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Letzte Chance: Rampenlicht

Von David Kreisl
Fernandinho ist der neue Star von Manchester City
© getty

Einst elementarer Bestandteil der Samba-Fraktion bei Schachtjor Donezk, wird Fernandinho in Zukunft auf der Insel seine Fußballschuhe schnüren. Der Wechsel zu Manchester City bringt dem 28-Jährigen die große Chance, sich bei einem europäischen Spitzenklub zu präsentieren - um den sehnlichen Wunsch von der Heim-WM 2014 in Brasilien doch noch wahr werden zu lassen.

Wo genau Fernando Luis Roza am Abend des 1. Juli war, ist nicht bekannt. Als Barcelonas kommender Superstar Neymar zum großen Hoffnungsträger einer ganzen Nation aufstieg, als David Luiz mit seiner Tochter auf dem Arm durch das Maracana spazierte, als die Selecao den amtierenden Weltmeister entzauberte. Zu einer Zeit, in der die Leute auf die Straße gingen und Proteste das Land erschütterten, reckte Kapitän Thiago Silva als Confed-Cup-Gewinner den Pokal im Konfetti-Regen in den Nachthimmel von Rio de Janeiro.

Fernando Luis Roza, besser bekannt als Fernandinho, war an jenem Abend nicht dabei. Wahrscheinlich verfolgte er das Schauspiel vor dem Fernseher. Mit einem lachenden, vielleicht aber auch einem weinenden Auge. Denn wie jeder Spieler aus Brasilien träumt auch Fernandinho von der Teilnahme an der WM in einem Jahr im eigenen Land.

"Er geht, weil er sich empfehlen will"

So sehr, dass der 28-Jährige Schachtjor Donezk, wo er acht Jahren lang auf dem Platz stand und zum Star wurde, den Rücken kehrt und bei Manchester City anheuert. Natürlich: Auch die Tatsache, in einer der besten Ligen der Welt zu spielen, war ein Anreiz für den Wechsel. Ukraine-Experte und Kenner der Premier Liga Alexander Sereda bestätigte aber gegenüber SPOX: "Fernandinho geht, weil er sich für die brasilianische Nationalmannschaft und die WM empfehlen will."

Dafür verzichtete der Brasilianer sogar auf knapp fünf Millionen Euro ausstehende Zahlungen vom ukrainischen Meister, auch um die Ablösesumme im Wechsel-Poker um seine Person noch etwas zu drücken. Die Citizens ließen sich die Dienste Fernandinhos schließlich zwischen 35 und 40 Millionen Euro kosten.

Der Brasilianer weiß, dass er, ob der hohen Ablöse, in der Bringschuld steht: "Ich hoffe, ich kann für das zurück zahlen, was City für mich getan hat." Denn selbst für einen Scheichklub scheint diese Summe viel für einen 28 Jahre alten Gelegenheits-Nationalspieler ohne Erfahrung auf höchster nationaler Ebene.

Doch die Himmelblauen wollten ihr Transferziel Nummer eins unbedingt ins Etihad Stadium lotsen und blieben bei den Verhandlungen mit dem verkaufsunwilligen Klub aus Donezk hartnäckig. Sehr zur Freude von Fernandinho. "Es ist eine Veränderung, eine Herausforderung und eine Chance, auf die ich schon so lange gewartet habe", schwärmt er.

Für Millionen in die Ukraine

Fernandinho, der die Möglichkeit jetzt in der Premier League zu spielen als "Traum" bezeichnet, begann seine Laufbahn bei Atletico Paranaense. Dort stieg der defensive Mittelfeldspieler zum Jugendnationalspieler auf und holte bei der U-20-WM 2003 in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit der Selecao den Titel. Als Torschütze des Siegtors im Finale gegen Spanien - unter anderem mit Andres Iniesta auf Seiten der Seleccion.

Die starken Leistungen in der Liga und der WM blieben den auf junge Brasilianer spezialisierten Scouts von Schachtjor nicht verborgen. Und so überwies der ukrainische Klub 2005 acht Millionen Euro für den damals 20-Jährigen nach Brasilien.

Aufstieg zum besten Akteur

Fernandinho hatte dort keine Probleme mit der Eingewöhnung, stand bereits in seiner Debüt-Saison 23 Mal auf dem Platz und etablierte sich bald als Stammspieler im Team von Coach Mircea Lucescu. In der Saison 2007/2008 gelang dem jungen Brasilianer endgültig der Durchbruch, als er den Goldenen Ball als bester Spieler der Saison gewann und mit Schachtjor Meisterschaft und Pokalsieg feiern durfte.

Nach dem UEFA-Cup-Triumph 2009 gegen Werder Bremen und drei Meisterschaften am Stück zwischen 2011 und 2013 waren längst Mannschaften aus den großen Ligen Europas auf den Brasilianer aufmerksam geworden.

Alleskönner im Mittelfeld

Den klassischen Box-to-Box-Spieler zeichnet vor allem seine enorme Vielseitigkeit aus. Im zentralen Mittelfeld ist er quasi überall einsetzbar, seine Stärken kommen auf der Acht aber am besten zur Geltung. Fernandinho beackert den ganzen Platz, hat eine gute Balleroberung und leitet im Umschaltspiel mit seinem präzisen Passspiel postwendend Gegenangriffe ein.

Vor allem bekannt ist der Dauerläufer für seine "Marathonlunge", wie es sein zukünftiger Arbeitgeber bei der Vorstellung ausdrückte, sein irres Tempo und den starken Schuss aus der zweiten Reihe, der dem Brasilianer 52 Treffer in 281 Spielen für Schachtjor einbrachte.

Die Krux mit der Selecao

Und trotzdem reichte es nie zum Durchbruch in der Nationalmannschaft. Nach seinem Debüt 2006 beim 2:1-Sieg im Freundschaftsspiel gegen die Schweiz verschwand Fernandinho wieder aus der Selecao, feierte 2011 beim 2:3 gegen Deutschland in Stuttgart sein Comeback. Ende Februar 2012 stand er beim Freundschaftsspiel gegen Bosnien-Herzegowina das letzte Mal für sein Land auf dem Platz.

Durch den Confed Cup haben sich die Chancen auf das Nationalteam auch nicht gerade gebessert. Mit Paulinho, der im Sommer zu Tottenham Hotspur wechselt und Luiz Gustavo von den Münchner Bayern hat Nationalcoach Felipe Scolari eine perfekt eingespielte und vor allem hervorragend funktionierende Doppelsechs, die während der kompletten WM-Generalprobe überzeugte.

Um sich besser zu präsentieren, hat Fernandinho jetzt also den Schritt ins permanente Rampenlicht der Premier League gewagt - und sich dabei mit Manchester City einen Verein herausgesucht, der für das Vorhaben, sich bei einem Spitzenteam festzuspielen, viel besser nicht sein könnte.

Mit Yaya auf der Doppelsechs

Im Gegensatz zur Nationalmannschaft ist Fernandinho dort aller Voraussicht nach fest eingeplant und soll den einzigen gesetzten defensiven Mittelfeldspieler Yaya Toure entlasten. Im bewährten 4-2-3-1 war der Ivorer meist in der Startelf, neben einigen Einsätzen auf der 10 immer als Teil der Doppelsechs. Neben ihm gaben sich Gareth Barry, Jack Rodwell, James Millner und Javi Garcia die Klinke in die Hand, keiner konnte sich so wirklich festspielen.

Fernandinho soll das nun gelingen, das Vertrauen als gesetzter Spieler wird dem bislang teuersten Sommerneuzugang wohl geschenkt werden. Alleine die Hartnäckigkeit von Manchester bei den Verhandlungen zeigt bereits den Stellenwert des Neuzugangs bei den Verantwortlichen.

Außerdem wird Fernandinho auf dieser Position wohl der einzige Transfer der Citizens bleiben. Stattdessen wird das Team von Coach Manuel Pellegrini nach dem Abgang von Carlos Tevez zu Juventus Turin anscheinend weiter in die Offensive investieren. Neben dem bereits fixen Transfers von Jesus Navas, Alvaro Negredo und Stevan Jovetic soll Gerüchten zufolge noch Fernandinhos Landsmann Fred folgen.

Letzte Chance auf Maracana

Diese Chance muss Fernandinho, der auf Wunsch seines kleinen Sohnes die Nummer 25 tragen wird, nutzen. Denn es wird die letzte Möglichkeit für den 28-Jährigen sein, noch auf den WM-Zug aufzuspringen und den Traum wahr zu machen, bei der WM 2014 für die Selecao aufzulaufen.

Und vielleicht darf Fernandinho in einem Jahr an der gleichen Stelle wie vor kurzem Thiago Silva stehen, mit seinem Sohn im Arm. Dann, wenn das Endspiel der Weltmeisterschaft im Maracana stattfindet, wenn das ganze Land jubeln soll, wenn Fernandinho den Pokal im Konfetti-Regen in den Nachthimmel von Rio de Janeiro strecken will.

Manchester City im Profil

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