21.10.2010 um 18:32 Uhr
Geschrieben von shrek
Löws Nationalmannschaft - Teil 1
Eine taktische Analyse
Joachim Löw und Jürgen Klinsmann gaben der Nationalmannschaft endlich wieder ein Gesicht, das nicht nur erfolgreich, sondern auch schön ist. Auf den Grundlagen Klinsmanns Aufbauarbeit und der Nachwuchsarbeit um Matthias Sammer entwickelte Klinsmanns Nachfolger, Joachim Löw, bis dato kein großer Name im Trainergeschäft, ein funktionierendes System mit einer klaren Spielphilosophie. Diese Spielphilosophie fand bei der WM internationale Anerkennung und wurde aufgrund ihrer hohen Attraktivität zu Recht gelobt. In diesem Blog möchte ich die Spielphilosophie und das System der Nationalmannschaft anhand von Statistikenund eigenen Beobachtungen genau defininieren.
1. Mannschaftstaktik
Das 4-2-3-1 entwickelte sich in jüngster Vergangenheit zum beliebtesten System im Fußball. Ob Bayern München unter van Gaal, Mourinhos Real oder die deutsche Nationalmannschaft unter Löw – alle wählten dieses taktische Grundgerüst, selbstverständlich jeweils mit völlig verschiedenen Interpretationen der jeweiligen Positionen.
Geprägt ist das deutsche 4-2-3-1 von Mesut Özil, dem Schlüsselspieler der Nationalmannschaft. Er agiert als eine so genannte falsche Zehn, die sich oft auf einer Höhe mit dem einzigen Mittelstürmer wiederfindet und so einen beachtlichen Teil zum Vertikalspiel beiträgt.
Nicht selten verändert sich das 4-2-3-1 der Nationalmannschaft so in ein 4-2-4. Damit wird auch schon ein wesentlicher Vorteil dieses Gründgerüstes deutlich, nämlich seine enorme Variabilität, das dem 4-2-3-1 seine weitläufige Verwendung zusichert. Urs Siegenthaler, enger Mitarbeiter Löws, verdeutlicht in einem Interview mit "der Zeit", dass mittlerweile bereits 4 Stürmer benötigt werden würden, um die gegnerische Abwehr auszuspielen.
Siegenthaler: "Meine Erkenntnis aus den vergangenen Jahren ist: Ich will vier gelernte Stürmer auf dem Platz. Das heißt nicht, dass man ein System mit vier Spitzen spielt. Aber bei Ballbesitz brauche ich vier Spieler mit Drang zum Tor. Mindestens. Sonst kann man eine eingespielte Abwehr nur schwer knacken."
Quelle
Diese Aussage drückte der deutschen Nationalmannschaft ihren Stempel auf. Mit Podolski, Müller, Özil und Klose waren mittlerweile 4 Spieler vorhanden, die problemlos alle als Stürmer oder zumindest als hängende Spitze (Özil) agieren könnten und zudem mit ihren individuellen Fähigkeiten in die Philosophiedes Bundestrainers passen.
Ein weiterer wesentlicher Mehrwert dieses System besteht darin, dass man gegenüber einem herkömmlichen 4-4-2 mit Raute oder einer flachen Vier eine Überzahl im Mittelfeld schafft, indem man 5 Mittelfeldspieler aufbietet und damit in vielen Situationen zahlenmäßig überlegen ist. Das 4-2-3-1 bietet eine nahezu optimale Raumaufteilung, definitiv eine bessere als bei sämtlichen 4-4-2-Systemen.
Der nächste Vorteil dieses Systems besteht darin, dass das 4-2-3-1 ein unheimlich schnelles Umschalten ermöglicht, sodass man schnell durch Vertikalspiel zum Abschluss kommen kann. Dies liegt einerseits an der optimalen Raumaufteilung, andererseits an den kurzen Abständen zwischen den jeweiligen Positionen und den vielen sich bildenden potentiellen Passdreiecken.
1.1 Löws Fußball-Philosophie in der Definition:
Pressen der ballführenden Spieler, speziell von der offensiven Mittelfeldreihe Özil, Podolski und Müller sowie dem Stürmer Klose. Dahinter schnelles Verschieben der Spieler, selbstverständlich der ganzen Mannschaft; soviel zur Arbeit gegen den Ball. Wichtig hierbei ist, dass die Ballgewinne ohne Fouls verzeichnet werden, denn nur so ist ein schneller Gegenstoß möglich. Bei einem Ballgewinn ohne Foulspiel befindet sich der Ball nämlich in den Reihen des eigenen Teams.
Bei Ballgewinn wenige Ballkontakte, kurze Zeit der Ballführung. Ballgewinne im Zentrum sind von Vorteil, da sich hier mehr Anspielmöglichkeiten bieten. Bilden von potentiellen Passdreiecken der nicht-ballführenden Spieler, wenige Ballkontakte bei den ballführenden Spielern, schnelles, kurzes und direktes Weiterleiten des Balles, sofern möglich. Vertikales Spiel in die Spitze, schnelles Suchen des Abschlusses.
2. Laufwege, tatsächliche Positionen, Passwege und Spielzüge
2.1 Positionswechsel
Ein weiterer Bestandteil der Löw’schen Taktik besteht in den kontrollierten Positionswechseln, die seine Mannschaft forciert. Hierzu eine Aussage Löws:
Löw: "Das Spiel endet nicht, wenn der Ball gespielt ist. Meine Vorstellung ist, dass man danach sofort in die Tiefe geht und wieder den Ball fordert. Dadurch wird das Spiel flüssiger und dynamischer. Ich wusste, dass einige bei uns das sehr gut können – Özil, Poldi, Müller, Kroos. Und ich habe der Mannschaft gesagt: ,Wer sich nicht bewegt, kann nicht mal gegen Kanada gewinnen!'"
Löw fordert ständige Positionswechsel und ständige Bewegung. Hierdurch vermeidet seine Mannschaft ein monotones Spiel und schafft ständig neue Situationen und Kombinationsmöglichkeiten, die dabei helfen, die gegnerische Abwehr auszuspielen. Deutlich wurde dies u. a. bei einem Angriff gegen die Engländer, als die beteiligten Spieler ständig in Bewegung blieben und eine zauberhafte Kombination boten, die hier zu erkennen ist:
(ab 1:12)
Gerade das England-Spiel ließ die aufgebotenen Spieler zur vollen Entfaltung kommen. Die Engländer, in einem 4-4-2 auflaufend, hatten riesige Schwierigkeiten damit, die vertikal vorgetragenen Angriffe der Deutschen zu unterbinden und gingen somit gnadenlos unter. Sie verfügten zwar über körperlich robuste Spieler im Mittelfeld und in der Abwehr, jedoch konnten diese nicht ansatzweise mit den schnelleren Klose, Podolski, Müller und Özil mithalten, die zudem über eine beeindruckende Spielintelligenz verfügten und zur Höchstform aufliefen. Löw coachte das 4-4-2 der Engländer quasi aus.
Teil 2
Joachim Löw und Jürgen Klinsmann gaben der Nationalmannschaft endlich wieder ein Gesicht, das nicht nur erfolgreich, sondern auch schön ist. Auf den Grundlagen Klinsmanns Aufbauarbeit und der Nachwuchsarbeit um Matthias Sammer entwickelte Klinsmanns Nachfolger, Joachim Löw, bis dato kein großer Name im Trainergeschäft, ein funktionierendes System mit einer klaren Spielphilosophie. Diese Spielphilosophie fand bei der WM internationale Anerkennung und wurde aufgrund ihrer hohen Attraktivität zu Recht gelobt. In diesem Blog möchte ich die Spielphilosophie und das System der Nationalmannschaft anhand von Statistikenund eigenen Beobachtungen genau defininieren.
1. Mannschaftstaktik
Das 4-2-3-1 entwickelte sich in jüngster Vergangenheit zum beliebtesten System im Fußball. Ob Bayern München unter van Gaal, Mourinhos Real oder die deutsche Nationalmannschaft unter Löw – alle wählten dieses taktische Grundgerüst, selbstverständlich jeweils mit völlig verschiedenen Interpretationen der jeweiligen Positionen.
Geprägt ist das deutsche 4-2-3-1 von Mesut Özil, dem Schlüsselspieler der Nationalmannschaft. Er agiert als eine so genannte falsche Zehn, die sich oft auf einer Höhe mit dem einzigen Mittelstürmer wiederfindet und so einen beachtlichen Teil zum Vertikalspiel beiträgt.
Nicht selten verändert sich das 4-2-3-1 der Nationalmannschaft so in ein 4-2-4. Damit wird auch schon ein wesentlicher Vorteil dieses Gründgerüstes deutlich, nämlich seine enorme Variabilität, das dem 4-2-3-1 seine weitläufige Verwendung zusichert. Urs Siegenthaler, enger Mitarbeiter Löws, verdeutlicht in einem Interview mit "der Zeit", dass mittlerweile bereits 4 Stürmer benötigt werden würden, um die gegnerische Abwehr auszuspielen.
Siegenthaler: "Meine Erkenntnis aus den vergangenen Jahren ist: Ich will vier gelernte Stürmer auf dem Platz. Das heißt nicht, dass man ein System mit vier Spitzen spielt. Aber bei Ballbesitz brauche ich vier Spieler mit Drang zum Tor. Mindestens. Sonst kann man eine eingespielte Abwehr nur schwer knacken."
Quelle
Diese Aussage drückte der deutschen Nationalmannschaft ihren Stempel auf. Mit Podolski, Müller, Özil und Klose waren mittlerweile 4 Spieler vorhanden, die problemlos alle als Stürmer oder zumindest als hängende Spitze (Özil) agieren könnten und zudem mit ihren individuellen Fähigkeiten in die Philosophiedes Bundestrainers passen.
Ein weiterer wesentlicher Mehrwert dieses System besteht darin, dass man gegenüber einem herkömmlichen 4-4-2 mit Raute oder einer flachen Vier eine Überzahl im Mittelfeld schafft, indem man 5 Mittelfeldspieler aufbietet und damit in vielen Situationen zahlenmäßig überlegen ist. Das 4-2-3-1 bietet eine nahezu optimale Raumaufteilung, definitiv eine bessere als bei sämtlichen 4-4-2-Systemen.
Der nächste Vorteil dieses Systems besteht darin, dass das 4-2-3-1 ein unheimlich schnelles Umschalten ermöglicht, sodass man schnell durch Vertikalspiel zum Abschluss kommen kann. Dies liegt einerseits an der optimalen Raumaufteilung, andererseits an den kurzen Abständen zwischen den jeweiligen Positionen und den vielen sich bildenden potentiellen Passdreiecken.
1.1 Löws Fußball-Philosophie in der Definition:
Pressen der ballführenden Spieler, speziell von der offensiven Mittelfeldreihe Özil, Podolski und Müller sowie dem Stürmer Klose. Dahinter schnelles Verschieben der Spieler, selbstverständlich der ganzen Mannschaft; soviel zur Arbeit gegen den Ball. Wichtig hierbei ist, dass die Ballgewinne ohne Fouls verzeichnet werden, denn nur so ist ein schneller Gegenstoß möglich. Bei einem Ballgewinn ohne Foulspiel befindet sich der Ball nämlich in den Reihen des eigenen Teams.
Bei Ballgewinn wenige Ballkontakte, kurze Zeit der Ballführung. Ballgewinne im Zentrum sind von Vorteil, da sich hier mehr Anspielmöglichkeiten bieten. Bilden von potentiellen Passdreiecken der nicht-ballführenden Spieler, wenige Ballkontakte bei den ballführenden Spielern, schnelles, kurzes und direktes Weiterleiten des Balles, sofern möglich. Vertikales Spiel in die Spitze, schnelles Suchen des Abschlusses.
2. Laufwege, tatsächliche Positionen, Passwege und Spielzüge
2.1 Positionswechsel
Ein weiterer Bestandteil der Löw’schen Taktik besteht in den kontrollierten Positionswechseln, die seine Mannschaft forciert. Hierzu eine Aussage Löws:
Löw: "Das Spiel endet nicht, wenn der Ball gespielt ist. Meine Vorstellung ist, dass man danach sofort in die Tiefe geht und wieder den Ball fordert. Dadurch wird das Spiel flüssiger und dynamischer. Ich wusste, dass einige bei uns das sehr gut können – Özil, Poldi, Müller, Kroos. Und ich habe der Mannschaft gesagt: ,Wer sich nicht bewegt, kann nicht mal gegen Kanada gewinnen!'"
Löw fordert ständige Positionswechsel und ständige Bewegung. Hierdurch vermeidet seine Mannschaft ein monotones Spiel und schafft ständig neue Situationen und Kombinationsmöglichkeiten, die dabei helfen, die gegnerische Abwehr auszuspielen. Deutlich wurde dies u. a. bei einem Angriff gegen die Engländer, als die beteiligten Spieler ständig in Bewegung blieben und eine zauberhafte Kombination boten, die hier zu erkennen ist:
(ab 1:12)
Gerade das England-Spiel ließ die aufgebotenen Spieler zur vollen Entfaltung kommen. Die Engländer, in einem 4-4-2 auflaufend, hatten riesige Schwierigkeiten damit, die vertikal vorgetragenen Angriffe der Deutschen zu unterbinden und gingen somit gnadenlos unter. Sie verfügten zwar über körperlich robuste Spieler im Mittelfeld und in der Abwehr, jedoch konnten diese nicht ansatzweise mit den schnelleren Klose, Podolski, Müller und Özil mithalten, die zudem über eine beeindruckende Spielintelligenz verfügten und zur Höchstform aufliefen. Löw coachte das 4-4-2 der Engländer quasi aus.
Teil 2
Aufrufe: 5100 | Kommentare: 0 | Bewertungen: 11 | Erstellt:21.10.2010
ø 9.2
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