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Formel 1

Erkenntnisse zum Großen Preis von Italien: Ferrari-Teamchef Binotto kämpft um seinen Kopf

Von Christian Guinin
Wie lange hält sich Mattia Binotto noch im Sattel?

Während Ferrari und Sebastian Vettel beim chaotischen Heimspiel in Monza das nächste Debakel erleben und Teamchef Mattia Binotto sich in Durchhalteparolen flüchtet, sorgen vor allem die Probleme der Silberpfeile für Spannung im Kampf um die Spitze. Die Erkenntnisse zum Großen Preis von Italien.

1. Ferrari-Teamchef Binotto kämpft um seinen Kopf

Bereits am vergangenen Wochenende in Belgien fuhr Ferrari dem Großteil des Feldes hinterher, auch beim Heimspiel in Monza war die Scuderia weit davon entfernt konkurrenzfähig zu sein. Dass am Ende kein ähnlich schlechtes Ergebnis zu Buche stand, lag lediglich daran, dass keines der beiden roten Autos die Zielflagge sah. Zum ersten Mal seit 2005 beendete man das Rennen im Königlichen Park ohne Punkte, keinen Ferrari in den Top-10 gab es zuletzt 1995, als ebenfalls beide Boliden ausschieden.

"Es war der schlimmste Abschluss für ein schwieriges Wochenende. Mit beiden Autos nicht über die Distanz zu kommen, ist richtig schlecht. Bei Sebastian hatten wir ein Problem mit der Zuverlässigkeit. Jetzt müssen wir nach vorne schauen und die Lektionen aus diesem Wochenende lernen", sagte Teamchef Mattia Binotto im Anschluss. Von einer Krise wollte der 50-Jährige aber trotz der erneut indiskutablen Leistung nicht reden. "Ich habe schon letztes Mal gesagt, dass wir keine Krise haben. Ich bestätige das. Das ist nicht der Fall. Das Fazit heute lautet: Wir haben ein schwieriges Wochenende schlecht abgeschlossen."

Dass Binotto solche Aussagen tätigt ist wenig verwunderlich, schließlich geht es um nicht weniger als seine Zukunft in der Formel 1, die Tatsache, dass Ferrari unter seiner Führung eines der schlechtesten Jahre der langen Geschichte des Tradionsrennstalls durchlebt, kann aber nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden. In Italien werden die Forderungen nach einer Neustrukturierung lauter, vor allem Binottos Kopf soll rollen. Zu lange, so die Meinung vieler Kritiker, habe man bei der Scuderia versucht, alle wichtigen Positionen intern zu besetzen, ohne dabei auf eine ausreichende Qualifikation zu achten.

Demonstrativ stärkt Ferrari-Boss Louis Camilleri deshalb den Rücken des 50-Jährigen. "Ich habe volles Vertrauen in Binotto und sein Team, wir brauchen Zeit", sagte Camilleri im Interview mit der New York Times. "In der Vergangenheit gab es zu viel Druck, viele Personen mussten gehen. Es gab eine Atmosphäre der Drehtüren, und ich will dies beenden." Wer die Siegesserien von Red Bull und Mercedes in den vergangenen zehn Jahren betrachte, könne erkennen, "dass sie neben Talent auch über Stabilität verfügten. Die fehlte unserem Team", sagte der 65-Jährige.

Dennoch: Der Wunsch der Tifosi nach einem würdigen Nachfolger der Ära Todt/Brawn bleibt bislang unerfüllt. Binotto-Vorgänger wie Stefano Domenicali oder Maurizio Arrivabene traute man trotz kurzfristiger Erfolge nicht den Weg zurück an die Spitze zu, obwohl keiner von beiden eine derart schlechte Saison zu verantworten hatte. Dass am Stuhl des aktuellen Teamchefs gerüttelt wird, ist daher nur nachvollziehbar.

2. Hat Mercedes Probleme, wird es spannend

Auch beim Großen Preis von Italien bewahrheitete sich einmal wieder das, was wir schon einige Male in dieser Saison feststellen durften: Hat Mercedes Probleme, kann sich der neutrale Zuschauer auf ein spannendes Rennen freuen. Der königliche Park von Monza legte am Sonntag sogar nochmal eine Schippe drauf.

Denn im Gegensatz zu den Grand Prixs in Österreich und Silverstone, als Mercedes (teils unverschuldet) nicht immer gut aussah, die kleinen Teams aus den Schwierigkeiten aber keinen Profit ziehen konnten, kam in Monza ein weiterer entscheidender Faktor hinzu, der den Italien-GP zum bis dato besten und spannendsten Rennen der Saison machte.

Denn auch Red Bull, in diesem Jahr normalerweise erster Verfolger der Silberpfeile, schien mit dem Layout des Autodromo Nazionale di Monza nicht wirklich warm werden zu wollen. Max Verstappen schied mit Motorenproblemen aus, Alexander Albon beendete das Rennen wegen Schäden an seinem Unterboden auf einem enttäuschenden 15. Platz.

Die Folge: Formel-1-Fans durften ein Rennen voller eng geführter Zweikämpfe und knallhartem Racing genießen - ein Zustand, der in der heutigen Formel 1 leider zu einer Seltenheit geworden ist. Mit AlphaTauri, McLaren, Racing Point und Renault hatten gleich vier Teams eine ähnliche Rennpace, in Abwesenheit von Mercedes und Red Bull wurde aus dem Best-of-the-Rest-Kampf somit ein Fight um die Spitzenplätze.

Darüber hinaus gewann zum ersten Mal seit 2730 Tagen ein Fahrer, der nicht aus dem Hause Mercedes, Red Bull oder Ferrari kommt (zuletzt Kimi Räikkönen 2013 im Lotus), seit dem Ungarn-GP 2012 gab es sogar erstmals wieder ein Podium ohne Beteiligung der Top-3 (damals Hamilton/McLaren vor Räikkönen/Lotus und Grosjean/Lotus).

3. Bottas und Verstappen nutzen Chance nicht

Nur allzu selten kommt es vor, dass Lewis Hamilton und Mercedes Fehler unterlaufen. Und selbst wenn es beim amtierenden Weltmeister mal nicht nach Plan läuft, hat man stets das Gefühl, dass das Glück auf seiner Seite ist. Umso wichtiger ist es deshalb für die Konkurrenz, diese seltenen Gelegenheiten zu nutzen und den maximalen Profit daraus zu schlagen.

Doch während Hamilton beim Italien Grand Prix aufgrund seiner Durchfahrtsstrafe, die der Brite sich beim regelwidrigen Abbiegen in die geschlossene Boxengasse einhandelte, am Ende des Feldes rumdümpelte und sich nur durch einen starken Schlussspurt auf den achten Rang rettete, suchte man in der Spitzengruppe vergeblich nach seine Mitkonkurrenten Valtteri Bottas und Max Verstappen. Für beide wäre das schwache Abschneiden Hamiltons eine Chance gewesen, Boden auf den WM-Führenden gut zu machen, doch weder Bottas noch Verstappen hatten in Monza den Speed, um um die Podestplätze mitzufahren.

"Mein Start war schwach und ich hatte auf der ersten Runde eine Berührung. Danach dachte ich zunächst, dass ich einen Reifenschaden davongetragen hätte. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass dem nicht so war. Aber ich hatte trotzdem starkes Untersteuern und das Auto zog zur Seite", erklärte Bottas seine schwache Performance, die für ihn lediglich Platz fünf zum Resultat hatte. "Es besserte sich zwar, aber dann hatte ich im Verkehr Überhitzungsprobleme mit dem Motor. Dagegen konnte ich nicht viel unternehmen. Immer, wenn ich einem anderen Auto näherkam, musste ich wegen des Überhitzens zurückstecken oder auf den Geraden zur Seite fahren. Dadurch hatte ich aber keinen Windschatten. Nach der roten Flagge und gegen Rennende fühlte es sich ein wenig besser an", so der Finne. Mehr sei für ihn aber nicht drin gewesen.

Für den Niederländer Verstappen lief es sogar noch unglücklicher. Im Gegensatz zu Bottas, der mit seinem fünften Platz immerhin vier WM-Punkte auf Hamilton gut machte, schied Verstappen ganz aus dem Rennen aus und verlor weiter an Boden. "Der Start war schlecht, und dann hingen wir im DRS-Zug fest. Du kannst nicht überholen und nur hinterherfahren", sagte er im Anschluss. Der Start habe das Rennen deshalb bereits "komplett zerstört", und unmittelbar beim Neustart habe es dann das Problem am Motor gegeben. "Wir wissen noch nicht genau, was es war, aber wir mussten das Auto abstellen", so Verstappen.

In der WM-Wertung sieht es für Hamilton damit weiterhin sehr gut aus. Mit 164 Zählern führt er 47 Punkte vor Bottas (117), auf Verstappen (110) sind es sogar nochmal sieben mehr. Vieler solcher Möglichkeiten wird Hamilton seinen Konkurrenten wohl nicht mehr geben, der WM-Kampf scheint zumindest vorentschieden zu sein.

Formel 1: Der WM-Stand nach acht Rennen

PlatzFahrerTeamPunkte
1Lewis HamiltonMercedes164
2Valtteri BottasMercedes117
3Max VerstappenRed Bull110
4Lance StrollRacing Point57
5Lando NorrisMcLaren57
6Alexander AlbonRed Bull48
7Charles LeclercFerrari45
8Pierre GaslyAlphaTauri43
9Carlos SainzMcLaren41
10Daniel RicciardoRenault41
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