit bekommen würde, Profi zu werden. Ich durfte nicht immer mit zu Turnieren in den Westen, weil wir dorthin Kontakte hatten. Meinem Vater, der in der Politik in Malchin tätig war, wurde einmal sogar der Job gekündigt, als ein Paket aus dem Westen bei uns ankam. Deshalb bin ich heute sehr froh, ein Leben in Freiheit zu haben. Das sollte jeder sein. Es waren damals harte, ungewisse Zeiten. Sie haben mich aber auch abgehärtet für meine Karriere als Spieler und später auch als Trainer.

Doll: "Schlaudraff? Man muss ja keinen Wein trinken"

Gerade das vergangene Jahr war ein ernüchterndes für Sie. Sie wurden im Sommer erst bei Hannover 96 entlassen und wenige Monate später auch bei APOEL Nikosia.

Doll: Das kann man so sagen. Vor allem das, was ich am Ende in Hannover erlebt habe, war ziemlich einzigartig - im negativen Sinne.

Erzählen Sie.

Doll: Ich kann ja verstehen, dass man nach einem Abstieg einen Neuanfang machen will. Das ist vollkommen okay. Aber dass weder Jan Schlaudraff noch Martin Kind es auf die Reihe bekommen haben, sich bei mir zu melden und mich über meine Entlassung zu informieren, finde ich merkwürdig.

Sie erfuhren also zuerst von den Medien von Ihrem Aus?

Doll: Sozusagen. Ich bin ja schon etwas länger im Geschäft und mir war klar, dass es nach einer sportlich mangelhaften Rückrunde nicht weitergehen würde. Abgesehen davon: Ich finde es richtig, nach einem Abstieg einen Schnitt zu machen, einen neuen Trainer und auch einige neue Spieler zu holen. Trotzdem hat es etwas mit Respekt und Demut zu tun, sich am Ende einer Saison wie Erwachsene zusammenzusetzen und die Zukunft zu besprechen. Man muss ja keinen Wein zusammen trinken. Insofern habe ich mich über die Art und Weise meines Abschieds sehr geärgert, weil ich ja auch einige vernünftige Leute in Hannover kennengelernt habe und ein gutes Verhältnis zur Mannschaft hatte. Gerade von Herrn Schlaudraff hätte ich erwartet, dass er zum Hörer greift und meine Nummer wählt.

Warum?

Doll: Er wurde im April, also ein paar Wochen vor dem Saisonende, zum Sportchef ernannt und bekam praktisch einen Freifahrtschein. Er war bei allen Mannschaftssitzungen und Trainingseinheiten dabei. Den Trainer dann nicht vernünftig zu verabschieden, zeigt mir, wie so manch einer in diesem Geschäft tickt. Ich bin zum Glück anders. Mir war es bei all meinen Vereinen immer wichtig, im Guten auseinander zu gehen.

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