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Fussball

Amputierten-Fußballer Christian Heintz im Interview: "Leverkusens Platzwart hatte Angst um seinen Fünfmeterraum"

Christian Heintz verlor mit 26 Jahren sein rechtes Bein.
© getty

Haben Sie denn nochmal versucht, in Ihrer alten Mannschaft mitzuspielen?

Heintz: Als ich mit Amputierten-Fußball angefangen habe, war ich anfangs regelmäßig beim Training und direkt voll integriert. Klar, die anderen waren schneller, aber niemand war mitleidig. Sie sind genauso an mir vorbeigelaufen und haben mich ausgespielt - und das war auch wichtig, denn ich wollte da keine Sonderbehandlung. Ich gehe heute noch einmal die Woche zu einer Seniorenmannschaft aus Zweibeinern in der Nähe und trainiere auf Krücken mit, um mich fitzuhalten und reguläres Training zu haben. Das machen wir momentan auch mit zwei, drei anderen Spielern vom Amputierten-Fußball, die in ihren Heimatvereinen mittrainieren. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, Kontakt zu Trainern aufzunehmen, denn oftmals sind da Barrieren in den Köpfen, die ich dann lösen kann. Der Vorteil bei uns ist, dass wir keine speziellen Übungen brauchen.

Wäre es denn erlaubt, am regulären Ligabetrieb teilzunehmen?

Heintz: Nein. Die Fußballverbände sagen, dass die Verletzungsgefahr für den Gegner durch die Krücken zu hoch wäre. Im Jugendbereich haben wir zwei Spieler, die mit Prothese in ihrer D-Jugend spielen - mit Sondergenehmigung. Im Kindesalter ist das also möglich, im Seniorenbereich wird klar getrennt.

Das Ziel ist also eine eigene Amputieren-Liga.

Heintz: Genau. Wir wollen eine reine Amputierten-Liga kreieren, um wirklich auch in einen Wettbewerb nur unter uns zu kommen. Wir haben uns die Vorbilder England, Irland und Polen genommen und nach deren Vorbild wollen wir die Sportart auch hier voranbringen. Denn man muss ganz klar sagen, dass der Amputierten-Fußball in Deutschland immer noch in den Kinderschuhen steckt. Wir leisten da Pionierarbeit.

Christian Heintz: "Im Vergleich zu anderen Ländern hinken wir hinterher"

Braucht es auch mehr Unterstützung aus der Politik?

Heintz: Das wäre absolut wünschenswert. Ich muss ganz offen sagen, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern, was die Förderung vom Behindertensport angeht, absolut hinterherhinken. Klar, es wurde in den vergangenen Jahren auch die Förderung im Behindertensport gesteigert, aber immer nur in der Spitze. Das heißt, wenn ich bei den Paralympics Gold, Silber, Bronze gewinne oder vielleicht auch noch in den Top 6 lande, bekomme ich eine gute Förderung. Aber der Weg dorthin, der wird nur bedingt oder teils auch gar nicht gefördert. Da haben wir in Deutschland großen Nachholbedarf, auch durch die Politik.

Nochmal zurück zur eigenen Liga: Mit aktuell 22 Aktiven ist man davon noch ein gutes Stückchen entfernt.

Heintz: Ja, das ist die aktuelle Zahl - immer plus minus zwei. Das war auch ein Grund, aus dem wir uns überlegt haben, das hauptberuflich weiterzuentwickeln. Wir haben das Ziel, deutschlandweit weitere Stützpunkte aufzubauen und heimatnahen Amputierten-Fußball anzubieten.

Aktuell sind die Regeln dafür, wer mitmachen darf und wer nicht, noch relativ strikt. Im Feld dürfen nur Spieler spielen, die ein Bein verloren haben und im Tor nur Spieler, die einen Arm verloren haben. Gibt es Überlegungen, das weiter zu öffnen?

Heintz: Die gibt es, zum Teil wird es auch schon umgesetzt. Wir haben zum Beispiel einen Torhüter, der keine Amputation hat, aber aufgrund eines Schlaganfalls in der Kindheit einseitig gelähmt ist. Das heißt, er kann seinen linken Arm und sein linkes Bein nicht mehr richtig bewegen und koordinieren. Aber er hat uns mal in einer Dokumentation gesehen und hat anschließend seine Eltern angefleht, dass er bei uns mitspielen darf - tatsächlich auch mit den Worten, dass er sich notfalls einen Arm amputieren lassen möchte. Ihn haben wir natürlich gerne auch mit allen vier Gliedmaßen aufgenommen. Und wenn jemand unbedingt mit seiner Beinprothese mitspielen möchte, also ohne Krücken, weil er damit flink ist, kann er das gerne machen - allerdings nur national. International, bei Länderspielen etwa, gelten noch die beschränkten Regelungen.

Christian Heintz: "Leverkusens Platzwart hatte Angst um seinen Fünfmeterraum"

Apropos Beschränkungen - gab es Momente, in denen Sie sich ausgegrenzt gefühlt haben?

Heintz: Zuletzt beim Champions for Charity Event gab es einen Moment, der mir gezeigt hat, dass wir in Deutschland noch Barrieren in den Köpfen haben, das war kurz nach dem Aufwärmen. Wir waren schon in der Kabine zum Umziehen, als der Organisator der Dirk-Nowitzki-Stiftung zu mir kommt und sagt: "Christian, komm mal mit raus, der Platzwart von Bayer Leverkusen will dich nicht spielen lassen - wegen deiner Krücken". Wir sind also raus und der Platzwart, der das Aufwärmen von der Tribüne gesehen hatte, hatte riesige Ängste, dass ich mit den Krücken Löcher in den Platz mache und am ersten Spieltag Bayer Leverkusen gegen Paderborn wegen eines Lochs im Fünfmeterraum ein Gegentor bekommt und 0:1 verliert. Ich musste ihm dann zehn Minuten lang versichern, dass da nichts kaputtgeht und erst dann hat er mir grünes Licht gegeben, dass ich mitkicken darf.

Wie steht es mit der gegenteiligen Erfahrung? Was ist der schönste Moment seit Ihrem Unfall, an den Sie sich erinnern können?

Heintz: Ich könnte jetzt die Paralympics in Rio oder andere sportliche Highlights nennen, aber eigentlich ist es die Erfahrung, wenn mir auf offener Straße Kinder begegnen und mich ganz unbefangen ansprechen oder fragen. Die Kinder werden oft im ersten Moment noch von ihren Eltern weggezogen, weil sich das ja nicht gehört. (lacht) Ich bin dann aber immer auflockernd und komme gerne ins Gespräch mit den Kids, die das Roboterbein bewundern. Wie unbefangen Kinder reagieren, ist das Schönste.

Meinen Sie, diese Lockerheit und Unbefangenheit fehlen ein Stück weit in der Gesellschaft?

Heintz: Absolut. Dazu ein kleiner Vergleich: Nach den Paralympics bin ich noch drei Wochen durch Brasilien gereist. Die Lockerheit und Unbefangenheit der Menschen dort war Wahnsinn - vor allem im Vergleich mit uns oftmals spießigen und sturen Deutschen. In den vergangenen Jahren hat sich sicher schon etwas getan, aber es gibt immer noch Nachholbedarf. Ich sage dann immer: "Komm, lass uns offen darüber reden, stelle ruhig die Fragen, die du hast, gar kein Thema'. Ich versuche, durch meine Lockerheit dann trotzdem ins Gespräch zu kommen.

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