180.000 Quadratmeter und ein Traum

Von Linus Brüggemann
Das Gelände der Fußballschule von Desportivo Brasil umfasst insgesamt 180.000 Quadratmeter
© academiatraffic.com
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Aufgrund dieser harten Schule ist Lösch davon überzeugt, dass brasilianische Talente in Europa niemals am Druck scheitern. "Die Erwartungen in Brasilien sind wesentlich höher. Das Problem ist vielmehr die Zeit nach dem Spiel. Der junge Spieler geht nach Hause, Freunde und Familie sind nicht da. Es gibt keine Bohnen und keinen Reis und das Wetter ist auch nicht gut. Das macht diese Jungs kaputt."

Ein Verein, der dieses Problem erkannt und perfekt gelöst hat, sei Bayer Leverkusen, so Lösch. "Andere Vereine verpflichten einen Brasilianer für zehn Millionen Euro, aber wollen keine 10.000 Euro für die Betreuung ausgeben - das ist der große Fehler."

Die Formel ist relativ simpel: Spürt ein Brasilianer, dass er gemocht wird, dann zahlt er es mit famosen Leistungen zurück. Wird nicht mit ihm geredet, zerbricht er daran. Kaum ein Verein kann mit brasilianischen Spielern solche Erfolge aufweisen wie Bayer.

Henrique, der vor zwei Jahren für Leverkusen spielte, hatte immer ein siebenköpfiges Team um sich - dementsprechend wohl fühlte er sich, dementsprechend stark waren seine Leistungen.

Abspielplattform für Talente

Damit die Geschichte eines jungen Brasilianers, der sich in Europa auf Anhieb durchsetzt, in der Zukunft zum Normalfall wird, hat "TRAFFIC Sports Marketing" den portugiesischen Zweitligsten GD Estoril Praia gekauft. Momentan belegt die Mannschaft den zweiten Platz und strebt den Aufstieg in die erste Liga an.

Der Verein ist eine sogenannte "Abspielplattform" für die jungen Talente, die dort erste europäische Erfahrungen sammeln. Da auch in Brasilien portugiesisch gesprochen wird, fällt den Spielern die Akklimatisierung deutlich leichter. Natürlich denkt "TRAFFIC Sports Marketing" nicht nur an die sprachlichen Parallelen, sondern darüber hinaus: Die Kontakte zum europäischen Markt sind automatisch hergestellt.

Partnerschaft mit Manchester

So besteht seit einiger Zeit eine Partnerschaft mit Manchester United. Auf einige der Talente besitzt Manchester bereits eine Option - allerdings erst, wenn sie das 18. Lebensjahr erreicht haben. Noch steht kein ehemaliger Spieler von "Desportivo Brasil" im Kader des Champions-League-Siegers von 2008, aber in den kommenden Jahren wird sich das ändern - davon ist Lösch überzeugt: "Es wird passieren, denn die Qualität unserer 16-jährigen Spieler ist einmalig."

Das sehen auch die Verantwortlichen der Red Devils so - nicht umsonst wird der Austausch zwischen Manchester und Desportivo so intensiv betrieben. Regelmäßig befinden sich Mitarbeiter aus der Jugendabteilung der Engländer im Trainingszentrum, um die Brasilianer mit neuen Methoden oder Erkenntnissen zu versorgen. Oder aber, um auf dem Rückflug nach Manchester Talente im Gepäck zu haben, die eine Trainingswoche bei den Red Devils absolvieren.

Transfers und ihr Scheinproblem

Um nicht nur auf die Partnerschaft mit Manchester angewiesen zu sein, nimmt der Verein auch an internationalen Turnieren in Europa teil. So steht der "MIC Cup" in Barcelona jedes Jahr auf dem Terminplan von Desportivo. Dieses Jahr kam die U 20 bis ins Finale, wo sie sich mit 0:1 gegen die brasilianische Nationalmannschaft geschlagen geben musste.

Den dahinterstehende Plan von "TRAFFIC Sports Marketing", Spieler auf der ganzen Welt zu verteilen, kann man durchaus als gelungen bezeichnen: Portugal, USA, Belgien, Norwegen und Holland - überall sind Spieler aktiv, die einst als Schüler an der Akademie waren.

Ein Spieler und fünf Firmen

Investment und Fußball - eine Kombination, die heutzutage immer häufiger anzutreffen ist und ebenso häufig wird die Frage der Legalität und Seriosität dieser Verbindung gestellt. Jochen Lösch selbst beschreibt das Geschäft in Brasilien häufig als "völlig chaotisch". Nicht selten gibt es fünf Firmen, die sich die Transferrechte eines Spielers teilen.

Doch nüchtern betrachtet, so Lösch, ist es juristisch legal. Auch die auftretenden Probleme bei abgewickelten Transfers zwischen deutschen und brasilianischen Vereinen wie im Fall Thiago Neves, der vor zwei Jahren von Fluminense zum Hamburger SV wechselte, kann er nicht nachvollziehen.

"Wenn der Spieler acht Millionen Euro kostet, dann überweise ich das Geld an Fluminense, was der Verein dann mit dem Geld macht, ist nicht mehr das Problem des deutschen Vereins. Es ist ein Scheinproblem, wenn gesagt wird, dass mit mehreren Parteien verhandelt werden muss."

Neokoloniale Ausbeutung und Sklaverei?

Begriffe wie "neokoloniale Ausbeutung" fallen im Zusammenhang mit Transfers junger Talente immer wieder. Sepp Blatter bezeichnete die Vorgänge vor einiger Zeit sogar als "Sklaverei". Natürlich gibt es im Fußballgeschäft halbseidene Agenten, die afrikanische oder südamerikanische Talente mit absurden Versprechungen nach Europa locken und dort ihrem Schicksal überlassen.

Jochen Lösch aber verteidigt sein Projekt. "Wir machen das Gegenteil. Wir bieten jungen Talenten eine exzellente Infrastruktur, bilden sie auch außerhalb des Platzes aus. Wer in diesem Zusammenhang das Wort 'Sklaverei' in den Mund nimmt, weiß schlicht nicht, wovon er redet."

Als Beweis dafür nennt er Bruno: Aus armen Verhältnissen stammend wechselte er im Alter von 18 Jahren von Desportivo Brasil zu Twente Enschede. Er verdient knapp 25.000 Euro im Monat und damit mehr, als er sich jemals hat erträumen lassen. Er hat es geschafft. Der Traum "Europa" ist für ihn zur Realität geworden. Das gern benutzte Klischee vom "Talent kommt nach Europa, Agent verlässt ihn, er endet in Armut" trifft somit nicht immer zu.

Trotz all dieser Beispiele und Beteuerungen scheinen aber gewisse Vorbehalte weiterhin angebracht zu sein.

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