Fussball

Isaac Donkor vom SK Sturm Graz im Interview: "Gott gab mir ein Zeichen, zu Sturm zu gehen"

Von Christian Albrecht
Donkor im Duell mit Arase

Sturms Verteidiger Isaac Donkor im Gespräch über Gott und die Welt, Rassismus im Fußball, seine Zeit bei Inter Mailand und Nestor El Maestros Ähnlichkeit mit Jose Mourinho.

"Saisonende für Isaac Donkor!" So hieß es am 22. Jänner, als beim Verteidiger des SK Sturm Graz ein Riss des Syndesmosebandes festgestellt wurde. Eine niederschmetternde Diagnose für den 24-Jährigen, der bis dato nur acht Pflichtspiele für seinen neuen Verein bestritten hatte. Aber noch in der letzten Runde des Grunddurchgangs kehrte der Italo-Ghanaer gegen den amtierenden Meister Red Bull Salzburg in die Startformation zurück, hielt im Vorfeld der Partie sogar die Teamansprache und war bei der 0:2-Niederlage noch einer der besseren Grazer.

"Es hieß, ich würde monatelang ausfallen, aber Gott sagte: Nein", berichtet Donkor im Interview mit SPOX. Der Abwehrspieler der Grazer ist ein sehr gläubiger Mensch, sein Name Isaac bedeutet soviel wie "Gott hat gelacht". "Das trifft sehr gut auf mich zu", meint Donkor und ergänzt: "Es bedeutet aber auch ‚Gott wird dafür sorgen (God will provide)' und das hat er bei meiner Verletzung einmal mehr bewiesen."

Trotz der überraschend frühen Rückkehr auf den Platz war die verletzungsbedingte Ausfalldauer von knapp 50 Tagen die längste in Donkors bisheriger Karriere. "Es war schwer für mich, meine Teamkollegen spielen zu sehen und ihnen nicht helfen zu können", berichtet der 24-Jährige. "Ich habe alles dafür getan, so schnell wie möglich zurückzukommen. Meine Mitspieler haben mich großartig unterstützt, das war das wichtigste. Sie haben mir die Kraft gegeben und dafür bin ich sehr dankbar."

Isaac Donkor: "Gott hat gesagt, ich soll zu Sturm gehen"

Im September 2019 schloss sich Donkor nach einem einjährigen Engagement beim rumänischen Klub CS Universitatea Craiova ablösefrei dem SK Sturm an. Einen ausschlaggebenden Grund für den Wechsel nach Österreich gab es laut Donkor nicht. "Ich bin Christ. Ich glaube an Gott und habe Vertrauen in ihn. Als das Angebot aus Graz kam, habe ich gebetet und ein Zeichen bekommen, dass das der Ort ist, wo ich hingehen muss. Dem bin ich gefolgt und es war ein sehr guter Schritt für mich."

Mit Lukas Spendlhofer traf Donkor in Graz auf einen alten Bekannten aus deren gemeinsamer Zeit beim italienischen Top-Klub Inter Mailand. "Ich wusste zum Zeitpunkt meines Wechsels nicht einmal, dass Spendlhofer auch hier spielt", blickt Donkor zurück. "Aber als ich ihn dann gesehen habe, wusste ich, dass es richtig war, Gottes Zeichen zu folgen."

Die Beziehung zu seinem Verteidiger-Kollegen bezeichnet Donkor als "sehr, sehr gut". "Er ist ein unheimlich toller Mensch und immer da, wenn man ihn braucht." Beim Transfer zu den Grazern spielte Spendlhofer jedoch keine Rolle - wie also ist Sturm auf Donkor aufmerksam geworden? "Ich habe keine große Spieleragentur im Rücken, mein Berater ist der Bruder meines Schwagers. Trotzdem hat mich Sturm gefunden, es war ein Zeichen Gottes. Und wenn Gott sagt, dass ich nach Graz gehen soll, kann das niemand ändern."

Donkor über seine Zeit bei Inter: "Es war großartig"

Der aktuelle Tabellenfünfte der österreichischen Bundesliga ist Donkors sechste Profistation. Ausgebildet in der Jugend von US Ogliano und Calcio Padova lotste Inter den damals 14-Jährigen nach Mailand. Nur etwas mehr als zwei Jahre später bestritt er sein erstes Spiel für die Kampfmannschaft der Nerazzurri. In der fünften Runde der Europa-League-Saison 2012/13 wurde Donkor bei der 0:3-Niederlage gegen Gruppensieger Rubin Kasan für den verletzten Andrea Ranocchia eingewechselt.

"Als junger Spieler in so einem Spiel zum Einsatz zu kommen, da denkst du dir nur: Wow! Ich! Isaac Donkor!", schwelgt der Verteidiger in Erinnerungen. "Das kannst du gar nicht richtig beschreiben, ein Traum ist wahr geworden." Während seiner gesamten Zeit bei Inter kam Donkor aber nur mehr auf vier weitere Einsätze, zweimal in der Serie A, einmal in der Europa League gegen Qarabag Agdam und fünf Minuten lang bei seinem einzigen Sieg mit den Mailändern in der Coppa Italia gegen Trapani Calcio.

Ansonsten kam Donkor häufig für Inters U19 in der Primavera zum Einsatz und wurde zum FC Bari, US Avellino und AC Cesena, der den Verteidiger 2017 schließlich fix verpflichtete, verliehen. Seine Zeit bei Inter möchte Sturms Nummer 20 trotzdem keinesfalls missen. "Es war großartig, ich habe mich sehr weiterentwickelt. Jeder dort hat versucht, dir zu helfen, alle waren auf Augenhöhe, von der Kampfmannschaft bis zur Jugend. Du respektierst sie, dann respektieren sie dich."

Donkor: "Es war unmöglich, an Walter Samuel vorbeizukommen"

Beim 18-fachen italienischen Meister trainierte Donkor unter Trainergrößen wie Roberto Mancini und Walter Mazzarri. In seiner gesamten Profikarriere spielte er unter insgesamt 14 Übungsleitern, von denen ihm alle etwas mit auf den Weg gegeben haben - drei davon hebt er dennoch hervor: "Andrea Stramaccioni glaubte an mich und daran, dass ich ein Profifußballer werden kann, Mancini und Mazzarri ebenso, sie gaben mir die Chance, mich zu beweisen."

Als großes Idol nennt Donkor den ehemaligen argentinischen Nationalteam-Verteidiger Walter Samuel, mit dem er bei Inter auch gemeinsam trainierte. "Es war unmöglich, an ihm vorbeizukommen", schwärmt Donkor. "Wenn du auf ihn zuliefst, hast du es mit der Angst zu tun bekommen, weil er so aggressiv und stark war. Das habe ich probiert mitzunehmen und daran arbeite ich noch heute."

Abgeschlossen hat Donkor das Kapitel Inter Mailand übrigens noch nicht: "Vielleicht kehre ich ja irgendwann einmal zurück. Man sagt, träumen ist frei. Und Träume werden wahr, wenn du wirklich daran glaubst. Ich gebe mein Bestes, einmal zu Inter zurückzukehren."

Donkor zum Thema Rassismus: "Wir sind alle gleich"

Zu Inter zurückzukehren, hieße auch, nach Italien zurückzukehren. Ein unrühmlicher Hotspot, wenn es zu rassistischen Vorfällen in Stadien kommt. In einem Interview mit Sky Sport Italia beteuerte Donkor einst, noch nie Opfer von Rassismus gewesen zu sein. "Es ist wahr", sagt Donkor. "Persönlich hatte ich damit zum Glück noch nie zu tun, nicht einmal, als wir Spiele in Venetien hatten, wo es am häufigsten zu solchen Vorfällen kommen soll."

Kalt lassen Donkor die scheinbar immer häufiger werdenden Fälle von Rassismus aber keineswegs. "Ich fühle mich wirklich schlecht, wenn ich so etwas sehe. Wir sind alle gleich", sagt Donkor und bezieht sich dabei auf die Bibelstelle "Römer 2, 1-16", in der es heißt: "Denn vor Gott sind alle Menschen gleich." "Wir sind alle Menschen, bestehen aus Blut und Knochen. Es macht keinen Unterschied, wie man aussieht. Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden, weshalb manche Menschen rassistische Äußerungen von sich geben. Sollte ich die Antwort eines Tages finden, rufe ich Dich an."

Anders als vor wenigen Tagen, als die Profis des FC Bayern und der TSG Hoffenheim in der deutschen Bundesliga das Fußballspielen nach Beleidigungen gegenüber Dietmar Hopp eingestellt haben, scheint die Solidarität und der Medienrummel nach rassistischen Vorfällen vergleichsweise gering zu sein. Betroffene Spieler werden aufgemuntert, weiter zu spielen, von Spielabbrüchen ist man weit entfernt.

Donkor relativiert: "Ich weiß, dass mich meine Teamkollegen im Falle des Falles zu 100% unterstützen würden. Aber was würde es bringen, das Spiel abzubrechen? Wenn diese Leute das machen wollen, machen sie es halt beim nächsten Spiel." Einzig sinnvolle Lösung sieht der Verteidiger in Stadionverboten: "Selbst diese Leute lieben den Fußball. Wenn man sie aus den Stadien verbannt, überlegen sie es sich vielleicht zweimal."

Isaac Donkor im WM-Finale? "Amen!"

Donkor, dessen Eltern in Italien wohnen und aufgrund des grassierenden Coronavirus derzeit ohne triftigen Grund das Haus nicht verlassen dürfen, da sie ansonsten von der Polizei abgestraft würden, verbrachte zwar den Großteil seines Lebens in Italien, wurde aber in Kumasi, Ghana, geboren. Dem Land in Westafrika fühlt sich Donkor sehr nahe, näher, als zu Italien. Insgesamt zehn Spiele absolvierte er für Ghanas Nachwuchsauswahlen, für das A-Team durfte er aber noch nie ran.

Was wäre also, sollte plötzlich Donkors ehemaliger Coach und Italiens Nationalteamtrainer Mancini anrufen? "Ich würde gehen", meint Donkor. "Es würde zeigen, dass sie mehr an mich glauben, als Ghana. Aber ich habe Vertrauen in Gott, Zeit ist alles. Es ist nicht unser Wille, sondern seiner. Wenn es Zeit ist, wird Gott abermals dafür sorgen."

An Ghanas Auftreten bei der Weltmeisterschaft 2010 hat Donkor noch sehr gute Erinnerungen, bis heute sind die Black Stars das einzige afrikanische Team, welches ein WM-Viertelfinale erreichen konnte. Ein unvergessenes Handspiel von Luis Suarez in einem der wohl dramatischsten WM-Spiele aller Zeiten verhinderte den Halbfinaleinzug Ghanas gegen Uruguay. "Ich habe das Spiel zuhause mit meinen Eltern geschaut, alle Freunde und Nachbarn waren zu Besuch. Es war unheimlich emotional, aber vielleicht war die Zeit einfach noch nicht reif genug. Irgendwann kommen wir vielleicht sogar ins Finale." Mit Isaac Donkor im Team? "Amen!"

Donkor: "Mourinho und El Maestro haben viel gemeinsam"

Doch Donkors Gegenwart spielt sich in Graz ab. Günter Kreissl verpflichtete den 24-Jährigen unter anderem aufgrund seiner Qualitäten als Defensiv-Allrounder. "Ich bevorzuge aber die Innenverteidiger-Position. Ich mag es, den Überblick auf das Feld zu haben, das Spiel zu lesen. So kann ich meinen Mitspielern mit Anweisungen helfen."

Bisweilen erfüllte Nestor El Maestro Donkors Wunsch und brachte ihn zumeist als Teil der defensiven Dreierkette. Dass El Maestro Tottenhams Trainer Jose Mourinho als Vorbild nennt, ist für Donkor nicht weiter verwunderlich. "Sie haben viel gemeinsam, das kann ich nicht leugnen", meint Donkor, der Mourinhos Zeit bei Inter knapp verpasst hat. "Wenn ich denke, wie Inter gegen Barcelona 2010 im Halbfinale gegen Barcelona gespielt hat - wie die verteidigt haben, alle! Das ist es, was El Maestro will, wie wir in Spielen gegen größere Gegner auftreten und wir arbeiten ständig daran."

Auf Donkor und den SK Sturm warten nun noch zehn Spiele in der Meistergruppe. Vom ausgegebenen Ziel, dem dritten Rang, sind die Grazer nach der Punkteteilung vier Punkte entfernt. Ob das Ziel nach den bisherigen Leistungen im Frühjahr ein realistisches ist? "Natürlich", ist sich Donkor sicher. "Ich glaube daran, dass wir diesen dritten Platz erreichen können und ich weiß, dass meine Teamkollegen das auch tun. Wir geben täglich unser Bestes und trainieren hart. Leider haben wir im Grunddurchgang einfache Punkte liegen lassen. Wir haben Fehler begangen, jetzt müssen wir diese Fehler einstellen. Wie werden all diese Wunden heilen, die wir aufgerissen haben. Wir sind Traumjäger. Und wir werden unserem Traum weiter nachjagen."

Das von Günter Kreissl zuletzt ausgerufene Minimalziel ist, nächste Saison international dabei zu sein. Ob mit oder ohne Isaac Donkor wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Der Vertrag des Italo-Ghanaers läuft aus, Sturm hat eine Option auf ein weiteres Jahr. "Noch kann ich zu meiner Zukunft nichts sagen, wir haben gesprochen, aber noch nicht konkret", sagt Donkor. "Natürlich würde ich gerne bleiben, ich liebe den Klub, meine Teamkollegen, die Stadt, das Land. Ich liebe es hier. Gott wird dafür sorgen."

Isaac Donkors Leistungsdaten beim SK Sturm Graz

BewerbSpieleToreAssistsGelbe KartenRote KartenEinsatzminuten
Bundesliga7--2-585
ÖFB-Cup2----91
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