20.09.2011 um 23:58 Uhr
Geschrieben von RobbieRoxx
Der perfekte Samstag?
Arjen Robbens Zwillingsbruder und zwei Kisten Bier
Es dauerte etwas, dann aber hatte der Schierker Feuerstein endgültig seine verheerende Wirkung entfaltet. Mit einem leicht panischen "Schnell, rechts ran!" machte sich Lars auf dem Rücksitz bemerkbar. Kaum zwei Sekunden später stand das Auto am Straßenrand.Spät Abends, mitten in der niederländischen Provinz, irgendwo im Industriegebiet von Heerenveen. Lars ließ sich nicht lange bitten und platzierte seinen Mageninhalt humorlos auf dem Seitenstreifen. Zuschauer gab es keine, dennoch war das Projekt "Völkerverständigung" für ihn damit offiziell beendet. Den Rest der Rückfahrt verbrachte er in Embryonalstellung und einer Spucktüte vor dem Gesicht...
Begonnen hatte das Unternehmen am Samstag Morgen. Zu dritt machten wir uns auf den Weg nach Holland, um unsere Mannschaft auswärts zu unterstützen. Unsere Mannschaft, das sind die Harzer Wölfe, ein Drittliga-Eishockey-Team aus Braunlage. Der Gegner waren die Friesland Flyers aus Heerenveen, Erstligist aus dem Land der Windmühlen und Holzschuhe.
Die Besatzung des Autos war wie erwähnt dreiköpfig:
1. Lars, ein stämmiger Kerl.
2. Thilo, ein noch stämmigerer Kerl.
3. Ich als leidgeprüfter Fahrer.
Zudem befanden sich zwei Kisten Bier an Bord, die Fahrt würde lang werden und die Mitfahrer waren durstig...
Das Braunlager Eishockey hat sich in Deutschland im Laufe der Zeit vor allem mit zwei Dingen einen Namen gemacht. Zum einen sind wir Harzer inoffizieller Insolvenz- und Konkursmeister. Öfters wurden an keinem anderen Standort Vereine krachend auf die Bretter geschickt, Vorstände wechselten schneller als Lothar Matthäus seine Freundinnen austauscht. Spötter behaupten, die nächste finanzielle Pleite wäre definitiv auch die letzte, da alle möglichen Namenskombinationen für Eishockey-Clubs dann aufgebraucht wären... Bekannt sind aber auch die Harzer Fans, die allen niederen Umständen zum Trotz meist zahlreich, gut gelaunt und äußerst lautstark auftauchen. Und die mit Schierker Feuerstein immer eine Geheimwaffe dabei haben. Ungeübten Trinkern brennt es bei dem Teufelsbräu schon mal die Magenschleimhaut durch, im Harz wird der Schierker dagegen mit der Muttermilch verabreicht.
Warum man an einem Samstag für ein Oberliga-Testspiel rund 1000 Kilometer auf der Autobahn und Landstraße zwischen Braunlage und Heerenveen verbringt? Rational erklären lässt sich das nicht. Ich reime mir etwas von Liebe zum Verein zusammen und schiebe meine Arbeit als Pressechef der Wölfe vor, Thilo bringt es aber am besten auf den Punkt: "Warum leckt sich der Hund die Eier?" Richtig, weil er es kann! Wir jedenfalls waren jung, hatten Zeit, und wir konnten. Kurz nach Zehn war Abfahrt, kurz nach Zehn hieß es auch das erste Mal "Parole Lattek!", das Bier lief gut. In der Folge wurde auf dem Beifahrersitz und der Rückbank kräftig gelitert, mir blieb dagegen nur der Kaffee aus der Thermoskanne. Immerhin, der war so stark, er konnte fast aufrecht sitzen und bellen.
Das Stadion in Heerenveen überraschte uns schließlich mehr als positiv. Weniger wegen der angrenzenden, weltbekannten Eisschnelllauf-Arena. Die Thialf beeindruckte, aber ohne Trachtenkapelle und laut singende Holländer fehlte etwas. Die Eishockey-Arena an sich ist allerdings ein Schmuckstück, nicht zu groß, nicht zu klein, und mit einer fantastischen Stadionkneipe ausgestattet. Für meine Mitfahrer war die Heimat für die kommenden Stunden gefunden. Selbst während des Spiels lief die Bierversorgung reibungslos. Arjen Robbens geheimer Zwillingsbruder, und anders ist die Ähnlicheit des Kellners mit dem Bayernstar nicht zu erklären, war schwer auf Zack. Thilo zeigte ihm kurzerhand, wie man ordentlich Bier zapft ("Eh, mach den Becher bis zum Strich voll, wir haben Durst!!"), danach kam eine Ladung "deutsches Bier" nach der anderen an unseren Tisch.
Unterbrochen wurde das Gelage meiner Mitfahrer, genau das war es inzwischen, vom Spiel. Beziehungsweise vom nötigen Support. So laut Holländer bei anderen Sportarten sind, im Eishockey scheinen drei stimmgewaltige Harzer zu reichen, um eine Halle zu dominieren. Ich hatte fast den Eindruck, manch einer der 600 Zuschauer wurde aus dem Schlaf gerissen, als unsere ersten Gesänge durch die Halle klangen.
Die Geschichte zum Spiel ist derweil schnell erzählt: Mit 0:5 verlieren unsere Wölfe, bei den Faustkämpfen ist das Urteil dagegen positiv, die Harzer bleiben klarer Punktsieger. Viel wichtiger aber als das Spiel: Das Projekt "Völkerverständigung" ging in die entscheidende Phase. Wurden schon während der Partie die umstehenden Niederländer gönnerhaft in die Bierrunden mit einbezogen, folgte nach dem Spiel die Eskalation. Die neu gefundenen Freunde ließen es sich nämlich nicht nehmen, sich mit reichlich heimischem Bier aus der Kofferraumtheke zu bedanken. Im Gegenzug gab es Schierker satt. Warum die Verständigung so gut klappte, ist mir selbst zwar ein Rätsel, aber den Hauptanteil übernahmen meine inzwischen gut bepilsten Mitfahrer. Anscheinend kann man im Suff wohl perfekt niederländisch.
Die Folgen aus reichlich Bier sowie zwei Flaschen Schierker in der Umlaufbahn ließen letztlich nicht lang auf sich warten, womit sich der Kreis der Völkerverständigung schließt. Oder eben gebrochen wird...
Nach einer endlosen Rückfahrt erreichten wir in den frühen Morgenstunden die Harzer Heimat. Thilo murmelt beim aus dem Auto fallen etwas von "perferkt". Ich weiß nicht, ob er den Samstag, das Spiel, seinen Zustand oder einfach nur die Tatsache meint, gleich im Bett liegen zu können.
Denn perfekt war für mich kaum etwas. Ich musste fahren, das Team hat verloren, das Spiel hätte statt in Heerenveen auch in Hannover sein können. Dann aber, mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, verflog der Ärger. Zu schön sind die Erlebnisse bei solchen Fahrten. Und irgendwie hatte Thilo recht. Das war perfekt, irgendwie, beinah...
Es dauerte etwas, dann aber hatte der Schierker Feuerstein endgültig seine verheerende Wirkung entfaltet. Mit einem leicht panischen "Schnell, rechts ran!" machte sich Lars auf dem Rücksitz bemerkbar. Kaum zwei Sekunden später stand das Auto am Straßenrand.Spät Abends, mitten in der niederländischen Provinz, irgendwo im Industriegebiet von Heerenveen. Lars ließ sich nicht lange bitten und platzierte seinen Mageninhalt humorlos auf dem Seitenstreifen. Zuschauer gab es keine, dennoch war das Projekt "Völkerverständigung" für ihn damit offiziell beendet. Den Rest der Rückfahrt verbrachte er in Embryonalstellung und einer Spucktüte vor dem Gesicht...
Begonnen hatte das Unternehmen am Samstag Morgen. Zu dritt machten wir uns auf den Weg nach Holland, um unsere Mannschaft auswärts zu unterstützen. Unsere Mannschaft, das sind die Harzer Wölfe, ein Drittliga-Eishockey-Team aus Braunlage. Der Gegner waren die Friesland Flyers aus Heerenveen, Erstligist aus dem Land der Windmühlen und Holzschuhe.
Die Besatzung des Autos war wie erwähnt dreiköpfig:
1. Lars, ein stämmiger Kerl.
2. Thilo, ein noch stämmigerer Kerl.
3. Ich als leidgeprüfter Fahrer.
Zudem befanden sich zwei Kisten Bier an Bord, die Fahrt würde lang werden und die Mitfahrer waren durstig...
Das Braunlager Eishockey hat sich in Deutschland im Laufe der Zeit vor allem mit zwei Dingen einen Namen gemacht. Zum einen sind wir Harzer inoffizieller Insolvenz- und Konkursmeister. Öfters wurden an keinem anderen Standort Vereine krachend auf die Bretter geschickt, Vorstände wechselten schneller als Lothar Matthäus seine Freundinnen austauscht. Spötter behaupten, die nächste finanzielle Pleite wäre definitiv auch die letzte, da alle möglichen Namenskombinationen für Eishockey-Clubs dann aufgebraucht wären... Bekannt sind aber auch die Harzer Fans, die allen niederen Umständen zum Trotz meist zahlreich, gut gelaunt und äußerst lautstark auftauchen. Und die mit Schierker Feuerstein immer eine Geheimwaffe dabei haben. Ungeübten Trinkern brennt es bei dem Teufelsbräu schon mal die Magenschleimhaut durch, im Harz wird der Schierker dagegen mit der Muttermilch verabreicht.
Warum man an einem Samstag für ein Oberliga-Testspiel rund 1000 Kilometer auf der Autobahn und Landstraße zwischen Braunlage und Heerenveen verbringt? Rational erklären lässt sich das nicht. Ich reime mir etwas von Liebe zum Verein zusammen und schiebe meine Arbeit als Pressechef der Wölfe vor, Thilo bringt es aber am besten auf den Punkt: "Warum leckt sich der Hund die Eier?" Richtig, weil er es kann! Wir jedenfalls waren jung, hatten Zeit, und wir konnten. Kurz nach Zehn war Abfahrt, kurz nach Zehn hieß es auch das erste Mal "Parole Lattek!", das Bier lief gut. In der Folge wurde auf dem Beifahrersitz und der Rückbank kräftig gelitert, mir blieb dagegen nur der Kaffee aus der Thermoskanne. Immerhin, der war so stark, er konnte fast aufrecht sitzen und bellen.
Das Stadion in Heerenveen überraschte uns schließlich mehr als positiv. Weniger wegen der angrenzenden, weltbekannten Eisschnelllauf-Arena. Die Thialf beeindruckte, aber ohne Trachtenkapelle und laut singende Holländer fehlte etwas. Die Eishockey-Arena an sich ist allerdings ein Schmuckstück, nicht zu groß, nicht zu klein, und mit einer fantastischen Stadionkneipe ausgestattet. Für meine Mitfahrer war die Heimat für die kommenden Stunden gefunden. Selbst während des Spiels lief die Bierversorgung reibungslos. Arjen Robbens geheimer Zwillingsbruder, und anders ist die Ähnlicheit des Kellners mit dem Bayernstar nicht zu erklären, war schwer auf Zack. Thilo zeigte ihm kurzerhand, wie man ordentlich Bier zapft ("Eh, mach den Becher bis zum Strich voll, wir haben Durst!!"), danach kam eine Ladung "deutsches Bier" nach der anderen an unseren Tisch.
Unterbrochen wurde das Gelage meiner Mitfahrer, genau das war es inzwischen, vom Spiel. Beziehungsweise vom nötigen Support. So laut Holländer bei anderen Sportarten sind, im Eishockey scheinen drei stimmgewaltige Harzer zu reichen, um eine Halle zu dominieren. Ich hatte fast den Eindruck, manch einer der 600 Zuschauer wurde aus dem Schlaf gerissen, als unsere ersten Gesänge durch die Halle klangen.
Die Geschichte zum Spiel ist derweil schnell erzählt: Mit 0:5 verlieren unsere Wölfe, bei den Faustkämpfen ist das Urteil dagegen positiv, die Harzer bleiben klarer Punktsieger. Viel wichtiger aber als das Spiel: Das Projekt "Völkerverständigung" ging in die entscheidende Phase. Wurden schon während der Partie die umstehenden Niederländer gönnerhaft in die Bierrunden mit einbezogen, folgte nach dem Spiel die Eskalation. Die neu gefundenen Freunde ließen es sich nämlich nicht nehmen, sich mit reichlich heimischem Bier aus der Kofferraumtheke zu bedanken. Im Gegenzug gab es Schierker satt. Warum die Verständigung so gut klappte, ist mir selbst zwar ein Rätsel, aber den Hauptanteil übernahmen meine inzwischen gut bepilsten Mitfahrer. Anscheinend kann man im Suff wohl perfekt niederländisch.
Die Folgen aus reichlich Bier sowie zwei Flaschen Schierker in der Umlaufbahn ließen letztlich nicht lang auf sich warten, womit sich der Kreis der Völkerverständigung schließt. Oder eben gebrochen wird...
Nach einer endlosen Rückfahrt erreichten wir in den frühen Morgenstunden die Harzer Heimat. Thilo murmelt beim aus dem Auto fallen etwas von "perferkt". Ich weiß nicht, ob er den Samstag, das Spiel, seinen Zustand oder einfach nur die Tatsache meint, gleich im Bett liegen zu können.
Denn perfekt war für mich kaum etwas. Ich musste fahren, das Team hat verloren, das Spiel hätte statt in Heerenveen auch in Hannover sein können. Dann aber, mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, verflog der Ärger. Zu schön sind die Erlebnisse bei solchen Fahrten. Und irgendwie hatte Thilo recht. Das war perfekt, irgendwie, beinah...
Aufrufe: 2482 | Kommentare: 48 | Bewertungen: 26 | Erstellt:20.09.2011
ø 9.1
KOMMENTARE
Um bewerten und sortieren zu können, loggen Sie sich bitte ein.
21.09.2011 | 00:15 Uhr
+8
0
21.09.2011 | 06:42 Uhr
0
-1
Das nenne ich mal eine lebendige Schilderung eines Ausflugs.
Man konnte das Bier förmlich riechen.
Leider nicht nur das
Gut geschrieben 9 Punkte,
doch Bailey war einfach zu stark!
21.09.2011 | 07:34 Uhr
0
-1
Biermarke ihr da im Harz trinkt Hasseröder kanns ja
nicht sein !
ansonsten ist der Blog so geht so ich gebe 7 punkte !!
21.09.2011 | 08:16 Uhr
+2
0
taneu :
Wow. Das ist ein Hammer-Duell (oder hab ich den 3. Teilnehmer übersehen?). Ich kann mich tatsächlich nicht entscheiden. Die Geschichte ist stark, sie ist perfekt ausgeführt und hat eine Pointe. Ich bin begeistert und zücke 2x die 10. Zum Mitschreiben:Bailey 10 Punkte
RobbieRox 10 Punkte
21.09.2011 | 08:23 Uhr
0
0
Kaiser01 :
Auch nicht schlecht geschrieben, aber an Bailey kommst du nicht heran.Ist der dritte im Bunde nicht angetreten, oder wie?
Na dann hier meine Bewertungen:
RobbieRoxx: 9 Pkt.
Bailey: 10 Pkt.
21.09.2011 | 08:29 Uhr
0
0
ShoWmE :
Ich bewundere ja immer die mitgereisten fans von rostock usw die zu den weit entfernten starbulls kommen und sich ein eishockey spiel ansehen, ebenso andersrum.aber wenn ich diese geschichte hier lese, dann weiss ich jetzt warum

ein absoluter hammer blog, der dich in anderen runden sicher eine runde weitergebracht hätte, aber leider bist du mit bailey in einer gruppe und er war ein stück besser.
Du bekommst von mir überragende 9 Punkte!
COMMUNITY LOGIN
SPOX - Twitter
Statistik








Meine Kontrahenten sind Clubberer011 und Bailey.
Viel Spaß und Feuer frei!