Tennis

Alexander Zverevs Mentaltrainer Markus Hornig im Interview: Sklave seiner Emotionen

Von Betway
Geht als Titelverteidiger in die ATP Finals: Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev.
© getty

Die Saison 2019 verlief für Deutschlands Top-Tennisspieler Alexander Zverev wie eine Achterbahn - sowohl sportlich als auch emotional. Woran liegt das? Wie könnte er das abstellen? Wer könnte ihm weiterhelfen? Betway führte dazu ein Gespräch mit dem Mentaltrainer Markus Hornig, der Spitzensportler und Topmanager coacht.

Bei den ATP Finals vom 10. bis 17. November treffen in London die besten acht Tennisprofis der vergangenen Saison aufeinander. Welche mentale Voraussetzung muss man mitbringen, um dieses Turnier zu gewinnen?

Markus Hornig: Am Ende einer Saison ist es für jeden Topspieler anstrengend, sich noch einmal auf so ein schweres Turnier zu konzentrieren. Man muss mindestens drei Gruppenspiele absolvieren und spielt nur gegen die Besten der Welt. Das macht dieses Turnier einzigartig. Die Geschichte zeigt, dass am Ende zumeist die Top-Champions den Titel unter sich ausmachen, was für deren mentale Stärke spricht. In den 10 Jahren von 2006 bis 2015 haben neunmal Djokovic (5 Siege) oder Federer (4 Siege) gewonnen. Insofern war der Gewinn von Alexander Zverev im Vorjahr, der noch nie in einem Halbfinale bei einem Grand Slam gestanden hat, eine absolute Überraschung.

Warum ist das so?

Hornig: Topspieler wie Rafael Nadal, Roger Federer oder Novak Djokovic besitzen die Fähigkeit, sich noch einmal für diese Woche auf den Punkt zu fokussieren. Für sie ist das ATP-Finale neben den Grand Slams ein absolutes Highlight. Sie können mit diesem speziellen Druck umgehen nur gegen die Besten der Welt zu spielen, von denen jedes einzelne Match ein Grand-Slam-Finale sein könnte.

Hat Titelverteidiger Alexander Zverev aktuell die Einstellung, das Turnier zu gewinnen?

Hornig: Seine Einstellung scheint aktuell nicht optimal. Er schafft es nicht, über einen längeren Zeitraum konstant zu spielen. Das ist aber der Schlüssel, um sich in der Weltspitze langfristig zu etablieren. Erschwerend kommt hinzu: Im vergangenen Jahr war Alexander Zverev bei den ATP Finals der absolute Außenseiter und hatte nichts zu verlieren. Jetzt ist er der Titelverteidiger und Gejagter und schon sieht das ganze Ding anders aus. Jeder im Sport weiß, dass es ungleich leichter ist einen großen Titel zum ersten Mal zu gewinnen als diesen zu verteidigen. Deswegen würde ich mein Geld nicht auf ihn setzen.

In der einen Woche zieht Alexander Zverev ins Finale ein, in der nächsten scheidet er in der ersten Runde aus. Woran liegt das?

Hornig: Tennis ist aus mentaler Sicht eine brutale Sportart. Du wirst permanent mit deinen Fehlern und Unzulänglichkeiten konfrontiert. Machst du einen Fehler, bekommt dein Gegner direkt den Punkt gutgeschrieben. Dazu ist Tennis technisch und koordinativ eine der anspruchsvollsten Sportarten überhaupt. Triffst Du den Ball nicht sauber, verliert er sofort an Qualität oder geht gleich ins Netz oder ins Aus. Und wenn Du verkrampft oder angespannt bist, überträgt sich das unmittelbar auf die Technik, d.h. das Ballgefühl schwindet, der Schwung geht verloren, der Arm wird schwer, kurz: Du schaffst es nicht, Dein eigentliches Potenzial abzurufen, wenn der Kopf nicht mitspielt und negative Emotionen das Kommando haben. Dies scheint bei Zverev der Fall. Offenbar hat er seine Emotionen nicht im Griff und kann nicht gegensteuern. Seine Emotionen haben ihn unter Kontrolle und das ist das Fatale.

Was könnte Zverev tun, damit das besser wird?

Hornig: Fakt ist: Tennis wird im Kopf entschieden! Selbstkontrolle und Psychoregulation sind von elementarer Bedeutung. Wenn ich dieses "innere Spiel", das permanent im Kopf abläuft, nicht verstehe und beherrsche, nutzen mir die besten Schläge nichts. Federer war in jungen Jahren ein ähnlich hitziger Typ wie Zverev, hat sich aber früh auf mentaler Ebene weiterentwickelt und damit die Basis für seine außergewöhnliche Karriere gelegt. Auch Novak Djokovic ist ein Meister der mentalen Stärke. Er beherrscht die Kunst der Achtsamkeits-Meditation, d.h. auch bei ihm kochen negative Emotionen und Gedanken hoch, er hat jedoch gelernt diese vorbeiziehen zu lassen, indem er sich auf seine Atmung konzentriert und sich zur inneren Ruhe animiert. Ein unglaubliches Beispiel mentaler Stärke hat Djokovic im diesjährigen Wimbledonfinale vollbracht, in dem die Zuschauer bekanntlich ja größtenteils Federer unterstützen. Immer wenn diese "Roger, Roger!" skandierten, drehte Djokovic das um und tat in seinem Kopf so als würden sie "Novak! Novak!" rufen.

Und Alexander Zverev macht das nicht?

Hornig: Zverev scheint zu diesen Mentalstrategien offensichtlich noch keinen Zugang zu haben. Seine Doppelfehler-Orgien der letzten Monate sprechen Bände. Vielleicht hat er gegenüber diesem Thema eine latente Abwehrhaltung entwickelt, weil er in letzter Zeit scheinbar oft schlecht beraten wurde und jeder ihm mit anderen schlauen Tipps kam. Das Offensichtliche ist aber: Er ist Sklave seiner Emotionen und muss lernen, diese besser zu kontrollieren. Das ist gar nicht so schwer, aber man muss diese Formen des mentalen Trainings im Sinne von Psychoregulation, Entspannung, die Kontrolle des inneren Dialogs oder Visualisierungstraining wie die Vorhand oder den Aufschlag immer wieder üben. Dieser wichtige Input kommt bei ihm offenbar nicht an. Vielleicht fehlt Zverev das Vertrauen zu jemandem, der ihm das mentale Training näherbringt. Es würde ihn auf jeden Fall weiterbringen.

Ist es für seine Mentalität gut, dass er mit seinem Familienclan durch die Welt tourt?

Hornig: Aus meiner Sicht verpasst er dadurch die Chance, Eigenverantwortung zu lernen. Denn eine sportliche Entwicklung bis an die Weltspitze verläuft immer parallel zur persönlichen Entwicklung. Wenn ich mich als Persönlichkeit weiterentwickeln will, funktioniert das nur, wenn ich Eigenverantwortung übernehme. Habe ich um mich herum aber nur Menschen, die mir alles abnehmen und alles von mir fernhalten wollen, damit ich mich auf mein Tennis konzentriere, dann ist das der falsche Weg: Ich muss selbst lernen, dass es im Leben Rückschläge gibt und ich mich Dingen stellen muss, die mir nicht unbedingt gefallen. Nur durch die persönliche Konfrontation mit Rückschlägen, egal welcher Art, und die Auseinandersetzung mit ihnen im Sinne von Selbstreflexion "Was kann ich daraus lernen? Wie mache ich das beim nächsten Mal besser?" sind der Schlüssel zu psychischer Stärke und Resilienz. Deswegen bin ich ein großer Fan davon, bereits Sportler zur Eigenverantwortung zu erziehen bzw. zu coachen. Davon profitieren diese übrigens auch nach ihrer Sportkarriere.

Muss Zverev diese Eigenverantwortung noch lernen?

Hornig: So sieht es momentan aus. Auch Boris Becker hat festgestellt, dass sich Zverev in den vergangenen 18 Monaten nicht weiterentwickelt hat. Das sieht man nicht nur an seinem Ranglistenplatz, sondern auch an seinem Spiel, das nicht besser geworden ist. Gerade jetzt muss er eigentlich performen, schafft das aber nicht - vor allem nicht bei den Grand-Slam-Turnieren. Das verstärkt natürlich den Druck. Man muss Zverev klipp und klar sagen: Nur du bist verantwortlich für dein Verhalten auf dem Platz. Das kann dir kein anderer Mensch abnehmen. Du musst lernen, der Realität ins Gesicht zu schauen und wissen welche Instrumente dafür relevant sind.

Haben die drei Topspieler Nadal, Federer und Djokovic diese Einstellung?

Hornig: Definitiv! Der Wille, immer besser zu werden, ist bei den drei extrem ausgeprägt. Sie arbeiten täglich am letzten Prozent, um noch einen Tick besser zu werden. Federer hat deswegen sein Training und sein Spiel komplett umgestellt. Außerdem hassen diese Spieler das Verlieren wie die Pest. Deswegen will z.B. auch keiner mit Nadal Golfspielen, weil er sogar dort mit extremer Verbissenheit immer nur gewinnen will!

Ist die mentale Stärke dieser drei Spieler auch ein Grund, warum kein jüngerer Spieler sie bislang ablösen konnte?

Hornig: In Russland gibt es ein schönes Sprichwort: ‚Nur die hungrige Katze fängt die Maus.' Die jungen Spieler spielen alle hervorragend Tennis, scheinen aber nicht hungrig genug. Allein Alexander Zverev hat in seiner Karriere allein 18 Millionen US-Dollar an Preisgeldern verdient und das ohne je in einem Halbfinale bei einem Grand Slam gestanden zu haben. Dazu kommen noch Werbeeinnahmen in ähnlicher Höhe. Das scheint leider symptomatisch für die junge Spielergeneration: Wegen der hohen Einnahmen in bereits jungen Jahren und einem Umfeld, das ihnen alles abnimmt und permanent auf die Schultern klopft, laufen sie Gefahr schnell satt zu werden. Aktuell hat der 23-jährige Medwedew einen guten Lauf, aber in seinem Alter waren Nadal, Federer und Djokovic bereits Grand-Slam-Sieger. Die älteren Spieler sind einfach hungriger nach den Siegen: Selbst ein Andy Murray ist nach seinem angekündigten Karriere-Ende wieder da, um sich noch einmal zu beweisen, was er mit seinem Turniersieg in Antwerpen gerade eindrucksvoll bewiesen hat.

Kann man sich diese Siegermentalität antrainieren oder ist sie angeboren?

Hornig: Boris Becker, der mit 17 Jahren Wimbledon gewonnen hat, war mit seiner unglaublichen Siegermentalität ein absolutes Naturtalent. Aber: Man kann sich diese mentale Stärke auch erarbeiten, indem man lernt, seine Emotionen und Gedanken zu kontrollieren, Aufgaben als Herausforderung und nicht als Bedrohung zu verstehen, sich seiner Stärken bewusst zu sein und sich von der ersten Sekunde an zu 100 Prozent ins Zeug zu legen. Wenn man an diesen vier Säulen systematisch arbeitet, gewinnt man die Sicherheit, Selbstvertrauen und innere Ruhe, die im Tennis eine entscheidende Rolle spielt. Mentale Stärke im Tennis bedeutet auch, jeden einzelnen Punkt als unabhängige Einheit zu spielen, unabhängig vom Spielstand. Mehr kann man ohnehin nicht tun, als zu versuchen, den nächsten Punkt zu gewinnen. Mit diesem mentalen "nur den nächsten Punkt machen" bleibt man mental im "Hier und Jetzt" und schneidet negativen Gedanken und Emotionen den Weg ab, ins Bewusstsein zu gelangen. Jimmy Connors, der mit 109 Turniersiegen auf der ewigen Siegerliste immer noch ganz oben steht, meinte nach seiner Karriere, dass die Kunst dieses "Punkt-für-Punkt"-Spiels der alles entscheidende Faktor ist, um im Tennis erfolgreich zu sein.

Erkennen Sie auf den ersten Blick einen Siegertypen?

Hornig: Siegertypen haben einen ganz anderen Fokus und eine ganz andere Präsenz. Sie sind einfach in einer anderen Welt, wenn sie trainieren. Wenn Steffi Graf oder Boris Becker auf einem Nebenplatz trainiert haben, hatten sie so eine Ausstrahlung hatten, dass es niemand gewagt hätte, während des Ballwechsels an deren Platz vorbeizugehen oder auch nur einen Mucks zu sagen. Außerdem lieben Siegertypen den Wettkampf. Sie wollen sich immer messen. Sie sind lernfähig und sehr selbstkritisch, vor allem auch wenn sie gewonnen haben. Das zeichnet übrigens auch einen sehr guten Tenniscoach aus. Er schaut nicht so sehr auf das Ergebnis, sondern für ihn ist es wichtiger zu sehen, dass die Dinge, an denen man arbeitet, auch umgesetzt werden und der Spieler sich entwickelt.

Wird Alexander Zverev mal ein Siegertyp wie Boris Becker oder Roger Federer?

Hornig: Im Moment würde ich sagen: Nein! Das sieht man schon an seiner Körpersprache und seinem Verhalten. Diese Unruhe, diese Hektik, diese fahrigen Bewegungen sagen viel mehr aus, als man glaubt. Und sein zweiter Aufschlag ist der beste Blick auf die Seele des Spielers.

Könnte ein Trainer wie Boris Becker denn Zverev weiterhelfen?

Hornig: Definitiv! Aber nur dann, wenn Zverev sich zu 100 Prozent darauf einlassen würde und Becker zu 100 Prozent als seinen einzigen Trainer akzeptiert. Becker hat allein als Trainer von Djokovic sechs Grand-Slam-Titel gewonnen. Zverev und Becker wären ein Supergespann. Dafür muss Zverev sein Schicksal aber selbst in die Hand nehmen, eine Entscheidung treffen, sich von seinem Clan verabschieden und sich darauf fokussieren, was ihm Becker beibringt.

Zur Person: Markus Hornig

Markus Hornig kommt ursprünglich aus dem Profisport. Bis Ende der 1990er-Jahre arbeitete er als Tennis-Profitrainer auf der ATP-Tour und war acht Jahre Bundesliga-Cheftrainer in Stuttgart, Hannover und Berlin. Namhafte deutsche Daviscupspieler wie Markus Zoecke, David Prinosil oder Bernd Karbacher gingen durch seine Hände. Von 2011 bis 2016 war er in seiner Funktion als Mentaltrainer Mitglied der Trainerteams der Frauenfußball-Nationalmannschaft maßgeblich mit am Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro beteiligt. Heute arbeitet er als Coach in Unternehmen, ist Privatdozent und Autor und unterstützt den LTTC Rot-Weiß Berlin bei der Entwicklung von Nachwuchsspielern. (www.markushornig.com)

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