22.10.2012 um 09:15 Uhr
Geschrieben von Gnanag
Der unvergessliche Abend II
Mein Großvater, der während des Spielbeginns noch recht ruhig gewesen war, begann plötzlich zu kommentieren. Erst leise und grummelnd, dann immer lauter und vehementer. Er gab Ratschläge, beschimpfte Spieler, korrigierte den Schiedsrichter.
Renn doch du Pflaume! Spiel doch ab du IDIOT! RECHTS, nach RECHTS, nicht links! Elender Versager! Wer hat diesen Blindfisch eigentlich nominiert? Grätsch ihn doch UM den elenden Betrüger und Elfmeterschinder! Schiess, SCHIESS DOCH DU HADERLUMP!
Und so ging es weiter und weiter.
Mitte der ersten Halbzeit erkannte ich ihn nicht mehr wieder, denn seine Kommentare wurden immer beißender, ja, vulgärer. Aus meinem respektablen, autoritären Großvater war ein fluchender, schimpfender Prolet geworden. Seine Tiraden trafen bevorzugt die eigenen Spieler, die er bei jedem Ballverlust und Fehlpass wüst beschimpfte. Idiot, /i)Flasche(/i) und Blindfisch waren da noch die freundlicheren Ausdrücke. Die Tatsache, dass sein minderjähriger Enkel mit im Raum saß, schien ihn kaum zu berühren.
Ich fand’s natürlich klasse. Ein fluchender Opa, das war besser als Ostern und Weihnachten zusammen.
Auch die Gegenspieler beschimpfte er lautstark und kommentierte jede Entscheidung positive Entscheidung des Schiedsrichters für die Gegenseite aufs Abfälligste.
Der ist doch geschmiert der Haderlump! Unverschämtes Pack das heute pfeifen darf!
Aus meinem Großvater war ein anderer Mensch geworden. Er hatte seinen bürgerlichen Anstand an der Garderobe abgestellt. Es war wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er war ein anderer Mensch geworden.
Im ersten Moment war ich überrascht, wieso er sich derart über das Spiel aufregte, da er eigentlich kein Fan einer der Mannschaften, geschweige denn im Allgemeinen besonders sportorientiert war.
Es faszinierte mich, wie er den Spielern ständig Ratschläge erteilte
(„Spiel doch nach Rechts!"), obwohl sie ihn offensichtlich nicht hören konnten. Aber irgendwann verstand ich es. Es schien für ihn Teil des Spiels zu sein, so wie die Spieler auf dem Rasen rannten, musste er lautstark alles kommentieren. Er brauchte es. Die Spieler brauchten es. Es war wie ein Ritual.
Meine Großmutter, die immer wieder hereinschaute, schien über die plötzliche Wut meines Großvaters nicht im Geringsten verwundert. Sie beschränkte sich weiter auf unqualifizierte Kommentare wie („Der Trainer hat aber einen schönen Mantel an", oder "Man könnte doch beide gewinnen lassen", die mein Großvater mit unwirschen Grunzlauten und heftigem Kopfschütteln abtat.
Interessanterweise behandelte mich mein Opa auch plötzlich ganz anders als davor. Seine Ernsthaftigkeit, die ganze vornehme Distanziertheit war völlig verschwunden. Im Gegenteil, plötzlich schien ich sein Kumpel zu sein und ich bemühte mich natürlich, seine Tiraden pflichtgemäß zu unterstützen. So wurde ich auf eine seltsame Art und Weise zu seinem Verbündeten und das war für einen Hosenscheißer wie mich natürlich eine immense Auszeichnung.
Und bald stellte sich bei mir auch ein Gefühl einer Exklusivität, beinahe eines verschwörerischen Zusammenhalts unter „Männern" ein, die ich auch heute noch so oft beobachte. Denn meine Großmutter, die immer wieder hereinkam um meine sich stetig lehrenden Knabbervorräte wieder aufzustocken, schien keinerlei Anteil an dem Treiben auf dem Bildschirm zu nehmen. Das heißt, sie machte zwar weiter regelmäßig unqualifizierte Bemerkungen wie: "Ja, rennt alle hinterm Ball her" oder „ach haben die alle schöne Trikots an", war aber nicht beteiligt an der unausgesprochenen Allianz zwischen mir und meinem Großvater. Es war wie ein heiliges Refugium, eine Welt, in die nur wir eintreten konnten.
Und ich war fasziniert.
Ein Sport, der einen erwachsenen, allseits respektiert und geachteten Mann in ein solch fluchendes Ungetüm verwandeln konnte, musste etwas Besonderes sein. Etwas Tolles. Etwas, das mich wie magisch anzog. Und ich verstand, dass Fußball etwas Spezielles war, etwas, das nicht rational zu erklären war.
Und das war wundervoll.
Und so saßen wir gemeinsam vor dem Spiel, Enkel und Großvater, Fluchender und Beipflichtender und hatten unseren Spaß. Wir schimpften und fluchten, wir fieberten und hofften. Wir feuerten das Team an, von dem ich nicht einmal den Namen kannte. Aber es war egal.
Wichtig war nur, dass wir zusammen waren. Zusammen fluchten. Das war wundervoll.
So ging es 90 Minuten. Und nach Abpfiff geschah etwas Seltsames.
Nachdem der Schiedsrichter abgepfiffen hatte und die Spieler sich auf dem Rasen abklatschten, schien mein Großvater wie von einer Sekunde auf die andere alle seine vorherige Wut und Emotionalität vergessen zu haben und ward auf einmal bester Laune. Wie ein Gewitter schien seine Flucherei sämtliche Spannungen vertrieben zu haben. Blumig begrüßte er meine Großmutter, als diese gegen Ende hereinkam und gratulierte ihr gar zu ihrem hübschen Haar.
Und ich saß daneben, glücklich, zufrieden und fasziniert.
Und heute beobachte ich dasselbe Phänomen an mir selbst. Umso mehr ich mich über ein Spiel aufrege, umso mehr ich schimpfen, mitfiebern, mich emotional mitreißen lassen kann, umso entspannter und zufriedener bin ich nach Abpfiff.
Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass diese 2 Stunden mein Leben nachhaltig verändern und in mir den Keim der Fußballleidenschaft legen sollten, aber wenn ich heute zurückschaue, bin ich sehr dankbar, dass meine Mutter mich damals gehen ließ.
Denn wie viel Spaß, wie viel Geschimpfe und Gefluche, wie viel Emotionen wären mir ohne den Fußball entgangen?
Denn Fußball ist Emotion, Fußball ist Gefühl. Unerklärbar und deswegen so faszinierend. Eine Welt, die nur man nur durch ganz bestimmte Erfahrungen zu verstehen beginnt.
Erfahrungen wie zu erleben, wie ein ernster, respektabler Schulrat wieder zum Kind wird, wenn 22 Männer einem Ball hinterherjagen.
Und so begann ich den Fußball zu lieben und heute, 25 Jahre später, weiß ich eines ganz sicher.
Die Dinge, die wir als Kinder ins Herz schließen, die wir von klein auf lieben, bleiben dort und werden auch dort bleiben, bis zum allerletzten Atemzug.
Renn doch du Pflaume! Spiel doch ab du IDIOT! RECHTS, nach RECHTS, nicht links! Elender Versager! Wer hat diesen Blindfisch eigentlich nominiert? Grätsch ihn doch UM den elenden Betrüger und Elfmeterschinder! Schiess, SCHIESS DOCH DU HADERLUMP!
Und so ging es weiter und weiter.
Mitte der ersten Halbzeit erkannte ich ihn nicht mehr wieder, denn seine Kommentare wurden immer beißender, ja, vulgärer. Aus meinem respektablen, autoritären Großvater war ein fluchender, schimpfender Prolet geworden. Seine Tiraden trafen bevorzugt die eigenen Spieler, die er bei jedem Ballverlust und Fehlpass wüst beschimpfte. Idiot, /i)Flasche(/i) und Blindfisch waren da noch die freundlicheren Ausdrücke. Die Tatsache, dass sein minderjähriger Enkel mit im Raum saß, schien ihn kaum zu berühren.
Ich fand’s natürlich klasse. Ein fluchender Opa, das war besser als Ostern und Weihnachten zusammen.
Auch die Gegenspieler beschimpfte er lautstark und kommentierte jede Entscheidung positive Entscheidung des Schiedsrichters für die Gegenseite aufs Abfälligste.
Der ist doch geschmiert der Haderlump! Unverschämtes Pack das heute pfeifen darf!
Aus meinem Großvater war ein anderer Mensch geworden. Er hatte seinen bürgerlichen Anstand an der Garderobe abgestellt. Es war wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er war ein anderer Mensch geworden.
Im ersten Moment war ich überrascht, wieso er sich derart über das Spiel aufregte, da er eigentlich kein Fan einer der Mannschaften, geschweige denn im Allgemeinen besonders sportorientiert war.
Es faszinierte mich, wie er den Spielern ständig Ratschläge erteilte
(„Spiel doch nach Rechts!"), obwohl sie ihn offensichtlich nicht hören konnten. Aber irgendwann verstand ich es. Es schien für ihn Teil des Spiels zu sein, so wie die Spieler auf dem Rasen rannten, musste er lautstark alles kommentieren. Er brauchte es. Die Spieler brauchten es. Es war wie ein Ritual.
Meine Großmutter, die immer wieder hereinschaute, schien über die plötzliche Wut meines Großvaters nicht im Geringsten verwundert. Sie beschränkte sich weiter auf unqualifizierte Kommentare wie („Der Trainer hat aber einen schönen Mantel an", oder "Man könnte doch beide gewinnen lassen", die mein Großvater mit unwirschen Grunzlauten und heftigem Kopfschütteln abtat.
Interessanterweise behandelte mich mein Opa auch plötzlich ganz anders als davor. Seine Ernsthaftigkeit, die ganze vornehme Distanziertheit war völlig verschwunden. Im Gegenteil, plötzlich schien ich sein Kumpel zu sein und ich bemühte mich natürlich, seine Tiraden pflichtgemäß zu unterstützen. So wurde ich auf eine seltsame Art und Weise zu seinem Verbündeten und das war für einen Hosenscheißer wie mich natürlich eine immense Auszeichnung.
Und bald stellte sich bei mir auch ein Gefühl einer Exklusivität, beinahe eines verschwörerischen Zusammenhalts unter „Männern" ein, die ich auch heute noch so oft beobachte. Denn meine Großmutter, die immer wieder hereinkam um meine sich stetig lehrenden Knabbervorräte wieder aufzustocken, schien keinerlei Anteil an dem Treiben auf dem Bildschirm zu nehmen. Das heißt, sie machte zwar weiter regelmäßig unqualifizierte Bemerkungen wie: "Ja, rennt alle hinterm Ball her" oder „ach haben die alle schöne Trikots an", war aber nicht beteiligt an der unausgesprochenen Allianz zwischen mir und meinem Großvater. Es war wie ein heiliges Refugium, eine Welt, in die nur wir eintreten konnten.
Und ich war fasziniert.
Ein Sport, der einen erwachsenen, allseits respektiert und geachteten Mann in ein solch fluchendes Ungetüm verwandeln konnte, musste etwas Besonderes sein. Etwas Tolles. Etwas, das mich wie magisch anzog. Und ich verstand, dass Fußball etwas Spezielles war, etwas, das nicht rational zu erklären war.
Und das war wundervoll.
Und so saßen wir gemeinsam vor dem Spiel, Enkel und Großvater, Fluchender und Beipflichtender und hatten unseren Spaß. Wir schimpften und fluchten, wir fieberten und hofften. Wir feuerten das Team an, von dem ich nicht einmal den Namen kannte. Aber es war egal.
Wichtig war nur, dass wir zusammen waren. Zusammen fluchten. Das war wundervoll.
So ging es 90 Minuten. Und nach Abpfiff geschah etwas Seltsames.
Nachdem der Schiedsrichter abgepfiffen hatte und die Spieler sich auf dem Rasen abklatschten, schien mein Großvater wie von einer Sekunde auf die andere alle seine vorherige Wut und Emotionalität vergessen zu haben und ward auf einmal bester Laune. Wie ein Gewitter schien seine Flucherei sämtliche Spannungen vertrieben zu haben. Blumig begrüßte er meine Großmutter, als diese gegen Ende hereinkam und gratulierte ihr gar zu ihrem hübschen Haar.
Und ich saß daneben, glücklich, zufrieden und fasziniert.
Und heute beobachte ich dasselbe Phänomen an mir selbst. Umso mehr ich mich über ein Spiel aufrege, umso mehr ich schimpfen, mitfiebern, mich emotional mitreißen lassen kann, umso entspannter und zufriedener bin ich nach Abpfiff.
Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass diese 2 Stunden mein Leben nachhaltig verändern und in mir den Keim der Fußballleidenschaft legen sollten, aber wenn ich heute zurückschaue, bin ich sehr dankbar, dass meine Mutter mich damals gehen ließ.
Denn wie viel Spaß, wie viel Geschimpfe und Gefluche, wie viel Emotionen wären mir ohne den Fußball entgangen?
Denn Fußball ist Emotion, Fußball ist Gefühl. Unerklärbar und deswegen so faszinierend. Eine Welt, die nur man nur durch ganz bestimmte Erfahrungen zu verstehen beginnt.
Erfahrungen wie zu erleben, wie ein ernster, respektabler Schulrat wieder zum Kind wird, wenn 22 Männer einem Ball hinterherjagen.
Und so begann ich den Fußball zu lieben und heute, 25 Jahre später, weiß ich eines ganz sicher.
Die Dinge, die wir als Kinder ins Herz schließen, die wir von klein auf lieben, bleiben dort und werden auch dort bleiben, bis zum allerletzten Atemzug.
Aufrufe: 867 | Kommentare: 24 | Bewertungen: 7 | Erstellt:22.10.2012
ø 10.0
KOMMENTARE
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22.10.2012 | 09:25 Uhr
+1
0
Gnanag :
Statt einer Begründung könnt ihr dem Bullen auch was Unanständiges ins Gästebuch schreiben. Aber bitte etwas sehr Unanständiges
22.10.2012 | 10:15 Uhr
0
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Nutman :
Starker Blog...
In welchem Viertel in RT bist Du aufgewachsen, wenn es in den späten 80ern noch kein Fernsehen gab?
Dein Gegner ist scheinbar auch aus Reutlingen, ist VfB-Fan, das sind zwei starke Argumente gegen Dich - aber Dein Blog ist eigentlich der bessere - Bewertung folgt...
22.10.2012 | 10:47 Uhr
0
0
Wer hier so offensichtlich Nepotismus betreibt ist hier richtig und herzlich Willkommen, Viel Spaß beim Blogpokal
22.10.2012 | 11:19 Uhr
0
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baske : Sieg: Gnanag
Schöner struckturierter Blog. Bei benz hab ich nach einem Drittel und dem 4. "scheiße" aufgehört zu lesen.
Bisschen Niveau darf sein.
22.10.2012 | 11:41 Uhr
+2
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Voegi :
bin ich der einzige hier, dem es so geht, oder hat jemand beim lesen dieses blog auch den geschmack von werthers echte im mund.großartiger beitrag. sehr nostalgisch und super geschrieben. klarer sieger: gnanag.
22.10.2012 | 12:01 Uhr
0
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22.10.2012 | 12:47 Uhr
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Was schmecken denn die anderen so?
Also ich habe gerade ein Nimm 2 im Mund und bin deshalb voreingenommen
22.10.2012 | 13:07 Uhr
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heino63 :
Also meine Stimme hat der Gnanag. Der Blog ist schön strukturiert, man kann es nachempfinden, selbst wenn man ein paar Jahre jünger ist und außerdem kann ich mit Stuttgart aktuell gar nichts anfangen.
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Er geizt mit Worten und Sprüchen, wie immer halt, typisch
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:duckundweg: