Wintersport

Märchen der Nation: Als Thomas Diethart die Vierschanzentournee gewann

SID
Thomas Diethart gewann die Tournee.
© getty

Thomas Diethart gewann vor sechs Jahren aus dem Nichts die Vierschanzentournee. Nach schweren Stürzen lebt der Österreicher heute ohne Geschmacks- und Geruchssinn.

Wie ein Kaiserschmarrn schmeckt, weiß Thomas Diethart nur noch aus der Erinnerung. Wie die Wiesen seiner Tiroler Wahlheimat riechen, das muss er sich vorstellen. Dietharts märchenhaftem Höhenflug in den Skisprunghimmel folgte ein brutaler Absturz, mit dessen Auswirkungen sich Österreichs einstiger Volksheld heute noch herumplagt.

Der Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn ist dabei die dramatischste im Leben Dietharts, dessen Gesamtsieg vor sechs Jahren eine der größten Sensationen der Vierschanzentournee-Geschichte war.

Thomas Diethart: "Esse immer noch gerne"

"Ich fiebere immer noch mit", sagte der 27-Jährige dieser Tage dem Standard. Auf seinen Tournee-Triumph werde er heute noch angesprochen, "aber im Prinzip sind solche Erfolge bald einmal Geschichte." So ist er, der "Didl": Er nahm den völlig unerwarteten Wunderwinter 2013/14 hin, wie er kam. Er nahm hin, was danach kam, die sportliche Krise, die Stürze, die er beinahe mit dem Leben bezahlte. Und auch das mit dem Riechen und Schmecken.

"Ich weiß ja noch, wie mir etwas geschmeckt hat, das hab ich abgespeichert. Deshalb esse ich jetzt immer noch gerne, was ich vorher gerne gegessen habe", sagt Diethart. Hilft ja nix.

Rückblende: 30. Dezember 2013, Oberstdorf: Ein 21 Jahre alter Nobody, überraschend in Österreichs Starteam gerutscht, fliegt beim Tournee-Auftakt in seinem fünften Weltcupspringen auf Platz drei. Diethart steigert sich in einen Rausch. Sieg in Garmisch-Partenkirchen, Fünfter in Innsbruck, Sieg in Bischofshofen, damit der Gesamtsieg. Es ist eine Aschenputtel-Geschichte erster Güte.

Österreichs Presse feiert den "Flachland-Adler" aus Tulln an der Donau, ernennt den unbedarften Aufsteiger, dessen Eltern - rot-weiß-rot geschminkt und mit Plüschschweinderl in der Hand - zu TV-Attraktionen werden, zum "Didl der Nation". Es ist der letzte Tourneesieg der Ära von Meistertrainer Alexander Pointner, ausgerechnet von einem errungen, der eben nicht zu dieser Goldenen Generation der Morgensterns und Schlierenzauers gehörte.

Thomas Diethart: Schwere Stürze, heute Trainer

"Diese Sache wird einzigartig bleiben", sagte Pointners Nachfolger Heinz Kuttin, der vergeblich versuchte, den Senkrechtstarter in der Luft zu halten. Diethart holte noch Olympiasilber mit dem ÖSV-Team in Sotschi, die beiden Weltcupsiege in Garmisch und Bischofshofen blieben aber seine einzigen.

Der chronische Misserfolg wäre erträglich gewesen, auch andere große Springer gerieten über Jahre in tiefe Schaffenskrisen. Doch Dietharts Karriere nahm einen tragischen Verlauf. Im Februar 2016 stürzte er erstmals schwer, erlitt beim Continental Cup in Brotterode Prellungen an Wirbelsäule, Niere und Lunge. Im folgenden Sommer der nächste Trainingscrash, diesmal mit glimpflichen Ausgang.

Anders am 29. November 2017. Beim Training in Ramsau haut es Diethart brutal hin - schwere Gehirnerschütterung, Einblutung ins Gehirn, Lungenquetschung, Gesichtsverletzungen und noch im Krankenhaus die Erkenntnis: "Das war es, jetzt lass ich es."

Im Rückblick hadert Diethart nicht, sagt: "Beim ersten Mal hatte ich wirklich Pech mit dem Wind, am zweiten und dritten Sturz war ich selbst schuld." Wegen der gesundheitlichen Folgen, sei "der dritte Sturz heute mehr präsent als der Tourneesieg".

Diethart hat sich mit der Situation arrangiert, eine Trainerlaufbahn eingeschlagen, kümmert sich im Tiroler Landesverband um Neun- bis Zwölfjährige. Buben und Mädel dieses Alters sind bekanntlich noch sehr empfänglich für Märchen. Ihr Trainer kann ihnen eines erzählen.

Vierschanzentournee 2013/14: Endstand in der Gesamtwertung

RangNamePunkte
1Thomas Diethart1012,6
2Thomas Morgenstern994,3
3Simon Ammann992,4
4Peter Prevc971,3
5Noriaki Kasai962,1
6Anders Bardal950,6
7Kamil Stoch938,2
8Gregor Schlierenzauer932,0
9Michael Hayböck906,8
10Andreas Wellinger895,7
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