Legends of Football


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07.06.2011 um 18:34 Uhr
Geschrieben von _tobinho_
Garrincha - Die Freude der Leute
Er wird mit einem X- und einem O-Bein geboren, gilt als Krüppel. Mit zehn Jahren fängt er an zu trinken, am liebsten Cognac. Mit 25 wird er das erste Mal Weltmeister, vier Jahre später gewinnt er die WM zum zweiten Mal, wird Torschützenkönig und gilt als bester Spieler des Planeten. Die Rede ist von Garrincha, für viele Brasilianer noch vor Pelé der beste Fußballspieler aller Zeiten.

Doch wer ist dieser Garrincha? Warum kennt ihn hierzulande kein Mensch, während er in Brasilien verehrt wird wie ein Heiliger? Ich persönlich habe ihn nie live spielen sehen, dafür bin ich zu jung. Doch die Geschichte dieses Mannes ist so faszinierend, begeisternd und tragisch zugleich, dass es fast schon ein Verbrechen ist, dass er hierzulande derart in Vergessenheit geraten ist.



Geboren wird Manoel Francisco dos Santos am 28.10.1933 in Pau Grande, einem kleinen Dorf im Urwald von Brasilien. Das Baby ist behindert, seine Beine deformiert. Erst durch eine riskante Operation wird es ihm möglich, überhaupt gehen zu können. Dennoch bleibt es bei einer wundersamen Statur. Das linke Bein, ein O-Bein, ist sechs Zentimeter kleiner als das rechte X-Bein. Der Arzt rät ihm, seine Beine beim Fußball zu kräftigen. Dies tut er mit Freude und zeigt bereits in jungen Jahren sein außergewöhnliches Talent. Die Schule ist für ihn weniger wichtig. Und auch fürs Arbeiten ist er zu faul, er wird bei der örtlichen Textilfabrik entlassen. Garrincha will nicht arbeiten, er will Fußball spielen und das Leben genießen.

Daher geht er mit 20 nach Rio, um bei Botafogo vorzuspielen. Der damalige Trainer soll bei seinem Anblick gesagt haben: "Jetzt schicken sie mir schon einen Krüppel." Doch Garrincha hinterlässt beim Probetraining bleibenden Eindruck, umdribbelt seine Gegenspieler wie Slalomstangen. Er tunnelt den damaligen Kapitän und Star der Mannschaft, Nilton Santos. Der sagt: "Mit dem Jungen kann man Weltmeister werden, weil er jede Defensivtaktik ad absurdum führt." Botafogo nimmt ihn auf und er verbringt dort fast sein ganzes Fußballerleben. Er wird von den Fans geliebt und erhält seinen Künstlernamen, Garrincha, ein brasilianischer Urwaldvogel. Es ist seine einzigartige Spielweise, die die Fans so verzaubert: Während man in Deutschland den Spielern oft vorwirft, sie spielten für die Galerie, ist es genau das, was die Brasilianer lieben: Einen Spieler, der lieber das riskante Dribbling als den einfachen Pass sucht. Einen Spieler, der sich traut alle möglichen Tricks auszuprobieren. Einen, der die Verteidiger düpieren und das Publikum begeistern will. Und genau das tut Garrincha. Er spielt für die Fans. Bei allen Zaubereien vergisst er aber auch das Toreschießen nicht und erzielt für einen Rechtsaußen fantastische 232 Tore in 581 Spielen.

Aufgrund seiner guten Leistungen als Flügelstürmer spielt Garrincha 1955 erstmals für die Selecao. 1958 in Schweden gewinnt er in Brasiliens legendärem 4-2-4-System den Weltmeistertitel. Doch Garrincha gefällt es nicht im kalten Schweden, er soll den Trainer nach jedem Spiel gefragt haben, wann dieses Turnier denn nun endlich vorbei sei. Zum Abschied wird er gebeten, etwas ins Mikrofon sprechen. Er sagt: "Auf Wiedersehen, Mikrofon!"

Die WM in Chile 1962 wird dann jedoch zu seinem Turnier: Pelé fällt schon früh verletzt aus, die Hoffnungen der Brasilianer ruhen auf ihrem krummbeinigen Helden. In einem Turnier, das von Defensivtaktiken und rüden Fouls geprägt war, ist Garrincha der einzige Lichtblick. Er führt Brasilien ins Finale, das mit 3:1 gegen die Tschechoslowakei gewonnen wird. Während des Turniers erzielt er vier Treffer, wird Torschützenkönig und zum Spieler des Turniers gewählt. Die chilenischen Zeitungen titeln am Tag nach dem Finalsieg: "Von welchem Planeten stammt er?" , eine Schlagzeile, die durchaus an einen kleinen Argentinier erinnert, der heutzutage die Massen begeistert.

Umso erstaunlicher mutet es an, dass der einst große Fußballer und zweimalige Weltmeister in Europa derart in Vergessenheit geraten ist. Dies hängt wohl auch mit seinem tragischen Leben außerhalb des Platzes zusammen. Selbst zu seinen sportlich größten Zeiten war er Alkoholiker, kam auch nach fünf Entziehungskuren nicht von der Flasche los. Zudem war er Analphabet, galt als sehr naiv. Er ist ein tragisches Beispiel für jene Spieler, die nach der Karriere nicht so recht wissen, wohin mit ihrem Leben. Nachdem sein Körper bereits früh von vielen Verletzungen geschunden war, verließ er Botafogo im Alter von 32 Jahren. Danach versuchte er es immer mal wieder bei kleineren Vereinen, konnte jedoch nicht an seine Glanzzeiten anknüpfen und musste schließlich seine Karriere beenden. Doch die Fans hatten ihn nicht vergessen: Zu seinem Abschiedsspiel 1973 kamen noch einmal 131.000 Fans ins Maracana und zeigten ihre Liebe und Dankbarkeit für einen der größten Fußballer aller Zeiten.

Nur zehn Jahre später starb Garrincha, verarmt und einsam, mit nur 49 Jahren an einer Alkoholvergiftung. Die letzten Jahre seines Lebens waren geprägt von privaten und finanziellen Problemen. Einmal musste er sogar für 90 Tage ins Gefängnis, da er den Unterhalt für seine 14 Kinder, die aus zwei Ehen und diversen Affären stammten, nicht mehr bezahlen konnte. Er hatte nichts als den Fußball, und als er nicht mehr Fußball spielen konnte, hatte er nur noch den Alkohol.

Doch trotz oder gerade wegen seines tragischen Lebens ist er in Brasilien noch heute ein Held. Welch großartiger und gefeierter Spieler dieser Junge aus dem Urwald war, zeigt sich im brasilianischen Sprichwort: "Pelé wird respektiert, Garrincha geliebt."
Garrincha war einer der ersten großen Stars des Fußballs. Er war, ähnlich wie Maradona, neben dem Platz für viele Skandale und Eskapaden gut - normalerweise im Zusammenhang mit Frauen und Alkohol. So verschuldete er sogar betrunken einen Autounfall, bei dem seine Schwiegermutter starb. Doch war sein Ruf damit ruiniert? Überschatteten seine unrühmlichen Taten seine fantastischen Dribblings, seine tollen Tricks, seine wunderschönen Tore? Nein, die Fans haben ihn nie fallen gelassen. Sie vergaben ihm alles und bereiteten ihm nach seinem Tod einen würdigen Abschied: Tausende Fans begleiteten seinen Sarg. Die Prozession führte vom Maracana-Stadion in Rio bis in seine Heimatstadt Pau Grande. Der Verkehr stand still, doch das war an diesem Tag egal: Denn es zählte nur eines: Abschied nehmen von einem der größten Spieler, die dieser Sport je gesehen hat. Abschied nehmen von einem der größten Helden Brasiliens. Abschied nehmen von Garrincha, Alegria do Povo – Garrincha, die Freude der Leute.

Seine schönsten Szenen mit Interview
Aufrufe: 12262 | Kommentare: 23 | Bewertungen: 29 | Erstellt:07.06.2011
ø 9.0
KOMMENTARE
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Wilor
07.06.2011 | 19:36 Uhr
+1
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Wilor : 
07.06.2011 | 19:36 Uhr
+1
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Wilor : 
Schöner Blog 8 Punkte.

Aber über Garrincha gab es schon einige Blogs hier auf Spox.
mamö99
07.06.2011 | 19:50 Uhr
+2
0
mamö99 : 
07.06.2011 | 19:50 Uhr
+2
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mamö99 : 
Schönes Teil! Ich finde es auch verwunderlich, dass er hinter Pele so in Vergessenheit gerät. Das Videomaterial, was ich bisher von ihm zu Gesicht bekam, hat mich begeistert. Grandioser Spieler. Wenn man dann noch seine Vorgeschichte kennt, ist es umso schöner, dass er seinen Traum verwirklichen konnte. 9 Punkte von mir.
possessionplay
09.06.2011 | 14:33 Uhr
+6
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09.06.2011 | 14:33 Uhr
+6
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Sehr schöner Blog.

Garrincha ist wirklich ein lustiger Vogel, da waren auch einige interessante und neue Anekdoten in deinem Blog drin.
Bekannt ist ja auch die Geschichte mit dem Psychologen, der Garrincha nicht zur WM ´58 mitnehmen wollte, weil er beim Test nur 38 von 123 Punkten schaffte (damit durfte man nicht Busfahren) und später - als er malen sollte, was ihm durch den Kopf ging - einige Striche zeichnete, die aussahen wie die Sonne, aber nach seiner Aussage einen Teamkollegen von Botafogo darstellen sollten.

10er
Sofnod
10.06.2011 | 19:30 Uhr
+8
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Sofnod : 
10.06.2011 | 19:30 Uhr
+8
-4
Sofnod : 
"So verschuldete er sogar betrunken einen Autounfall, bei dem seine Schwiegermutter starb. Doch war sein Ruf damit ruiniert? überschatteten seine unrühmlichen Taten seine fantastischen Dribblings, seine tollen Tricks, seine wunderschönen Tore? Nein, die Fans haben ihn nie fallen gelassen. Sie vergaben ihm alles und bereiteten ihm nach seinem Tod einen würdigen Abschied: Tausende Fans begleiteten seinen Sarg."

Zum Kotzen.
MacMurph
10.06.2011 | 19:56 Uhr
+7
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MacMurph : 
10.06.2011 | 19:56 Uhr
+7
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MacMurph : 
ich muss sofnod da leider recht geben, wenn auch mit etwas mehr begründung.

der blog an sich ist fett, so ne art fußballermärhcne mit schlechtem ende.

aber der von sofnod angesprochene teil geht gar nich! so wie du es darstellst, klingt es als wärs egal wenn leute besoffen autofahren und menschen damit umbringen. hauptsache sie können schön dribbeln. und die tatsache, dass die brasilianer das scheinbar gar nich wahrgenommen haben bzw. wahrnehmen wollten spricht meiner ansicht nach nich für diese fans, wie es bei dir anklingt, sondern auf extrem geschmacklose art gegen sie.

er mag ja ein großer fußballer gewesen sein, aber offensichtlich kein großer mensch
TheHugo
10.06.2011 | 20:13 Uhr
+2
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TheHugo : 
10.06.2011 | 20:13 Uhr
+2
-3
TheHugo : 
Er war kein großer Mensch? Hättest du dich mit solchen Beinen überhaupt nach draußen getraut? Er war zwar nicht grade ne Leuchte, aber überleg mal wie sein Leben ausgesehen hätte ohne Fußball... Ich glaube nicht, dass er da überhaupt 49 Jahre alt geworden wäre.
Natürlich darf man es nicht gut finden, wenn jemand andere Menschen zu Tode fährt, aber er wird für sein Leben als Fußballer, für seinen Mut, trotz einer Behinderung (ich denke so kann man das schon nennen) Fußball zu spielen, und dabei auch noch so gut, geehrt. Und ohne diese Zuneigung der Fans, ohne Fußball, wie viele Menschen hätte er da wohl in den Urwäldern oder Slums von Brasilien getötet?

Schöner Blog und ein Beispiel dafür, dass Fußball mehr sein kann als nur Geldmache!
george_weah
10.06.2011 | 20:20 Uhr
+2
0
10.06.2011 | 20:20 Uhr
+2
0
"Wunderschön, manchmal umsonst, selten vernünftig, immer eine Freude"...., ein Satz wie Musik, der den FUSSBALLER Garrincha perfekt beschreibt.
Menschlich fragwürdig.
FanBoyNinety
10.06.2011 | 20:21 Uhr
+2
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10.06.2011 | 20:21 Uhr
+2
-3
Geschrieben ist das klasse. Hut ab, da könnten sich die Journos von Spox mal ne Scheibe abschneiden. Flüssig, gute Überleitungen, starke Rhetorik.

Dazu ist Garrincha ein wirklich interessantes Thema und seine Geschichte eigentlich unglaublich.

So macht es Spaß, Blogs zu lesen.
MacMurph
10.06.2011 | 20:34 Uhr
+7
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MacMurph : 
10.06.2011 | 20:34 Uhr
+7
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MacMurph : 
@TheHugo

nenn mich dumm, aber ich check deine argumentation nich. zunächst mal definiere ich "großer mensch" offensichtlich anders als du. ich hab nich gesagt, dass er das nich war, weil er nich die hellste kerze im adventskranz war, sondern weil er für den tod seiner schwiegermutter verantwortlich war, und scheinbar ohne konsequenzen daraus gezogen zu haben einfach weitergesoffen hat. wer weiß wie oft der typ mit vollem kopp auto gefahren is, und ich weiß nich wies dir geht, aber ich HASSE so etwas.
und außerdem, wie kommst du auf die idee, er hätte mehr menschen getötet wenn er kein fußbal gespielt hätte? das is ja ma kompletter unfug. du kannst doch nich von ausgehen das leute, die ursprünglich ind dörfern ausm urwald kommen, automatisch leute töten wenn sie keinen fußball spielen. dein punkt, dass ich froh sein sollte dass er "nur" eine person sicher aufm gewissen hat, statt hypothetisch (ich komm mir grad so bescheuert vor, dass überhaupt schreiben zu müssen) mehr als eine ist meiner ansicht nach auch unfassbar pietätlos
Sofnod
10.06.2011 | 21:26 Uhr
+3
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Sofnod : 
10.06.2011 | 21:26 Uhr
+3
-1
Sofnod : 
@ MacMurph

Volle Zustimmung für deine Posts....

"wer weiß wie oft der typ mit vollem kopp auto gefahren is, und ich weiß nich wies dir geht, aber ich HASSE so etwas."

Solche ..... machen ganze Familien kaputt, da gibt es nichts zu glorifizieren.
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