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Damals... - Erinnerungen@Spox


Gründer: lostfounder | Mitglieder: 48 | Beiträge: 1
27.04.2012 um 11:51 Uhr
Geschrieben von kimosch
Wir waren unsterblich...
1993. Haddaway, Culture Beat und Ace of Base in den Charts. Jurassic Park, Bodyguard und Aladdin in den Kinos. Villariba und Villabajo feiern und putzen in der Fernseh-Werbung um die Wette. Werder Bremen ist deutscher Fußball-Meister. Rein fußballerisch ist für mich also alles in Ordnung...

Und ich feiere meinen Aufstieg von der ersten in die zweite Klasse. Ich, dass ist ein schlaksiges junges Bürschchen mit braunem Haar, Prinz-Eisenherz-Frisur und einer Begeisterung für alles, was mit einem Ball zu tun hat. Das Schuljahr ist noch jung, da bekommen wir in der 2a einen Neuzugang. „Das ist Marc. Marc ist gerade aus Klausdorf nach Stift gezogen und ist ab jetzt bei uns in der Klasse!". Marc ist dürr, blass und hat einem knallroten Haarschopf, welcher im Beatles-Pilz-Look geschnitten ist. Marc und ich sind uns von Beginn auf sympathisch und es dauert nicht lange, bis wir beschließen „beste Freunde zu sein". Zu sagen, wir wären wie siamesische Zwillinge gewesen, wäre übertrieben. Wir hingen nicht jede freie Minute zusammen, aber zumindest jede zweite. Zusammen Hausaufgaben machen, am Wochenende beim anderen übernachten, in den nahe gelegenen Wald und Höhlen bauen, im Garten Fußball spielen, auf der beim örtlichen Supermarkt liegenden Wiese mit den anderen Bolzen gehen. Es war großartig. Mit Marc gründete ich auch meine erste Band. Es reichte zwar nur zur Namensfindung („Die Sportler"), einem Refrain („Wir... sind die Spoooooortleeeer!") und einer Probeaufnahme auf meinem Kassetten-Recorder. Aber immerhin.

Wir wurden älter, unsere Interessen blieben größtenteils gleich (Fußball, in den Wald gehen, scheiße bauen...), es kamen jedoch ein paar neue dazu. Brüste zum Beispiel. Marc verfügte über eine beachtliche Sammlung an Bravo-Zeitschriften, seiner älteren Schwester sei Dank, die die Dinger nur einmal las und dann an ihren jüngern Bruder für umme abgab. Und diese Sammlung wirkte auf den ersten Blick acht- und lieblos in der Ecke übereinander gestapelt. Auf den zweiten Blick fiel auf, dass die Hefte alle in der Mitte aufgeschlagen waren. Und das hatte auch seinen Grund: Dr. Sommer und seine pubertierenden Nackedeis. Doch das hatte nur kurze Zeit seinen Reiz, Fußball, Wald und der Rest hatten bald wieder die Oberhand gewonnen. Marc verfügte schon mit 10 Jahren über ein gehöriges Maß an Pathos. So sagte er einmal über unsere Freundschaft: „Freundschaft ist unsterblich. Selbst wenn wir uns eines Tages nicht mehr sehen sollten. Selbst wenn wir eines Tages tot sind. Freunde bleiben wir für immer!" Drei Jahre besuchten wir zusammen die Grundschule Altenholz-Stift, dann kam der Wechsel auf die weiterführenden Schulen. Und unsere Trennung...

1996. Tic Tac Toe, die Fugees und jede Menge Boybands in den Charts. Independence Day, Werner und James Bond in den Kinos. Villariba wäscht noch immer schneller als Villabajo in der Fernsehwerbung ab. Und Deutschland ist Fußball-Europameister. Rein fußballerisch ist für mich also alles in Ordnung...

Marc ging von nun aufs Gymnasium, ich auf die Realschule. Und auch wenn die beiden Schulen sich einem Gebäudekomplex teilten, hielt unsere Freundschaft das nicht lange aus. Das lag aber nur zu einem Teil daran, dass wir nicht mehr dieselbe Klasse besuchten. Zu einem großen Teil lag der Grund dafür in meinem immer stärkeren Fußballinteresse und dem zeitgleichen genauen Gegenteil bei Marc. Während ich mich verbesserte, stagnierte Marcs „Karriere". Und so kam er auch immer seltener zum bolzen, wohingegen ich in meiner Freizeit nichts anderes machte. Aber so ist das nun mal. Man entwickelt sich weiter, lebt sich auseinander. Und dann sieht man sich immer weniger. Und irgendwann gar nicht mehr.

2004. Dragostea din tei und de Holzmichel in den Charts. (T)Raumschiff Surprise, Harry Potter und 7 Zwerge im Kino. Klingeltöne in der Fernsehwerbung. Und Werder Bremen ist Deutscher Meister. Rein fußballerisch ist für mich also alles in Ordnung...

Marc und ich hatten uns inzwischen komplett aus den Augen verloren. Erstaunlich, wohnten wir doch nur knappe 300m Luftlinie voneinander entfernt. Dennoch hatte ich das Gefühl, ihn nie zu sehen. Nicht mal zufällig beim Einkaufen, am Sportplatz oder wo man sich sonst so in einem kleinen Kaff sehen könnte. Und wenn man sich denn doch einmal traf, dann nickte man sich kurz zu und ging weiter seines Weges. Wenn Freundschaften unsterblich sind, dann lag unsere im Koma. Mein Freundeskreis bestand inzwischen aus vielen Leuten vom Gymnasium Altenholz, als ebenjener Schule, welche auch Marc besuchte. Allerdings waren meine Feunde alle im Jahrgang unter ihm. Fußball war immer noch wichtig, Frauen aber auch. Partys und Frauen waren inzwischen wesentlicher Bestandteil meines Leben, ich wurde achtzehn, im Sommer 2005 dann der Führerschein. Kein eigenes Auto, dennoch dank meiner Eltern fast immer eins zur Verfügung. Mit dem Auto stundenlang an der Ostsee umherkurven, dabei die Musik voll aufgedreht, die Freunde auf dem Rücksitz. Partys am Strand, Bierkisten im Wasser, damit das Bier kühl blieb. Die erste längere Beziehung, dann wieder Single-Dasein. Beste Freunde hatte ich natürlich auch wieder. Was Marc in dieser Zeit gemacht hat weiß ich nicht.

2006. Bob Sinclair, Xavier Naidoo und Gnarls Barkley in den Charts. Ice Age, geschminkte Piraten und der Da Vinci Code im Kino. Ohne Ende Fußball in der Fernsehwerbung. Und Deutschland wird dritter bei der WM im eigenen Land. Rein fußballerisch ist für mich also alles in Ordnung...

Jede Generation hat ihren Sommer ihres Lebens. Meine Generation hatte ihren wohl 2006. Das Wetter war super. Die Stimmung grandios. Alles schien möglich. Und alte Freunde tauchen wieder auf! Denn Marc ging inzwischen in den selben Jahrgang wie fast mein gesamter Freundeskreis. Partys wurden gefeiert, wir beide waren anwesend. Unterhielten uns. Und wurden wieder Freunde. Nicht mehr so eng wie damals, in der Grundschule. Aber das war egal. Wir sahen uns wieder öfter. Man traf sich ständig rein zufällig, beim Einkaufen, am Sportplatz oder wo man sich sonst so in einem kleinen Kaff treffen kann. Dieser Sommer schien alles möglich zu machen und ich wusste: Freundschaft ist unsterblich!

Im Oktober 2006 nahm sich Marc das Leben. Er war krank. Depressiv. Für ein paar Wochen schien die Welt sich nicht mehr zu drehen. Ich selbst hatte von seiner Krankheit nichts gewusst. Sie nicht bemerkt. Und ich machte mir Vorwürfe. Es dauerte lange, bis ich seinen Schritt akzeptieren konnte. Und auch wenn Marc nicht mehr lebt. Unsere Freundschaft tut es. Denn Freundschaft ist unsterblich.
Aufrufe: 15671 | Kommentare: 50 | Bewertungen: 91 | Erstellt:27.04.2012
ø 9.9
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KOMMENTARE
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Pique_3
04.05.2012 | 22:42 Uhr
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Pique_3 : 
04.05.2012 | 22:42 Uhr
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Pique_3 : 
Familie und Freunde... mehr braucht man nicht um glücklich zu sein.

Scheiss auf Geld, Autos und Klunker, wenn man sie mit niemandem teilen kann.

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RandySandy
03.05.2012 | 22:14 Uhr
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RandySandy : 
03.05.2012 | 22:14 Uhr
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RandySandy : 
Literaturpreis verdächtig!
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Joyside
03.05.2012 | 20:26 Uhr
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Joyside : 
03.05.2012 | 20:26 Uhr
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Joyside : 
War auch einer der Sommer meines Lebens, wobei ich mehrere hatte. 2006... Unsere WM unser Sommer. Irgendwie hat uns in diesen Tagen und Wochen dieses scheinbar ewig währenden Sommers 2006 die Welt gehört. Wir waren jung, waren stolz auf unser Land, stolz auf unsere WM, stolz auf was wir selbst geleistet hatten, waren naiv und wollten feiern - und jeder, der wollte, konnte mitmachen.

Das war das Lebensgefühl unserer Generation damals. Danke, dass Du mich für ein paar Minuten dahin zrück gebracht hast in diesen magischen Sommer von 2006.

Gehört zu dem besten, was ich auf Spox gelesen habe,
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DJ_Sceemni
03.05.2012 | 17:22 Uhr
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DJ_Sceemni : Danke
03.05.2012 | 17:22 Uhr
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DJ_Sceemni : Danke
Danke!
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funkbarrio
03.05.2012 | 15:34 Uhr
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funkbarrio : 
03.05.2012 | 15:34 Uhr
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funkbarrio : 
Den Text finde ich diesmal nur okay, er hat mich so nicht ganz packen können, auch wenn das Thema bzw. besonders das Ende natürlich krass sehr krass ist.

Was ich allerdings wirklich an deinen Beiträgen mag, ist, dass Du Geschichten ziemlich knapp in eine Teil haust und Dich zwar eher kurz und knapp hältst, aber niemals zu knapp. Bei dem hier hätte ich aber irgendwie ein wenig mehr vom Sommer deines Lebens, also 2006, gelesen... Das kommt alles ein wenig abrupt... Der Sommer wie das Ende...
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gerosimo
03.05.2012 | 09:59 Uhr
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gerosimo : 
03.05.2012 | 09:59 Uhr
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gerosimo : 
@kimosch:
Ich habe sehr früh entschieden, auf diesen Blog zu antworten ...
und zwar in etwa nach der neunten Zeile ...

"Marc ist gerade aus Klausdorf nach Stift gezogen"

Hoppla - das kennst Du doch!!! ... also ich... mehr als gut ...
meine Tante, mein Onkel, meine Kousine ... alle leben in Klausdorf ...
meine Großmutter lebte bis zu ihrem Tod in Stift ...

Das waren meine Gedanken ... Habe ich geahnt, dass dieser Blog derart Hand-in-Hand gehen würde mit meinen Gedanken? ... Nein, ganz sicher nicht.

"Mit Marc gründete ich auch meine erste Band."

So langsam wurde mir flau im Magen ... es war nicht meine allererste Band ... aber die erste Band von Bestand, die ich mit meinen damals besten Freunden Thomas und Tobias gründete ... wir drei kamen weiter als bis zum Kassetten-Recorder ... nahmen sogar eine Platte auf ...
der Song wurde nachweislich zweimal im Radio auf NDR1 gespielt ... vielleicht sogar noch öfter ... wir wussten aber nur von zweimal ...
und wir waren Helden ...

Meine Story endet, bevor Deine überhaupt beginnt ... Thomas und Tobias starben 1986 gemeinsam mit ihren Eltern bei einem Flugzeugabsturz ...

1986 verlor Deutschland im WM-Finale 2:3 gegen Argentinien.
Ich hatte schon vorher alles verloren.

Freundschaft ist unsterblich.
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Gotti1963
02.05.2012 | 22:27 Uhr
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Gotti1963 : 
02.05.2012 | 22:27 Uhr
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Gotti1963 : 
Kimosch! Hut ab!
Ich sage jetzt mal nur soviel: In meiner Familie gibt es einen Menschen der/die ist Bipolar! Früher hieß diese Krankheit "manisch-depressiv". Ich habe zweimal das "Vergnügen" gehabt, diese Person nach einem Selbstmordversuch zu finden, und ins Leben zurückholen zu dürfen... Ich liebe diese Person, weil sie zu meinem Leben gehört, fast wie mich selbst. Aber ich weiß ganz genau, dass ich vor nichts in meinem Leben, mehr Angst, Panik und Schrecken habe, als irgendwann wieder diese Tür zu öffnen, und...

Mehr kann ich jetzt nicht sagen!
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benz
02.05.2012 | 21:44 Uhr
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benz : 
02.05.2012 | 21:44 Uhr
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benz : 
Ich glaube es wurde schon alles gesagt. Ich weiß auch gar nicht wie ich diese Geschichte bewerten soll, am besten sollte man die Geschichte lesen und alles einfach so stehen lassen. Und dass dieser Blog nach über 60 Bewertungen immer noch eine glatte 10,0 hat zeigt wie sehr du die User damit getroffen hast, wobei die Bewertung in so einem Blog natürlich keine Rolle spielen sollte. Ich habe noch nicht miterlebt dass einer den ich gut kannte und in meinem Alter ist starb, aber auch ich werde das irgendwann erleben, denn solche Erfahrung wird jeder machen. Ansonsten hoffe ich dass er Marc gut geht, wo immer er auch gerade stecken mag...
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MU1878
02.05.2012 | 21:07 Uhr
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MU1878 : 
02.05.2012 | 21:07 Uhr
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MU1878 : 
wow...die Geschichte trifft einen wirklich. Ich saß erstmal vor dem PC und habe einfach nur auf den letzten Absatz gestarrt.

Ich denke das packende an dieser Geschichte ist, dass sich jeder darin wiederfindet, ausgenommen halt den letzten Absatz. Bis dahin denkt man sich mehr oder weniger "so war es damals mit mir und XY auch"... und dann trifft der letzte Absatz einen, wie bereits treffend beschrieben wurde, mitten ins Gesicht.
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HennesIV
02.05.2012 | 19:19 Uhr
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HennesIV : 
02.05.2012 | 19:19 Uhr
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HennesIV : 
viel zu gut für ein sport-portal!
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