Fussball

SK-Rapid-Geschäftsführer Zoran Barisic im SPOX-Interview: "Es ist nicht immer schön, was über dich geschrieben wird"

Von Michael Windisch
Zoran Barisic im Interview mit SPOX
© Michael Windisch

Als Spieler stand er mit Rapid im Europacupfinale, als Trainer holte er drei zweite Plätze hinter Red Bull Salzburg. Nach drei Jahren Abwesenheit von Grün-Weiß ist Zoran Barisic im vergangenen Sommer nach Hütteldorf zurückgekehrt.

Mit dem Rapid-Sportdirektor haben wir über die Rapid-Daltons, verpasste Karrierechancen und die Schattenseiten des "Big Business" Fußball gesprochen.

Sie sind mit Rapid Mitte Februar in die Frühjahrssaison gestartet. Quasi am letzten Drücker haben Sie noch ein paar Deals fixiert. Wie viele Telefonate haben Sie zuletzt pro Tag in Sachen Transfers geführt?

Zoran Barisic: Das kann ich gar nicht beziffern, aber es waren nicht wenige. Im Sommer war es noch wilder. Da hast du unzählige Telefonate, bekommst unzählige Spieler per Whatsapp oder via Email geschickt, die du gar nicht bearbeiten kannst. Ich bin aber niemand, der aus dem Bauch heraus Entscheidungen trifft, sondern es muss geplant sein.

Die mediale Aufmerksamkeit - nicht nur bei Transfers - ist bei Rapid noch einmal deutlich höher als bei anderen Vereinen in Österreich. Nervt es gelegentlich, so in der Auslage zu stehen?

Barisic: Es gibt Situationen, wo es stören kann. Auf der anderen Seite ist es positiv, wenn dir die Leute auf der Straße begegnen und sie sich mit dem Weg, den wir eingeschlagen haben, identifizieren können und du auch Lob bekommst. Trotzdem musst du das richtig einordnen. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit, auch durch die Digitalisierung gibt es Dinge, die nicht sehr schön sind. Deshalb ist es wichtig, eine Grenze ziehen zu können, sich hin und wieder abzukapseln. Weil: Es ist nicht immer angenehm und nicht immer schön, was über dich geschrieben wird. Da ist es wichtig, dass du gewisse Dinge gar nicht verfolgst.

Sind Sie selbst in den sozialen Medien aktiv?

Barisic: Nein, überhaupt nicht. Internet, soziale Medien, Foren - das ist wichtig heutzutage, aber irgendwie denke ich, dass es negative Psychologie ist. Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen, aber es gibt schon sehr viele, die wenig Gutes in sich haben. Man schützt sich am besten davor, wenn man nicht in den sozialen Netzwerken ist.

Zoran Barisic: Noch kein Bier mit Dietmar Kühbauer

Mit Trainer Dietmar Kühbauer waren Sie Teil einer der stärksten Rapid-Mannschaften der letzten Jahrzehnte. Wie oft gehen Sie gemeinsam ein Bier trinken, um über die alten Zeiten zu plaudern?

Barisic: Alles, was wir besprechen, besprechen wir innerhalb der Arbeit. Wir sind noch nicht dazu gekommen, privat auf einen Kaffee oder ein Bier zu gehen. Wird vielleicht kommen, aber wir beide haben nur das Eine im Kopf: Wir wollen mit Rapid sportlich erfolgreich sein, wir wollen den Verein auf den richtigen Weg bringen und auch für die Zukunft des Clubs zu sorgen.

Sie schauen also nicht so sehr in die Vergangenheit?

Barisic: Doch, immer wieder. Auch einfach nur, um gewisse Dinge aufzuarbeiten, zu analysieren. Man hat ja nicht immer alles richtig gemacht. Man darf nicht in der Vergangenheit leben, aber man kann sehr viel herausziehen, was gut gemacht wurde und was weniger gut gemacht wurde. Das gehört zum Lernprozess dazu.

Schauen wir etwas in die Vergangenheit. Sie galten in den 90ern gemeinsam mit Sergej Mandreko, Stephan Marasek und Kühbauer als die "Rapid-Daltons". Wie ist es zu dem Spitznamen gekommen?

Barisic: Ich bin mir wirklich nicht mehr sicher. Ich weiß nur, dass wir zu viert immer zusammengepickt sind, viel Blödsinn gemacht und uns nie etwas gefallen lassen haben, egal von wem. Dass wir immer alles gegeben und uns zerrissen haben für die Mannschaft. Wir haben irrsinnig viel Spaß gehabt zu dieser Zeit, als der sogenannte "Boom" ausgebrochen ist nach Cupsieg, Meistertitel, Europacupfinale, Champions-League-Gruppenphase. Das war auch unser Ventil, das wir gebraucht haben.

Zoran Barisic: "Habe mich als Reiner Calmund ausgegeben und Werner Kuhn angerufen"

Können Sie eine "Räubergeschichte" von den Daltons erzählen?

Barisic: Ich habe zum Beispiel einmal Werner Kuhn (damals General Manager bei Rapid, Anm. d. Red.) angerufen und mich als Reiner Calmund (damals Manager bei Bayer Leverkusen, Anm. d. Red.) ausgegeben, der den Stephan Marasek und den Marcus Pürk kaufen will, und habe ein Angebot vorgelegt. Wir haben uns zerkugelt und sind dann ins Sekretariat gegangen. Werner Kuhn hat telefoniert, versucht, die wichtigsten Leute im Club zu informieren. Wir haben ihn gefragt, was los ist, und er hat gesagt: "Das möchtet ihr gern wissen, aber von mir kriegt ihr keine Information."

Sie haben das Finale des Cups der Cupsieger 1996 angesprochen. Heute scheint so etwas für eine österreichische Mannschaft fast unmöglich. Was hat sich im Fußball seit damals geändert?

Barisic: Allein schon, wenn man bedenkt, dass wir ins Finale gekommen sind mit nur acht Spielen - hin- und retour gegen Petrolul Ploiesti, Sporting Lissabon, Dinamo Moskau und Feyernoord Rotterdam - merkt man, wie groß der Unterschied zum heutigen Fußball ist. Denn vor einigen Jahren, als ich bei Rapid Trainer war, hattest du zwei Qualifikationsrunden bis zur Gruppenphase, da hast du dann sechs Runden zu bestreiten, und dann ist es noch immer nicht sicher, ob du international überwinterst. Aber auch was die Intensität betrifft, gibt es einen riesengroßen Unterschied. Man kann den Fußball von heute nicht mit dem von gestern vergleichen.

Hatte das Geld schon damals die große Rolle, die es heute spielt?

Barisic: Das Geld hat immer eine Rolle gespielt, nur heute mehr denn je. Heute ist Fußball Big Business, dem kann sich niemand verwehren, das muss jeder akzeptieren. Der Kuchen wird immer größer, und jeder will da dabei sein. Es ist zwar früher auch um Geld gegangen, aber die Dimension heutzutage ist unglaublich.

Mit den Vereinsakademien erleben junge Fußballer heute eine frühe Professionalisierung. Finden Sie das uneingeschränkt gut?

Barisic: Wenn du dem internationalen Vergleich standhalten möchtest, ist es unabdingbar, eine Akademie zu haben und mit den Jungs so professionell wie möglich zu arbeiten. Allerdings - bei aller professionellen Weiterentwicklung der Kinder und Jugendlichen - ist es immens wichtig, dass die Jungs Spaß am Fußball haben, dass man sie bestärkt darin, dass sie Fehler machen dürfen, dass sie kreativ sein müssen, gewisse Freiheiten bekommen, um sich auszuleben. Und auch, dass individualisiert wird, dass nicht über einen Kamm geschert wird, sondern jedes Kind, jeder Jugendliche individuell behandelt und betreut wird. Es ist wichtig, dass man auch das Verlieren lernen muss, dass es nicht nur um Resultate und Titel geht, sondern in erster Linie um die Entwicklung einzelner Spieler und in zweiter Linie von Mannschaften. Ob im persönlichen Bereich, im schulischen und beruflichen oder dem fußballerischen.

Erleben Sie innerhalb dieser Akademien einen großen Druck, eine starke Konkurrenzsituation?

Barisic: Ja, das ist definitiv gegeben und wohl nur schwer zu verneinen. Es sind nicht nur die Spieler ehrgeizig, sondern vor allem auch die Eltern. Und ab einem gewissen Alter - 14, 15 - kommen schon die Manager. Als Elternteil muss man dann die Entscheidung treffen: Will man überhaupt einen Manager? Und welchen Manager willst du für dein Kind, bei dem du das Gefühl hast, dass es gut betreut wird? Schon daraus ergeben sich sehr viele Drucksituationen für Spieler, und das sehr frühzeitig. Das hat es so in unserer Zeit nicht gegeben.

Wie sind Sie selbst als Kind in den Fußball hineingewachsen?

Barisic: Seitdem ich denken kann, spiele ich Fußball. Mein zuhause war quasi der Reithoffer-Park im 15. Bezirk, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe dann begonnen, bei Red Star Auto (heute Red Star Penzing, Anm. d. Red.) zu spielen. Da ist der Fußball für mich organisierter geworden, schon allein mit den Systemen, der Aufstellung, elf gegen elf. Im Park war das eher wild, da hast du dir aber das technische Rüstzeug angeeignet, und wenn es ins Organisierte gegangen ist, hast du dir leichter getan als alle anderen. Das ist aber weniger geworden im Laufe der Zeit, und deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, dass die Kinder so früh wie möglich zu einem Verein dazustoßen. Egal zu welchem Verein. Es ist nicht wichtig, wo du als Kind spielst, es ist am Allerwichtigsten, wer dein Trainer ist. Gott sei Dank hatte ich den einen oder anderen Trainer, der sehr gut war.

Waren Sie eigentlich schon als Kind Rapidfan?

Barisic: Ja. Es hat ja damals nur zwei Vereine gegeben: Rapid und Austria. Für mich war es so, dass ich allein schon aus geographischen Gründen Rapidler war. Ich bin im 15. Bezirk groß geworden, zur Schule gegangen, und als dann die Angebote von Rapid, der Austria, Vienna und dem Sportclub gekommen sind, hab ich mich für Rapid entschieden, weil es mein Lieblingsverein war.

Um noch einmal auf die Daltons zu sprechen zu kommen - Mandreko ist 1997 zur Berliner Hertha gewechselt, Marasek zu Freiburg, Kühbauer zu Real Sociedad, Sie zum FC Linz. Hätte Sie das Ausland gereizt?

Barisic: Definitiv ja. ich war damals in der Situation, dass mich Trainer Ernst Dokupil suspendiert hatte. Das war ein Missverständnis und wir haben uns schon lange ausgesprochen. Aber damals hat mir das sehr wehgetan. Es hat viele Möglichkeiten gegeben, im Ausland zu spielen, aber es hat sich nichts ergeben, mit dem ich zufrieden war. Meine zweite Tochter ist genau zu dem Zeitpunkt auf die Welt gekommen, wir haben die neue Wohnung bezogen - das ist alles dazugekommen. Ich wollte bei meiner Familie bleiben und dass meine Familie bei mir bleibt. Deshalb bin ich in Österreich geblieben. Es hat auch später immer Angebote aus verschiedenen Ligen gegeben. Das ist das einzige, dem ich nachtrauere. Auf der anderen Seite waren wir mit dem FC Tirol später so erfolgreich und so stark, dass es irrsinnig Spaß gemacht hat mit dieser Mannschaft zu spielen und in der Region zu leben.

Sie waren in Tirol dreimal hintereinander Meister (2000-2002). Welchen sportlichen Stellenwert hat das im Vergleich mit den Erfolgen bei Rapid (1993-1997)?

Barisic: Rapid war in einer katastrophalen Situation, sportlich und aus wirtschaftlicher Sicht. Von Ernst Dokupil wurde damals eine Mannschaft auf die Beine gestellt, die sehr entwicklungsfähig war und dieser Entwicklung auch gerecht geworden ist. Beim FC Tirol war es auch so. Wir haben in der Liga als Neunter überwintert, dann ist Kurt Jara Trainer geworden, und plötzlich ist es bergauf gegangen. Mit der fast identischen Mannschaft haben wir im Frühjahr 1999 alles gewonnen und sind in den darauffolgenden Jahren Meister geworden. Dann ist auch noch Jogi Löw als Trainer gekommen. Ich hatte also zwei sehr gute Trainer, von denen ich mir sehr viel abschauen konnte.

Wann ist für Sie die Entscheidung gefallen, als Trainer im Sport zu bleiben?

Barisic: Ich habe die Entscheidung schon als Spieler getroffen, zumindest dass das mein Ziel ist. Aber man weiß ja, wie unsicher das Ganze ist. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass ich als 36-Jähriger als Co-Trainer beim SK Rapid starten werde. Das war schon ein riesengroßer Schritt für mich. Ich hatte auch beim FC Tirol einen Anschlussvertrag, wo ich es mir aussuchen hätte können, ob ich eine Nachwuchsmannschaft übernehme oder in den Trainerstab der Kampfmannschaft komme. Ich habe mich sehr zeitig damit auseinandergesetzt, wie ein Trainer denkt, warum er so handelt, wie er handelt, und habe mir vor allem in den letzten Jahren meiner Spielerkarriere sämtliche Trainingseinheiten meiner Trainer aufgeschrieben.

Zoran Barisic: "Das ist das größte Lob"

Als Trainer waren sie mit Rapid 2014 bis 2016 dreimal Zweiter hinter Salzburg. Sagen Sie sich im Nachhinein: Immerhin Zweiter, oder doch eher: Es wäre mehr drin gewesen?

Barisic: Möglicherweise wäre im dritten Jahr mehr möglich gewesen. Im Nachhinein sagt jeder, das war super. Auch ich. Denn zwei, drei Jahre später, als Rasenball Leipzig in der deutschen Liga Zweiter geworden ist, haben acht Spieler gespielt, die vorher in Salzburg waren. Da sieht man schon, welche starken Konkurrenten wir hatten. Der größte Erfolg aber war, dass gegnerische Trainer, Analysten, Menschen, die im Fußball tätig sind oder waren, gesehen haben, dass es eine Handschrift gibt. Das ist das größte Lob, dass du als Trainer bekommen kannst, wenn Kollegen sagen: Du spielst mit deiner Mannschaft den attraktivsten Fußball.

Angeblich haben Sie auch in drei Jahren Abwesenheit von Grün-Weiß ihre Rapid-Telefonnummer nie abgegeben. War für Sie immer klar, dass Sie wiederkommen werden?

Barisic: Stimmt, ich habe die Nummer nie abgelegt. Und ja, ich habe den Wunsch, den Traum und das Ziel gehabt, zu Rapid zurückzukommen, weil ich noch nicht fertig war und gewisse Umstände dazu geführt haben, dass ich nicht Trainer geblieben bin. Ich wollte es mir selber zeigen. Ich bin mein größter Kritiker. Ich wollte auch wissen, ob ich's im Ausland schaffe, was ich, denke ich, auch erreicht habe. Ich bin ziemlich ehrgeizig, habe hochgesteckte Ziele, posaune sie aber nie nach außen. Vor allem, weil ich in meiner Arbeit schwer zu befriedigen und auch ganz selten zufrieden bin mit dem Erreichten.

Was wären Sie jetzt, wenn Sie nicht Fußballer geworden wären?

Barisic: Wahrscheinlich ein guter Gas-Wasser-Installateur und Heizungsbauer. Das habe ich gelernt. Vielleicht hätte ich die eine oder andere Wohnung schon saniert, aber mit Sicherheit wäre ich körperlich kaputt, weil das eine sehr anstrengende Tätigkeit ist.

Ihre eigene Wohnung reparieren Sie aber?

Barisic: Von dem Zeitpunkt, als ich meinen Jungprofivertrag unterschrieben habe - das war 1989 - hat immer meine Frau die Siphone geputzt (lacht). Ich hab' das nie wieder angegriffen.

Gibt es irgendeine Entscheidung in Ihrem Leben, die Sie bereuen?

Barisic: Entscheidungen werden ja getroffen, und das aus gewissen Gründen und nach gewissen Prozessen. Es gibt gewisse Entscheidungen, die ich mit Sicherheit heute anders treffen würde.

Aber Sie wollen keine konkrete nennen?

Barisic: Nein. (lacht)

Welchen Ratschlag würden Sie heute, mit all den Erfahrungen, die Sie gemacht haben, Ihrem zwölfjährigen Ich geben?

Barisic: Da muss man aufpassen, im Wort "Ratschlag" ist das Wort "Schlag" enthalten... aber welchen Tipp würde ich mir geben? (Überlegt) Versuche, in dem, was du machst, der Beste zu sein. Hab Spaß daran. Aber das Wichtigste im Leben ist: Du musst immer anständig bleiben. Ich hatte früher die jugoslawische Staatsbürgerschaft und war der einzige Ausländer in der Klasse im Gymnasium. Da hat mein Vater zu mir gesagt: Egal was du machst, in der Schule, im Beruf, oder beim Fußball: Du musst immer 20 Prozent besser sein als der Beste, um gleichgestellt zu sein. Das war immer ein Antrieb für mich und hat mich sehr geprägt.

Zoran Barisic: Stationen nach der Spielerkarriere

VereinAmtsantrittAmtsaustrittFunktion
20.05.2019vrstl. 30.06.2022Geschäftsführer Sport
04.09.201812.12.2018Trainer
17.02.201705.06.2017Trainer
17.04.201306.06.2016Trainer
01.06.201117.04.2013Trainer
11.04.201130.05.2011Interimstrainer
18.06.200911.04.2011Individualtrainer
05.09.200610.06.2009Co-Trainer

 

 

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