Damals... - Erinnerungen@Spox


Gründer: themarsvoltaire | Mitglieder: 50 | Beiträge: 1
13.06.2011 um 16:44 Uhr
Geschrieben von themarsvoltaire
Die unendliche Geschichte
Der Ball war immer mein Freund und auch damit, dass er ins Netz muss konnte ich mich seit jeher anfreunden. Allerdings war es mir von Natur aus fremd einen Ball zu werfen - erst recht in einen unverschämt hoch hängenden und noch dazu kleinen Korb. Einen Ball mit dem Fuß in einen großen eckigen Kasten zu bolzen - das lag mir. Bis zu einer gewissen Spielklasse brauchte man dafür keine große Technik, sondern eigentlich nur einen ordentlichen Bumms. Keine Chance für die Torhüter.

Aber einen Ball werfen, das konnte ich nie. Es ist verblüffend: meine Finger wissen wie man mit einer Gitarre umgehen muss, einen Ball in einen Korb werfen, das konnten sie jedoch noch nie. Das ist einer der Gründe warum ich im Schulsport oft geschwänzt habe, wenn Basketball gespielt werden sollte. Ein anderer sind die für mich immer noch nicht ganz begreiflichen Regeln. Jedes Mal wenn ich gelaufen, stehen geblieben bin oder meinen Gegenspieler auch nur angeschaut habe, gab es einen Pfiff und ich hatte mal wieder irgendetwas falsch gemacht ohne so richtig den Grund dafür zu verstehen.

Das hat mich schwer genervt und schnell wollte ich von Basketball nichts mehr wissen. Zu kompliziert, zu wenig körperlich erschien mir der Sport und zu gering schien meine Körpergröße dafür zu sein. Dunking? Nur mit Trampolin. Airball? Immer. Alles in allem war und bin ich also ein beschissener Basketballer.

Seit dieser Zeit, damals in der muffigen Turnhalle meiner Schule war Basketball für mich nicht mehr relevant. Es hat mich nicht schlichtweg nicht interessiert. Zwar wusste ich dass Michael Jordan offenbar der größte Spieler aller Zeiten war und Kobe Bryant ziemlich gut sein musste, aber das kann man eher unter Allgemeinbildung verbuchen.

Diese Einstellung zum Basketball hat sich nie geändert. Bis jetzt. Denn jetzt kam Dirk. Das "German Wunderkind", das in Deutschland kaum jemand kannte. Schon seit mehr als einem Jahrzehnt wirft der gebürtige Würzburger für die Dallas Mavericks die Bälle in den Korb. Schon 2006 war er kurz davor Champion zu werden. Mitgekriegt habe ich das damals nicht wirklich.

Doch mit jeder Playoff-Runde, die die "Mavs" dieses Jahr überstanden wuchs das Ausmaß der Berichterstattung in Deutschland. Und selbst der Planloseste merkte: Da passiert gerade etwas Besonderes. Etwas Großes. So auch ich.

Ein Sweep gegen die Lakers. Titelseiten mit "Dirkules" Nowitzki. Und dann die Finals gegen die Miami Heat und ihre Superstars LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh. Keiner der drei war mir bekannt. Aber offenbar waren sie die Favoriten.

Ich beschloss dem Sport eine neue Chance zu geben und kochte mir auf einmal mitten in der Nacht eine Kanne Kaffee und schaute mit müden Augen chinesische Streams. Kein Wort der Kommentatoren habe ich verstanden in diesen Nächten und oft dachte ich nach 15 Punkt-Führungen eines Teams das Spiel wäre schon gelaufen. Und oft bin ich in der entscheidenden Phase eingeschlafen.

Doch wenn ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, habe ich als erstes nachgeschaut, wie das Spiel ausgegangen ist. Dabei war es ja "nur" Basketball. Unwichtig eigentlich. Doch im Laufe der Finalserie wurde mein Interesse immer größer: ich begann Artikel zu lesen, YouTube-Videos zu schauen, sogar den Trashtalk habe ich aufgesaugt. Während Nowitzki von echtem Fieber geplagt wurde, erfasste mich das Finals-Fieber. Und es hätte keinen Feiertag gebraucht, damit ich für Spiel Nummer 6 wachgeblieben wäre.

Also war es klar, dass ich den heiteren Kneipenabend um 1:30 Uhr beenden, nach Hause radeln und Basketball gucken würde. Es war dieser urmenschliche Trieb dabei sein zu wollen, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Und da saß ich nun gestern Nacht vor meinem Computer. Und diesmal war ich kein bisschen müde, diesmal musste ich das vierte Viertel erleben.

Es ist schon komisch, denn das einzige was Dirk Nowitzki und mich verbindet, ist das wir deutsche Staatsbürger sind und auf Rockmusik stehen. Ich habe seine Karriere nicht verfolgt, aber ich war mir sicher, er hat es verdient zu gewinnen. Weil er eben nicht so ist, wie das was man sich gemeinhin unter einem Basketball-Star vorstellt. Nowitzki ist kein Mann der großen Worte, Nowitzki will Basketball spielen, leben, atmen. Das konnte man fühlen.

Als ausgerechnet dieser Dirk Nowitzki im wohl größten Spiel seines Lebens ungefähr jeden Wurf vergab, hätte man Zweifel an der Gerechtigkeit des Sports bekommen können. Doch der Rest der Mavericks, allen voran Jason Terry spielten auf einmal großartig. Sie spielten für ihren Leader, für ihren Superstar.

Es war eine Demonstration von Teamgeist, von Leidenschaft und Willen, die mich zutiefst beeindruckt hat. Denn es ist das, was Sport so faszinierend macht. Und gleichzeitig das, was den Miami Heat gefehlt hat. Man muss kein Experte sein, um das zu erkennen.

Diese Finals sind nicht nur reiner Sport gewesen. Sie erzählen eine Geschichte über Passion, Hingabe, Glaube und harte Arbeit. Sie erzählen die Geschichte von verschiedenen Individuen, die zu einer Mannschaft verschmolzen sind. Sie erzählen die Geschichte davon, dass man Berge versetzen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt. Sie erzählen eine Geschichte, die ein jeder verstehen kann - ganz egal ob er einen Ball werfen kann oder nicht. Diese Geschichte wird schon seit Menschengedenken immer wieder erzählt.

Doch seit langer Zeit hat mich kein Erzähler dieser Geschichte so mitgerissen wie die Dallas Mavericks und Dirk Nowitzki.

Danke. Bis zum nächsten Jahr.
Aufrufe: 1111 | Kommentare: 26 | Bewertungen: 12 | Erstellt:13.06.2011
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KOMMENTARE
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kimosch
13.06.2011 | 18:13 Uhr
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kimosch : 
13.06.2011 | 18:13 Uhr
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kimosch : 
Mein frühes in die Höhe schießen hat mir beim Basketball in der Schule geholfen (auch wenn es nur auf 1,87 m ging, mit dieser Größe zählte ich bis zur 8./9. Klasse zu den Längsten). Werfen konnte ich auch ganz gut. Und hoch springen konnte ich auch. Deshalb habe ich immer gerne Basketball gespielt.

Angefangen es auch zu schauen habe ich aber erst vor ein paar Jahren. Und ja, ich gebe zu: In der Regular Season quäle ich mich kein einziges mal aus dem Bett oder bleibe lange genug auf, um mir die Mavs anzusehen. Das tue ich nur für wichtige Play-Off-Spiele. Ja, ich bin ein Erfolgsfan. Ich gebe das offen und gerne zu.

Schönes Blog, TMV.Hat Spaß gemacht!
Tagon
13.06.2011 | 18:16 Uhr
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Tagon : 
13.06.2011 | 18:16 Uhr
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Tagon : 
Hach ja - bis zum zweiten Teil Deines Artikels habe ich bei jedem einzelnen Satz genickt (außer, dass ich ja Torhüter bin, und ich Deine Bälle selbstverständlich gehalten hätte, schließlich ist die "Katze von Kirchheim" unbezwingbar^^). Vor allem die absolut kryptischen Regeln sind mir seit jeher auf den Sack gegangen. Und ich bin (wie Du) eigentlich eh zu klein für diese Sportart.

Deinen Stimmungswandel allerdings kann ich nicht so nachvollziehen. Klar freut's mich für Nowitzki, macht auch ein bisschen stolz, dass ein Deutscher in dieser uramerikanischen Sportart einer der Größten ist - aber mir ging die Berichterstattung in dem Maße, wie sie zunahm, nur immer mehr auf die Klöten. Deshalb bin ich froh, dass das jetzt erstmal wieder vorbei ist. Wie ich zu US-Sport (außer NHL) stehe, ist ja ohnehin hinlänglich bekannt.

Mir fällt grade auf, wie wenig wir uns eigentlich einig sind meistens - haben wir außer der politischen Position und dem EffZeh überhaupt Gemeinsamkeiten?^^ Am Ende magst Du auch noch Frauenfußball. :D

Nichtsdestoweniger: Ich freu' mich über Deine Blogs sehr, weil sie neben wenigen anderen die einzigen sind, die orthographisch und grammatikalisch erste Sahne sind und man sich voll auf den Inhalt konzentrieren kann.

Und nur weil ich dem Fazit nicht zustimme, heißt das nicht, dass der Inhalt nicht dennoch absolut großartig ist und der Erzählstil nicht total und tausendprozentig kickt! 10P, was sonst?
mamö99
13.06.2011 | 19:03 Uhr
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mamö99 : 
13.06.2011 | 19:03 Uhr
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mamö99 : 
Mir geht es da genauso wie dir. Ich hatte in der Schule auch keinen Bezug zum Korb. Aber jetzt, wo du von allen Seiten merkst, dass dort etwas großes läuft, habe ich auch immer mehr Interesse bekommen und alle wichtigen Spiele verfolgt.
taneu
13.06.2011 | 21:23 Uhr
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taneu : 
13.06.2011 | 21:23 Uhr
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taneu : 
Hätt ich niiiiiieeee gedacht. Sonst hätte ich dich mitgenommen nach Stuttgart. Da habe ich genial das 6.Spiel mit E_Cantona und einigen seiner Kumpels im Keller per Videobeamer gesehen. Eine unvergessene Nacht. Und auch seit ca. 15 Jahren mal wieder ein Final für mich. Hatte das Gefühl glatt verdrängt, unglaublich.
Josh9
14.06.2011 | 10:31 Uhr
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Josh9 : 
14.06.2011 | 10:31 Uhr
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Josh9 : 
fantastischer Blog.

ja, der Basketball hat es in diesem Lande mit einem übermächtigen Gegner zu tun, und wird auf ewig ein wenig Randsportart bleiben.
Schon die Berichterstattung ist kläglich, und schon die Tatsache dass man nur mit Streams dieses wirklich epochale Ereignis anschauen konnte, zeigt den schweren Stand des Basketballs.

Ich sags mal so. ich finde deutschen Basketball zum brechen.
Das sieht einfach nur kacke aus und kommt einem gegen NBA wie ne andere Sportart vor. Ich war noch nie bei ALBA obwohl die schon alles gewonnen haben aber diese ganze Klatschpappenpseudointelektuellen gehen mir schon so auf den Trichter und dann noch dieser Rumpelbasketball. neee. nicht meins.

Diese Athletik, Schnelligkeit und Treffsicherheit in der NBA sind schon der wahnsinn, aber das ist USA. Ich hab keinen Bezug zu einem Team dort, woher auch. Klar, man ist für die Mavs weil Dirk da spielt aber wäre dem nicht so, würden einem die Mavs am Arsch vorbeigehen.
Das Problem ist einfach auch die fehlende Identifikation und die abartige Uhrzeit der Spiele. Aus beruflichen und familiären Gründen ist das für mich absolut nicht drin, das regelmässig zu verfolgen.

Natürlich ist dirk Deutscher, spricht die gleiche Sprache wie ich und kommt aus dem gleichen Kulturkreis und deshalb bin ich für ihn.
Noch dazu ist er der typische Superstar zum Anfassen. Mit dem könnte man locker ein Bierchen trinken ohne dass er einem das Gefühl gibt, man
müsste vor Ehrfurcht in die knie gehen. Der ist authentisch, bodenständig, bescheiden, freundlich und nebenbei einer der besten Basketballer aller Zeiten. Das macht ihn einfach auch bei den Amerikanern zum Liebling der Massen weil er ein Gegenstück zu den meisst so selbstverliebten Basketballstars ist. Ein Teamplayer. Einer der sich auch zurücknehmen kann und immer an sich glaubt.

themarsvoltaire
14.06.2011 | 14:48 Uhr
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14.06.2011 | 14:48 Uhr
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Danke für die netten Kommentare so far!
nundb2003
14.06.2011 | 16:32 Uhr
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nundb2003 : 
14.06.2011 | 16:32 Uhr
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nundb2003 : 
WOW

ich danke dir für diesen blog...ich dagegen bin seit jahren basketball-bekloppt aber nicht in der lage, die worte zu finden und so zu schreiben wie du es getan hast...

es ist tatsächlich bei spiel 6 mehr passiert als nur ein sieg oder eine meisterschaft...diese augenblicke sprühten vor magie...ich danke dirk und den mavs für etwas ganz wichtiges, auch wenn es ihnen wahrscheinlich egal war: geld kauft keinen erfolg...
Jasper32
14.06.2011 | 16:39 Uhr
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Jasper32 : 
14.06.2011 | 16:39 Uhr
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Jasper32 : 
"Ich beschloss dem Sport eine neue Chance zu geben und kochte mir auf einmal mitten in der Nacht eine Kanne Kaffee und schaute mit müden Augen chinesische Streams. Kein Wort der Kommentatoren habe ich verstanden in diesen Nächten und oft dachte ich nach 15 Punkt-Führungen eines Teams das Spiel wäre schon gelaufen. Und oft bin ich in der entscheidenden Phase eingeschlafen. "

Hähähä. Bis auf den letzten Satz mein fast tägliches Brot. Schöner Blog.
taneu
14.06.2011 | 16:42 Uhr
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taneu : 
14.06.2011 | 16:42 Uhr
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taneu : 
frage hier noch mal, weil unter den anderen BB Artikeln geht die Frage immer unter: kann mir jemand erklären, warum die Heat in den letzten 3 Minuten NICHTS mehr gemacht haben? Taktische Fouls, Pressing... irgendwas. Die hatten sich aufgegeben? Ich konnte das nicht glauben. 10 Punkte habe ich schon in den letzten 30 Sekunden eines Spiels verschwinden gesehen. Hat da einer eine genauere Erklärung? Vielleicht du, nundb2003? Jasper?
kimosch
14.06.2011 | 16:45 Uhr
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kimosch : 
14.06.2011 | 16:45 Uhr
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kimosch : 
@taneu: Fehlender Wille, war mein Eindruck. Haste die Körpersprache von James und vor allem von Wade gesehen? Da war nix. Das da die anderen nix mehr reißen, war klar. Und mit den Fouls wäre das auch so eine Sache gewesen, da die Bälle sofort auf Nowitzki, Kidd und Marion gegangen wäre, die allesamt sichere Freiwurfschützen sind.
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