"Man darf Canadi nicht darauf reduzieren"

Oliver Lederer verrät, worauf es im Wiener Derby ankommt
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Die österreichische Bundesliga startet mit einem richtigen Kracher ins Jahr 2017. Am Sonntag geht das 320. Wiener Derby über die Bühne. Davor analysiert Oliver Lederer für SPOX die beiden Teams. Der Ex-Admira-Coach erklärt, wo die Schwächen der Rapid-Dreierkette liegen und warum er Austria-Coach Thorsten Fink verehrt.

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Vor wenigen Wochen bereitete sich Oliver Lederer noch selbst auf Spiele gegen Rapid und die Austria vor. Das Derby zum Frühjahrsstart verfolgt er nach seiner Entlassung bei der Admira nun aber als neutraler Beobachter. Bei SPOX nimmt der Coach die beiden Wiener Traditionsvereine genau unter die Lupe. Besonders gespannt ist der ehemalige Rapidler natürlich, welche Reaktion sein Ex-Klub nach dem schwachen Herbst zeigt.

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"Damir Canadi hat eine Experimentierphase hinter sich. Nach der Wintervorbereitung wird man jetzt eher seine Handschrift erkennen", meint Lederer. Der 39-Jährige gibt zu, selbst ein wenig überrascht gewesen zu sein, ob des radikalen Umbruchs, den Canadi bei Rapid vollzog. Statt Ballbesitz steht nun Konterspiel im Fokus. Das in Stein gemeißelte 4-2-3-1 wandelte er in ein 3-5-2-System um.

"Barisic war der perfekte Trainer für die Rapid-Philosophie"

Damit distanzierte sich Canadi schlagartig von jener Spielweise, die Rapid vor seiner Ankunft jahrelang verkörperte - nicht nur bei den Profis, sondern auch im Nachwuchs. "Rein sportlich war Zoki Barisic der perfekte Trainer für diese Philosophie. Er hat das Ballbesitzspiel für österreichische Verhältnisse weit vorangetrieben", meint Lederer.

Canadi habe bisher versucht, auf eine andere Weise erfolgreich zu sein. Dennoch meint Lederer, aus dem Rekordmeister eine reine Konter-Mannschaft zu machen, sei schon aus Prestige-Gründen nicht möglich: "Die Idee, dominant zu sein, ist bei Rapid Gesetz." Darum erwarte er sich nun auch unter Canadi eine aktivere Spielweise.

"Man darf Damir nicht darauf reduzieren, wie gut er seine Teams defensiv einstellt. Er hat oft bewiesen, dass er offensiv spielen lassen kann", verweist Lederer auf Canadis Aufstiegssaison mit Altach. "Ich bin überzeugt, dass Rapid unter ihm in Zukunft auch angriffslustiger auftreten wird."

Lederer outet sich als großer Fink-Fan

Im Derby erwartet der Experte aber eher die Austria als spielbestimmende Mannschaft. "Sie haben sich in dieser Saison noch einmal weiterentwickelt - weg vom Quergeschiebe in der Abwehr hin zu mehr Ballbesitz in der Hälfte des Gegners", erklärt der ehemalige Admira-Coach.

Die Veilchen hat er sogar als Titelkandidaten am Zettel - auch aufgrund von Thorsten Fink, den Lederer als "fantastischen Trainer" bezeichnet. Der Deutsche habe die Austria auf ein neues Level gebracht. "Dazu hat er keine Angst, sich mit starken Mitarbeitern zu umgeben, die ihm in Teilbereichen etwas voraushaben", plaudert Lederer aus dem Nähkästchen.

"Er hat einen unglaublichen Videoanalytiker (Kai-Norman Schulz), zwei vertraute Co-Trainer (Sebastian Hahn, Nestor El Maestro), einen tollen Athletik-Coach (Nikola Vidic) und einen kompetenten Physiotherapeuten (Christoph Lichtenecker). Die Austria hat kaum Verletzte. Das hängt auch mit der hervorragenden Trainingssteuerung zusammen."

Die Schwäche Rapids

Die größte Waffe der Fink-Elf für das Wiener Derby seien die schnellen Flügelspieler. Damit könnte Rapid bei schnellen Seitenwechseln Probleme bekommen, spekuliert Lederer. "Mit drei Abwehrspielern ist es nun einmal schwieriger, die gesamte Bereite zu verteidigen." Sofern es der Austria gelingt, die Verteidiger durch geschickte Läufe der Flügelspieler und guter Positionierung zwischen den Linien aus der Balance zu bringen, wäre das ein möglicher Schlüssel zum Erfolg.

Spannend sei zudem, wen Canadi als rechtes Mitglied der Dreierkette einsetzt. "In der Vorbereitung setzte er dort mit Mario Pavelic einen ausgezeichneten Offensiv-Verteidiger ein. Gut möglich, dass die Austria versucht, gezielt in seinen Rücken zu kommen."

Ob und wo Pavelic jedoch wirklich auflaufen wird, lässt sich vor dem Anpfiff kaum einschätzen. Rapid hat das Überraschungsmoment auf seiner Seite. In der Vorbereitung rotierte Canadi wild umher, fast alle Spieler testete er auf unterschiedlichen Positionen.

Die Schwäche der Austria

"Ich rechne mit einer sehr organisierten Rapid-Mannschaft, die wenige Chancen zulässt", so Lederer. Die Hütteldorfer erwartet er vor allem im schnellen Umschaltspiel gefährlich. Einen möglichen Schwachpunkt der Austria hat er im zentralen Mittelfeld ausgemacht.

"Tarkan Serbest, Raphael Holzhauser und Alexander Grünwald sind in Sachen Ballsicherheit nur schwer zu kontrollieren. Ihnen fehlt es aber ein bisschen an Dynamik. Das könnte für Rapid ein Ansatz sein." In der Kontervermeidung durch Gegenpressing hätten die Violetten in dieser Saison manchmal Probleme gehabt.

Setzt Canadi im Zentrum auf agile Spieler, so könnte Rapid den Gegner dort überraschen, meint Lederer. Mit Tamas Szanto, Thomas Murg, Louis Schaub, Philipp Malicsek oder dem umfunktionieren Joelinton stehen dem Rapid-Coach genügend Profis dieses Typus zur Verfügung. Nicht nur deswegen sagt der Ex-Admiraner: "Man wird schon an der Aufstellung erkennen, was Damir in diesem Spiel vor hat."

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