ES DONNERT SCHON IM BUS

auf den Spuren von Diego Simeone und seiner Philosophie

Diego Simeone ist einer der erfolgreichsten und polarisierendsten Trainer des vergangenen Jahrzehnts. Er wurde geprägt vom argentinischen anti-futbol, trug als Spieler das Messer zwischen den Zähnen und ist als Trainer ein Löwe im Käfig.

Am Dienstag empfängt Simeones Atletico Madrid in der Champions League Borussia Dortmund (21 Uhr live auf DAZN). 

Wenn Diego Simeone mit seinen Spielern zum Stadion fährt, dann rollt kein Mannschaftsbus herbei. Nein, dann rollen Donnerschläge herbei. Einer. Noch einer. Und noch einer. Zehn insgesamt und sie kommen von innerhalb des Busses. Zehn Donnerschläge. Die ersten Worte des Liedes Thunderstruck.

Einst kamen sie auch von Josuha Guilavogui. In der Saison 2013/14 spielte der aktuelle Kapitän des VfL Wolfsburg bei Atletico Madrid. Für seine sieben Pflichtspiele blieb er kaum in Erinnerung – dafür aber blieb ihm ein Lied in Erinnerung. "Im Bus, auf dem Weg zum Stadion, gab es immer ein Lied, das die Mannschaft motivieren sollte: Thunderstruck von AC/DC", erzählt Guilavogui gegenüber SPOX. "Das war Wahnsinn. Alle Spieler haben im Takt gegen die Scheiben geklatscht."

Es ist Simeone in Reinform. Die eigenen Spieler motivieren, alle anderen einschüchtern.

DIE PRÄGUNG

Der Sieg. Für Victorio Spinetto zählte einst nichts als der Sieg. Das Zustandekommen spielte keine Rolle, alles andere auch nicht. Mit dieser Herangehensweise sollte Spinetto zu Simeones großem Lehrmeister werden, seine Philosophie zu Simeones Prägung.

Von 1942 bis 1956 trainierte Spinetto Velez Sarsfield aus Buenos Aires und führte den Klub von der zweiten Liga bis auf Platz zwei der ersten. Mit einem harten, ekligen, siegorientierten Fußball. Mit diesem Ansatz begründete er in Argentinien eine Bewegung, die sie anti-futbol nannten. Und seine Schüler trugen diese Bewegung weiter.

Osvaldo Zubeldia etwa, der einst unter Spinetto für Velez spielte. Wobei: kämpfte. Nach seinem Karriereende übernahm er den Trainerposten bei Estudiantes de la Plata und machte aus dem Klub Ende der 1960er Jahre den berüchtigsten der Welt. Zubeldia gilt als der Erfinder des taktischen Fouls, gewann drei Mal die Copa Libertadores und 1968 den Weltpokal.

Das Weltpokal-Finale gegen Manchester United wurde dermaßen hart und eklig geführt, dass United-Trainer Matt Busby im Anschluss anregte: "Diese Argentinier sollten für alle Pflichtspiele gesperrt werden. Die FIFA muss handeln." Sie handelte nicht. Im folgenden Jahr traf Estudiantes im Weltpokal auf den AC Milan, verlor diesmal jedoch. Die italienische Gazzetta dello Sport schrieb von "90 Minuten Menschenjagd". Als der menschenjagendste Menschenjäger galt Mittelfeldspieler Carlos Bilardo. Nach seinem Karriereende sollte er Argentinien als Nationaltrainer zum WM-Titel 1986 führen.

Während Spinettos Schüler und Schüler-Schüler seine Philosophie in die Welt trugen, kehrte er in den 1980er Jahren – er war zu diesem Zeitpunkt schon über 70 – zu Velez zurück. Bis zu seinem Tod 1990 fungierte er als Jugendkoordinator und sagte seinen Nachwuchsspielern Sätze wie: "Natürlich spielt Talent eine Rolle, aber wer nicht zäh ist, kann kein großer Spieler werden." Vollkommen aufopfern müsse man sich für seine Mannschaft und Niederlagen einfach nicht akzeptieren.

Alle Jugendspieler von Velez mussten dieses Mantra befolgen und einer tat es ganz besonders: Diego Simeone. Spinetto nahm sich ihm an. Er war es auch, der Simeone den Spitznamen "Cholo" verpasste. Eigentlich ein abwertender Begriff für indigene Einwohner der unteren Gesellschaftsschichten, aber auch der Spitzname von Carmelo "Cholo" Simeone. Einem ehemaligen Velez-Spieler, der Spinetto nicht nur wegen dessen Nachnamen an Simeone erinnerte, sondern auch wegen dessen Härte. "Bei Velez habe ich Werte gelernt, die einem im Leben helfen", sagte Simeone später und machte sich auf die Reise Richtung Profifußball.

DER SPIELER

Im September 1987 im Alter von 17 Jahren debütierte Simeone für die Profimannschaft von Velez. Er war ein zentraler Mittelfeldspieler, Box-to-Box-Player würde man heute wohl neumodisch sagen. Er konnte Bälle genauso gut erobern, wie weiterverarbeiten. Vor allem aber konnte er kämpfen. Simeone sah mehr Gelbe Karten, als er Tore schoss. "Ich bin ein Spieler, der das Messer zwischen den Zähnen trägt", sagte Simeone über sich selbst.

Bereits mit 18 debütierte er für die argentinische Nationalmannschaft, ihr damaliger Trainer: Carlos Bilardo. Er, der Kopf der berüchtigten Estudiantes-Mannschaft der späten 1960er Jahre. Erneut holte Simeone der anti-futbol ein.

Vor der WM 1990 bekam Simeone zwar keine Nominierung von Bilardo, ins WM-Gastgeberland Italien durfte er aber trotzdem reisen. Der damalige Erstligist SC Pisa meldete sich. "Sie machten ein Angebot. Mein Berater war im Ausland, meine Eltern im Urlaub und ich konnte sie nicht erreichen. Sie wollten eine Entscheidung innerhalb von 40 Minuten", erinnerte sich Simeone. "39 Minuten saß ich da, dann rief ich zurück und sagte zu." 20 Jahre war Simeone alt, als er seine Heimat verließ. Nach zwei Jahren und einem Abstieg mit Pisa zog er weiter zum FC Sevilla, den mittlerweile Bilardo trainierte. Anti-futbol. Immer und immer wieder.

Zwei weitere Jahre später schloss sich Simeone Atletico Madrid an. Es sollte sein Lebensklub werden. In der Saison 1995/96 führte er Atletico zum ersten Double der Vereinsgeschichte. Im Sommer danach kam der damals 18-jährige Serbe Veljko Paunovic in den Verein. Sein erster Eindruck von Simeone? "Competitor", sagt Paunovic, der heute Chicago Fire trainiert, gegenüber SPOX. Wettkämpfer. "Diego ist ein geborener Wettkämpfer. Er ist getrieben vom Sieg und in der Lage, diese Einstellung auf seine Mitspieler zu übertragen. Manchmal musste er gar nichts sagen, er motivierte seine Mitspieler einfach mit seiner Art und seiner Leidenschaft für das Gewinnen."

Besonders für die jüngeren Spieler wie Paunovic war Simeone ein Referenzpunkt. "Diego gab sich in der Kabine offen und freundlich. Er war einer der Leader des Teams und versuchte, die jungen Spieler zu beeinflussen und anzuführen. Für uns war er inspirierend." Nach nur einer gemeinsamen Saison verließ Paunovics Inspiration aber den Verein, Simeone wechselte nach Italien. Von 1997 bis 1999 spielte er bei Inter Mailand und holte den UEFA Cup.

Mittlerweile war Simeone auch ein fester Bestandteil der argentinischen Nationalmannschaft, mit der er 1991 und 1993 die Copa America gewann. Bei der WM 1998 traf er mit Argentinien im Achtelfinale auf England. Auf David Beckham. Simeone provozierte und provozierte, mit Taten und angeblich auch mit Worten. Irgendwann lag Beckham nach einem Check von Simeone auf dem Boden. Er war entnervt, hatte genug von den Provokationen. Aus Wut, vielleicht auch aus Reflex schnellte sein Bein empor. Er traf Simeone, dieser fiel. Beckham sah die Rote Karte, England schied aus und später weinte er.

"Man muss alle sich bietenden Gelegenheiten ausnutzen", sagte Simeone nur. "Ansonsten ist man verloren." Es ist die Mentalität, die Simeone von Spinetto aufgesaugt hatte. Die, mit der Zubeldias und Bilardos Estudiantes bereits im Weltpokal 1968 Engländer entnervte. Alles für den Sieg.

1999 wechselte Simeone zu Lazio Rom und gewann in seiner ersten Saison das nationale Double. Wo Simeone war, war Erfolg. Aber Heimat bedeutete für ihn nur Atletico, also kehrte er 2003 zurück. Im gleichen Sommer wie Paunovic, der den Verein zwischenzeitlich ebenfalls verlassen hatte. Älter war Simeone mittlerweile, aber sogar noch professioneller als bei seinem ersten Atletico-Engagement. "Mit seinen 33, 34 Jahren hat er sich sehr intensiv um seinen Körper gekümmert. Er kam in der Früh als Erster und ging am Abend als Letzter", sagt Paunovic.

Beim Vorbereitungstrainingslager vor seiner letzten Saison bei Atletico teilte sich Simeone das Zimmer mit Paunovic. Es war die Zeit, als aus einem Spieler ein Trainer wurde. "Er hat damals für die UEFA-Lizenz gelernt, Trainingspläne selbst entworfen und sich intensiv mit dem Trainer ausgetauscht", erinnert sich Paunovic. "Im Zimmer hat er auch mit mir viel darüber gesprochen, wie wir aufstellen und spielen sollten. Ihn begeisterte der Trainerberuf schon damals." Es waren die ersten, noch unsichtbaren Donnerschläge seiner Trainerkarriere.

DER TRAINER

Im Januar 2005 kehrte Simeone nach Argentinien zurück und spielte noch ein Jahr für den Racing Club, ehe er aus dem zentralen Mittelfeld auf die Trainerbank wechselte. Simeone führte Racing zum Klassenerhalt, danach schloss er sich Estudiantes an. Dem Ex-Klub von Zubeldia und Bilardo, einer historischen Stätte des anti-futbol.

Erstmals ließ Simeone seine Mannschaft regelmäßig im 4-4-2 auflaufen. Das 4-4-2, das zu seinem 4-4-2 werden sollte. Defensiv ausgerichtet, dicht gestaffelt, schnell im Umschaltspiel führte Simeone Estudiantes zum ersten Meistertitel seit 23 Jahren. Anschließend trainierte er River Plate und holte auch dort einen Meistertitel. Es folgten San Lorenzo, Catania Calcio in Italien und erneut Racing, jeweils aber nur für einige Monate.

Schließlich kam der Anruf, auf den Simeone gewartet hatte. Atletico wollte ihn und er wollte Atletico. Am 23. Dezember 2011 kehrte Simeone zurück ins Estadio Vicente Calderon und sagte: "Als ich ging, wusste ich, dass ich den Verein verlasse, um eines Tages zurückzukehren. Ich wusste, ich würde wiederkommen. Ich wusste es. Ich habe das Gefühl, immer hier gewesen zu sein, mein ganzes Leben."

Atletico rangierte zu diesem Zeitpunkt lediglich auf Tabellenplatz zehn und war im Pokal gerade an einem Drittligisten gescheitert. Seit dem ersten Abschied des Spielers Simeone war Atletico in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht, zeitweise sogar in die Zweitklassigkeit. "El pupas" nannten sie den Klub verächtlich. Die Verhexten. Wenn es zählte, wurde versagt. Stürmer Diego Forlan sprach von einer "negativen Stimmung, die bis in die Psyche der Spieler vordrang". Sein Mitspieler Gabi davon, dass die Mannschaft "mental am Ende" sei.

Simeone kam und begann, die Spieler aufzurichten. Immer weiter, immer höher. Bald glaubten sie an sich, vor allem aber glaubten sie an Simeone und das, was er sagte. Am Ende der ersten Saison gewann Atletico die Europa League, am Ende der zweiten den spanischen Pokal. Im Finale gegen Real Madrid. Es war der erste Sieg gegen den Stadtrivalen seit 14 Jahren. Im folgenden Jahr wurde Atletico spanischer Meister, erstmals seit dem Double mit dem Spieler Simeone.

Der "Cholismo", nach Simeones Spitznamen Cholo, hat "el pupas" geheilt. "Cholismo bedeutet, dass man an den Erfolg glaubt, wie man an seinen Gott glaubt. Und von meinen Spielern erwarte ich, dass sie mir in diesem Glauben folgen", sagte Simeone. Oder auch: "Meine Spieler würden für mich sterben, denn sie haben keine Angst vor dem Tod." Unbedingter Glauben. Keine Angst vor dem Tod. "Alles was wir Spieler machen müssen, ist ihm zu folgen", erklärte Fernando Torres einmal im Interview mit SPOX.

Stets beschwört Simeone die Einheit. Wir gegen alle anderen. Und um ein Teil dieser Einheit zu sein, mischt er sich darunter. "Er macht hartes Training, aber bei den Übungen häufig selbst mit. Auch als wir Ecken trainierten, ging er immer hart rein. So verschafft er sich Respekt und die Mannschaft gibt dem Trainer noch viel mehr zurück", erinnert sich Guilavogui. "Er motiviert die Spieler einfach mit seiner unglaublichen Körpersprache. Vor dem Spiel wiederholt er immer wieder: 'Gewinnen, gewinnen, gewinnen.'"

Am Seitenrand wirkt Simeone furchteinflößend. Meist in schwarz gekleidet, gerne grimmig schauend. Mit ausfallender, aggressiver Mimik und Gestik. Die Linien der Coaching Zone sind für ihn mehr Empfehlung als Verpflichtung. "Auf der Bank erinnert er mich an einen Löwen im Käfig", sagt Guilavogui. "Das kriegen wir Spieler mit, das überträgt sich und jeder denkt sich: 'Wir dürfen heute nicht verlieren.'" Es überträgt sich aber nicht nur auf die eigenen Spieler, sondern auch auf die gegnerischen.

DAZN-Experte Andreas Ivanschitz spielte einst mit UD Levante mehrmals gegen Simeones Atletico. "Er steht für Emotionen und das bekommt man als Gegenspieler sehr gut mit", sagt Ivanschitz gegenüber SPOX. "Schon im Spielertunnel gibt er kaum Ruhe, motiviert und pusht seine Spieler, macht sie heiß. Am Spielfeldrand coacht er durchgängig und sehr impulsiv. Auf der Trainerbank sitzt er eigentlich nie. Als Gegenspieler spürt man seine Präsenz, wenn er etwa bei einem Einwurf neben einem steht. Bei Schiedsrichterentscheidungen reklamiert er viel. Damit will er einerseits seine Mannschaft aufwecken und andererseits den Gegner verunsichern. Er nimmt mit seinem Verhalten Einfluss auf das Spiel."

Beim Champions-League-Finale 2014 gegen Real Madrid stürmte Simeone auf den Platz und attackierte Gegenspieler Raphael Varane. Beim spanischen Supercup im darauffolgenden Sommer den vierten Offiziellen. Bei einem Spiel gegen den FC Malaga soll er einen Balljungen dazu angestiftet haben, während eines aussichtsreichen Konters des Gegners einen Ball aufs Feld zu werfen.

Für drei Spiele wurde Simeone dafür auf die Tribüne verbannt. Nichts Neues für ihn, Simeone ist es gewohnt, Spiele aus der Tribünen-Perspektive zu verfolgen. Erst im vergangenen Mai tat er es beim siegreichen Europa-League-Finale gegen Olympique Marseille, im Halbfinale gegen den FC Arsenal hatte er den Schiedsrichter von der Seitenauslinie aus zu heftig kritisiert. Alles dem Sieg unterordnen. So wie es einst Spinetto lehrte.

Seit Simeones Amtsübernahme sahen in Europas Top-Fünf-Ligen nur fünf Vereine mehr Karten als Atletico, keiner hat so oft Zu-Null gespielt wie Atletico. Das Resultat? Sieben Titel: Europa League 2012 und 2018, UEFA Supercup 2012 und 2018, spanischer Pokal 2013, spanische Meisterschaft 2014, spanischer Supercup 2014. Bis auf die Champions League hat Simeone mit Atletico alles gewonnen.

Er hat einen der gefürchtetsten Klubs überhaupt geschaffen. Mehr noch, er hat sich selbst als Klub geschaffen. "Atletico pflegt den gleichen Stil, den Simeone als Spieler verkörperte. Perfektes Stellungsspiel, starke Konzentrationsfähigkeit und vor allem Charakter. Was Simeone als Spieler war, ist Atletico als Mannschaft", philosophierte der ehemalige Real-Trainer Carlo Ancelotti. "Simeones Atletico ist wie ein Hammer, der unablässig auf dich einschlägt", sagte Ivanschitz' ehemaliger Levante-Trainer Joaquin Caparros.

Und das Einschlagen beginnt nicht erst, wenn der Löwe auf der Trainerbank erwacht. Es beginnt bereits während der Busfahrt zum Stadion.